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Episoden

23 Minuten
Der Fall Otto Wacker So wird der Kriminalfall genannt, der sich vor ungefähr 100 Jahren in Berlin ereignet hat. Da tauchten plötzlich eine ganze Menge gefälschter Bilder auf, angeblich gemalt von großen Vincent van Gogh. Der kam damals gerade groß in Mode. Und der Kunsthändler Otto Wacker, der diese van Goghs verkaufte, wurde beschuldigt, von den Fälschungen gewusst und bei deren Herstellung vielleicht sogar seine Finger im Spiel gehabt zu haben. Er wurde zu 19 Monaten Gefängnis verurteilt. Obwohl man ihm nichts nachweisen konnte. 

 

Die Geschichte wird hier in zwei Teilen erzählt.

Der erste Teil „Vor dem Prozess“ geht diesen Fragen nach: 

Wer war dieser Otto Wacker?

Wie kam er als Kunsthändler im Berlin der 1920er Jahre so gut ins Geschäft?

Warum kaufte man seine Bilder? Wer beispielsweise?

Und: Wie endeten die guten Zeiten?

 

Der zweite Teil „Der Prozess“ erzählt, ...

Wie das Gericht beweisen wollte, dass Otto Wacker Fälschungen verkauft hatte.

Was sagten die Kunstsachverständigen damals? 

Was ergaben naturwissenschaftliche Untersuchungen der angeblichen Van-Gogh-Bilder?

Was sprach für Otto Wacker, was sprach gegen ihn?

Und: Warum verurteilte das Gericht Otto Wacker am Ende?
23 Minuten
Der Fall Otto Wacker So wird der Kriminalfall genannt, der sich vor ungefähr 100 Jahren in Berlin ereignet hat. Da tauchten plötzlich eine ganze Menge gefälschter Bilder auf, angeblich gemalt von großen Vincent van Gogh. Der kam damals gerade groß in Mode. Und der Kunsthändler Otto Wacker, der diese van Goghs verkaufte, wurde beschuldigt, von den Fälschungen gewusst und bei deren Herstellung vielleicht sogar seine Finger im Spiel gehabt zu haben. Er wurde zu 19 Monaten Gefängnis verurteilt. Obwohl man ihm nichts nachweisen konnte. 

 

Die Geschichte wird hier in zwei Teilen erzählt.

Der erste Teil „Vor dem Prozess“ geht diesen Fragen nach: 

Wer war dieser Otto Wacker?

Wie kam er als Kunsthändler im Berlin der 1920er Jahre so gut ins Geschäft?

Warum kaufte man seine Bilder? Wer beispielsweise?

Und: Wie endeten die guten Zeiten?

 

Der zweite Teil „Der Prozess“ erzählt, ...

Wie das Gericht beweisen wollte, dass Otto Wacker Fälschungen verkauft hatte.

Was sagten die Kunstsachverständigen damals? 

Was ergaben naturwissenschaftliche Untersuchungen der angeblichen Van-Gogh-Bilder?

Was sprach für Otto Wacker, was sprach gegen ihn?

Und: Warum verurteilte das Gericht Otto Wacker am Ende?
10 Minuten
In einer Wanderherberge im Thüringer Wald hat  Wolfgang von Goethe einst sein "Wanderers Nachtlied" an die Wand geschrieben. Die Folge erzählt, wie es dazu kam und wie das Gedicht irrtümlich unter diesem Titel weltberühmt wurde.

Goethes „Wanderers Nachtlied“ auf dem Kickelhahn

Der Thüringer Wald ist ein beliebtes Wandergebiet. Der Kickelhahn auch: ein Berg, 861 Meter hoch, der seinen Namen wahrscheinlich vom Auerhahn, dem Gickelhahn, geerbt hat, der früher in dieser Gegend oft vorkam. Im Thüringer Wald gibt es einen Goethe-Wanderweg, der zu einer ehemaligen Wanderherberge führt, die heute Goethehäuschen heißt und ein Museum ist. Johann Wolfgang von Goethe ist hier nämlich ebenfalls gewandert und hat in dieser Herberge mehrmals übernachtet. Auch am 6. September 1780. Das weiß Nico Debertshäuser ganz genau. Er ist Leiter des Kulturamtes in Ilmenau und damit sozusagen von Amts wegen auch Goethe-Experte. Ilmenau liegt übrigens – nicht weit weg von Weimar - am nordöstlichen Rand des Thüringer Waldes, am Fuße des Berges Kickelhahn.

