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313 Episoden
19 Minuten
Mit einem Betäubungsmittel für Vieh wurden die Frauen einer Mennonitengemeinde narkotisiert und vergewaltigt. Als die Opfer sich äußern, erklären die Ältesten (Männer), dass es der Teufel gewesen sei oder dass die Frauen sich wichtig machen wollten. Bis die Täter erwischt und verhaftet werden. Als alle Männer in die Stadt gehen, um für die Täter Kaution zu zahlen, werden die Frauen aufgefordert, den Tätern zu verzeihen – ansonsten müssten sie die Gemeinde verlassen und würden nicht in das Himmelreich einkehren. Die Frauen treffen sich zu einer Aussprache, ob sie bleiben und den Männern verzeihen sollen, ob sie bleiben und kämpfen sollen oder ob sie die Gemeinde verlassen sollen. Eine ausgewählte Gruppe von Frauen trifft sich ohne Wissen der Männer zu einer Aussprache – sie haben einen Tag sich zu entscheiden.

Nur selten verlässt der Film die Scheune, in denen die Frauen diskutieren. Bildung ist ihnen verboten, sie brauchen den jungen Lehrer der Gemeinde (Ben Whishaw), um Protokoll zu führen, da sie weder lesen noch schreiben können. Aber sie wissen, dass sie die Gewalt nicht länger ertragen können, dass sie zu Mörderinnen werden, wenn die Männer zurückkommen. Gegenseitige Vorwürfe und Solidarität, Wut, Rachefantasien und Geduld durchziehen die Gespräche. Katharina und Thomas sind nach dem Film noch sehr berührt. Der Schmerz der Frauen, ihre Verzweiflung und ihre Kraft werden fühlbar und am Ende hat das Publikum Angst vor den Männern, die zurückkommen werden. Sarah Polley schafft es, die Übergriffe nicht zu zeigen, überhaupt (außer dem Lehrer) keine Männer zu zeigen – sie konzentriert sich ganz auf die Gesichter und Stimmen der Frauen. Nicht ganz – Katharina und Thomas hätten auch gerne auf die Filmmusik, die angedeutete Liebesgeschichte und die Offstimme verzichtet. Es hätte den Film noch eindrücklicher gemacht, als er ohnehin schon ist.
6 Minuten
Otto ist ein Pedant, er ärgert sich über falsch sortierten Müll, hässliche kleine Hunde, Autofahrer, die sich nicht an Regeln halten. Und Otto ist alt, einsam, verbittert und am Ende seiner Kraft. Aber dann platzt die hochschwangere Marisol in sein Leben, mit zwei süßen Töchtern und einem trotteligen Mann. Grumpy oder nicht, Otto wird in Marisols turbulentes Leben hineingezogen. Aber besonders emotional wird der Film, wenn wir mitgenommen werden in Ottos Vergangenheit, seine verstorbene Frau Sonja kennenlernen und Zeuge werden einer ebenso komischen wie traurigen Liebesgeschichte. Vielleicht ist EIN MANN NAMENS OTTO nicht besonders originell und innovativ, aber wunderbares Gefühlskino – die beiden alten Romantiker Tom und Thomas haben auf jeden Fall den Otto in sich entdeckt, viel gelacht und noch mehr geweint. Im Podcast direkt nach dem Film reden Tom und Thomas vor allem über Tom Hanks und haben dabei gar nicht über die Szene mit dem Clown gesprochen: Da konnten wir Otto besonders gut verstehen.

