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29 Minuten
Kaum eine historische Figur dürfte so bekannt sein wie Galileo Galilei. Ein Star des Wissens, ein Universalgelehrter. Der Schluss machte mit dem Weltbild, das die Erde im Mittelpunkt des Alls sah. Der kühn propagierte, dass die Erde sich um die Sonne drehte. Man findet ihn auf Postern, auf T-Shirts, als Figur, als Ikone und zugleich als Legende. Der geniale Forscher, der mit einem Blick durchs Fernrohr die Wahrheit erkannte, der der Kirche trotzte, dann vor der Inquisition zusammenbrach und widerrief, aber innerlich standhaft bleibt und beim Hinausgehen angeblich den berühmten Satz trotzig gemurmelt haben soll: Eppur si muove. Und sie bewegt sich doch. Die Geschichte vom standhaften Galileo Galilei ist eine der schönsten Erzählungen der europäischen Geistesgeschichte. Fast zu schön. Ein einzelner Mann gegen die Macht. Auf der einen Seite das Licht der Vernunft, auf der anderen Seite die Finsternis der Dogmen. Ein Held mit Fernrohr gegen Männer in roten Roben. Und wenn man ehrlich ist, das ist nicht nur Geschichte, das ist großes Theater. Vielleicht ist Galilei deshalb heute aktueller denn je. Nicht nur als Figur der Vergangenheit, sondern als Spiegel unserer Gegenwart. Denn die Frage ist nicht nur, was ist damals wirklich passiert? Sondern auch, warum erzählen wir uns diese Geschichte so, wie wir sie erzählen? Nur, wenn man genauer hinschaut, wird das Bild von Galilei unscharf. Oder vielleicht müsste man sagen: Es wird schärfer, aber auch komplizierter. Denn heute sieht man seinen Konflikt wesentlich differenzierter. Der historische Galilei unterscheidet sich vom Mythos doch recht deutlich.
28 Minuten
Wie konnte ein solcher Mann zu einer Legende werden? Wie konnte aus einem Eroberer, dessen Feldzüge Millionen Menschen das Leben kosteten, ein Nationalheld werden? Wie konnte aus einem Herrscher, dessen Name in Europa jahrhundertelang Angst auslöste, ein Denkmal werden, ein Flughafen, eine Schnapsmarke, ein Museum, seinen Namen tragen? Und was vielleicht am erstaunlichsten ist, wie konnte aus ihm ein deutscher Schlagersong werden? Und unsere Antwort: Wir erinnern uns nicht trotz der Gewalttaten an Dschingis Khan und andere Feldherren, sondern genau deswegen. Taten und Untaten müssen eine bestimmte Dimension erreichen, damit sie in die kollektive Erinnerung eingehen. Warum fällt es uns so schwer, beides gleichzeitig auszuhalten? Warum möchten wir Menschen immer entweder auf ein Denkmal stellen oder vom Denkmal stoßen? Warum fällt es uns so schwer zu akzeptieren, dass manche Menschen Helden und Monster zugleich waren? Dschingis Khan ist dafür ein extremes Beispiel. Denn seine Geschichte beginnt fast wie ein Märchen. Ein Junge verliert seinen Vater. Seine Familie verarmt. Verbündete verlassen sie. Feinde nehmen ihn gefangen. Er flieht. Er kämpft. Er überlebt. Er sammelt Gefährten um sich. Er steigt auf. Und irgendwann beherrscht er das größte Reich seiner Zeit. Hollywood hätte daraus vermutlich einen Film gemacht. Und wahrscheinlich würden wir im Kino mit dem Jungen aus der Steppe mitfiebern. Genau darin liegt die Gefahr. Wir lieben Aufstiegsgeschichten. Wir lieben Menschen, die aus dem Nichts kommen. Wir lieben Außenseiter. Wir lieben Sieger. Und manchmal vergessen wir dabei zu fragen, was der Preis dieses Sieges war. Denn die Karriere des Temüdschin war keine Erfolgsgeschichte im modernen Sinn. Sie war ein Eroberungszug. Eine Spur aus Gewalt. Eine Spur aus Unterwerfung. Eine Spur, die aus Angst gemacht war. Je erfolgreicher er wurde, desto länger wurde diese Spur. Und irgendwann reichte sie über einen ganzen Kontinent.
