Ein Datum, ein Ort, eine Frage, die nicht
loslässt. Christopher Street Day, Berlin, Juli 2026. Ein
islamistisch motivierter Anschlag auf Menschen, die feiern
wollten. Der Täter war bekannt, galt als Hochrisikogefährder —
und war trotzdem auf freiem Fuß. Unser heutiger Gast Ahmad
Mansour hat anschließend gefragt: Wie lange wollen wir noch
wegsehen?
Was ihr in dieser Folge erfahrt:
Der Anschlag und das Systemversagen. Mansour war
nach dem CSD-Anschlag nicht überrascht — er war enttäuscht.
Enttäuscht, weil er seit Jahren vor einer Radikalisierungswelle
warnt, die für alle sichtbar ist. Er analysiert, was auf mehreren
Ebenen gleichzeitig schiefgelaufen ist: Ein Attentäter, der in
Berlin aufgewachsen ist und unsere Schulen besucht hat. Ein
Hochrisikogefährder, der nach einem versuchten IS-Anschluss mit
einer Bewährungsstrafe davonkam. Deradikalisierungskurse als
Ersatz für Haft — ein Konzept, das laut Mansour grundlegend
falsch gedacht ist. Seine klare These: Deradikalisierung
funktioniert nur parallel zur Strafe, nicht als Alternative.
Wie Radikalisierung wirklich entsteht — und Mansours
eigene Geschichte. Der bewegende Moment dieser Folge:
Mansour erzählt, wie er selbst mit 13 Jahren in eine
islamistische Gruppe geriet. Er war Streber, wurde gemobbt, saß
in seinem Zimmer und weinte. Der Einzige, der es merkte, war der
Imam von nebenan — der ihm Halt, Zugehörigkeit und das Gefühl
gab, zu einer Elite zu gehören. In fünf Jahren in dieser Gruppe
hatte er nicht eine Sekunde das Gefühl, radikal zu sein. Erst an
der Universität Tel Aviv, umgeben von Menschen, die nicht seinen
Vorurteilen entsprachen, begann der Weg zurück. Seine Botschaft:
Radikalisierung entsteht in Leerstellen — dort, wo jemand sucht
und niemand antwortet. Außer den Falschen.
Das persönliche Gewicht: Leben unter
Polizeischutz. Seit über zehn Jahren lebt Mansour unter
Personenschutz. Er beschreibt, was das wirklich bedeutet: eine
Tochter, die zwei Jahre lang nicht alleine in ihrem Zimmer
schlafen wollte. Die tägliche Frage, ob es sich lohnt. Energie,
die es jeden Tag kostet, weiterzumachen. Und doch: Er ist dankbar
für einen Rechtsstaat, der ihn schützt — und findet Kraft in den
Begegnungen mit jungen Menschen in Schulen, die am Ende einer
Veranstaltung noch länger bleiben wollen, um weiterzudiskutieren.
Der Mutmacher-Ausblick. Krisenzeiten, sagt
Mansour, sind auch Zeiten, in denen Chancen entstehen. Demokratie
ist nicht selbstverständlich und wird nicht vererbt — sie muss
jeden Tag neu erkämpft werden. Wenn Schulen Medienkompetenz
lehren, wenn Kinder lernen, zwischen Desinformation und Wahrheit
zu unterscheiden, wenn wir wieder anfangen, eine positive
Geschichte über dieses Land zu erzählen — dann sind wir auf dem
richtigen Weg.
Über den Gast: Ahmad Mansour
ist Diplom-Psychologe, Extremismusforscher und Autor. Er wurde
1976 als arabischer Israeli geboren, lebt seit 2004 in Berlin.
Mansour ist Mitglied des Expertengremiums zur
Islamismus-Bekämpfung beim Bundesinnenministerium und Gründer von
Mind Prevention. Sein neues Buch „Haltung ohne
Hass" ist gerade erschienen. Für seine Arbeit wurde er
mit dem Bundesverdienstkreuz, dem Moses-Mendelssohn-Preis und dem
Johanna-Eck-Preis für Zivilcourage ausgezeichnet. Heute begleitet
er Familien von radikalisierten Jugendlichen, Aussteiger und
verurteilte Terroristen.
Unser Buch zur Staffel: „2 alte wei(s)se Männer:
Mutmacher für schwere Zeiten — was hoffen lässt" ist im
Buchhandel und auf allen gängigen Plattformen erhältlich.
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und bleibt streitlustig, kritisch und zuversichtlich.
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