O-Ton Debertshäuser 1

Goethe war 1780 das siebente Mal in Ilmenau. Die Gegend war ihm schon sehr vertraut. Er wird am Ende auch seinen letzten Geburtstag hier feiern, was er natürlich zu der damaligen Zeit noch nicht wusste. Aber er genoss einen Abend auf dem Kickelhahn und schrieb am Abend des 6. September an die Bretterwand der Schutzhütte seine Zeilen, die als „Wanderers Nachtlied“ in die Geschichte eingegangen sind.

 

 

Über allen Gipfeln Ist Ruh,

 In allen Wipfeln spürest du

 Kaum einen Hauch.

Es schweigen die Vöglein im Walde;

 Warte nur, balde

 Ruhest du auch.

 

Dass Goethe dieses Gedicht mit Bleistift tatsächlich an die Bretterwand seiner Schlafstube geschrieben hat, weil kein Papier zur Hand war, hat Johann Daniel Falk, ein Freund, bezeugt. Und dass es hier noch 45 Jahre später an der Wand geschrieben stand, hat der Berginspektor Johann Christian Mahr, der Goethe am Abend vor seinem letzten Geburtstag, am  27. August 1831, hier hin begleitete, mit eigenen Augen gesehen. In seinen Aufzeichnungen heißt es:

Beim Eintritt in das obere Zimmer sagte er: „Ich habe in früherer Zeit in dieser Stube mit meinem Bedienten im Sommer acht Tage gewohnt und damals einen kleinen Vers hier an die Wand geschrieben. Wohl möchte ich diesen Vers nochmals sehen.“  Sogleich führte ich ihn an das südliche Fenster der Stube, an welchem links mit Bleistift geschrieben steht:

Über allen Gipfeln Ist Ruh, und so weiter. Dieses Gedicht hat sich als „Wanderers Nachtlied“ in unser Kulturgedächtnis eingenistet. Und zwar irrtümlich. Denn in seiner ersten Veröffentlichung durch Goethe, in einer Werkausgabe 35 Jahre später, ist es anders überschrieben. „Ein Gleiches“ steht da nämlich. Damit meinte er wohl: ein Gedicht zum gleichen Thema. Das tatsächliche „Wandrers Nachtlied“, wie es korrekt heißt, steht auf der Buchseite genau darüber.

Der du von dem Himmel bist,

 Alles Leid und Schmerzen stillest,

 Den, der doppelt elend ist,

 Doppelt mit Erquickung füllest,

 Ach, ich bin des Treibens müde!

 Was soll all der Schmerz und Lust?

 Süßer Friede,

 Komm, ach komm in meine Brust!

Warum und wie sehr er sich nach diesem süßen Frieden sehnt, hatte Goethe am selben Abend des 6. September 1780 in einem Brief an seine enge Freundin Charlotte von Stein geschrieben. Darin heißt es, dass er sich hier gebettet habe, um dem Wuste des Städtchens und der unverbesserlichen Verworrenheit der Menschen auszuweichen. Und dass er in einer Gegend sei, so rein und ruhig wie eine große schöne Seele, wenn sie sich am wohlsten befinde.  Das hört man hier in Ilmenau sicher auch heute noch gern.

O-Ton Debertshäuser 2

Es hat dann eine ganze Weile gedauert, bis sich Goethe entschloss, dieses Gedicht auch abdrucken zu lassen.

Und zwar in der erwähnten Werkausgabe der Cotta’schen Verlagsbuchhandlung.  Bei der Gelegenheit hatte er bestimmt, dass die beiden Gedichte, also das eigentliche „Wandrers Nachtlied“ und „Ein Gleiches“ nur zusammen veröffentlicht werden sollen. Allerdings war das zweite Gedicht schon vorher ohne Goethes Dazutun immer wieder gedruckt worden und wurde auf diese Weise erstens zu dem „Wanderers Nachtlied“, das heute allgemein bekannt ist, und zweitens zum wahrscheinlich berühmtesten Gedicht der deutschen Sprache. Zusätzlich Furore machte dann die eigene Veröffentlichung durch Goethe bei Cotta, 35 Jahre nach der Bleistift-Version vom Kickelhahn.

O-Ton Debertshäuser 3

Die dann aber wiederum ganz neue Fragen aufwarf, nämlich: Welche Variante ist denn die, die er eigentlich niedergeschrieben hat? Denn Wanderer Nachtlied war ja weiterhin im Goethehäuschen, in dem dann so genannten Goethehäuschen, auch 1815  schon sichtbar. Aber bei  Cotta zum Beispiel ersetzte er die Vögel im Gedicht durch Vögelein.