Der Film ist ein Remake von „Ein Mann namens Ove“ von Hannes Holm aus dem Jahr 2015, zugleich eine Adaption des gleichnamigen Romans von Fredrik Backman aus dem Jahr 2012.
19 Minuten
Das Drama UNDER THE STARS von Tatsushi Omori reisst viele Themen an: Im Mittelpunkt steht das Mädchen Chichiro (Mana Ashida), deren Eltern einer Sekte angehören und mit einem Waschlappen auf dem Kopf an energetisch aufgeladenes Wasser glauben. Chihiro ist in einem schwierigen Prozess zwischen Ablösung und Bindung, Ablehnung und Versöhnung. Auch in der Schule ist es durch Mobbing des Lehrers schwierig. Bei Thomas hat die Darstellung der Sekte als eher dämlich aber auch eher harmlos etwas getriggert und einen offenbar sehr empfindlichen Punkt berührt – er sieht hier das große Problem, dass der Film Sekten gegenüber keine Haltung zeigt. Das hat Lucas ganz anders wahrgenommen. Wer die Nerven hat, fast 20 Minuten meinungsstarken Streit zwischen Lucas und Thomas zu hören, bitte, hier ist die Gelegenheit. Zwischendurch und am Ende findet Andras immerhin in diesem Schlagabtausch moderierende Worte. Wir haben den Film auf Nippon Connection 2022 gesehen. Und keine Bange: Die heftige Diskussion hat das freundschaftliche Verhältnis zwischen Lucas und Thomas nicht getrübt :-)
13 Minuten
Ein junger Mann (Masaki Suda) und eine junge Frau (Kasumi Arimura) verpassen beide den letzten Zug, lernen sich kennen, haben den gleichen Popkulturgeschmack und verlieben sich. Nach einer unbeschwerten Zeit folgt die Realität – er will in seinem Job Karriere machen und Salaryman werden, sie glaubt weiter an Romantik und Selbstverwirklichung. Aus der romantischen Komödie wird ein Beziehungsdrama. Der Film lässt dabei Raum, beiden Partnern zu folgen, sich ein eigenes Bild zu machen und denkt die RomCom zuende – bis zur Trennung. Lucas und Johannes haben den Film auf Nippon Connection 2022 gesehen und haben diese Kuckucksei-Folge direkt nach dem Film aufgenommen. Kuckucksei-Folge, weil diese SchönerDenken-Episode ganz ohne SchönerDenken entstanden ist. Das ist schon unsere vierte Kuckucksei-Folge – damit haben wir wohl das Nippon Connection-Podcast-Spiel endgültig durchgespielt :-) Vielen Dank an Lucas und Johannes!
12 Minuten
Ein junger Mann und eine junge Frau mit unterschiedlichen psychischen Krankheiten, die ein Zusammenleben eigentlich unmöglich machen, verlieben sich. Die Ursache: ein Parasit, der die Anziehung auslöst. Eine Manga-Verfilmung, die immer dann überzeugt, wenn sie überdreht in der Darstellung und in den Spezialeffekten. Kensaku Kakimotos Film ist Liebesgeschichte, Science-Fiction, Drama und Komödie, schlingert aber unentschlossen durch seine Themen. Das zentrale Thema wird nicht auserzählt: Ist die Liebe nur eine chemische Reaktion, nur eine parasitäre Krankheit? Und würde sie das weniger wahr machen? Schwierig ist vor allem, dass wir als Zuschauer hier in die Situation kommen über Menschen mit psychischen Krankheiten zu lachen. Dafür ist der Film aber einfach zu grob gestrickt. Wir haben den Film mit gemischten Gefühlen auf Nippon Connection 2022 gesehen und direkt nach dem Film waren am Mikrofon: Malte (SneakyMonday), Steffen (Vilmferrückt), Lucas (Longtake), Johannes (Untersicht) und Thomas.
13 Minuten
Yuko (Kumi Takiuchi) ist eine junge Journalistin, die eine Reportage dreht über Mobbing an einer Schule, eine Schülerin und ein Lehrer haben sich getötet, es geht um sexuellen Missbrauch, Drohungen, Lügen und Vertuschungen. Ihre Suche nach der Wahrheit kollidiert mit der Vorgabe der Redaktion, quotenwirksam Schuldige an den Pranger zu stellen. Eine wahrheitsgemäße Darstellung der Geschehnisse spielt für den Sender keine Rolle. Und niemand kommt auf die Idee, dass Täter öffentlich gemacht werden müssen. Yuko, die wirkt als wolle sie die Welt retten, gerät immer mehr ins Schlingern, je näher sie der Wahrheit kommt. Regisseur Yujiro Harumoto setzt diese Geschichte in langen Einstellungen und mit viel Handkamera in Szene, er lässt die Uhren laut ticken. Das lässt nicht nur die erzählte Zeit spürbar werden, sondern auch die Länge des Films (153 Minuten). Beim ersten Schauen nicht überzeugend. Direkt nach dem Film am Mikrofon: Lucas Barwenczik (Longtake), Johannes, Andras und Thomas.
10 Minuten
Ein Mann steht eines Tages ohne seinen Penis da. Sein bestes Stück hat sich selbstständig gemacht und fliegt blitzschnell durch die Lüfte. Nur sechs Tage bleiben, um den Penis wieder einzufangen. In erster Linie eine Metapher darauf, wenn man sein „mojo“ verloren hat – dann geht es zurück in die eigene Vergangenheit, um sich über sich selbst und die eigenen Fehler klarzuwerden. Dann erst kann es gelungen, den blitzschnellen Penis einzufangen. Im Grunde ist es eine japanische Komödienversion von Dickens‘ Weihnachtsgeschichte. Wir haben viel gelacht über Shinichiro Uedas neuen Film, aber vermissen natürlich den formalen Spielwitz von Uedas ONE CUT OF THE DEAD. Wir haben den Film auf NIPPON CONNECTION 2022 gesehen. Direkt nach dem Film am Mikrofon: Lucas Barwenczik, Matthias und Thomas.
13 Minuten
Ein Krimi, ein film noir, eine Liebesgeschichte, ein Melodram, eine Komödie, voller Bezüge zum US-Schwarzweisskino der 1940er und 1950er Jahre – und doch ist Park Chan-wooks Film etwas ganz eigenes, etwas einzigartiges. Typisch für einen film noir ist die Kombination des Polizisten, der versucht das Richtige zu tun, und der charismatischen femme fatale, die unter Verdacht steht. Der Polizist Hae-jun (Park Hae-il) glaubt, dass die Witwe Seo-rae (Tang Wei) ihren Mann ermordet hat. Während er der Wahrheit näher kommt, kommt er auch der aus China stammenden Seo-rae immer näher. Die kleinen Gesten, die Wortwechsel, die koreanisch-chinesischen Sprachspiele, die Perspektiven – Chan-wooks Inszenierung ist einfallsreich und überraschend und gibt der Geschichte eine enorme Intensität.