29 Minuten
Folgt man der populären Erzählung, dann war das deutsche Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg ein Mirakel aus vor allem vier Zutaten: 1. einer "Stunde Null", die einen totalen Neuanfang notwendig machte. 2. der Währungsreform 1948, die über Nacht die Schaufenster füllte. 3. dem Marshallplan, eine vor allem amerikanische Milliardenhilfe, die das Land flott machte. 4. dem Konzept der Sozialen Marktwirtschaft, untrennbar verbunden mit dem Namen Ludwig Erhard. Aber keine dieser Zutaten kann die tatsächliche Dynamik des deutschen Wirtschaftswachstums erklären. In Wirklichkeit ist das Wirtschaftswunder, so hat es der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser erforscht, eine lange Aufwärtslinie, die schon im Kaisserreich, also 1871 begann und von den beiden Weltkriegen nur gedämpft, aber nicht komplett ausgebremst wurde. Auch die Währungsreform ist auf einen bereits fahrenden Zug aufgesprungen. Ihr Urheber war nicht Ludwig Erhard, sondern ein junger amerikanischer Offizier namens Edward A. Tennebaum. Das hat der deutsche Wirtschaftshistoriker Carl Ludwig Holtfrerich dankenswerterweise aufgearbeitet. Erhard hat das Wirtschaftswunder, das kein Wunder war, allerdings sehr gut politisch vermarktet.
36 Minuten
Wenn die angebliche "Stunde Null" und die Währungsreform 1948 als Erklärung für den robusten Aufschwung der deutschen Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg nicht ausreichen - was war es dann? Die zwei verbleibenden Erklärungsversuche heißen: Marshallplan und Soziale Marktwirtschaft. Das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft wurde mehr vom Aufschwung getragen, als dass es dessen Ursache war. Das Wachstum machte Ludwig Erhards Konzept populär, nicht umgekehrt. Und der Marshallplan? Der war eine Kehrtwende der US-Politik. Eigentlich sollte, nach dem so genannten Morgenthau-Plan, Deutschland deindustriealisiert und zu einem Agrarland gemacht werden. Deutschland sollte die Fähigkeit verlieren, andere Staaten und deren Bevölkerung zu bedrohen. Aber 1947 erkannte man in Washington, dass Frankreich und Großbritannien wirtschaftlich zu schwach waren, um Treiber des europäischen Wiederaufbaus zu sein. Was die USA aber schon seit 1945 wussten: Der Bombenkrieg hatte zwar viele Städte in Schutt und Asche gelegt, aber die Industrie war noch weitgehend in Takt. Deutschland hatte nach 1945 mehr Industriekapital als vor dem Krieg. Und die Bevölkerung wuchs durch Vertriebene und Flüchtlinge aus dem Osten. Es gab also genug Arbeitskräfte. Der Marshallplan hatte zwei Effekte: Er half psychologisch, es kam Unterstützung von außen. In Tat und Wahrheit bestanden die Lieferungen aus den USA im Wesentlichen aus Rohbaumwolle und Tabak, nicht aus Maschinen und moderner Technik. In der deutschen Bevölkerung entstand trotzdem der Eindruck, der Aufschwung sei dem Marshallplan zu verdanken. Und der zweite Effekt: Wer Hilfe aus diesem Programm in Anspruch nahm, durfte in Deutschland Reparationen aus der laufenden deutschen Produktion entnehmen. Dadurch wurde die deutsche Wirtschaft von ihren Fesseln befreit. Deutschland war nach dem Krieg also arm, aber nicht unterentwickelt. Die Mythen um die vier Säulen des deutschen Wirtschaftswunders haben eine Eigendynamik entwickelt. Der eigentliche Treiber aber war die so genannte zweite wirtschaftliche Revolution, also die Zusammenführung von Wirtschaft, Wissenschaft und Technik. Deutschland produzierte komplexe Industrieanlagen, veredelte Produkte und hochwertige Fahrzeuge. Das ist bis heute die Basis für Deutschlands Ruf auf dem Weltmarkt.
