Morgenimpuls Archiv
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Wie einige von Ihnen vielleicht schon mitbekommen haben, bin ich eine wirklich Fußballbegeisterte. Und mir imponieren nicht nur gute Einzelspieler oder Superteams, sondern auch Trainer, die es schaffen, eine Truppe hoch bezahlter Fußballer mit einer so passenden Philosophie zu inspirieren, dass sie immer erfolgreicher werden. Jürgen Klopp ist so einer. Regelmäßig hätten die Münchner bei ihm angefragt, sagt der Coach des FC Liverpool in einem Interview des englischen "Telegraph". "Ich hätte auch ein paar Mal zu Bayern gehen können. Ich hätte in meinem Leben mehr Titel gewinnen können, ziemlich sicher würde ich sagen - eine gute Chance zumindest. Ich habe es nicht getan", sagt Klopp. "Die Welt ist nicht voll von Gewinnern. Hoffentlich ist die Welt voll von Ausprobierern. Ich versuche es, und manchmal gewinne ich zusammen mit einigen anderen Leuten. Ich bin glücklich damit", das sagt Klopp. Ist das nicht ein wunderbarer Satz mit einer tiefen Aussage? Hoffentlich ist die Welt voll von Ausprobierern. Er spricht eine Hoffnung aus und eine selbst gemachte Überzeugung. Wenn Menschen mehr Mut hätten, Dinge auszuprobieren, dann würden viel mehr Menschen glücklich sein. Wenn man in diesen Zeiten nach Ostern die Geschichten aus der Apostelgeschichte liest, bekommt man einen solch besonderen Eindruck. Immer wieder ist da die Rede von der Gemeinde der Jünger und Jüngerinnen Jesu, die lernen müssen, ohne Jesus zu leben und zu schauen, wie das denn gehen kann mit der Nachfolge dieses Jesus, den die meisten schon nicht mehr erlebt haben. Und immer wieder gibt es große Debatten und Auseinandersetzungen, wenn die einen Dinge gemacht und ausprobiert haben, die die anderen sich gar nicht vorstellen konnten. Und immer wieder liest man, dass die Apostel und die Ältesten sich zusammengesetzt haben, um die Angelegenheit zu prüfen und eine Entscheidung zu treffen. Es geht also von Anfang an um das Ausprobieren dieses neuen Weges, wie die Christen damals sogar explizit genannt wurden. Trauen wir uns doch als Einzelne, als Familien und Gemeinschaften, als die Kirche insgesamt wieder viel mehr Ausprobierer zu sein, damit wir merken, wie es heute gehen kann, das Christsein und das Kirchesein im 21. Jahrhundert mitten in unserer Welt. Jürgen Klopp würde diese Aussage gefallen, denn er ist gläubiger Christ und nimmt sich jeden Tag Zeit, auf seinen Glauben und sein Leben zu schauen und zu spüren, wie sehr er bei Gott geborgen ist: auch als Ausprobierer.
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Am Wochenende haben wir gewählt in Nordrhein-Westfalen. Einen neuen Landtag und eine neue Landesregierung. Und ich mit meiner DDR-Vergangenheit habe mir sofort nach der Wende 1989 geschworen, dass ich niemals eine Wahl verpassen oder aus komischen Gründen nicht wahrnehmen würde. Weil wir seit 1990 tatsächlich eine Wahl haben. In der DDR gab es eine Wahlliste, die man im Wahllokal ausgehändigt bekam und man durfte sie zusammenknicken und in die Wahlurne werfen. Nichts ankreuzen, nicht zwei Stimmen haben, oh nein. Alle Kandidaten waren vorher von der SED geklärt und durften durch zusammenfalten und in die Urne werfen bestätigt werden. Ich bin jetzt noch wütend, wenn ich daran denke. Also haben wir jetzt aber am Sonntag den Wahltag genossen, Laudes beten, Frühstücken gehen, wählen, Sonntagsgottesdienst mitfeiern und nach einem sonnig schönen Tag abends die Hochrechnungen schauen und uns freuen. Freuen daran, dass die allermeisten Menschen demokratische Parteien gewählt haben. Ein bisschen mich ärgern, weil die Wahlbeteiligung geringer war als zuletzt und auch darüber, dass der absolute Verlierer plötzlich ganz ungeniert anmeldete, ja auch eine Regierungsbildung mit verantworten und einleiten zu können. Auch fairer Verlierer zu sein, muss man lernen. Und ich kann nicht gut verstehen, wenn es so krude Erklärungen gibt, warum man keine Wahl hat und dass sich ja doch nichts ändert. Das sind nur faule Ausreden. Wir haben in ganz vielen Dingen eine Wahl und eine Verantwortung. Und es tut gut zu wissen, dass die meisten Mitmenschen sie wahrnehmen. Am Abend haben wir dann die Eissaison eröffnet und beim Italiener um die Ecke ein köstliches Eis gegessen. Da haben wir an den Tischen überall ringsherum die Gespräche gehört und die Debatten über die Kandidaten, die Ergebnisse und die Folgen für unser Bundesland. Wunderbar. Wir haben immer eine Wahl: im persönlichen Leben, im gesellschaftlichen Umfeld, im Glauben. Ich habe die Wahl, ob ich mein Christsein sehr aktiv lebe und meinen Mitmenschen diene und mich für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung einsetze. Ob ich bete und Gottesdienste mitfeiere, ob ich im Chor mitsinge oder mich für Firmlinge engagiere, ob ich mich um die Nachbarn kümmere oder, wie zur Zeit, die Kirche öffne und alles für die Kirchenbesucher vorbereite. Und diese Wahl kann niemand für mich treffen. Ich selbst kann wählen. Immer.
