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29 Minuten
Folgt man der populären Erzählung, dann war das deutsche Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg ein Mirakel aus vor allem vier Zutaten: 1. einer "Stunde Null", die einen totalen Neuanfang notwendig machte. 2. der Währungsreform 1948, die über Nacht die Schaufenster füllte. 3. dem Marshallplan, eine vor allem amerikanische Milliardenhilfe, die das Land flott machte. 4. dem Konzept der Sozialen Marktwirtschaft, untrennbar verbunden mit dem Namen Ludwig Erhard. Aber keine dieser Zutaten kann die tatsächliche Dynamik des deutschen Wirtschaftswachstums erklären. In Wirklichkeit ist das Wirtschaftswunder, so hat es der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser erforscht, eine lange Aufwärtslinie, die schon im Kaisserreich, also 1871 begann und von den beiden Weltkriegen nur gedämpft, aber nicht komplett ausgebremst wurde. Auch die Währungsreform ist auf einen bereits fahrenden Zug aufgesprungen. Ihr Urheber war nicht Ludwig Erhard, sondern ein junger amerikanischer Offizier namens Edward A. Tennebaum. Das hat der deutsche Wirtschaftshistoriker Carl Ludwig Holtfrerich dankenswerterweise aufgearbeitet. Erhard hat das Wirtschaftswunder, das kein Wunder war, allerdings sehr gut politisch vermarktet.
36 Minuten
Wenn die angebliche "Stunde Null" und die Währungsreform 1948 als Erklärung für den robusten Aufschwung der deutschen Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg nicht ausreichen - was war es dann? Die zwei verbleibenden Erklärungsversuche heißen: Marshallplan und Soziale Marktwirtschaft. Das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft wurde mehr vom Aufschwung getragen, als dass es dessen Ursache war. Das Wachstum machte Ludwig Erhards Konzept populär, nicht umgekehrt. Und der Marshallplan? Der war eine Kehrtwende der US-Politik. Eigentlich sollte, nach dem so genannten Morgenthau-Plan, Deutschland deindustriealisiert und zu einem Agrarland gemacht werden. Deutschland sollte die Fähigkeit verlieren, andere Staaten und deren Bevölkerung zu bedrohen. Aber 1947 erkannte man in Washington, dass Frankreich und Großbritannien wirtschaftlich zu schwach waren, um Treiber des europäischen Wiederaufbaus zu sein. Was die USA aber schon seit 1945 wussten: Der Bombenkrieg hatte zwar viele Städte in Schutt und Asche gelegt, aber die Industrie war noch weitgehend in Takt. Deutschland hatte nach 1945 mehr Industriekapital als vor dem Krieg. Und die Bevölkerung wuchs durch Vertriebene und Flüchtlinge aus dem Osten. Es gab also genug Arbeitskräfte. Der Marshallplan hatte zwei Effekte: Er half psychologisch, es kam Unterstützung von außen. In Tat und Wahrheit bestanden die Lieferungen aus den USA im Wesentlichen aus Rohbaumwolle und Tabak, nicht aus Maschinen und moderner Technik. In der deutschen Bevölkerung entstand trotzdem der Eindruck, der Aufschwung sei dem Marshallplan zu verdanken. Und der zweite Effekt: Wer Hilfe aus diesem Programm in Anspruch nahm, durfte in Deutschland Reparationen aus der laufenden deutschen Produktion entnehmen. Dadurch wurde die deutsche Wirtschaft von ihren Fesseln befreit. Deutschland war nach dem Krieg also arm, aber nicht unterentwickelt. Die Mythen um die vier Säulen des deutschen Wirtschaftswunders haben eine Eigendynamik entwickelt. Der eigentliche Treiber aber war die so genannte zweite wirtschaftliche Revolution, also die Zusammenführung von Wirtschaft, Wissenschaft und Technik. Deutschland produzierte komplexe Industrieanlagen, veredelte Produkte und hochwertige Fahrzeuge. Das ist bis heute die Basis für Deutschlands Ruf auf dem Weltmarkt.