Nun weiß man, dass Goethe selbst an seinen Gedichten immer wieder gefeilt hat. Dazu kommen jetzt Änderungen in nicht autorisierten Nachdichtungen. Zum Beispiel „keinen Laut“ statt „keinen Hauch“. Oder „schlafen“ statt „ruhen“. Heinrich von Kleist hat eine Version veröffentlicht, die so beginnt: „Unter allen Zweigen ist Ruh“. Unklar ist bei ihm, ob es sich um eine bewundernde Nachschrift handelt oder um eine Polemik gegen Goethe. So könne man die Worte „Warte nur, balde schläfest du auch!“ als Todesdrohung gegen Goethe verstehen, heißt es. Goethe hatte nämlich Kleists Uraufführung seines „Zerbrochenen Krugs“ am Weimarer Theater durchfallen lassen. Unklar ist auch, woher Kleist die Goethe-Verse kannte. Möglicherweise aus der von August von Kotzebue herausgegebenen Zeitschrift „Der Freimüthige - Berlinische Zeitschrift für gebildete, unbefangene Leser“. Die giftete, so ist zu lesen, in jedem Heft gegen Goethe.

O-Ton Debertshäuser 4

Es gab viele Spekulationen darüber, wie er es wirklich geschrieben haben soll, und ob er es wirklich am 6. September 1780 an die Wand geschrieben hat oder doch an einem anderen Tag. Man sieht also, die ganze Geschichte um Wanderers Nachtlied war durchaus etwas, was lange und in großen breiten Kreisen auch diskutiert wurde.

 

So entstand eine gewisse Begehrlichkeit nach diesem Gedicht, nicht nur für Nachdichtungen, sondern auch nach dem Original, das sich ja immer noch an der Wand der Herberge auf dem Kickelhahn befand. Das führte dazu, dass das Gedicht sollte entführt werden.

 O-Ton Debertshäuser 5

Es war so begehrt, dass man sogar versuchte, dieses Gedicht aus der Bretterwand herauszusägen.  Das war im Jahr 1869, als der Forstaufseher Kilian Merten einen Gast dabei beobachtete, wie er also zur Säge griff und versuchte, dieses Gedicht aus der Bretterwand zu sägen. Das wiederum hat ihn veranlasst, den Gothaer Fotografen August Linde zu beauftragen, doch eine Fotografie von Wanderers Nachtlied im Goethehäuschen anzufertigen.

Das Foto wurde gemacht. Glücklicherweise. Denn kurz darauf verschwand das Gedicht tatsächlich. Das heutige Goethehäuschen ist nämlich nicht das Original. Das war eines Morgens weg. Abgebrannt.

O-Ton Debertshäuser 6

1870, schon ein Jahr später, brannte dieses Bretterhäuschen nieder. Überliefert ist, dass unachtsame Beerensammler – so erzählt man sich die Geschichte – schuld am Abbrennen dieses Häuschens waren.

1874 dann wurde das Goethe-Häuschen originalgetreu wieder aufgebaut, und auch noch heute erinnern wir natürlich vor Ort an „Wanderers Nachtlied“.

 

Genau an der Stelle, wo es damals an der Wand geschrieben stand, am südlichen Fenster der Stube, hängt heute ein Faksimile des „Wanderers Nachtlied“, und zwar dem Original. Gefertigt nach der damals gemachten Fotografie.

 

O-Ton Debertshäuser 7

So zeigen wir an der damaligen Publikationsstelle eine Abbildung der Fotografie von 1869.  Und das, was man auf besondere Weise auf der Fotografie sieht, nämlich die beiden Schnitte der Säge. In der Rückschau muss es im Grunde genommen ein Segen gewesen sein, dass Kilian Merten entdeckt hatte, dass jemand „Wanderers Nachtlied“ aus der Bretterwand heraussägen wollte.

 

Außerdem sind im neuen Goethehäuschen 15 Übersetzungen von „Wanderers Nachtlied“ zu lesen. Wanderer‘s Evening Song. Autre chant du voyageur la nuit. Canto del viandante notturno. 52 Übersetzungen gibt es mittlerweile insgesamt. Und natürlich auch die deutsche Fassung, sagt Nico Debertshäuser.

 

O-Ton Debertshäuser 8

Mit der deutschen Fassung  ist dabei die gemeint, die Goethe 1815 in seine Werkausgabe aufgenommen hatte: Mit Vögel statt Vöglein. Ein wenig gesetzter halt, bei aller Wehmut.

