In dieser Folge spreche ich mit Dr. Sven Niedner, Mitgründer von
Cyberlope, einem europäischen Anbieter für Product Cybersecurity.
Aufgenommen vor Ort in Lissabon. Sven ist Physiker, ehemals 7
Jahre Technologie-Strategie bei der Deutschen Telekom, danach
IT-Leitung in mehreren Branchen, seit gut einem Jahrzehnt
fokussiert auf Cybersicherheit.
Wir starten mit einem unbequemen Lagebild: Bevor wir über KI als
Verteidiger reden, geht es um Fixed Basics. Viele Unternehmen
kämpfen noch mit technischen Schulden aus der Vergangenheit. Auf
diese ungelöste Hausaufgabe trifft jetzt KI-basierte
Automatisierung. Angriffe, die früher Wochen dauerten, laufen mit
Tools wie Claude Mythos in Stunden ab. Das klassische
Freitag-15-Uhr-bis-Montag-9-Uhr-SOC-Modell ist faktisch tot.
Sven pointiert: „Wir haben es nicht geschafft, vor die Welle zu
kommen.“ Und: KI ist mittlerweile Hygienefaktor in der
Verteidigung, ohne hat man verloren, nur mit KI gewinnt man aber
auch nicht. Autonome Response ist zweischneidig, kann selbst zum
Risiko werden. Spannend auch sein Blick auf den Hackback, der
wieder auf die Tagesordnung kommt.
Der eigentliche Hebel sitzt tiefer, bei den Produkten. Bei
industriellen Steuergeräten kommen oft 95% des Codes aus fremden
Bibliotheken und Open-Source-Komponenten. Sven erklärt an Log4j
(Weihnachten 2022, ein halbes Jahr bis zur Kontrolle) und der
XZ-Bibliothek (Social-Engineering durch staatliche Akteure),
warum die SBOM kein Compliance-, sondern Überlebensthema ist.
Dann zur Regulatorik: NIS2 und Cyber Resilience Act. Svens
Einordnung: kein Fluch, sondern Chance. Drei Pflichten aus dem
CRA: Security by Design samt Risikobewertung, SBOM als Teil der
technischen Dokumentation, garantierte Sicherheitsupdates über
eine Support-Periode (im industriellen Umfeld 20-30 Jahre). Ab
Ende 2027: kein CE-Kennzeichen ohne CRA-Konformität.
Svens Rat an Unternehmen, die jetzt starten: zwei Dinge sofort.
Eine ehrliche Risikoanalyse pro Produkt aus Angreiferperspektive
plus eine SBOM-Nullmessung. Und eine positive Botschaft: KI ist
auch im Cyber-Bereich eine Chance, Start-ups bauen Werkzeuge, die
Inhouse-Teams nie selbst entwickeln könnten. Wer Mut hat,
Lösungen reinzuholen, gewinnt Geschwindigkeit zurück.
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