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Ein neuer Trend in Großstädten ist, dass Familien, die sich ein eigenes Haus nicht leisten können, einen Kleingarten, einen Schrebergarten pachten. Lange galt die Kleingärtnerei als spießig und nur was für ältere Leute. Doch längst gibt es in Städten wie Köln oder Berlin lange Wartelisten, weil die Gärten mittlerweile auch bei jungen Menschen sehr beliebt sind. Und so ein eigener Garten ist ja auch was Herrliches: Man kann darin das eigene Gemüse pflanzen, die Kinder tollen auf dem Rasen herum und Grillen kann man da natürlich auch ganz wunderbar. Nun gibt es Kleingärten, die sehen sehr gepflegt aus, der Rasen scheint wie mit der Nagelschere geschnitten, jedes Unkraut wird sofort ausgerissen. Dann gibt es Garten, da stehen Spielgeräte drin, man sieht sofort, dass da eine junge Familie die Parzelle bewirtschaftet. Meistens sind solche Gärten nicht ganz picobello aufgeräumt. Dafür sehen sie für mich irgendwie lebendiger, man könnte auch sagen, natürlicher aus. Die Kunst besteht nun darin, dass alle Pächter trotz der Unterschiede gut miteinander auskommen. Der Rentner mit viel Zeit und großer Liebe zur Sorgfalt muss akzeptieren, dass die Nachbarn als Familie den Garten eher zur Freizeit nutzen und nicht ständig den Rasen mähen oder Unkraut jäten. Aber auch sie müssen Rücksicht auf Ruhezeiten und Ähnliches nehmen. In gegenseitiger Toleranz können dann alle ihre Gärten genießen. Ein bisschen ist das wie in der Kirche. Auch bei uns Christinnen und Christen gibt es ein unterschiedliches Verständnis, was in der Kirche geht, was nicht geht und am besten gleich verboten werden sollte und so weiter. Ich finde es aber wichtig, dass wir uns, auch wenn wir manchmal in Glaubens- und Kirchenfragen sehr unterschiedlich ticken, nicht immer gleich das Katholisch-Sein absprechen. Urteile wie "Das ist nicht mehr katholisch" sind schnell dahin gesprochen und sorgen oft genug vor allem für Bequemlichkeit bei demjenigen, der das gesagt hat. Denn wenn man sich sicher ist, dass nur der eigene Weg der richtige ist, braucht man sich mit den Argumenten der anderen gar nicht mehr auseinanderzusetzen. Aber ich glaube, unsere Kirche sollte bunt und vielfältig sein. Wagen wir also den Blick über den eigenen Gartenzaun!
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Heute ist der Gedenktag Unserer Lieben Frau von Fatima. Er erinnert an die Erscheinungen der Gottesmutter Maria 1917 vor den drei Hirtenkindern in Portugal und ihre Bitte, den Rosenkranz zu beten, sich zu Gott zu bekehren und auch für die Bekehrung Russlands zu beten. Die Mutter eines der Kinder hat angegeben, ihnen immer viel von den Erscheinungen von La Salette erzählt zu haben. Und so könnte man denken, dass die Kinder die Erscheinungen nachgespielt haben. Wie das bei diesen und anderen Ereignissen, die wir nicht erklären können, ist, gibt es viele Spekulationen und wissenschaftliche Versuche, um begreifen zu können, was nicht zu begreifen ist. Den Rosenkranz zu beten, war den Kindern damals völlig normal und dass die schöne Frau sie darum bat, das zu tun, war ihnen daher kein besonders schwerer Auftrag. Noch einige Monate, immer an einem 13. hierhin zu kommen, war ihnen Bitte genug, denn sie haben dort ohnehin immer die Schafe gehütet. Erst als dann im Oktober mehr als 70.000 Menschen dabei waren und das sogenannte Sonnenwunder erlebt haben, wird die Sache überregional bekannt und Menschen strömen dorthin, um teilzuhaben an der Wunderkraft dieser Frau. Im Evangelium nach Johannes für diesen Gedenktag steht der eigentliche Grund, warum die Menschen seit jeher Maria, die Mutter Jesu verehren. Da heißt es: "Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zu seiner Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich." Jesus hat seine Mutter dem Johannes anvertraut, damit er sich um sie kümmern würde nach seinem eigenen Tod. Und seiner Mutter hat er Johannes, und damit alle, die ihm, dem liebenden Jünger in Jesu Nachfolge nacheifern würden, anvertraut. Also der ganzen zukünftigen Kirche. Das ist mir der eigentliche, gute und einleuchtende Grund der Liebe und Verehrung der Gottesmutter. Jesus selbst vertraut sie der Kirche an und die Kirche ihr. Und damit kommt der mütterliche Dienst der Kirche, der Mitleidende, der Mitfreuende, der Fürsorgende, der Trauernde und der Betende zum Vorschein und sollte wieder deutlicher werden.
