Die Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem wurde in den
1930er-Jahren errichtet und ist eng mit der Geschichte der
Bekennenden Kirche verbunden. Gleichzeitig wurde sie durch ihre
außergewöhnliche Akustik zu einem wichtigen Aufnahmeort für
klassische Musik. Internationale Dirigenten und Orchester nutzen
den Raum für Einspielungen. Diese Folge verbindet
Architekturgeschichte, Kirchengeschichte und Musikproduktion an
einem besonderen Ort.
Die weltberühmte Akustik in der Jesus-Christus-Kirche in
Berlin-Dahlem
Wer nach Berlin kommt und dabei auch den Ortsteil Dahlem besucht,
wird feststellen: Es gibt hier zwei protestantische Pfarrkirchen.
Einmal die kleine St. Annenkirche. Sie war lange Zeit die Kirche
des alten Dorfes Dahlems und ist schon im Mittelalter gebaut
worden, aus Feldsteinen und Ziegelsteinen, der Kirchturm ist
sogar noch aus Holz. Und dann ist da noch die neue
Jesus-Christus-Kirche, ungefähr einen Kilometer entfernt. Deren
Mauern sind nur aus Backstein. Sie wurde 1931 eingeweiht und
steht seither inmitten der Dahlemer Villen, ein schlichtes und
schmuckloses hohes Kirchenschiff mit einem seitlich angesetzten
Glockenturm plus Kreuz obendrauf. An der Giebelfront über
den Eingangstüren hängt eine Bronzefigur, ein segnender Christus.
Gebaut worden sei die Kirche im Geist des Bauhauses und der Neuen
Sachlichkeit, sagt Cornelia Kulawik. Sie ist Pfarrerin der
Evangelischen Kirchengemeinde Berlin-Dahlem. Und dass sie
deutlich größer ausgefallen ist als die alte Dorfkirche, sagt
sie, sei damals dringend nötig gewesen. Denn Dahlem war in einem
rasanten Tempo gewachsen: 100 Menschen lebten hier um das Jahr
1900, 20 Jahre später waren es schon über 7.000.
O-Ton Cornelia Kulawik
Besonders war das an Weihnachten spürbar. (…) Da kann man
sich vorstellen, dass eine kleine Dorfkirche mit 200 Plätzen
nicht mehr für Weihnachtsgottesdienste ausreicht. Da gab es echt
zum Teil handgreifliche Szenen und Beschwerden: Wer kriegt da
überhaupt einen Platz? Es war völlig klar, dass man eine größere
Kirche braucht.
In die neue Kirche kamen dann seit den frühen 1930er Jahren
nicht nur einheimische Dahlemer Kirchenbesucher, sondern auch
immer mehr auswärtige. Grund dafür war, dass hier Martin
Niemöller der Dahlemer Gemeindepfarrer war. Er war Mitbegründer
der Bekennenden Kirche, der Oppositionsbewegung evangelischer
Christen gegen die nationalsozialistischen Machthaber. Man
erzählt sich, dass schon eine Stunde vor Beginn seiner
Gottesdienste am Sonntagmorgen die U-Bahn Richtung Dahlem
überfüllt war. Und dass der Schaffner extra durchrief:
„Thielplatz! Zu Niemöllers Gottesdienst hier aussteigen!“
Zur Pilgerstätte ist die Jesus-Christus-Kirche auch für Musiker
geworden. Das begann kurz nach Ende des 2. Weltkriegs. Auslöser
war ein Besuch von Wilhelm Furtwängler und seinen Berliner
Philharmonikern, die im zerbombten Berlin nicht wussten wohin,
erzählt Jan Sören Fölster. Er ist der Kirchenmusiker der
Evangelischen Kirchengemeinde Berlin-Dahlem.
O-Ton Jan Sören Fölster 1
Die Philharmoniker suchten Proberäume und waren zunächst
in unserem großen Gemeindesaal in der Thielallee und haben da
lange Zeit gut geprobt und irgendwann mal als Dank ein Konzert in
unserer Jesus-Christus-Kirche machen wollen. Und dabei wurde es
aufgenommen. Und da fiel allen auf, wie phantastisch durchhörbar
und rund diese Aufnahmen geworden sind. Das (…) haben sie sich
sofort zunutze gemacht und schon unter Furtwängler angefangen,
die ersten Aufnahmen hier zu machen.
Musik Furthwängler von 1945, , klingt aus
Bis heute ist die Jesus-Christus-Kirche für viele klassische
Musiker weltweit begehrter als jedes professionelle
Aufnahmestudio. Dabei ist die besondere Akustik eigentlich
eher durch Zufall entstanden. Bei der Planung des Kirchenbaus
ging es eigentlich nur darum, dass die Besucher den Pfarrer vorn
überall in der Kirche gut hören können.
O-Ton Jan Sören Fölster 2
Die haben einen Akustiker eingeschaltet, (…) der
gesagt hat: Gemessen an der Anzahl der Sitzplätze ist die Akustik
und der Nachhall viel zu lang.
