Anmeldung Registrierung
Erweiterte Suche
  1. Startseite
  2. Podcasts
  3. Lyrikschule Podcast
  4. Folge 55 - Wie wenig nütze ich bin (Hilde Domin)
Manchmal überkommt uns das Gefühl, dass wir und unser Handeln
folgenlos, unwichtig und irrelevant sind. Schon im
Sisyphus-Mythos kommt diese Idee zum Tragen. Hilde Domin, die
Dichterin des Dennoch, widmet sich im heutigen Text genau dieser
Erfahrung und setzt ihr eine kleine trotzige Hoffnung
entgegen. 

Wie wenig nütze ich bin

Wie wenig nütze ich bin,

ich hebe den Finger und hinterlasse

nicht den kleinsten Strich

in der Luft.

Die Zeit verwischt mein Gesicht,

sie hat schon begonnen.

Hinter meinen Schritten im Staub

wäscht der Regen die Straße blank

wie eine Hausfrau.

Ich war hier.

Ich gehe vorüber

ohne Spur.

Die Ulmen am Weg

winken mir zu wie ich komme,

grün blau goldener Gruß,

und vergessen mich,

eh ich vorbei bin.

Ich gehe vorüber -

aber ich lasse vielleicht

den kleinen Ton meiner Stimme,

mein Lachen und meine Tränen

und auch den Gruß der Bäume im Abend

auf einem Stückchen Papier.

Und im Vorbeigehn,

ganz absichtslos,

zünde ich die ein oder andere

Laterne an

in den Herzen am Wegrand.

Teilen