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Seit Wochen sind die Kandidaten der Parteien an der Basis unterwegs, um für ihre Person, ihre Partei, ihr Programm oder ihren Spitzenkandidaten zu werben. Und das ist oft wirklich nett. Da stehen die bunten Stände der Parteien zusammen mit dem Eierhändler, dem Kartoffelmann, dem Gemüsestand, dem Blumenhändler auf dem Marktplatz und bieten quasi ihre Ware an. Und damit man sich dann auch an sie erinnert, gibt es viel Infomaterial, aber auch witzige Beigaben, Eyecatcher oder Giveaways. Da gibt es wundervolle tiefrote Rosen nicht von den Roten, scharfe Zwillingsmesser, damit man messerscharf denken und dann wählen kann, es gibt Kugelschreiber nicht aus Plastik und Samentütchen mit Kräutersamen oder für bunte Blumenwiesen und ähnliches und man kommt gut ins Gespräch über diese Dinge und dann zu den eigentlichen wichtigen Themen. Aber ich habe hier auch anderes erlebt. Zu einer Kundgebung auf dem Markt, zu dem zwei Ministerpräsidenten und ein Parteivorsitzende eingeladen waren, kamen knapp 1000 Menschen, von denen sich die allergrößte Zahl auf diese Stunde gefreut haben und zuhören wollten. Und es gab knapp 50 Leute, die genau das nicht wollten. Sie haben die ganze Zeit gebrüllt, mit Fanfaren und Trillerpfeifen einen solchen Lärm geschlagen, dass sich die Redner unglaublich anstrengen mussten, damit die, die gekommen waren, ihnen zuzuhören, überhaupt etwas verstehen konnten. Es war keine Debatte, kein Austausch, kein Gespräch möglich, wie ich es sonst bei solchen Gelegenheiten schon erlebt habe. Und mir scheint, dass das nicht nur in Wahlkämpfen der Parteien zur Zeit so ist und in vielen Auseinandersetzungen und Debatten eine gute Kultur verloren zu gehen scheint: die Kultur des Zuhörens, des andere Meinungen zunächst vortragen Könnens, des nicht ins Wort Fallen oder gar Niederbrüllens, das Abwägen und Bedenken von Fakten und Argumenten und das nebeneinander stehenlassen Können von Meinungen und Plänen, Vorstellungen und Gedanken. Auch innerkirchlich sind wir da nicht unbedingt vorbildlich. Auch hier gibt es das übereinander statt miteinander Reden, das offene Briefe Schreiben und zum Dialog auffordern, dann aber wieder nur Direktiven geben, sich in Gremien auseinandersetzen, dann aber die mehrheitlich gefassten Beschlüsse nicht mittragen und vieles mehr. Ich hoffe sehr, dass nicht nur bei der Wahl am Sonntag die gewinnen, die sachliche und ehrliche Argumente haben und nicht die wenigen Krachmacher, die daran überhaupt nicht interessiert sind, sondern nur dagegen sein wollen und keine eigentliche Idee haben, wie das Leben in Staat, Kirche und Gesellschaft gelingen kann.
