Das „Schlesische Elysium“, das Land der Seligen: So
schwärmen seit dem 19. Jahrhundert Reisende vom Hirschberger Tal
in Niederschlesien. Die Folge schildert, wie die preußische
Königsfamilie und der Berliner Adel hier jahrzehntelang ihre
Sommerfrische verbracht haben, bis zum Ende des Zweiten
Weltkriegs. Seitdem gehört Niederschlesien zu Polen. Seit einigen
Jahren werden die verlassenen Schlösser wieder instandgesetzt und
sind in Schlosshotels verwandelt worden. Wie beispielsweise das
der Familie von Küster.
„Schlesisches Elysium“
Das Hirschberger Tal in Niederschlesien
Das Hirschberger Tal liegt gute 300 Kilometer südlich von Berlin
in Polen, im ehemaligen Niederschlesien. Die Eiszeit hat hier
eine sanft geschwungene Landschaft hinterlassen, mit Wiesen,
Feldern, Fischteichen, dazu mäandernde Bäche, Gräben und Wege.
Gerahmt ist das Ganze im Osten und im Westen von den Höhenzügen
der Sudeten, im Süden vom Riesengebirge mit seinem höchsten Berg,
der Schneekoppe. In der Hochzeit der Romantik, also in der Mitte
des 19. Jahrhunderts, war das Tal deutschlandweit Sehnsuchtsort,
mehr noch als der Rhein. Übrigens auch für
Caspar-David-Friedrich. Der hat sich hier Motive für seine
Malerei erwandert. Entstanden ist dabei eines seiner berühmtesten
Bilder: „Morgen im Riesengebirge“.
Das „Schlesische Elysium“, also das Land der Seligen: So wurde
das Tal bald genannt. Mit den Seligen waren dabei weniger die
Einheimischen als vor allem der Berliner Adel gemeint und auch
das preußische Königshaus. In Mode kam das Tal nämlich, nachdem
der damalige preußische König Friedrich Wilhelm III den Grafen
und die Gräfin von Reden auf ihrem Landsitz in Buchwald besucht
hatte, das heißt heute Bukowiec. Erzählt Elisabeth von Küster,
die im Hirschberger Tal und in Berlin lebt.
O-Ton Elisabeth von Küster
Weil sie als Erste einen Park im englischen
Landschaftsstil angelegt haben. Auf einem Gut mit Blick auf die
Schneekoppe, was damals den Leuten den Atem geraubt hat. Auch der
preußische König hat diesen Park gesehen, und das war der Grund,
warum er sich dann so spontan und bis zu seinem Lebensende in das
Hirschberger Tal verliebt hat.
Der König kaufte sich also ein Schloss im Tal, in Erdmannsdorf,
heute Mysłakowice. Und er blieb nicht lange der einzige Berliner
Schlossherr: Um die 45 herrschaftliche Sommersitze entstanden in
seiner Nachbarschaft
O-Ton Elisabeth von Küster
Es war zu dieser Zeit so, dort, wo der König weilte,
wollten alle sein. Und so hat jeder, der von Stand und Rang war,
versucht, sich in diesem Tal irgendwie zumindest ein kleines
Plätzchen zu sichern. Es waren die großen Familien der
preußischen Hocharistokratie, wie z.B. die Czartoryskis und
Radziwills. Aber es waren auch ehrgeizige Menschen, wie z.B. ein
junger Adliger mit dem Namen von Küster, dessen Vater gerade erst
in den Adelstand versetzt worden war im Jahre
1806.
Der junge Carl Gustav Ernst von Küster, ein Vorfahr also von
Elisabeth von Küster, wollte so unbedingt im Hirschberger Tal
dazugehören, dass er das Schloss in Lomnitz kaufte, ohne es
vorher gesehen zu haben. Dieses Lomnitz heißt heute Łomnica. Dass
es für jeden Interessenten eine Sommerresidenz in der Nähe des
Königs gab, lag daran, dass zu der Zeit jede Menge auf dem Markt
waren. Sie hatten vorher Leinenhändlern gehört, die man hier
Schleierherren nannte und die mit dem Verkauf des Leinens der
schlesischen Weber zu viel Geld gekommen waren. Als dann die
moderne Maschinenweberei und die Konkurrenz der Baumwolle
aufkamen, verloren die Weber in Schlesien ihre Existenzgrundlage.
