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SchönerDenken FilmPodcast Archiv

313 Episoden
18 Minuten
Es ist eine der wunderbaren Traditionen von Nippon Connection, dass sich die Blogger und Podcaster freitags zu einem Frühstück treffen – zum sogenannten Powwow. 2020 und 2021 konnte das Festival nur online stattfinden (war dabei aber sehr erfolgreich), 2022 konnten wir endlich wieder nach Frankfurt kommen und uns sehen. Wie immer nehmen wir beim Frühstück eine Vorstellungsrunde auf, bei der jede und jeder von den Highlights des bisherigen Festivals berichtet. Viel Spaß beim Hören! In den Kapitelmarken kann man sehen, wer 2022 dabei war:

00:00 Start/Begrüßung

00:23 Die Melanie

00:55 Johannes (Untersammlung)

02:34 Fang Yi

03:11 Lucas (Longtake)

06:03 Helena (Sneaky Monday / bedroom disco)

06:54 Malte (Sneaky Monday / bedroom disco)

08:43 Daniel (Altstadtkino)

13:22 Andras

15:04 Thomas (SchönerDenken)

17:55 Ende

Über diese Filme haben wir gesprochen:

A Madder Red

Eureka

Intolerance

Inu-Oh

Just The Two Of Us

Let Me Hear It Barefoot

Mein Nachbar Totoro

Melting Sounds

My Brother, The Android And Me

Ninja Girl

Okabre Plays A Page Of Madness

Parasite In Love

Popran

Salaryman

Satoshi KON – The Illusionist

Sensei, Would You Sit Beside Me

Small, Slow But Steady

Talking The Pictures

Target

The Mole Song: Final

The Sunday Runoff

They Say Nothing Stays The Same

We Made A Beautiful Bouquet

Wheel Of Fortune And Fantasy

Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0

Quelle: SchönerDenken
14 Minuten
Selten hat bei einem Film die Vorerwartung so haargenau getroffen wie hier:

1. Die Story wird eher dünn sein, vielleicht sogar dünner als beim ersten AVATAR. Check.

2. Man muss sich den Film auf jeden Fall in 3D auf der großen Leinwand anschauen, denn die Illusion wird beeindruckend sein. Check.

Und damit ist eigentlich schon fast alles gesagt. Etwas genauer gesagt: Die Story ist kaum vorhanden: Mann flieht mit seiner Familie, Mann wird von seinem Feind eingeholt, Mann muss sich dem Kampf stellen, Vater-Sohn-Konflikte werden angedeutet. Fertig. Mehr ist nicht da. Gefühle gibt es nur auf einer Klischee-Ebene.

Die Feinde sind fast ohne den Hauch einer Schattierung blutrünstige, geldgeile, schwerbewaffnete Söldner und Unternehmer, die indigene Völker, deren Lebensraum und intelligente Meeresbewohner vernichten – also wir. Und die Guten sind sexy Indianerschlümpfe – jetzt in der schwimmfähigen Variante. Über deren Kultur, über deren Vergangenheit erfahren wir nichts – sie sind einfach nur unsere Projektion der edlen Wilden, naturverbunden, naiv, ein klein bisschen doof. So wie wir es uns vorstellen. Keine Schrift, keine Tempel, keine Eigenschaften, die fundamental anders wäre als bei Erdbewohnern. Das ist kein Worldbuilding, das ist eine blau angemalte Stereotypenmaschine. Dazu kommt in den wenigen Dialogen ein gelinde gesagt konservatives Weltbild an die Oberfläche („Der Vater ist der Beschützer“) und der Held ist immer noch der White Saviour, der schon wieder die edlen Wilden anführen muss. Das ist unoriginell, ideenlos, altbacken.