24 Minuten
Der ikonische Wikingerhelm mit Hörnern ist ein Mythos, der maßgeblich auf den Opernzyklus „Der Ring des Nibelungen“ zurückgeht. Der Bühnenbildner Carl Emil Doepler hat die Hörner auf den Helmen erfunden, für die Walküren, für die Germanen, für die große Geste. Es entspricht dem Klischee des wilden Wikingers, der mit dem Hörnerhelm auf dem Kopf in die Schlacht zog. Dieses Motiv findet sich überall wieder: vom dicklichen Comic-Helden „Hägar der Schreckliche“ über den Zeichentrick-Helden „Wickie“ bis zu zahllosen Kino- und Fernsehbildern. Der gehörnte Helm ist sozusagen das Markenzeichen der Wikinger geworden. Dik Browne hat in den 70ern die Figur des Hägar geschaffen und seine Sprechblase spricht Bände: „Hägar der Schreckliche … das bin ich! Der Schrecken des Nordens! So einen Ruf muss man sich hart erarbeiten!!! Rauben und Brandschatzen … Tag und Nacht … da kannst du jeden Wikinger fragen!!!“ Das Faszinierende daran ist: Diese Bilder sind stärker als jedes Geschichtsbuch. Sie setzen sich fest, sie überleben jede Korrektur. Die Wahrheit kommt leise daher, der Hörnerhelm dagegen mit Pauken und Trompeten. Der Hörnerhelm der Wikinger ist eine der erfolgreichsten historischen Täuschungen überhaupt, ein Fake, der so gut ist, dass selbst Historiker irgendwann denken: „Na gut, vielleicht ein kleines Horn…“ Und wenn man sich dieses Bild einmal wirklich ernsthaft vorstellt, dann bekommt es etwas fast Komisches. Denn im Kampf wären diese Hörner eher ein Hindernis gewesen. Zwei Krieger, die sich ineinander verhaken, wie Hirsche im Wald, das wäre keine besonders effektive Kriegsführung gewesen. Wissenschaftlich ist die Sache eindeutig. Es gibt keinen einzigen archäologischen Fund, der belegt, dass Wikinger jemals Hörnerhelme getragen haben. Nicht einen. Der berühmteste Fund, der Gjermundbu-Helm aus Norwegen, zeigt uns etwas ganz anderes. Einen schlichten Eisenhelm, mit Nasenschutz, funktional, robust, gebaut für den Kampf, nicht für die Show.
24 Minuten
Im März 2022 gab es ein kleines Zeitfenster, in dem ein schneller Waffenstillstand und Friedensverhandlungen möglich schienen. Die Formel des so genannten Istanbuler Kommuniqués hieß: Keine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine, die dafür aber Mitglied der EU werden könnte. Doch die NATO unterstützte diese Verhandlungen nicht. Und bei einem Besuch des britischen Premiers Boris Johnson in Kiew machte der dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj klar, dass ein miltärischer Sieg Vorrang vor einem Frieden zu schlechten Konditionen sei. US-Außenminister Austin erklärte am 25. April 2022 in Ramstein, die USA wolle Russland auf Dauer militärisch schwächen. Zu dieser Schwächung gehörte auch die Verhinderung der deutsch-russischen Gaspipeline Nordstream2. US-Präsident Biden hatte kurz vor dem Überfall Russlands auf die Ukraine gesagt: "Wenn Russland einmarschiert, dann wird es Nordstream2 nicht mehr geben." Insofern rückt die Frage nach der Urheberschaft des Anschlags auf Nordstream2 in den Mittelpunkt. Inzwischen ist wohl klar, dass die CIA in die Sprengung durch ein ukrainisches Team eingeweiht war. Das enstspricht der Wolfowitz-Doktrin, nach der ein Bündnis zwischen Russland und Deutschland nicht im Interesse der US-Außenpolitik liegt.
29 Minuten
Hat der russisch-ukrainische Krieg wirklich erst mit dem russischen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 begonnen? Oder mit der Annexion der Krim? Oder vielleicht schon sehr viel früher? Für die Beurteilung ist die Vorgeschichte des Krieges wichtig. In der ersten Folge dieser Episode geht es darum, wie umkämpft die Ukraine durch die Jahrhunderte war. Sie geriet immer wieder zwischen die Fronten der europäischen Machtpolitik. Nach dem Zerfall der Sowjetunion versuchte die Ukraine, als neutraler Staat ihren Platz zwischen Russland und dem Westen zu finden. Für Russland war der Verzicht auf eine NATO-Osterweiterung für das eigene Sicherheitsinteresse von großer Bedeutung. Aber die NATO-Beitritte von Polen Tschechien, Ungarn, später dann auch von Rumänien und den baltischen Staaten wurde von Russland als Provokation empfunden. Als dann auch noch die Ukraine in die NATO aufgenommen werden sollte, war für Russland eine rote Linie überschritten. Eine große Rolle für die Außenpolitik der USA spielt dabei die Wolfowitz-Doktrin, nach der ein Bündnis zwischen Russland und Deutschland unbedingt verhindert werden soll. Deshalb war den USA auch das deutsch-russische Projekt Nordstream 2 ein Dorn im Auge.
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Über diesen Podcast

Columbus hat Amerika entdeckt, König Artus war ein edler Ritter und Caesar war ein genialer Feldherr. Es gibt nicht nur Fake News, sondern auch Fake History. Geschichte ist das, was die Mächtigen erzählen. Kaiser, Herrscher, Präsidenten. Sie erzählen von ihren Siegen, Eroberungen und Heldentaten. Kurz, sie erzählen, wie sie selbst gern gesehen werden wollen. So entstehen Mythen, Halbwahrheiten und Lügen. Legenden, die wir glauben, einfach, weil sie uns immer wieder so erzählt werden. Und sich dadurch ins kollektive Bewusstsein eingebrannt haben. Was passiert, wenn man nach den Besiegten fragt? Wenn man die Perspektive der Untertanen und Unterdrückten einnimmt? Wenn man nach Interessen fragt und nicht nur schwarz und weiß malt, sondern alle Farben einer Geschichte zulässt? Dann entpuppen sich viele der Heldensagen als: Fake History, als Lügen, Legenden und Irrtümer der Geschichte.
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„Fake History“

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