24 Minuten
Der ikonische Wikingerhelm mit Hörnern ist ein Mythos, der maßgeblich auf den Opernzyklus „Der Ring des Nibelungen“ zurückgeht. Der Bühnenbildner Carl Emil Doepler hat die Hörner auf den Helmen erfunden, für die Walküren, für die Germanen, für die große Geste. Es entspricht dem Klischee des wilden Wikingers, der mit dem Hörnerhelm auf dem Kopf in die Schlacht zog. Dieses Motiv findet sich überall wieder: vom dicklichen Comic-Helden „Hägar der Schreckliche“ über den Zeichentrick-Helden „Wickie“ bis zu zahllosen Kino- und Fernsehbildern. Der gehörnte Helm ist sozusagen das Markenzeichen der Wikinger geworden. Dik Browne hat in den 70ern die Figur des Hägar geschaffen und seine Sprechblase spricht Bände: „Hägar der Schreckliche … das bin ich! Der Schrecken des Nordens! So einen Ruf muss man sich hart erarbeiten!!! Rauben und Brandschatzen … Tag und Nacht … da kannst du jeden Wikinger fragen!!!“ Das Faszinierende daran ist: Diese Bilder sind stärker als jedes Geschichtsbuch. Sie setzen sich fest, sie überleben jede Korrektur. Die Wahrheit kommt leise daher, der Hörnerhelm dagegen mit Pauken und Trompeten. Der Hörnerhelm der Wikinger ist eine der erfolgreichsten historischen Täuschungen überhaupt, ein Fake, der so gut ist, dass selbst Historiker irgendwann denken: „Na gut, vielleicht ein kleines Horn…“ Und wenn man sich dieses Bild einmal wirklich ernsthaft vorstellt, dann bekommt es etwas fast Komisches. Denn im Kampf wären diese Hörner eher ein Hindernis gewesen. Zwei Krieger, die sich ineinander verhaken, wie Hirsche im Wald, das wäre keine besonders effektive Kriegsführung gewesen. Wissenschaftlich ist die Sache eindeutig. Es gibt keinen einzigen archäologischen Fund, der belegt, dass Wikinger jemals Hörnerhelme getragen haben. Nicht einen. Der berühmteste Fund, der Gjermundbu-Helm aus Norwegen, zeigt uns etwas ganz anderes. Einen schlichten Eisenhelm, mit Nasenschutz, funktional, robust, gebaut für den Kampf, nicht für die Show.
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Über diesen Podcast

Columbus hat Amerika entdeckt, König Artus war ein edler Ritter und Caesar war ein genialer Feldherr. Es gibt nicht nur Fake News, sondern auch Fake History. Geschichte ist das, was die Mächtigen erzählen. Kaiser, Herrscher, Präsidenten. Sie erzählen von ihren Siegen, Eroberungen und Heldentaten. Kurz, sie erzählen, wie sie selbst gern gesehen werden wollen. So entstehen Mythen, Halbwahrheiten und Lügen. Legenden, die wir glauben, einfach, weil sie uns immer wieder so erzählt werden. Und sich dadurch ins kollektive Bewusstsein eingebrannt haben. Was passiert, wenn man nach den Besiegten fragt? Wenn man die Perspektive der Untertanen und Unterdrückten einnimmt? Wenn man nach Interessen fragt und nicht nur schwarz und weiß malt, sondern alle Farben einer Geschichte zulässt? Dann entpuppen sich viele der Heldensagen als: Fake History, als Lügen, Legenden und Irrtümer der Geschichte.
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„Fake History“

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