Trotzdem eine grandiose Kino-Erfahrung: In dem Moment, in dem wir unter die Wasseroberfläche gehen, findet eine Immersion statt, die jedem anderen computergenerierten Film um ein Jahrzehnt voraus ist: Die 3D-Effekte sind meisterhaft erarbeitet und durchgeführt, jede Lichtstimmung im Wasser, vor allem jede Bewegung der Tiere ist in jeder Sekunde absolut authentisch. Das ist – wie Guilermo del Toro gesagt haben soll – „Nation Geographic Under The Sea“ auf Speed. Ein Science-Fiction-Whalewatching, bei dem einem der Mund offensteht. Die Filmerzählung ist eine Bankrotterklärung, das Filmspektakel ist ein Meilenstein. Im Podcast direkt nach dem Film sind Gabriele, Johanna, Axel, Tom und Thomas am Mikrofon sehr unterschiedlicher Meinung.
8 Minuten
David Harbour hat uns in diesen Film gelockt und er ist großartig. David Harbour, nicht der Film. Einige Pointen kommen sehr gut, gerade auch die aus DIE HARD und HOME ALONE geklauten Gags. Aber aus der vielversprechenden Prämisse wird nicht herausgeholt, was möglich gewesen wäre – vor allem der Spagat zwischen zu süßer Weihnachtsromantik und expliziter Gewalt lässt Tom und Thomas direkt nach dem Kino fragen: Für welche Zielgruppe ist der Film gedacht? Die Idee stammt von den Drehbuchautoren Pat Casey und Josh Miller schon aus den 1990er Jahren: Der Pitch unter dem Titel DIE HARD SANTA war bestimmt überzeugender als der Film. Nach vier Weihnachtsbier kann man bestimmt über die Schwächen hinwegsehen und sich ganz auf David Harbour konzentrieren. Denn der ist Sahne. Wie immer.
15 Minuten
Es ging nicht nur darum einen Vergewaltiger zu stoppen, einen sehr erfolgreichen Mann, der seine Macht ausgenutzt hat, um junge Frauen, die von ihm abhängig waren, zu belästigen, auszunutzen, sich an ihnen zu vergehen und ihre Leben zu zerstören. Es ging auch auch darum, das System aufzudecken, dass diesen Mann über Jahrzehnte geschützt hat – ein System von Drohungen und Schweigeverträgen, an dem viele beteiligt waren, Mitarbeiter, der Vorstand seiner Firma, Detektive und Anwälte. Und wer sich wehrte, dessen Karriere war vorbei. Alle, die es versucht hatten, waren daran gescheitert, die Wahrheit über den unantastbaren Hollywood-Mogul Harvey Weinstein zu veröffentlichen. Erst den beiden Journalistinnen Megan Twohey und Jodi Kantor ist es gelungen – ihre Recherche in der New York Times und der Mut der Frauen, die ihre Geschichte erzählt haben, beendete das frauenverachtende System Weinstein.

Maria Schraders Film konzentriert sich auf die langwierige, harte Arbeit, auf die Recherche, auf die Arbeit der Journalistinnen, die Geduld, die Rückschläge, die Zweifel, die unzähligen Telefonate. Dabei entwickelt der Film eine sogartige Wirkung: Während auf der Bildebene nur zwei Frauen hin und her laufen und telefonieren, steigt die Spannung immer weiter und erreicht Höhepunkte, wenn ein Stapel Papier auf einen Tisch gelegt wird oder ein Handy auf einem Tisch zurückgelassen wird. Der Film zeigt das Aufeinandertreffen völlig verschiedener Vorstellungen. Während die Monstrosität Weinsteins für ein mitleidloses, ausbeutendes, toxisches Patriarchat steht, verkörpern die Journalistinnen eine gleichberechtigte Welt, in der Frauen Top-Jobs haben und darin brillant sind und ihre Ehemänner versuchen, ihnen den Rücken freizuhalten.