Ein Museum für ein Gedicht. Wo gibt es das schon? Und Wehmut. Ja. Apropos: Wie schon erwähnt, war der Berginspektor Johann Christian Mahr damals, am Vorabend von Goethes 82. Geburtstag

, auf dessen Wunsch mit ihm auf den Kickelhahn gefahren, weil er sich noch einmal sein Gedicht anschauen wollte. Der Berginspektor hat darüber aufgeschrieben:

Goethe überlas diese wenigen Verse, und Tränen flossen über seine Wangen. Ganz langsam zog er sein schneeweißes Taschentuch aus seinem dunkelbraunen Tuchrock , trocknete sich die Tränen und sprach in einem sanften, wehmütigen Tone: Ja, warte nur, balde ruhest du auch. Schwieg eine halbe Minute, sah nochmals durch das Fenster in den düsteren Fichtenwald und wendete sich darauf zu mir mit den Worten: Nun wollen wir wieder gehen.
11 Minuten
 Das „Schlesische Elysium“, das Land der Seligen: So schwärmen seit dem 19. Jahrhundert Reisende vom Hirschberger Tal in Niederschlesien. Die Folge schildert, wie die preußische Königsfamilie und der Berliner Adel hier jahrzehntelang ihre Sommerfrische verbracht haben, bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Seitdem gehört Niederschlesien zu Polen. Seit einigen Jahren werden die verlassenen Schlösser wieder instandgesetzt und sind in Schlosshotels verwandelt worden. Wie beispielsweise das der Familie von Küster.

„Schlesisches Elysium“

Das Hirschberger Tal in Niederschlesien

Das Hirschberger Tal liegt gute 300 Kilometer südlich von Berlin in Polen, im ehemaligen Niederschlesien. Die Eiszeit hat hier eine sanft geschwungene Landschaft hinterlassen, mit Wiesen, Feldern, Fischteichen, dazu mäandernde Bäche, Gräben und Wege. Gerahmt ist das Ganze im Osten und im Westen von den Höhenzügen der Sudeten, im Süden vom Riesengebirge mit seinem höchsten Berg, der Schneekoppe. In der Hochzeit der Romantik, also in der Mitte des 19. Jahrhunderts, war das Tal deutschlandweit Sehnsuchtsort, mehr noch als der Rhein. Übrigens auch für Caspar-David-Friedrich. Der hat sich hier Motive für seine Malerei erwandert. Entstanden ist dabei eines seiner berühmtesten Bilder: „Morgen im Riesengebirge“.

Das „Schlesische Elysium“, also das Land der Seligen: So wurde das Tal bald genannt. Mit den Seligen waren dabei weniger die Einheimischen als vor allem der Berliner Adel gemeint und auch das preußische Königshaus. In Mode kam das Tal nämlich, nachdem der damalige preußische König Friedrich Wilhelm III den Grafen und die Gräfin von Reden auf ihrem Landsitz in Buchwald besucht hatte, das heißt heute Bukowiec. Erzählt Elisabeth von Küster, die im Hirschberger Tal und in Berlin lebt.

O-Ton Elisabeth von Küster

Weil sie als Erste einen Park im englischen Landschaftsstil angelegt haben. Auf einem Gut mit Blick auf die Schneekoppe, was damals den Leuten den Atem geraubt hat. Auch der preußische König hat diesen Park gesehen, und das war der Grund, warum er sich dann so spontan und bis zu seinem Lebensende in das Hirschberger Tal verliebt hat.

Der König kaufte sich also ein Schloss im Tal, in Erdmannsdorf, heute Mysłakowice. Und er blieb nicht lange der einzige Berliner Schlossherr: Um die 45 herrschaftliche Sommersitze entstanden in seiner Nachbarschaft

O-Ton Elisabeth von Küster

Es war zu dieser Zeit so, dort, wo der König weilte, wollten alle sein. Und so hat jeder, der von Stand und Rang war, versucht, sich in diesem Tal irgendwie zumindest ein kleines Plätzchen zu sichern. Es waren die großen Familien der preußischen Hocharistokratie, wie z.B. die Czartoryskis und Radziwills. Aber es waren auch ehrgeizige Menschen, wie z.B. ein junger Adliger mit dem Namen von Küster, dessen Vater gerade erst in den Adelstand versetzt worden war im Jahre 1806.