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Fußballherz, was willst Du mehr: Schalke spielt wieder erstklassig, Köln in der kommenden Saison europäisch, Frankfurt noch in dieser Saison final europäisch und im DFB-Finale wird es einen neuen Pokalsieger geben, weil die Bisherigen schon früh ausgeschieden sind. Da die Meisterschaften seit 10 Jahren langweilig sind und eigentlich nur der Abstiegskampf spannend ist, werden solche Wettbewerbe und Schlagzeilen interessant und schön. In einem interessanten Artikel habe ich gelesen, dass ins Verhältnis gesetzt, die Bayern am meisten Geld ausgeben müssen, um die Ersten zu sein. Und wieder im Verhältnis gesehen, Bochum an erster Stelle derer steht, die mit dem geringsten Budget es geschafft haben, nicht abzusteigen, sondern gut in der Mitte zu sein. Früher sagte man: „Geld schießt Tore“. Heute weiß man, ein charismatischer Trainer wie Jürgen Klopp in Liverpool oder Steffen Baumgart in Köln können ihre Stadt, ihren Verein, ihre Spieler so begeistern, dass unglaubliche Leistungen möglich sind. Und bei uns? In unserer Kirche? Wo sind die Begeisternden, die Motivationskünstler, die Einladenden und fröhlich Weitermachenden? "Och nö, in dieser Kirche gerade nicht. Keinen Bock, bringt nichts", denken die einen. Und legen die Hände in den Schoß und ruhen sich darauf aus, dass die da oben ja doch alles kaputtmachen. Und die richtig vielen anderen? Die beginnen mit neuen, klugen und interessanten Programmen an den Hochschulgemeinden zum Beispiel. Die motivieren Erstkommunionkinder Messdiener*innen zu werden und alle kommen. Die laden zu ihren unkonventionellen Angeboten in ihre Kirche ein mit dem Slogan: "Kommt alle und bringt alle mit!" Und es kommen viele und bringen viele mit. Ich weiß auch, dass es zurzeit in vielen Dingen gerade schwierig ist, sich als Glaubende zu outen und sich nicht zurückzuziehen. Kirche und Glauben lebt aber von denen, die sich nicht zurückziehen, die sich einbringen und unverzagt und begeistert weitermachen. „Begeistert“ heißt, vom Geist angetrieben, vom Geist beseelt, in Schwung gebracht, vom Geist ausgestattet mit vielfältigen Gaben und Fähigkeiten. Mit Weisheit, Einsicht, Rat, Erkenntnis, Stärke, Frömmigkeit, Gottesfurcht und noch viel mehr. Lassen wir, lassen Sie sich begeistern für das, was ansteht und wo Sie gebraucht werden. Vielleicht müssen Sie etwas ganz Neues beginnen oder anstoßen, sich anstoßen lassen oder einfach mitmachen. Werden Sie und ich neu Begeisterte und Begeisternde.
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Ich habe in den letzten Wochen immer mehr Berichte aus China gehört und gelesen. Im Land, in dem das Coronavirus entdeckt worden ist, geht große Panik um. Nicht unbedingt von den Menschen, den Einwohnern selber, sondern von den Machthabern der kommunistischen Partei. Sie haben berechtigte Angst, dass die Einwohner merken, dass auch die kommunistische Partei nicht allmächtig ist. Für uns Europäer ist es undenkbar, wie in China mit den Menschen in dieser Coronakrise umgegangen wird: Millionenstädte werden abgeriegelt und die Menschen eingesperrt. Rigorose Polizei und sogenannte Nachbarschaftskomitees sorgen für Abschreckung und Einhaltung der Regeln. Menschen sterben in den Wohnungen an allen möglichen Krankheiten, weil sie nicht ins Krankenhaus gelassen werden. Zehntausende werden unter katastrophalen Bedingungen in Quarantänekrankenhäuser gesteckt, die in Flugzeughangars und Messehallen eingerichtet werden. Babys und Kleinkinder werden von ihren Eltern getrennt und von viel zu wenig Mitarbeiterinnen notdürftig versorgt. Die Machthaber bitten die Menschen, nach italienischem Vorbild, ihnen zu Ehren von den Balkonen zu singen - die Videos von den stattdessen nächtlichen Schrei-Orgien in den Städten werden schnellstens von der Zensurbehörde gelöscht. Menschen gelten in China nichts, sie sind nur Verfügungsmasse der Herrschenden und die und der Einzelne hat keinerlei Bedeutung, es sei denn als Rädchen in der Maschine der Ökonomie. Es ist zutiefst erschreckend das zu sehen und sich vorzustellen. Von Heinrich Böll gibt es einen Satz, der mir in diesem Zusammenhang noch mal deutlich macht, woraus wir hier leben. Er hat einmal gesagt: „Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten heidnischen vorziehen, weil es in einer christlichen Welt Raum gibt für die, denen keine heidnische Welt je Raum gab: für Krüppel und Kranke, Alte und Schwache, und mehr noch als Raum gab für sie: Liebe für die, die in der heidnischen wie gottlosen Welt nutzlos erschienen und erscheinen.“ Bei allem Trabbel in unserer Kirche, bei allen Problemen in unseren Gemeinden: die Sorge für die Alten, die Kranken und Schwachen, die Flüchtlinge und die Fremden stehen hoch im Kurs und werden von vielen Hunderttausend Menschen jeden Tag getan. Aus Nächstenliebe und aus Verantwortung für die Mitmenschen. Das macht den Unterschied. Seien wir sehr dankbar dafür.