(…) Wenn der Nachhall zu lang ist, dann verschwimmt
alles, und da gibt es Reflexionen überall, und dann ist es nicht
gut zu verstehen
(…) Und dann hat man in diesen wahnsinnig hohen Raum, der
bis zu 22 Meter in der Höhe ist, eine Holzlamellendecke
eingebaut, (…) also, die sollte eigentlich einfach den Nachhall
dämpfen.
Das tat die erwähnte Holzlamellendecke auch, und zwar durch die
vielen Holzbalken, die hoch oben von links nach rechts verlaufen
und das Dach tragen: Sie dämpfen den Nachhall. Diese Konstruktion
hatte aber noch einen zweiten Effekt, mit dem niemand gerechnet
hatte.
Wir sind mittlerweile in der Kirche. Was ist das
Wunderbare an dieser Akustik hier in diesem Raum?
O-Ton Jan Sören Fölster 3
Sie können vielleicht mal hören, wenn ich klatsche
(klatscht). Gut drei Sekunden Nachhall. Gleichzeitig ist aber
durch die Konstruktion der Holzlamellendecke dafür gesorgt, dass
die tiefen Frequenzen, die in anderen Räumen ähnlicher Größe
alles vermulmen und unklar machen, dass just diese Frequenzen
herausgefiltert werden und dadurch wunderbare, rund klingende
Aufnahmen in einer unglaublichen Brillanz entstehen. Und das ist
das, was alle hier Aufnehmenden lieben, von dem Sologeiger bis
zum Pianisten bis zum großen Symphonieorchester oder Chor und
Orchester, die hier auch aufgenommen werden.
Oboenmusik Albrecht Meyer, wird leiser (aus Film
der Deutschen Grammphon; Länge: 00:10:00)
Dazu kommt, dass in der Jesus-Christus-Kirche auch die genannten
Geiger und Pianisten beim Spielen in den Genuss der besonderen
Akustik kommen. Das ist nicht immer so, wie Albrecht Meyer sagt.
Er ist Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker und hier zu hören
in der Jesus-Christus-Kirche in Dahlem, und zwar in einem Film
der Deutschen Grammophon, die die Jesus-Christus-Kirche seit
vielen Jahren für ihre Aufnahmen nutzt..
Musik klingt aus.
O-Ton Albrecht Meyer (aus Film der Deutschen Grammphon;
Länge: 00:32:00)
Ha ha ha. Man hört schon hier etwa so 4 Sekunden
Nachhall. (…) . Du brauchst für eine Aufnahme eine Resonanz. In
der Philharmonie am Potsdamer Platz hast du zwar eine Resonanz.
Aber du hörst sie nicht. Die hören nur die Zuhörer.
Befriedigender ist natürlich, hier zu spielen.
Musik klingt aus.
Der Hall in professionellen Aufnahmestudios reicht hinten und
vorn nicht aus. Und selbst in der Jesus-Christus-Kirche noch
nicht. Darum müssen Musikaufnahmen auch von hier in aller Regel
nachverhallt werden, wie Jan-Sören Fölster das nennt:
O-Ton Jan Sören Fölster 4
Man denkt, es wäre gar nicht nötig, weil hier eigentlich
der Raum ausreichend Hall hat. Aber für ein rundes und noch
angenehmeres Klanggefühl ist eine Verhallung selbst in dieser
Kirche noch notwendig.
(…) Heutzutage gibt es computergenerierten sogenannten
Faltungshall.
(…) Aber in früheren Zeiten, als des den noch nicht gab,
hat man einfach Aufnahmen aus dieser Kirche lustigerweise hier
das Treppenhaus geschafft, da abgespielt und mit dem Hall des
Treppenhauses nachverhallt und dadurch noch schönere und rundere
Klangergebnisse produziert.
Das heißt: Man hat eine Aufnahme im weiten Treppenhaus der
Jesus-Christus-Kirche abgespielt und dort einfach noch einmal neu
aufgenommen hat. Hat gereicht. Das waren noch Zeiten.
Für alles, was für Musikaufnahmen nötig ist, gibt es heute zwei
moderne Tonstudios im Vorraum der Kirche, eines gehört übrigens
dem Deutschlandradio. Die Deutsche Grammophon spendierte sogar
eine Pausenküche für die Musiker. Und so kommt heute alles, was
Rang und Namen in der klassischen Musik hat, für
Tonträgeraufnahmen in die Jesus-Christus-Kirche. Einer der letzen
war der chinesische Pianist Lang Lang, der hier die Bach’schen
Goldberg-Variationen aufgenommen hat. Und legendär ist die frühe
Zeit der 1960er und 1970er Jahre, in denen Herbert von Karajan in
dieser Kirche alle seine Musikprojekte mit den Berliner
Philharmonikern eingespielt hat. Nochmal ein kurzer Ausschnitt
aus dem Film der Deutschen Grammophon:
Karajan Probe (aus Film der Deutschen Grammphon; Länge:
00:16:00)
Dass Karajan die protestantische Jesus-Christus-Kirche für seine
Aufnahmen immer wieder nutzen wollte, hat ihr übrigens den
Beinamen „Karajans Kathedrale“ eingebracht. Ob ihm das gefallen
hat, ist nicht überliefert. Interessant ist dabei nur:
Karajan war praktizierender Katholik.
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