Der junge Carl Gustav Ernst von Küster, ein Vorfahr also von Elisabeth von Küster, wollte so unbedingt im Hirschberger Tal dazugehören, dass er das Schloss in Lomnitz kaufte, ohne es vorher gesehen zu haben. Dieses Lomnitz heißt heute Łomnica. Dass es für jeden Interessenten eine Sommerresidenz in der Nähe des Königs gab, lag daran, dass zu der Zeit jede Menge auf dem Markt waren. Sie hatten vorher Leinenhändlern gehört, die man hier Schleierherren nannte und die mit dem Verkauf des Leinens der schlesischen Weber zu viel Geld gekommen waren. Als dann die moderne Maschinenweberei und die Konkurrenz der Baumwolle aufkamen, verloren die Weber in Schlesien ihre Existenzgrundlage. Der berühmte Weberaufstand von 1844 war die Folge. König Friedrich Wilhelm IV, der Sohn des ins Hirschberger Tal verliebten Vaters, schickte Soldaten, um den Weberauftand niederzuschlagen. Das Schlesische Elysium war gerettet. Für die Schleierherren war das gute Geschäft allerdings vorbei.

O-Ton Elisabeth von Küster

Und wenn man keine Mittel mehr hat, kann man sich so ein Schlösschen nicht mehr leisten. Und es gibt ja  diesen Spruch, des einen Leid, des anderen Freud. So, wie diese Familien verkaufen mussten, freuten sich andere, kaufen zu können.

Die hohen Herrschaften aus Berlin ließen ihre Häuser und vor allem auch die Parks drumherum nach dem letzten Schrei der Romantik herausputzen, wie heute wieder gut zu besichtigen ist. Der König beispielsweise hatte sein Schloss im englischen Tudorstil herrichten lassen. Zu dem gehören vor allem die Zinnen, die die Dachränder der drei Gebäudeteile wie eine Bordüre abschließen. Zur eigentlichen Tudorzeit dienten solche Zinnen auf englischen Burgen dem Schutz der Bogenschützen, die Angreifer abwehren mussten. Angreifer gab es in Erdmannsdorf damals keine, nicht einmal mehr schlesische Weber.

Musik, klingt aus

Ganz tief in die romantische Werkzeugkiste hatte man beim Schloss in Schildau gegriffen, heute Wojanów. Es liegt sozusagen um die Ecke von Schloss Lomnitz: ein hoher quadratischer Bau in hellem Weiß, mit Türmen an allen vier Ecken plus leuchtend roten Dachziegeln. Wie ein Zuckerbäckerwerk aus Buttercreme und glasierten Möhrenscheiben. Ein Märchenschloss, denkt man unwillkürlich, und auch  an Dornröschen. Es war übrigens ein Geschenk des Königs an seine Tochter Luise. Wobei Luise nicht mehr wachgeküsst werden musste. Sie war beim Einzug schon verheiratet, selbstverständlich mit einem Prinzen, und zwar dem von Oranien-Nassau.

Atmo: Dampflok pfeift, klingt aus

Vergleichsweise bescheiden wirkt immer noch das Haus in Buchwald, in dem seinerzeit die von Redens wohnten, da, wo den König sich in das Tal verliebt hatte. Das war zu einem schlichten klassizistischen Landsitz umgebaut worden, der barocke Turm musste dabei dran glauben. Hier war auch einmal Caspar David Friedrich zu Gast, nachdem 1842 die Eisenbahnstrecke von Berlin nach Breslau eröffnet worden war und auch normal sterbliche Reisende ins Tal kamen. Friedrich schrieb später darüber, dass die von Redens zwar wirklich ganz allerliebst wohnen, die Zimmer allerdings etwas klein und niedrig seien, wenn auch geschmackvoll möbliert.

Musik, klingt aus

Mit der märchenhaften Seligkeit war es 1945 erst einmal vorbei. Schlesien gehörte nun zu Polen, und die preußischen Schlossherrschaften mussten das Hirschberger Tal verlassen. Aber: Viele der Adelsfamilien sind mittlerweile zurückgekehrt. Elisabeth von Küster und ihr damaliger Mann waren die ersten, sie hatten 1991 in Berlin davon erfahren, dass das Küster-Schloss verkauft werden sollte und sich auf den Weg nach Lomnitz gemacht.

O-Ton Elisabeth von Küster

Wir hatten das Gefühl, wir sind die Einzigen, die gen Osten fahren. Es war eine einspurige Autobahn mit Holperplatten aus der Vorkriegszeit. Ich erinnere mich noch genau, faszinierend war für mich das erste Verkehrsschild auf polnischer Seite. Da stand ein Zeichen Pferdefuhrwerke auf der Autobahn verboten. Und das fand ich irgendwie sehr berührend.

Pferdefuhrwerke auf der Autobahn gab es damals keine. Der erste Blick auf das Familienschloss war dann auch berührend: ernüchternd war er.

O-Ton Elisabeth von Küster

Das Schloss war eine totale Ruine. Es wuchsen schon die Bäume aus dem Inneren des Gebäudes in den Himmel, weil große Teile des Daches fehlten. Und vor dem Schloss war leider eine übel riechende Mülldeponie.