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Einer unserer brasilianischen Mitschwestern habe ich vom 8. Mai, dem Tag der Befreiung 1945 erzählt. Ihre erste Frage dazu war: ist das jetzt also in Deutschland ein Feiertag? Nein, das ist es nicht. Und ich habe versucht ihr zu erklären, dass es vierzig Jahre gedauert hat, bis Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner Rede im Bundestag 1985 ganz klar sagen konnte: "Und dennoch wurde von Tag zu Tag klarer, was es heute für uns alle gemeinsam zu sagen gilt: Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft." Dass solche Tage uns aber auch erinnern, dass wir über 70 Jahre Frieden hatten, und dass es nicht so selbstverständlich ist, zeigen uns die vielen Kriege weltweit und jetzt so nah in der Ukraine. Es gibt ein Lied, dass 1948 der Görlitzer Tischler und Bildhauer Georg Schröter geschrieben hat, in dem er die geistliche Situation, die Not der damaligen Nachkriegszeit ausdrückt: Maria, Mutter, Friedenshort! Wir kommen in bedrängten Tagen und bitten dich, ein Mutterwort für uns bei deinem Sohn zu sagen. Sei du um uns wie ein Gebet, vor dem die Stürme knien müssen. Wenn deine Bitte mit uns fleht, kann sich dein Sohn uns nicht verschließen Du weißt, was uns im Herzen bebt an gläubigem und kühnem Wagen. Wenn deine Hand die Schatten hebt, wird uns ein Fest der Gnade tagen. Dein Haus ist wie ein Lobgesang, in dem die stummen Steine beten. All unser Bitten wird zum Dank und schweigt von seinen dunklen Nöten. Dein Mantel ist ein goldnes Zelt, gewebt von mütterlicher Liebe. Breit ihn als Heimat um die Welt, dass keiner ohne Mutter bliebe. Dein Kind ist unser Himmelreich, das Licht von tausend klaren Sonnen kommt doch nicht seinem Glanz gleich, sein Herz verschenkt uns alle Wonnen. Gib, dass wir unser Pilgersein in deines Kindes Licht vollenden. Hüll uns in deinen Mantel ein und führe uns an deinen Händen. Maria, Mutter, Königin, im Jubel der erlösten Chöre gibt unser Herz als Lied sich hin: dir, Mutter, und dem Sohn zur Ehre.
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Ein Vorgarten ist etwas Entzückendes. Unser Garten liegt gegenüber vom Haus und wir müssen nur die Straße überqueren. Also habe ich die letzten Abende genutzt, um Sommerblumen zu säen und den Boden vorher noch ein bisschen vor zu bereiten. Zunächst hat eine Gruppe junger Jugendlicher auf der Turmtreppe gegenüber zugeschaut, dann sind sie aber gegangen und haben sich eine Ecke gesucht, wo sie sich nicht so beobachtet fühlen. Und dann kamen Spaziergänger und Leute, die unsere Straße als Abkürzung benutzen. Und fast immer bleiben sie stehen, um ein bisschen zu plaudern. Zunächst über den Garten und die so schön blühenden tränenden Herzen. Dann natürlich über das, was ich da gerade säe, und dann irgendwie automatisch über Gott und die Welt. Es ging um den Krieg in der Ukraine und den Trabbel in unserer Kirche, um die Angst vor einem Krieg und um die Sorge, was die Kinder mal werden. Und dann kam eine Frau mit zwei Kindern vorbei. Sie ist aus der Ukraine geflüchtet und wohnt jetzt im Nachbarhaus, habe ich erfahren. Da kommt der Krieg und die Folgen für die Menschen plötzlich ganz nah an uns heran. Und das ist genau die Chance. Wenn die Ereignisse in Welt und Gesellschaft und Kirche irgendwie weit weg sind, können wir super damit umgehen, urteilen und werten und es stört nicht weiter. Aber sowie uns Beteiligte, Menschen also, nahe kommen und wir ihre Geschichte, ihre Anliegen, ihre Sorgen und Fragen kennen, rückt es uns auf den Pelz, können wir nicht mehr unbeteiligte Zaungäste sein. Einer der schönsten Konstitutionen des zweiten Vatikanischen Konzils, die ich gerade dieser Tage gelesen habe, da geht es darum, in der ersten Zeile zu lesen: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger*innen Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände.“ Und manchmal reicht es zunächst, einfach da zu sein, sichtbar und ansprechbar, damit Menschen ihre Fragen und Sorgen loswerden können. Und dann zu schauen, was können wir tun, wie können wir helfen, was braucht die Einzelne und was nützt den neuen Nachbarinnen. Manchmal reicht also eine Plauderei am Zaun, um Vorurteile abzubauen, Fremdheitsgrenzen zu überwinden und aus einer trockenen Tagesschaukriegsnachricht eine herzliche Beziehung werden zu lassen.