Der berühmte Weberaufstand von 1844 war die Folge. König
Friedrich Wilhelm IV, der Sohn des ins Hirschberger Tal
verliebten Vaters, schickte Soldaten, um den Weberauftand
niederzuschlagen. Das Schlesische Elysium war gerettet. Für die
Schleierherren war das gute Geschäft allerdings vorbei.
O-Ton Elisabeth von Küster
Und wenn man keine Mittel mehr hat, kann man sich so ein
Schlösschen nicht mehr leisten. Und es gibt ja diesen
Spruch, des einen Leid, des anderen Freud. So, wie diese Familien
verkaufen mussten, freuten sich andere, kaufen zu
können.
Die hohen Herrschaften aus Berlin ließen ihre Häuser und vor
allem auch die Parks drumherum nach dem letzten Schrei der
Romantik herausputzen, wie heute wieder gut zu besichtigen ist.
Der König beispielsweise hatte sein Schloss im englischen
Tudorstil herrichten lassen. Zu dem gehören vor allem die Zinnen,
die die Dachränder der drei Gebäudeteile wie eine Bordüre
abschließen. Zur eigentlichen Tudorzeit dienten solche Zinnen auf
englischen Burgen dem Schutz der Bogenschützen, die Angreifer
abwehren mussten. Angreifer gab es in Erdmannsdorf damals keine,
nicht einmal mehr schlesische Weber.
Musik, klingt aus
Ganz tief in die romantische Werkzeugkiste hatte man beim Schloss
in Schildau gegriffen, heute Wojanów. Es liegt sozusagen um die
Ecke von Schloss Lomnitz: ein hoher quadratischer Bau in hellem
Weiß, mit Türmen an allen vier Ecken plus leuchtend roten
Dachziegeln. Wie ein Zuckerbäckerwerk aus Buttercreme und
glasierten Möhrenscheiben. Ein Märchenschloss, denkt man
unwillkürlich, und auch an Dornröschen. Es war übrigens ein
Geschenk des Königs an seine Tochter Luise. Wobei Luise nicht
mehr wachgeküsst werden musste. Sie war beim Einzug schon
verheiratet, selbstverständlich mit einem Prinzen, und zwar dem
von Oranien-Nassau.
Atmo: Dampflok pfeift, klingt aus
Vergleichsweise bescheiden wirkt immer noch das Haus in Buchwald,
in dem seinerzeit die von Redens wohnten, da, wo den König sich
in das Tal verliebt hatte. Das war zu einem schlichten
klassizistischen Landsitz umgebaut worden, der barocke Turm
musste dabei dran glauben. Hier war auch einmal Caspar David
Friedrich zu Gast, nachdem 1842 die Eisenbahnstrecke von Berlin
nach Breslau eröffnet worden war und auch normal sterbliche
Reisende ins Tal kamen. Friedrich schrieb später darüber, dass
die von Redens zwar wirklich ganz allerliebst wohnen, die Zimmer
allerdings etwas klein und niedrig seien, wenn auch geschmackvoll
möbliert.
Musik, klingt aus
Mit der märchenhaften Seligkeit war es 1945 erst einmal vorbei.
Schlesien gehörte nun zu Polen, und die preußischen
Schlossherrschaften mussten das Hirschberger Tal verlassen. Aber:
Viele der Adelsfamilien sind mittlerweile zurückgekehrt.
Elisabeth von Küster und ihr damaliger Mann waren die ersten, sie
hatten 1991 in Berlin davon erfahren, dass das Küster-Schloss
verkauft werden sollte und sich auf den Weg nach Lomnitz
gemacht.