Die jungen von Küsters aus Berlin beschlossen erst nur, das Schloss zu kaufen, um es vor dem Abriss zu retten. Und wenig später dann, es wieder aufzubauen. Das Geld dafür hatten sie nicht, sie mussten es sich leihen.

O-Ton Elisabeth von Küster

Selbst meine Großmutter hier in Berlin-Lichterfelde hat ihr Sterbegeldkonto geräumt und hat beschlossen, sie muss jetzt mindestens 20 Jahre noch leben, damit sie wieder das Geld für ihre Beerdigung zusammengespart hat, weil sie uns das ganze Konto geschenkt hat. Und so begannen wir dann mit sehr einfachen Mitteln einen sehr provisorischen Wiederaufbau, der sich dann im Laufe der Jahre immer mehr verbesserte und professioneller wurde, weil auch Vereine, Stiftungen und viele Privatpersonen, die große Sympathie für unser Unternehmen hatten, sich uns angeschlossen haben und gespendet haben. 

Bis das Schloss wieder vorzeigbar war und ein Schlosshotel Lomnitz seine Türen öffnete, hat es allerdings ein wenig gedauert. Auch, bis sie die ersten Einnahmen verbuchen konnten.

 

O-Ton Elisabeth von Küster

Aus einer mehr als provisorischen Gastronomie. Wir haben einfach mit Sperrmüllmobiliar und einfachsten Ausstattungen ein kleines Café eröffnet und dieses Café systematisch immer weiter aufgebaut, sodass dann immer wieder eine kleine finanzielle Spritze kam, die das Ganze vorangebracht hat. Ab 1998/99 gab es ein kleines Hotel mit einem Zimmer am Anfang – Hotel Schloss Lomnitz. Es regnete auch gleich prompt beim ersten Gast in der ersten Nacht in das Zimmer hinein. Das war schrecklich, unser Anfang. Aber trotzdem haben wir uns nicht kleinkriegen lassen und immer weitergemacht.

 

Heute steht Schloss Lomnitz wieder da wie zur Zeit des jungen von Küster vor gut 200 Jahren: eine elegante zweigeschossige Erscheinung in strahlendem Habsburgergelb, der Eingang mit je einer Säule links und rechts, darüber viele hohe Fenster. Ein fast schon neu-sachlicher Baustil nach dem angeblich bräsigen Barock des Vorgängerhauses. Keine hundert Meter weiter im selben Baustil das sogenannte Witwenhaus, heute das Schlosshotel.

 

Musik

Schloss und Schlosshotel Lomnitz sind mittlerweile gut besucht. Genauso wie die allermeisten der anderen Schlösser im Hirschberger Tal, die ein ähnliches Schicksal hinter sich haben und heute als Schlosshotels wieder in altem Glanz strahlen. Vor allem deutsche Touristen kommen, wegen der schlesischen Vergangenheit und der guten schlesischen und polnischen Küche - und wegen der Landschaft natürlich: Das Schlesische Elysium ist wieder zum Leben erwacht. Und, ach ja: Auf der Autobahn muss auch heute nicht mehr mit Pferdefuhrwerken gerechnet werden. 

Musik klingt aus
9 Minuten
Die Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem wurde in den 1930er-Jahren errichtet und ist eng mit der Geschichte der Bekennenden Kirche verbunden. Gleichzeitig wurde sie durch ihre außergewöhnliche Akustik zu einem wichtigen Aufnahmeort für klassische Musik. Internationale Dirigenten und Orchester nutzen den Raum für Einspielungen. Diese Folge verbindet Architekturgeschichte, Kirchengeschichte und Musikproduktion an einem besonderen Ort.

Die weltberühmte Akustik in der Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem

Wer nach Berlin kommt und dabei auch den Ortsteil Dahlem besucht, wird feststellen: Es gibt hier zwei protestantische Pfarrkirchen. Einmal die kleine St. Annenkirche. Sie war lange Zeit die Kirche des alten Dorfes Dahlems und ist schon im Mittelalter gebaut worden, aus Feldsteinen und Ziegelsteinen, der Kirchturm ist sogar noch aus Holz. Und dann ist da noch die neue Jesus-Christus-Kirche, ungefähr einen Kilometer entfernt. Deren Mauern sind nur aus Backstein. Sie wurde 1931 eingeweiht und steht seither inmitten der Dahlemer Villen, ein schlichtes und schmuckloses hohes Kirchenschiff mit einem seitlich angesetzten Glockenturm plus Kreuz obendrauf.  An der Giebelfront über den Eingangstüren hängt eine Bronzefigur, ein segnender Christus. Gebaut worden sei die Kirche im Geist des Bauhauses und der Neuen Sachlichkeit, sagt Cornelia Kulawik. Sie ist Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Berlin-Dahlem. Und dass sie deutlich größer ausgefallen ist als die alte Dorfkirche, sagt sie, sei damals dringend nötig gewesen. Denn Dahlem war in einem rasanten Tempo gewachsen: 100 Menschen lebten hier um das Jahr 1900, 20 Jahre später waren es schon über 7.000.