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Heute tragen wir eine unserer Mitschwestern zu Grabe. Ich hatte vor ein paar Wochen schon einmal von ihr erzählt, als ich sie, erstmals in den vielen Jahren, am hellen Tag im Bett liegend fand und sie mir sehr deutlich gesagt hat: „Ich habe mein Leben lang für den lieben Gott gearbeitet und seinen Auftrag erfüllt. Jetzt bin ich müde.“ Aus ihren Erzählungen von ihren ersten Ordensjahren bleiben unser einem, die in ruhigen Friedenszeiten aufgewachsen sind, immer vor Staunen Mund und Augen weit offen. Sie ist am 2. Februar 1945, also in der Endphase des zweiten Weltkrieges in Olpe eingetreten. Ihre Schwester hat sie bis zum Bahnhof gebracht, aber entgegen ihrem Versprechen ist sie nicht mitgefahren, weil sie Angst vor den vielen Soldaten hatte. Unsere künftige Schwester hatte keine Angst. Mit einem Truppentransport von Soldaten ist sie bis Olpe gekommen, hat ihren Kuchen mit den Soldaten geteilt und versprochen, für sie zu beten. 1948 hat sie ihr Krankenpflegeexamen abgelegt und von da an fast 50 Jahre lang immer in der Kranken- und Altenpflege gearbeitet. Sie hat sich bis zum Schluss, sie wäre im August 100 Jahre alt geworden, für Gott und die Welt interessiert und es war ein Genuss mit ihr zu plaudern. Sie hat kein Bibelgespräch und keinen Einkehrtag versäumt und hatte zu vielen, besonders innerkirchlichen Themen, eine sehr dezidierte, fundierte Meinung. Sie saß oft in ihrem Rollstuhl im Flur und hat mit denen geplaudert, die sie so getroffen hat. Und sie hat immer sehr gelassen gesagt: „Ich sitze hier und warte. Und wenn Gott mich holen will, dann soll er das tun. Ich bin ja da. Wenn er mich noch nicht holt, dann feiere ich vielleicht noch meinen Hundertsten und freue mich schon mal.“ Eine solche heilige Gelassenheit war sehr beeindruckend und hat manche eher ängstliche Schwester in ihrem Umfeld oft sehr beruhigt und getröstet. Aber sie hat auch sehr deutlich gesagt, wenn sie etwas nicht so toll fand. Unserer Novizin hat sie immer gesagt: „Ich glaube nicht, dass das etwas mit Dir wird. Du bist zu jung und wir sind zu alt“ Wir konnten das mit viel Lachen und tollen Gegenargumenten kommentieren. Aber sie blieb dabei. Jetzt sind wir guter Hoffnung, dass sie von den himmlischen Wohnungen aus den Werdegang der Novizin verfolgen und mit Schmunzeln kommentieren wird.
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Vor unserer Haustür haben wir meistens eine Schale mit Blumen oder Grünpflanzen, die so der Jahreszeit entsprechend schön sind. Im Moment blühen noch ein paar Primeln und fünf richtig üppige Hyazinthen. Sie strömen einen betörenden Duft aus und man schaut automatisch zur Quelle dieses Duftes. Und mittendrin steckt ein Ast mit schönen bemalten bunten Ostereiern. Manchmal fragen dann Passanten: Ach, sie haben ja noch Osterdeko hier. Ostern ist doch schon lange vorbei. Und dann kommen wir, wenn Zeit ist, in die schönste Plauderei über Ostern und seine Zeit, über die Neigung vieler Leute, zwar vieles schon lange vorher zu schmücken und es dann spätestens am zweiten Tag wegzuwerfen und auch darüber, was es denn heißt, wenn wir sieben Wochen Ostern feiern. Meistens ist dann komplette Verwirrung angesagt und die Frage nach dem Sinn des Osterfestes und des Glaubens an die Auferstehung. In einem unserer Osterlieder im Gotteslob steht eine witzige Zeile, über die ich immer lachen muss, weil es so drastisch ist. Da heißt es zunächst: „Der Glaube ist nun fest verbürgt, die Hölle ist bezwungen.“ Aber dann heißt die zweite Zeile: „Das Leben hat den Tod erwürgt, das Lamm den Sieg errungen.“ „Oh je“, denke ich dann beim Singen, weil ich mir das dann immer bildlich vorstelle und völlig aus dem gesungenen Takt gerate. „Oh je“, wenn schon wir, die wir in den Dingen des Glaubens altmodische Texte gewohnt und der Kirchensprache mächtig sind, wenn wir schon ziemlich verwundert sind, wie klingt das für heutige Menschen? Die Gegenüberstellung des Lebens und des Todes als zwei miteinander kämpfende Personen stammt aus alter Zeit, damit den Menschen deutlich wird, dass Leben und Tod real und wirklich sind und gegeneinander um das je einzelne Leben kämpfen. Mir ist bei aller komischen Formulierung und Wortbildung der Gedanke schon sehr sympathisch, dass Leben und Tod immer im Kampf sind und dass es aber durch Jesus Tod und Auferstehung gelungen ist, dem Tod quasi ein Schnippchen zu schlagen und ihn auf keinen Fall mehr gewinnen zu lassen. Franz von Assisi würde sagen: Wer an den Auferstandenen glaubt, dem wird der ewige, also der zweite Tod, nichts anhaben. Und für solche Überlegungen und Gespräche lasse ich die Ostereier noch eine Weile am Strauß vor der Haustür hängen.