O-Ton Elisabeth von Küster
Wir hatten das Gefühl, wir sind die Einzigen, die gen
Osten fahren. Es war eine einspurige Autobahn mit Holperplatten
aus der Vorkriegszeit. Ich erinnere mich noch genau, faszinierend
war für mich das erste Verkehrsschild auf polnischer Seite. Da
stand ein Zeichen Pferdefuhrwerke auf der Autobahn verboten. Und
das fand ich irgendwie sehr berührend.
Pferdefuhrwerke auf der Autobahn gab es damals keine. Der erste
Blick auf das Familienschloss war dann auch berührend:
ernüchternd war er.
O-Ton Elisabeth von Küster
Das Schloss war eine totale Ruine. Es wuchsen schon die
Bäume aus dem Inneren des Gebäudes in den Himmel, weil große
Teile des Daches fehlten. Und vor dem Schloss war leider eine
übel riechende Mülldeponie.
Die jungen von Küsters aus Berlin beschlossen erst nur, das
Schloss zu kaufen, um es vor dem Abriss zu retten. Und wenig
später dann, es wieder aufzubauen. Das Geld dafür hatten sie
nicht, sie mussten es sich leihen.
O-Ton Elisabeth von Küster
Selbst meine Großmutter hier in Berlin-Lichterfelde hat
ihr Sterbegeldkonto geräumt und hat beschlossen, sie muss jetzt
mindestens 20 Jahre noch leben, damit sie wieder das Geld für
ihre Beerdigung zusammengespart hat, weil sie uns das ganze Konto
geschenkt hat. Und so begannen wir dann mit sehr einfachen
Mitteln einen sehr provisorischen Wiederaufbau, der sich dann im
Laufe der Jahre immer mehr verbesserte und professioneller wurde,
weil auch Vereine, Stiftungen und viele Privatpersonen, die große
Sympathie für unser Unternehmen hatten, sich uns angeschlossen
haben und gespendet haben.
Bis das Schloss wieder vorzeigbar war und ein Schlosshotel
Lomnitz seine Türen öffnete, hat es allerdings ein wenig
gedauert. Auch, bis sie die ersten Einnahmen verbuchen
konnten.
O-Ton Elisabeth von Küster
Aus einer mehr als provisorischen Gastronomie. Wir haben
einfach mit Sperrmüllmobiliar und einfachsten Ausstattungen ein
kleines Café eröffnet und dieses Café systematisch immer weiter
aufgebaut, sodass dann immer wieder eine kleine finanzielle
Spritze kam, die das Ganze vorangebracht hat. Ab 1998/99 gab es
ein kleines Hotel mit einem Zimmer am Anfang – Hotel Schloss
Lomnitz. Es regnete auch gleich prompt beim ersten Gast in der
ersten Nacht in das Zimmer hinein. Das war schrecklich, unser
Anfang. Aber trotzdem haben wir uns nicht kleinkriegen lassen und
immer weitergemacht.
Heute steht Schloss Lomnitz wieder da wie zur Zeit des jungen von
Küster vor gut 200 Jahren: eine elegante zweigeschossige
Erscheinung in strahlendem Habsburgergelb, der Eingang mit je
einer Säule links und rechts, darüber viele hohe Fenster. Ein
fast schon neu-sachlicher Baustil nach dem angeblich bräsigen
Barock des Vorgängerhauses. Keine hundert Meter weiter im selben
Baustil das sogenannte Witwenhaus, heute das Schlosshotel.
Musik
Schloss und Schlosshotel Lomnitz sind mittlerweile gut besucht.
Genauso wie die allermeisten der anderen Schlösser im
Hirschberger Tal, die ein ähnliches Schicksal hinter sich haben
und heute als Schlosshotels wieder in altem Glanz strahlen. Vor
allem deutsche Touristen kommen, wegen der schlesischen
Vergangenheit und der guten schlesischen und polnischen Küche -
und wegen der Landschaft natürlich: Das Schlesische Elysium ist
wieder zum Leben erwacht. Und, ach ja: Auf der Autobahn muss auch
heute nicht mehr mit Pferdefuhrwerken gerechnet
werden.
Musik klingt aus
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