Maria Schrader hat den richtigen Weg gefunden, diese Geschichte zu erzählen und einen großen Journalistinnenfilm geschaffen. Das finden – fast – alle der Üblichen Verdächtigen. Im Mainzer Programmkino Capitol dabei und direkt nach dem Film am Mikrofon waren: Heidi, Bettina, Kathrin, Johanna, Katharina und Thomas.
11 Minuten
Rian Johnson ist es gelungen mit KNIVES OUT das Agatha-Christie-Konzept ins 21. Jahrhundert zu übersetzen: clever, flott, witzig und eine tolle Bühne für starke Schauspieler:innen. Der zweite Teil, GLASS ONION, wiederholt das Konzept des ersten Teils: Der großartige Daniel Craig als Benoit Blanc, ein Verbrechen, alle Anwesenden mit Mordmotiv und Gelegenheit, diesmal sogar wie einst in DAS BÖSE UNTER SONNE auf einer Insel, abgeschnitten vom Rest der Welt. Statt aber die Zeit um 100 Jahre zurückzudrehen wie Kenneth Brannagh in seinen Agatha-Christie-Neuverfilmungen, gelingt es Rian Johnson, typische Figuren unserer Gegenwart aufzustellen und zu sezieren: ein Elon-Musk-ähnlicher Milliardär, ein Twitch-Influencer, kognitiv eingeschränkte Promis, Politiker auf dem Weg nach oben. Mit dem ersten Teil kann GLASS ONION nicht ganz mithalten, aber das ist immer noch exzellente Unterhaltung – ein wunderbarer Filmabend. Am Mikrofon direkt nach dem Film diskutieren Johanna, Harald, Tom und Thomas über Paul McCartneys Gitarre, über Kate Hudsons Blicke, über Zielgruppen und dritte Teile.
11 Minuten
Es gibt viele Gründe, die gegen den Film AMSTERDAM sprechen: die langen Dialoge, die auch das erklären, was man schon gesehen und verstanden hatte. Dazu die zusätzlichen Erklärungen durch die Off-Stimme des Erzählers und dass der Film zu oft gegen die Regel „Show. Don’t tell.“ verstößt. Es ist rätselhaft, warum der Film sich dennoch so gut anfühlt. Vielleicht liegt es am beeindruckenden Ensemble: Chris Rock, Anya Taylor-Joy, Zoe Saldana, Mike Myers, Michael Shannon, Timothy Olyphant, Taylor Swift, Matthias Schoenaerts, Alessandro Nivola, Rami Malek und Robert De Niro – und das sind nur die Nebenrollen. In den Hauptrollen: Christian Bale, Margot Robbie und John David Washington. Vielleicht liegt es auch an der Bildstimmung, die an Wes Anderson erinnert, vielleicht an den Gesangseinlagen der Veteranen. Man möchte den Film auf jeden Fall noch einmal schauen – und sich wieder zurücklehnen und lächeln.

Dabei geht es im Film (nach einer wahren Begebenheit) um Leben und Tod: Zwei Soldaten und eine Krankenschwester freunden sich im Ersten Weltkrieg an, eine Freundschaft, die alle Gefahren überdauern wird. Sie helfen sich gegenseitig aus der Patsche und geraten dabei in eine riesige Verschwörung, die angesichts der aktuellen Politik in den Vereinigten Staaten erschreckend aktuell anmutet. Um zu verstehen, was das mit Glasaugen, Vogelbeobachtung und Sterilisierungen zu tun hat, sollte ins Kino gehen. Im Mainzer Programmkino Palatin dabei und direkt nach dem Film am Mikrofon waren: Heidi, Bettina, Kathrin, Hendrik und Thomas.
17 Minuten
Die monströsen Verbrechen im Dritten Reich aus der Täterperspektive zu zeigen, das war die Absicht von Robert Schwentke. Er erzählt die weitgehend wahre Geschichte eines Gefreiten, der fahnenflüchtig oder versprengt, hinter der Front in einem Koffer eine Hauptmannsuniform findet, sich als Offizier mit Befehl vom Führer persönlich ausgibt und im Chaos der letzten Kriegstage andere Soldaten unter sein Kommando bringt. Mit herrischem Auftreten verhindert er, dass er kontrolliert wird. Aber aus der Köpenickiade wird ein absurdes Abschlachten. Den falschen Hauptmann (Max Hubacher) verschlägt es in einer Sammellager von Gefangenen. Dort beginnt er willkürlich oder als Standgericht Gefangene zu erschießen oder erschießen zu lassen.

Grotesk, erschreckend, erschütternd sind die Schwarzweissbilder von Robert Schwentke, dabei fast zu schön. Der Hauptmann wird immer sicherer und grausamer, seine Männer verlieren ihre Gewissensbisse, wenn sie welche hatten oder fallen in einen Blutrausch. Im Podcast direkt nach dem Film vor dem Kino diskutieren Bettina und Thomas, wie der Film geworden wäre, wenn Frederick Lau den falschen Hauptmann gespielt hätte, über Distanz durch Schwarzweiss, über die Illusion von Regeln und Ordnung und über die Enden des Films. Sie sind sich dabei sicher, dass sich die Verbrechen dieses selbsternannten Schnellgerichts unter ähnlichen Bedingungen wieder ereignen können. Zumindest in Deutschland.