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Heute feiern wir mit der Kirche das Fest der Apostel Philippus und Jakobus oder Nathanael, wie er im Johannesevangelium heißt. Die Geschichte, wie sie in diesen Zwölferkreis gekommen sind, liest sich im Johannesevangelium schlicht und einfach so: In jener Zeit wollte Jesus nach Galiläa aufbrechen. Da traf er Philippus und Jesus sagt zu ihm: "Folge mir nach". Philippus war aus Bethsaida, dem Heimatort des Andreas und Petrus. Philippus traf Nathanael und sagte zu ihm: "Wir haben den gefunden, über den Mose im Gesetz und auch die Propheten geschrieben haben Jesus aus Nazareth, den Sohn Josephs." Da sagte Nathanael zu ihm: "Aus Nazareth? Kann von dort etwas Gutes kommen?" Philippus antwortet: "Komm und sieh!" Und das Entzückende an dieser Geschichte ist, dass sich an diesen Abläufen bis heute nichts geändert hat. Menschen erleben Jesus in der Schrift, im Gebet, im Gottesdienst und fühlen sich gerufen und beauftragt. Und sie erzählen es weiter und weiter und weiter. Und dazwischen kommt das, was wir dann alle kennen: Kann aus Nazareth etwas Gutes kommen? Als ich das zum ersten Mal bewusst gehört habe, dachte ich: Oh, schon damals war es, wie es heute noch ist, Vorurteile haben Konjunktur. Kann denn aus Köln etwas Gutes kommen von diesem Kardinal, von diesen Bischöfen oder von dieser Regierung? Von Frauen oder von Männern oder von Jugendlichen oder von Ausländern? Und so weiter und so fort. Das scheint immer zu funktionieren. Und die Antwort von Philippus ist die beste, die er damals geben konnte: "Komm und sieh, komm doch! Lern ihn doch selber kennen. Schau ihn dir selber an, bilde dir selber ein Urteil, komm ins Gespräch, zieh mit ihm um die Häuser, erlebe ihn im Alltag, dann wirst du sehen." Und das ist ja so die Frage an uns auch. Machen Sie es doch genauso. Erzählen Sie weiter von Ihren Begegnungen mit dem Göttlichen und von dem, was Sie beschäftigt und beeindruckt und belebt. Und wenn jemand mit seinen fragenden Vorurteilen kommt: "Kann denn aus dieser Kirche noch etwas Gutes kommen?" Dann laden Sie ein: "Komm, schau selber, probier' es aus. Trau dich!" Es geht um Jesus Christus und der ist derselbe. Damals, heute und in Ewigkeit.
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Gestern, am 1. Mai, sind hier im Umfeld in einigen Kirchen und Kapellen die Maiandachten eröffnet worden. Es ist eine Gebetsform, die den meisten von uns fremd vorkommt und völlig aus der Zeit gefallen scheint. Süße romantische Lieder mit Texten, in denen Szenen aus dem Leben der Gottesmutter Maria besungen werden. In vergangenen Zeiten des Christentums war der Gedanke, sich mit seinen Sorgen und Nöten direkt an Gott zu wenden, ganz unsagbar und kaum denkbar. Also haben sich die Menschen an Maria, die Mutter Jesu, gewandt, weil ihnen klar war: Diese Frau hat alles erlebt, was eine Frau an Freude und Leid und Schmerz nur erleben kann und sie wird uns verstehen und unsere Anliegen zu ihrem Sohn bringen. Und es gibt viele Menschen, denen die Lieder, die Gebete und Texte guttun und Beheimatung schenken. Bei mir hängt seit Jahren ein Text an der Pinnwand, der mir sehr gut gefällt und mit dem ich gut in den Marienmonat Mai starten kann. Der Text ist von Andrea Schwarz und ich teile ihn gern mit Ihnen. Er heißt: "Maria, Urbild der Kirche." Eine hörende Kirche, die nicht schon die Antwort weiß. Gesetz und Weisung nicht verwechselt. Die auf Macht verzichtet. In der Geschwisterlichkeit lebt. In der Vielfalt sein darf. Die keine Angst vor dem Fremden hat. Die vertrauen kann und sich dem Wirken des Heiligen Geistes überlassen kann. Maria, Urbild der Kirche. Eine fragende Kirche, die Lust zum Leben macht, Freude an der Begegnung vermittelt, in der das Gespräch lebt. Befehle nicht denkbar sind. Kritisches als Chance gesehen wird. Die sich als Pilgerin aufmacht. Keine feste Burg mehr ist, sondern das Leben sucht. Maria, Urbild der Kirche. Eine mystische Kirche, die nicht nur von Gott spricht, sondern sich ihm auch überlässt. In der das Geheimnis Gestalt bekommt, die dem Gebet vertraut und sich gegebenenfalls alle Pläne durchkreuzen lässt. Die abgrundtief liebt, ohne Wenn und Aber. Manchmal hilft ein solcher Text zu eigenen Gedanken und Überlegungen oder auch dazu, neugierig zu werden auf diese andere Frau, die ihr ganzes Leben auf Gott gesetzt hat und mit ihm und im Vertrauen auf ihn durch alle Höhen und Tiefen des Lebens gegangen ist.
