## Zusammenfassung
Gott hat Gläubige aus Liebe und nach seinem Wohlgefallen durch
Jesus Christus zur Sohnschaft vorherbestimmt, sie in seine
Familie adoptiert und ihnen alle Rechte gegeben – zum Preis
seiner Gnade.
## Details
### Der Begriff der Vorherbestimmung
Der Text behandelt Epheser 1,5–6 als Fortsetzung des Lobpreises
auf Gottes geistliche Segnungen. Nach der Erwählung (Vers 4)
folgt nun die Vorherbestimmung zur Sohnschaft. Das griechische
Wort setzt sich aus "vorher" und "bestimmen" zusammen und stammt
von einem Begriff für einen Grenzmarker – also etwas im Vorhinein
markieren, festlegen, beschließen. Belegstellen wie
Apostelgeschichte 4,27–28 (Kreuzigung Jesu), Römer 8,29
(Gleichgestaltung mit dem Bild des Sohnes), 1. Korinther 2,7
(Anteil an Gottes Herrlichkeit) und Jesaja 46,10 zeigen: Nichts
geschieht zufällig, Gottes Ratschluss kommt zustande. Definition:
Gottes ewiges, von niemandem beeinflusstes Bestimmen aller Dinge
samt der Macht, alles so auszuführen – Ausdruck seiner
Souveränität, Allmacht und Heiligkeit.
### Erster Aspekt – Gottes Ziel
"Sohnschaft" meint wörtlich die Annahme an Kindes statt, also
Adoption. Im römischen Recht erhielt ein adoptiertes Kind
sämtliche Rechte eines leiblichen Kindes: den Familiennamen und
das volle Erbe; der Annehmende erhielt alle Vaterrechte. Paulus
verwendet diesen juristischen Begriff bewusst. Vorher waren die
Menschen laut Epheser 2,2–3 "Söhne des Ungehorsams" und "Kinder
des Zorns", ohne Bürgerrecht Israels, entfremdet von Gott, mit
dem Teufel als Vater (Johannes 8,44). Nun sind sie rechtmäßige
Kinder und Erben des Reiches (Galater 4,7).
### Zweiter Aspekt – Gottes Motivation
Die Worte "in Liebe" am Ende von Vers 4 können bereits zu Vers 5
gehören: Gott hat in Liebe vorherbestimmt. Seine ewige,
vollkommene Liebe war der Antrieb – wie schon bei Israels
Erwählung in 5. Mose 7,7–8, die nicht auf Größe, sondern auf
Gottes Liebe gründete. Offenbart wurde diese Liebe in der Sendung
des eingeborenen Sohnes.
### Dritter Aspekt – Der Mittler
Bemerkenswert ist der Wechsel von "in Christus" zu "durch Jesus
Christus": Nicht die Einheit im Glauben steht hier im
Vordergrund, sondern Person und Werk Jesu als Grundlage. Er ist
der ewige, rechtmäßige Sohn – nicht adoptiert – und damit
rechtmäßiger Erbe. Hebräer 2,10–14 zeigt: Weil er Fleisch und
Blut annahm, schämt er sich nicht, Gläubige Brüder und Schwestern
zu nennen. Galater 4,4–5 nennt das Ziel der Menschwerdung: dass
wir die Sohnschaft empfingen. Nach der Auferstehung sagt Jesus zu
Maria (Johannes 20,17): "mein Vater und euer Vater".
### Vierter Aspekt – Der Beziehungsaspekt
"Für sich selbst" betont, dass Gott uns zu seinem Eigentum machen
wollte. Schon im Alten Testament nannte er sich Israels Vater
(Jeremia 31,9) und die Israeliten seine Söhne und Töchter (Jesaja
43,6). Durch den Geist der Sohnschaft rufen Gläubige "Abba,
Vater" (Römer 8,15) – der intimste Ausdruck eines Kindes
gegenüber seinem Vater. Für rechtlose Sklaven und lieblos
aufgewachsene Kinder in Ephesus muss diese Botschaft
überwältigend gewesen sein.
### Fünfter Aspekt – Gottes Souveränität
"Nach dem Wohlgefallen seines Willens" bedeutet: Gott handelte
aus freiem, unabhängigem Entschluss, nicht weil er etwas Gutes im
Menschen sah (vgl. Vers 11). Zugleich war dies nicht kalt oder
willkürlich – "Wohlgefallen" beschreibt echte Freude. Wie
adoptierende Eltern sich über ein aus erbärmlichen Verhältnissen
gerettetes Kind freuen, so jubelte Gott bei dem Gedanken, Sünder
in seine Familie aufzunehmen.
### Sechster Aspekt – Das Ergebnis
Endziel ist nicht das Wohl des Menschen, sondern "der Preis der
Herrlichkeit seiner Gnade". Hesekiel 36,22 belegt: Gott rettet um
seines heiligen Namens willen. Gnade heißt, Wohlwollen zu
empfangen, wo Zorn verdient wäre. Der Ausdruck "in dem Geliebten"
ersetzt bewusst "in Christus": Der ewig geliebte Sohn gab seine
Stellung auf, wurde zur Sünde gemacht, damit Sünder in die
Stellung von Gerechten und geliebten Kindern versetzt
werden.
### Vier Anwendungen
**Beziehung zu Gott:** Der Christ muss sich nicht sorgen, denn
der himmlische Vater kennt alle Bedürfnisse; Jesus ist der
Erstgeborene unter vielen Brüdern (Römer 8,29) und damit
gleichsam der ältere Bruder.
**Beziehung zu sich selbst:** Stand und Position haben sich
vollständig geändert. Gott liebt die Seinen mit derselben Liebe
wie seinen Sohn – eine Wahrheit, die man sich gerade angesichts
eigener Versagen oder lieblos erlebter Kindheit immer neu
predigen muss.
**Beziehung zur Welt:** Gläubige gehören schon jetzt zur
himmlischen Welt und sollen als unbescholtene Kinder Gottes
inmitten eines verkehrten Geschlechts leuchten wie Lichter
(Philipper 2,15).
**Beziehung zur Gemeinde:** Die Gemeinde ist kein Verein, sondern
Familie mit einem Vater und einem älteren Bruder. Streit gehört
dazu, aber ebenso Versöhnung, Liebe, Ehre und praktische Hilfe –
besonders gegenüber den Hausgenossen des Glaubens (Galater
6,10).
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