O-Ton Cornelia Kulawik

Besonders war das an Weihnachten spürbar. (…) Da kann man sich vorstellen, dass eine kleine Dorfkirche mit 200 Plätzen nicht mehr für Weihnachtsgottesdienste ausreicht. Da gab es echt zum Teil handgreifliche Szenen und Beschwerden: Wer kriegt da überhaupt einen Platz? Es war völlig klar, dass man eine größere Kirche braucht.

In die neue  Kirche kamen dann seit den frühen 1930er Jahren nicht nur einheimische Dahlemer Kirchenbesucher, sondern auch immer mehr auswärtige. Grund dafür war, dass hier Martin Niemöller der Dahlemer Gemeindepfarrer war. Er war Mitbegründer der Bekennenden Kirche, der Oppositionsbewegung evangelischer Christen gegen die nationalsozialistischen Machthaber. Man erzählt sich, dass schon eine Stunde vor Beginn seiner Gottesdienste am Sonntagmorgen die U-Bahn Richtung Dahlem überfüllt war. Und dass der Schaffner extra durchrief: „Thielplatz! Zu Niemöllers Gottesdienst hier aussteigen!“

Zur Pilgerstätte ist die Jesus-Christus-Kirche auch für Musiker geworden. Das begann kurz nach Ende des 2. Weltkriegs. Auslöser war ein Besuch von Wilhelm Furtwängler und seinen Berliner Philharmonikern, die im zerbombten Berlin nicht wussten wohin, erzählt Jan Sören Fölster. Er ist der Kirchenmusiker der Evangelischen Kirchengemeinde Berlin-Dahlem.

O-Ton Jan Sören Fölster 1

Die Philharmoniker suchten Proberäume und waren zunächst in unserem großen Gemeindesaal in der Thielallee und haben da lange Zeit gut geprobt und irgendwann mal als Dank ein Konzert in unserer Jesus-Christus-Kirche machen wollen. Und dabei wurde es aufgenommen. Und da fiel allen auf, wie phantastisch durchhörbar und rund diese Aufnahmen geworden sind. Das (…) haben sie sich sofort zunutze gemacht und schon unter Furtwängler angefangen, die ersten Aufnahmen hier zu machen.

Musik Furthwängler von 1945, , klingt aus

Bis heute ist die Jesus-Christus-Kirche für viele klassische Musiker weltweit begehrter als jedes professionelle Aufnahmestudio. Dabei ist die besondere Akustik  eigentlich eher durch Zufall entstanden. Bei der Planung des Kirchenbaus ging es eigentlich nur darum, dass die Besucher den Pfarrer vorn überall in der Kirche gut hören können.

 

O-Ton Jan Sören Fölster 2

Die haben einen Akustiker eingeschaltet, (…)  der gesagt hat: Gemessen an der Anzahl der Sitzplätze ist die Akustik und der Nachhall viel zu lang.

(…) Wenn der Nachhall zu lang ist, dann verschwimmt alles, und da gibt es Reflexionen überall, und dann ist es nicht gut zu verstehen

(…) Und dann hat man in diesen wahnsinnig hohen Raum, der bis zu 22 Meter in der Höhe ist, eine Holzlamellendecke eingebaut, (…) also, die sollte eigentlich einfach den Nachhall dämpfen.

 

Das tat die erwähnte Holzlamellendecke auch, und zwar durch die vielen Holzbalken, die hoch oben von links nach rechts verlaufen und das Dach tragen: Sie dämpfen den Nachhall. Diese Konstruktion hatte aber noch einen zweiten Effekt, mit dem niemand gerechnet hatte.

 

Wir sind mittlerweile in der Kirche. Was ist das Wunderbare an dieser Akustik hier in diesem Raum?

 

O-Ton Jan Sören Fölster 3   

Sie können vielleicht mal hören, wenn ich klatsche (klatscht). Gut drei Sekunden Nachhall. Gleichzeitig ist aber durch die Konstruktion der Holzlamellendecke dafür gesorgt, dass die tiefen Frequenzen, die in anderen Räumen ähnlicher Größe alles vermulmen und unklar machen, dass just diese Frequenzen herausgefiltert werden und dadurch wunderbare, rund klingende Aufnahmen in einer unglaublichen Brillanz entstehen. Und das ist das, was alle hier Aufnehmenden lieben, von dem Sologeiger bis zum Pianisten bis zum großen Symphonieorchester oder Chor und Orchester, die hier auch aufgenommen werden.