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Heute feiern wir mit der Kirche das Fest der Heiligen Katharina von Siena. Sie muss eine unglaubliche Frau gewesen sein. Als 24. Kind einer verarmten Adelsfamilie, deren Vater dann Färber wurde, wuchs sie behütet und beschützt auf, lernt in sehr jungen Jahren die Dominikaner kennen, hat auf dem Weg zur Kirche eine Vision des verklärten Christus und will von nun an Christus dienen und legt, fast noch ein Kind, heimlich Gelübde ab. Ihre Mutter müht sich redlich, ihrer Tochter diese Flausen aus zu treiben und lässt sie im Haus als Dienstmagd härteste Arbeit tun, um sie zur Vernunft zu bringen. Aber Katharina hat einen noch größeren Dickkopf als die Mutter und setzt sich durch. Sehr jung wird sie Dominikanerin und entflammt immer mehr in ihrer Liebe zur Kirche in einem heiligen Zorn. Über die Zustände der Kirche schreibt sie flammende Briefe, die sie mehreren Sekretären gleichzeitig diktiert und hat keinerlei Furcht, sich mit Päpsten, Kaisern und Königen anzulegen. Sie wird als ungebildete Frau, die ja damals schon gar nichts galt, vor das Kapitel der Dominikaner geladen und besteht alle noch so kniffligen Prüfungen der gelehrten Männer mit Bravour. Einer ihren vielen Briefe ist an Papst Gregor den Elften gerichtet. Der sitzt im sicheren Palast in Avignon und hat nicht die geringste Lust, zurück nach Rom in die unsichere, heiße, von Pöbel volle Stadt zu gehen. Aber Katharina schreibt ihm und packt ihn wohl so an seiner Ehre, dass er tatsächlich zurückkehrt. Wenn wir manchmal denken, die Situation unserer Kirche ist so schlimm wie nie, dann hilft es tatsächlich oft, in die Geschichte der Kirche zurückzuschauen und zu merken, dass es oft schon große Sünden, Versäumnisse, Fehlentscheidungen und so unglaubliche Dinge gegeben hat, die man heute lieber schamvoll verschweigen würde. Aber es hat zu allen Zeiten, gerade auch zu ganz schlimmen Phasen der innerkirchlichen Zustände, immer Männer und Frauen gegeben, die sich eingesetzt haben und alle ihre Fähigkeiten eingesetzt haben, um etwas zu tun und die Kirche wieder auf den Weg des Evangeliums zu bringen. Katharina von Siena war eine dieser starken Frauen, die aus Liebe zu Christus und seiner Kirche viel auf sich genommen hat, viele Menschen für Christus gewinnen konnte, und selbst immer wieder gewagt hat, über sich selbst und die Grenzen der damaligen Zeit in Kirche und Gesellschaft hinauszuwachsen. Sie sagte damals unmissverständlich: "Gebt euch nicht mit Kleinem zufrieden, Gott erwartet Großes!" Das hat seine Gültigkeit nicht verloren.
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Heute haben wir wieder eine Zoomkonferenz. Eine dieser fast Neu-Erfindungen der Pandemiezeit, die sehr geholfen hat, dass Treffen und Austausch stattfinden konnten, selbst wenn wir in Quarantäne saßen und Präsenztreffen einfach nicht möglich waren. Jetzt würde es ja wieder gehen, aber wenn eine Mitschwester dafür einen Tag Anreise, das Treffen und dann einen Tag Abreise brauchen würde, ist es doch so sehr viel praktischer und zeitsparender. Man muss sich also ins Meeting einloggen und mit Video und Audio beitreten. Das Komische daran ist, dass man jetzt zwar die anderen sehen kann, die mit in der Konferenz sind und in ihren Büros an den Schreibtischen sitzen, aber man sieht auch sich selbst. Und das ist ja sonst nicht so, es sei denn, man hat einen Spiegel am Schreibtisch. Also sehe ich mich und die anderen und merke, wie fremd das ist, sich selbst und seine Gesichtszüge zu sehen. Und eben auch ohne Maske. Manchmal ertappe ich mich dabei, meine Mimik zu kontrollieren und freundlicher zu gucken und zu lächeln. Im Kreis am Konferenztisch sitzend, würde mir das im Traum nicht einfallen. Da sehe ich mich ja nicht. Im zweiten Korintherbrief habe ich einige Verse gefunden, die mich verblüfft haben, weil sie so klingen, als wären sie genau in mein Nachsinnen hineingeschrieben. Da heißt es: „Wir alle spiegeln mit enthülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wider und werden so in sein eigenes Bild verwandelt, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, durch den Geist des Herrn.“ Wir also, die Geschöpfe Gottes, sind durch seinen Geist dazu berufen, mit unserem Gesicht, mit unseren strahlenden Augen, unserem lächelnden Mund, die Herrlichkeit Gottes zu zeigen, um dadurch in sein eigens Bild verwandelt zu werden, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit. Wow, ich gebe zu, das ist echt beeindruckend und aber auch Aufgabe für jeden Tag. Einige von Ihnen kennen vielleicht den Gesang dazu: „Im Anschauen seines Bildes, da werden wir verwandelt in sein Bild“. Wenn ich das Angesicht und die Herrlichkeit Gottes widerspiegeln will und auch soll, dann ist es notwendig, immer wieder neu ihn anzuschauen. In seinem Wort, seinen Sakramenten, den Liedern und biblischen Bildern und in den Mitmenschen, die ja ebenso das Angesicht Gottes widerspiegeln.