Im Westen macht sich politische Unreife gefährlich breit
– in Russland bestimmt Besonnenheit die Reaktion
Ein Kommentar von Tilo Gräser.
Ein neuer großer Krieg wird kommen und Europa zerstören – darin
sind sich immer mehr Beobachter und Analytiker des neuen
West-Ost-Konfliktes auf beiden Seiten einig. Verantwortlich dafür
sind demnach vor allem westeuropäische Politiker. Diese
„schlafwandeln“ nicht, sondern provozieren sehenden Auges weiter
Russland. Sie glauben anscheinend tatsächlich, sie könnten die
größte Nuklearmacht der Welt „in die Knie“ zwingen.
Dabei handelt es sich wahrscheinlich um die gefährlichste
Illusion seit Ende des Kalten Krieges. Als seien die dafür
verantwortlichen Politiker im Westen blind aufgrund ihrer eigenen
Russophobie. Die mehr ein tiefsitzender pathologischer
Russlandhass ist, wie der britische Politikwissenschaftler
Richard Sakwa einschätzt. Der renommierte Russland-Kenner von der
Universität Kent hat mehrere Bücher über das postkommunistische
Land veröffentlicht. In einem Gespräch mit dem
norwegischen Politologen Glenn Diesen hat Sakwa gewarnt,
„Russophobie führt uns in den Krieg“.
Zugleich erklärte er, dass es sich weniger um eine klassische
Phobie handelt. Bei dieser würden die Betroffenen dem aus dem Weg
gehen, was ihnen Angst macht. Anders sei es bei dem, was aus
Sakwas Sicht eher Russlandhass ist und tiefer sitzt. Das sei
verbunden mit dem beispiellosen Versuch, Russland zu negieren,
was weit über die übliche Kritik hinausgehe. Nicht einmal im
Kalten Krieg habe es das gegeben, was heute gegenüber Russland
üblich scheine:
Der aktuelle weitverbreitete und überwältigende Russlandhass
zeige sich in „dem Versuch, eine ganze Zivilisation, ein ganzes
Land zu negieren“. Sakwa verweist auch darauf, dass nach 1990 die
Chancen, Russland einzubeziehen, vom Westen ausgeschlagen wurden:
Er berichtet von seiner Teilnahme an den
jüngsten „Primakow-Lesungen“ im Juni in Moskau. Dabei
habe er beobachtet, dass trotz alledem die „pro-europäische
Stimme in den Machtkorridoren des Kremls nach wie vor recht
stark“ zu vernehmen sei. Aber der Beitritt zum politischen Westen
und gar der NATO sei Moskau immer verwehrt worden. Politologe
Diesen verweist in dem Gespräch mit Sakwa auf die Legende vom
unersättlichen imperialen Russland. Die sei von seinen Gegnern
mit dem gefälschten Testament von Zar Peter dem Großen begründet
worden. Sakwa widerspricht den darauf aufbauenden Behauptungen,
Russland sei imperialistisch, von Grund auf autokratisch,
despotisch, und barbarisch.
„faktisch keine Diplomatie, keinen Dialog, das Verbot russischer
Sportmannschaften, die kulturelle Negierung, die Kritik an jedem
im Westen, der tatsächlich sagt, man muss nicht unbedingt den
Standpunkt Moskaus übernehmen, aber man muss anerkennen, dass das
Handeln Russlands einer Logik folgt, die über eine irrationale
Pathologie hinausgeht.“„In Washington wurde ganz klar die
Entscheidung getroffen, dass Russland zu groß, zu chaotisch, zu
unübersichtlich, zu gefährlich, zu atomar bewaffnet und so weiter
ist, um in den politischen Westen aufgenommen zu
werden.“...https://apolut.net/russlandhass-im-westen-befeuert-kriegsgefahr-von-tilo-graser/
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