Oboenmusik Albrecht Meyer, wird leiser  (aus Film der Deutschen Grammphon; Länge: 00:10:00)

Dazu kommt, dass in der Jesus-Christus-Kirche auch die genannten Geiger und Pianisten beim Spielen in den Genuss der besonderen Akustik kommen. Das ist nicht immer so, wie Albrecht Meyer sagt. Er ist Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker und hier zu hören in der Jesus-Christus-Kirche in Dahlem, und zwar in einem Film der Deutschen Grammophon, die die Jesus-Christus-Kirche seit vielen Jahren für ihre Aufnahmen nutzt..

Musik klingt aus.

 

O-Ton Albrecht Meyer (aus Film der Deutschen Grammphon; Länge: 00:32:00)

Ha ha ha. Man hört schon hier etwa so 4 Sekunden Nachhall. (…) . Du brauchst für eine Aufnahme eine Resonanz. In der Philharmonie am Potsdamer Platz hast du zwar eine Resonanz. Aber du hörst sie nicht. Die hören nur die Zuhörer. Befriedigender ist natürlich, hier zu spielen.

Musik klingt aus.

Der Hall in professionellen Aufnahmestudios reicht hinten und vorn nicht aus. Und selbst in der Jesus-Christus-Kirche noch nicht. Darum müssen Musikaufnahmen auch von hier in aller Regel nachverhallt werden, wie Jan-Sören Fölster das nennt:

O-Ton Jan Sören Fölster 4

Man denkt, es wäre gar nicht nötig, weil hier eigentlich der Raum ausreichend Hall hat. Aber für ein rundes und noch angenehmeres Klanggefühl ist eine Verhallung selbst in dieser Kirche noch notwendig.

(…) Heutzutage gibt es computergenerierten sogenannten Faltungshall.

(…) Aber in früheren Zeiten, als des den noch nicht gab, hat man einfach Aufnahmen aus dieser Kirche lustigerweise hier das Treppenhaus geschafft, da abgespielt und mit dem Hall des Treppenhauses nachverhallt und dadurch noch schönere und rundere Klangergebnisse produziert.

Das heißt: Man hat eine Aufnahme im weiten Treppenhaus der Jesus-Christus-Kirche abgespielt und dort einfach noch einmal neu aufgenommen hat. Hat gereicht. Das waren noch Zeiten.

Für alles, was für Musikaufnahmen nötig ist, gibt es heute zwei moderne Tonstudios im Vorraum der Kirche, eines gehört übrigens dem Deutschlandradio. Die Deutsche Grammophon spendierte sogar eine Pausenküche für die Musiker. Und so kommt heute alles, was Rang und Namen in der klassischen Musik hat, für Tonträgeraufnahmen in die Jesus-Christus-Kirche. Einer der letzen war der chinesische Pianist Lang Lang, der hier die Bach’schen Goldberg-Variationen aufgenommen hat. Und legendär ist die frühe Zeit der 1960er und 1970er Jahre, in denen Herbert von Karajan in dieser Kirche alle seine Musikprojekte mit den Berliner Philharmonikern eingespielt hat. Nochmal ein kurzer Ausschnitt aus dem Film der Deutschen Grammophon:

Karajan Probe (aus Film der Deutschen Grammphon; Länge: 00:16:00)

Dass Karajan die protestantische Jesus-Christus-Kirche für seine Aufnahmen immer wieder nutzen wollte, hat ihr übrigens den Beinamen „Karajans Kathedrale“ eingebracht. Ob ihm das gefallen hat, ist nicht überliefert. Interessant ist dabei nur:  Karajan war praktizierender Katholik. 
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Über diesen Podcast

„Orte.Menschen.Geschichten: Kulturhistorische Reportagen“ ist ein Podcast des Radiojournalisten Bernd Geisen, der vor allem für den Deutschlandfunk gearbeitet hat. Jede Folge widmet sich einem Thema, das mit einem konkreten Ort oder mit besonderen Personen verbunden ist – in Deutschland und weltweit. Die Themen reichen von historischen Rätseln über überraschende kulturelle Zusammenhänge bis hin zu persönlichen Erinnerungen und Zeitgeschichte. Dabei kommen stets Menschen vor Ort, Zeitzeugen und Expertinnen und Experten zu Wort. 
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