Gesehen haben wir den Film auf dem Filmfestival FILMZ in Mainz 2022 und spoilern ausnahmsweise.
14 Minuten
Der tragische Tod von Chadwick Boseman hat eine große Karriere beendet, als sie gerade richtig angefangen hatte. Millionen Zuschauer hatten sich darauf gefreut, den so talentierten und so charismatischen Schauspieler in den nächsten Jahrzehnten in vielen Hauptrollen zu sehen. Auch Kevin Feiger und Ryan Coogler hatten mit ihm und Black Panther großes vor. Sie haben sich gegen eine Neubesetzung der Rolle entschieden und eine neue Geschichte konzipiert, eine Geschichte, wie es sie im Unterhaltungskino selten gibt, über Trauer, Wut, Verzweiflung, Rache, über den Tod und über den Versuch neu zu beginnen. Dabei zeigt der Film immer wieder eine Ernsthaftigkeit und eine Schwere in der Trauer um Back Panther/T’Challa, dass man den Eindruck hat, die Trauer um Chadwick Boseman ist in diesen Film eingeflossen. Das haben wir nicht erwartet. Und wir haben auch nicht erwartet, dass der Film sich so klar und unüberhörbar mit Kolonialismus und der politischen Realität der Ressourcenkriege auseinandersetzt. Wir haben nicht gerechnet mit der Leichtigkeit, mit der der Film zu 98 Prozent auf weiße Darsteller verzichtet oder damit, dass fast alle klugen und fast alle kämpfenden Charaktere schwarze Frauen sind. Es war verdammt an der Zeit. Repräsentation ist wichtig, so viel wichtiger als die meisten weißen Zuschauer denken, für die bisher fast alle Filme gemacht worden waren.

Shuri, T’Challas Schwester, kann ihren Bruder nicht retten, der in den ersten Minuten des Films an einer unbekannten Krankheit stirbt. Während die Trauer Shuri (Letitita Wright) und Königin Ramonda (phänomenal: Angela Bassett) belastet, versuchen alle Staaten an das Vibranium zu kommen und hoffen, dass Wakanda ohne den Schutz des Black Panther sich nicht wehren kann. Aber die eigentliche Gefahr kommt aus dem Meer und das wollen wir hier nicht spoilern. Im Podcast direkt nach dem Film versuchen Johanna, Tom und Thomas sich zu erklären, warum der Film so gelungen ist und so einen tiefen Eindruck hinterlassen hat – obwohl eigentlich einige Dinge gar nicht gehen: Ein Held hat alberne Flügelchen am Fuß wie eine Hermes-Parodie, die Songs sind eine Ethnowellnesszumutung (aber der Score ist super!) und wer zur Hölle ist auf die Idee gekommen, „Wakanda Forever“ ins Deutsche am besten mit „Wakanda über alles!“ zu übersetzen? Aber das alles macht dem Film nichts aus. Das ist so gutes Kino, wie ein Mainstreamsuperheldenunterhaltungsfilm es nur sein kann.
18 Minuten
Ohne Zweifel ein schöner, visuell kraftvoller Film mit einem großartigen Score von Howard Shore und beeindruckenden Schauspielern. Aber es ist völlig unklar, was uns Cronenberg sagen will mit seinem Film über eine Welt ohne Schmerzen und Infektionen, eine Welt, in der Operationen der neue Sex sind. Ohne eine Figur, die eine Brücke in diese Welt bietet, bleibt der Film kühl und distanziert: Mord einer Mutter an ihrem eigenen Kind bildet den Auftakt, ein Verbrechen, das in der in der Welt des Films wenig Aufregung verursacht. Was bedeutet die Selbstverstümmelung, was bedeuten die Mutationen? Ist ein Plastik essendes Kind eine Botschaft über unsere eigene plastikverseuchte Welt? Viele Fragen, wenig Relevanz. Diese Bodyhorror-Perle wirkte auf uns direkt nach dem Film wie aus der Zeit gefallen, schön, aber ohne Bedeutung. Am Mikrofon direkt nach dem Kino mit dem ersten Eindruck: Kathrin, Hendrik, Tom und Thomas.
6 Minuten
Warum? Warum haben wir uns diesen Film angetan? Wir hätten es besser wissen müssen. Wir und DC, das wird nichts mehr. Dwayne The Rock Johnson hat über Jahre viel investiert, um diese Rolle zu übernehmen. Aber das ganze Drehbuch ist ein einziger dramaturgischer Auffahrunfall: Die ersten 10 Minuten sind sterbenslangweiliges „Tell Don’t Show“. Black Adam lag 4.600 Jahre begraben. Mit dem Zauberwort Shazam wird er wieder mit seinen Superkräften ausgestattet. Dann taucht die „Justice Society“ auf, mit einer Parodietruppe (ich kann es nicht anders nennen), die Black Adam unter Kontrolle bringen will. Motivation der Figuren? Charakter? Entwicklung? Fehlanzeige. Die wenigen Pointen sind eher lauwarm und oft auffallend schlecht gesetzt. Lediglich Sarah Shahis Figur einer resoluten Professorin, die den Superhelden die Leviten liest, kann überzeugen. An den Darsteller:innen (Dwayne Johnson, Pierce Brosnan, Sarah Shahi, Djimon Hounsou, Viola Davis, Henry Cavill) hat es nicht gelegen. Es wird einen weiteren BLACK ADAM geben. Er kann nicht schlechter werden. Aber vielleicht begräbt man die Idee auch besser wieder für die nächsten 4.600 Jahre. Im Podcast brauchen Tom, Peter und Thomas nur wenige Minuten für diesen Film.

Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0

Quelle: SchönerDenken

Black Adam

USA 2022, 125 Min., Regie: Jaume Collet-Serra
23 Minuten
Wir suchen da draußen im Kosmos intelligente Außerirdische, einen zweiten Planeten – oder Gott. Aber wir werden uns nur selbst finden – und wenn wir eine fremde Intelligenz finden, werden wir sie nicht verstehen. Stattdessen wird sie uns spiegeln, unsere innersten Ängste, unsere Erinnerungen aus uns herausholen. Genau das beschreibt Stanislaw Lem in seinem Roman SOLARIS und Tarkovsky in seiner Verfilmung 1972: Die Männer aus der Station werden mit Verkörperungen ihres Unterbewussten konfrontiert, Doppelgänger, die nur wissen, was in der Erinnerung lag, Doppelgänger, die leben und atmen und unsterblich sind. „Gäste“ nennen die Wissenschaftler sie. Der Psychologe Kris Kelvin (Donatas Banionis) wird auf die Station geschickt, um zu entscheiden, was zu tun ist. Aber es geht ihm wie den anderen Männern. Aus seiner Erinnerung taucht seine ehemalige Freundin Hari auf, die sich nach der Trennung getötet hatte. Jetzt will Kris es besser machen, aber Hari ist genauso verzweifelt wie in seiner Erinnerung …

Direkt nach dem Film reden Johanna (die den Film zum ersten Mal gesehen hat) und Thomas über lange Kameraeinstellungen und noch längere Straßen in Akasaka (Tokio), über Kleider, die man aufschneiden muss, über männliche Perspektiven und die Verarbeitung gescheiterter Beziehungen, über verdichtete philosophische Gespräche (wo ist Daniel Brockmeier, wenn man ihn braucht?), beeindruckendes Raumstationsdesign, noch beeindruckenderes Kostümdesign und Foreshadowing durch Orgelmusik. Gesehen haben wir den Film in der digital restaurierten Fassung im russischen Original mit deutschen Untertiteln im Kommunalen Kino in Mainz, dem Cinemayence.
18 Minuten
Zwei Frauen in Leningrad haben den Krieg überlebt, eine als Soldatin, eine als Krankenschwester – beide sind versehrt und tragen mehr oder weniger sichtbare Narben. Ija, dünn und sehr groß (daher der Spitzname Bohnenstange), kümmert sich um den kleinen Sohn ihrer Freundin Mascha. Aber sie ist überfordert und erst spät versteht man als Zuschauer ihre Anfälle und ihre Krankheit. Auch die, die den Krieg überlebt haben, sterben, nicht für jeden gibt es eine Zukunft. Und manchmal ist der Tod gnädiger als das Leben. Maschas Kind stirbt und Ija soll ein neues Kind für Mascha auf die Welt bringen. Das soll die beiden traumatisierten Frauen aus ihrer Verzweiflung herausführen und alles heilen. Wir wissen aber, dass es keine Heilung gibt. Regisseur Kantemir Balagow findet für diese düstere Geschichte überraschend farbenfrohe Bilder oder zeigt einmal nur Stiefel statt Menschen, um uns nicht mit Gesichtern abzulenken. Starke Regie und wirklich beeindruckende Darstellerinnen, vor allem Wiktoria Miroschnitschenko als Bohnenstange Ija und Wassilissa Perelygina als ihre Freundin Mascha. Im Podcast direkt nach dem Film reden Johanna und Thomas über toxische Beziehungen, bekleidete Sexszenen und nackte Frauen, stilles Leid und Inzidenzmusik. Gesehen haben wir den Film im Kommunalen Kino in Mainz, dem Cinemayence.

Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0

Quelle: SchönerDenken

Musik von Johannes Klan

Bohnenstange (Dylda)

R 2019, 137 Min., Regie: Kantemir Balagow
19 Minuten
Es war klar, dass Michael Bully Herbig nicht der geeignetste Regisseur ist, um aus dem Skandal um Claas Relotius einen hochwertigen Thriller wie SHATTERED GLASS oder SPOTLIGHT zu erschaffen. Aber es ist dann doch erschreckend, wie leicht und seicht Bully hier eine harmlose Familienkomödie um einen der größten Journalistenskandale der letzten 50 Jahre bastelt. Worum geht es? Juan Romero (aka Juan Moreno) arbeitet mit dem preisgekrönten Überfliegerreporter Lars Bogenius (aka Claas Relotius) und stellt fest, dass an Bogenius Geschichte etwas nicht stimmt. Er recherchiert und stößt auf ein riesiges Lügengebäude. Aber die Chefs der Chronik (aka Der Spiegel) wollen nicht auf ihn hören. Also gräbt Romero tiefer …

Herbig verzichtet auf den Thrill der Geschichte – die potentielle Spannung der schrittweisen Enthüllung wird verschenkt, stattdessen konzentriert sich Herbig auf die zum Teil gelungene Ebene der Familienkomödie. Auch das Niveau von SCHTONK als Mediensatire oder der kluge Witz der Komödien von Adam McKay werden überhaupt nicht erreicht. Im Podcast direkt nach dem Film grübelt Bettina über die Hintergründe von Claas Relotius und die Schuldfrage nach und erinnert an den Skandal um LOVE MOBIL. Thomas bleibt hartleibig: Für Relotius/Bogenius gibt es keine Entschuldigung – nicht zu lügen ist die Kernkompetenz, die Grundvoraussetzung für die Arbeit als Journalist:in. Was im Film wahr ist und was für den Film erfunden worden ist, bleibt dann auch noch völlig unklar. Danke an Bettina und Johanna, die im strömenden Regen vor dem Palatin ausgeharrt haben – alles für den Podcast!

Hier findet Ihr alle unsere Podcast-Episoden über Journalistenfilme

Lese- und Hörtipp: Der Blog und Podcast Journalistenfilme.de von Patrick Torma

Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0

Quelle: SchönerDenken

Musik von Johannes Klan

Tausend Zeilen

D 2022, 93 Min., Regie: Michael Bully Herbig
13 Minuten
Es ist ein Traum von einer Welt: die 1950er Jahre – Alice und Jack leben in der Victory-Siedlung in der Wüste, luxuriös, perfekt, aber abgeschieden vom Rest der Welt. Die Männer dürfen nicht über ihren Job reden, die Frauen kümmern sich gefügig um Haushalt und Kinder, drinken Cocktails mit den Nachbarinnen und führen ein sorgloses Leben. Eigene Entscheidungen aber können sie nicht treffen. Alice fällt auf, dass etwas nicht stimmt in dieser Welt. Als ihre Freundin Margaret paranoid wird, fängt sie an zu zweifeln … Als Zuschauer kann man sich einen Spaß daraus machen, die vielen Vorbilder und Zitate in diesem dystopischen aber bunten Science-Fiction zu finden: THE STEPFORD WIVES, TRUMAN SHOW oder WELT AM DRAHT. Olivia Wilde nutzt die Twisttechnik von M. Night Shyamalan und erschafft eine wunderschöne Welt, deren Bedrohlichkeit immer stärker spürbar wird. Der Kopf des Victory-Projects ist Frank – offenbar inspiriert vom umstrittenen Psychologen Jordan Peterson – sehr beeindruckend gespielt von Chris Pine. Die Szenen zwischen Chris Pine und Florence Pugh gehören zu den Highlights des Films. Im Podcast direkt nach dem Film gehen die Meinungen auseinander: Sind die Rollenbilder von Frauen und Männern nicht zu simpel? Sind die Träume der Männer tatsächlich so primitiv? Fehlt das „Geheimnis“? Fast alle der Üblichen Verdächtigen empfinden den Film als langatmig oder sogar langweilig und vermissen Substanz und Relevanz. Thomas ist als einziger überzeugt vom Film – er lobt die Atmosphäre der Bedrohung, die Bildkraft und das gebremste Erzähltempo. Für ihn ist die simple und höchst reaktionäre Welt von Victory ein feuchter Traum der US-Republikaner und hoch aktuell. Hört selbst. Am Mikrofon direkt nach dem Film: Heidi, Katharina, Johanna, Tom und Thomas.

Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0

Quelle: SchönerDenken

Don’t Worry Darling

USA 2022, 123 Min., Regie: Olivia Wilde
1 Stunde 31 Minuten
Für einen ganz besonderen Film braucht man einen besonderen Gast: SOY CUBA bespricht Thomas mit Tom Schünemann, der kluge Kopf hinter filmsucht.org – eines der informativsten und schönsten deutschsprachigen Filmblogs. Tom kannte SOY CUBA bereits, für Thomas war es eine Neuentdeckung, als ein Ausschnitt der legendären Plansequenz auf Twitter gepostet wurde. Anderthalb Stunden haben wir uns Zeit genommen, um uns dem lange Zeit vergessenenen Meisterwerk SOY CUBA anzunähern, einem sowjetischen Propagandafilm über die Vorgeschichte der kubanischen Revolution, gedreht direkt nach der Revolution. Die Sowjetunion schickte mit dem Regisseur Michail Kalatosov und dem Kameramann Sergei Urussewski die besten ihrer Zunft nach Kuba, ausgestattet mit Geld und umfangreicher Ausrüstung, die als Förderung der kubanischen Filmkultur dort blieb. Zwei Jahre dauerten die Dreharbeiten für den Film, der weder bei den Russen noch den Kubanern gut ankam – den Russen war er zu naiv, den Kubanern nicht positiv genug auf Kubas Zukunft ausgerichtet. Und so verschwand der Film, um erst Anfang der 1990er Jahre wieder aufzutauchen. Scorsese und Coppola waren begeistert und entschlossen sich, eine Neuveröffentlichung zu produzieren.

Das Besondere an SOY CUBA ist seine visionäre Bildsprache und bahnbrechende Kameraarbeit: Kalatosov und Urussewski nutzen viele verschiedene filmische Mittel, um die immersive und emotionale Wirkung der Bilder zu verstärken. Den tiefsten Eindruck hinterlässt eine atemberaubende Plansequenz, die den Trauerzug für einen ermordeten Studenten zeigt. Die Kamera startet am Sarg, mitten unter den Menschen und löst sich dann, fliegt langsam schwerelos nach oben, zeigt immer mehr eine beeindruckende Totale hoch über der Straße, fliegt über die Menschen, verlässt ohne Schnitt den Trauerzug, schwebt durch eine Fabrik, durch ein Fenster wieder hinaus und wieder über den Trauerzug. Als Zuschauer bleibt einem der Mund offen stehen. Im Podcast sprechen Tom und Thomas über die Kameras und die einfallsreiche Technik, die dafür eingesetzt worden ist. Sie sprechen unter anderem über die vier Akte, die vier unterschiedlichen Protagonisten folgen, über Propaganda, Eisenstein, über die kubanische Geschichte, über die Dreharbeiten und die Produzentin Bela Fridman, über rauschhafte Tanzszenen, gefährliche Matrosen, Spartakus-Momente und erklären, warum Regisseur Kalatosov von den Kubanern das „sibirische Mammut“ genannt wurde.

Toms Filmkritik findet Ihr hier auf filmsucht.org.

Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0

Quelle: SchönerDenken

Trigon-Films (Link zur DVD)

Musik von Johannes Klan

Soy Cuba (Ich bin Kuba)

Kuba 1964, 135 Min., Regie: Michael Kalatosov
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Der erste Eindruck direkt nach dem Kino