Im Jahr 1912 sah das Universum noch völlig anders aus als heute –
zumindest laut den Vorstellungen der Astronominnen und Astronomen
jener Zeit. Das Sonnensystem samt Sonne und Erde befand sich, wenn
schon nicht völlig, dann doch sehr nahe dem Mittelpunkt des
Universums. Besagtes Universum bestand aus einer einzigen Galaxie –
nämlich unserer Heimatgalaxie, der Milchstraße. Darüber hinaus war
es winzig klein: ein paar tausend Lichtjahre sollte es durchmessen,
mehr nicht. Doch in jenem Universum begannen irdische Forschende
damit, die Sterne, die sie beobachten konnten, systematisch zu
erfassen: Sie verzeichneten ihre Positionen am Nachthimmel und
vermaßen ihre Helligkeiten. Dabei ist die Helligkeit mancher Sterne
nicht immer gleich: Einige waren – und sind es immer noch –
veränderliche Sterne, deren scheinbare Helligkeit sich ändert, mal
zu- und dann wieder abnimmt. Die Astronomin Henrietta Swan Leavitt
interessierte sich für eine besondere Klasse dieser veränderlichen
Sterne, die heutzutage als Cepheiden bekannt sind, benannt nach dem
namensgebenden Stern Delta Cephei. In den Beobachtungsdaten von
Sternen in der Kleinen Magellanschen Wolke am Südhimmel fand
Leavitt etwa zwei Dutzend Cepheiden – und dabei fiel ihr eine
Besonderheit auf, die für Jahrzehnte unerklärbar bleiben sollte,
die sich aber sofort als unheimlich nützlich erweisen sollte: Je
heller einer dieser Sterne insgesamt war, desto länger war seine
Periode, also der Zyklus einer Helligkeitveränderung. Leavitt
beschrieb ihren Fund in einem Fachartikel, der im Jahr 1912
erschienen ist. In dieser Folge des AstroGeo-Podcasts erzählt
Franzi die Geschichte der Cepheiden, der
Perioden-Leuchtkraft-Beziehung, und warum sich ein Astronom namens
Harlow Shapley als eine Art moderner Kopernikus sah. Die von
Henrietta Swan Leavitt gefundene Perioden-Leuchtkraft-Beziehung
sollte unser Verständnis vom kleinen Universum, das aus einer
einzigen Welteninsel besteht, und in dem die Sonne im Mittelpunkt
steht, revolutionieren – oder sogar völlig über den Haufen werfen.
Denn Leavitt hatte erstmals eine sogenannte Standardkerze gefunden,
ein Lineal für den Kosmos. Damit gab es eine Möglichkeit, die
Entfernung zu weit entfernten Himmelskörpern zu ermitteln und so
Maß zu nehmen im Universum. Episodenbild: ESO/Digitized Sky Survey
2. Acknowledgements: Davide De Martin
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