Im Podcast direkt nach dem Film sind die Üblichen Verdächtigen sehr beeindruckt und diskutieren über Ameisen auf der Kameralinse, über grafische, konstrastreiche Bilder, über das Flimmern zwischen den Genres, über brillante, komische Momente, über eine enorme emotionale Präsenz, über die großartigen Darsteller, über die Inszenierung und Mehrdeutigkeit des Essens und des Kochens, über die Liebe zu allen Figuren, über Handcreme, Bratäpfel und Jackentaschen. Alle wollen den Film noch einmal sehen. Am Mikrofon direkt nach dem Film vor dem Capitol-Kino: Katharina, Johanna, Heidi und Thomas.
14 Minuten
Niemand ist so verrückt, einen Film über die Magie des Films zu machen, wenn der Film selbst keinen Hauch Magie verströmt. Niemand würde sich selbst so überschätzen, einen Kinofilm zu drehen mit dem Anspruch jetzt das allerletzte, finale, letztgültige Schlusswort zum Thema Kino zu verkünden. Dieser Niemand ist Damien Chazelle. Es ist aufregend, Chazelle zuzuschauen, wie sein Film an den Ambitionen seines Regisseurs zerbricht.

Worum geht? Zwischen großen Parties, die mit viel zu vielen und daher wirkungslosen nackten Brüsten und wackelnden Popos bevölkert sind, gibt es eine unaufgeräumte Handlung um vier Protagonisten: einen Stummfilmstar a la Douglas Fairbank, der am Tonfilm scheitert, eine junge, wilde, drogensüchtige Schauspielerin, die an sich sich selbst scheitert, einen begnadeten farbigen Trompeter, der nicht schwarz genug ist und einen mexikanischen Tausendsassa, der sich in die falsche Frau verliebt.

Statt den Zwischentönen dieser interessanten Figuren Raum zu geben, werden sie immer wieder von großem Getöse und Massenszenen zur Seite geschoben, wie die zarte Annäherung zweier Frauen, die von einem Riesenrüpel mit dem Schrei „Arschbombe“ rüde auseinandergedrängt werden. Immer, wenn die Geschichte zart und besonders wird, lässt jemand die Hose herunter, springt Margot Robbie hysterisch und mehr oder weniger nackt durchs Bild oder es wird mit einer Schlange gekämpt oder mit einem Alligator oder jemand kotzt literweise dem Gastgeber eines eleganten Empfangs ins Gesicht.

Es ist schade um wunderbare, einzelne Szenen, um witzige Einfälle, um Küsse vor dem Sonnenuntergang. Diese Glanzlichter verblassen auch zwischen den Dialogen, in denen voller Pathos aber ohne Sinn über den Zauber des Kinos geraunt wird. Eher ein Film für Hollywood als ein Film über Hollywood. Im Podcast direkt nach dem mehr als drei Stunden langen Film reden wir über gelungene und misslungene Elemente, über Spaß, Irritation und Frustration im Zuschauerraum, über Musik, die (findet zumindest Thomas) leider genauso einfallslos und melancholisch-monoton ist wie in LA LA LAND, über die Notdurft eines Elefanten und Schuhcreme. Am Mikrofon vor dem Kino spät in der Nacht: Bettina, Uwe, Hendrik, Tom und Thomas.
5 Minuten
Thomas hatte große Erwartungen, denn der Vorgänger BLOOD OF WOLVES hatte überzeugt. Den Nachfolger LAST OF THE WOLVES haben wir auf Nippon Connection 2022 gesehen und waren direkt nach dem Film etwas ersoffen im (Film-)Blut. Der Film ist einfallsreich in der expliziten Gewaltdarstellung, hat starke Darsteller:innen und ist sehr gut inszeniert. Er ist aber auch verworren in seiner Handlung zwischen den verfeindeten Yakuzas und braucht zwischendurch sogar erklärende Texttafeln. Über die kraftvolle Erfüllung der Genre-Anforderungen hinaus hat der Film keine Bedeutung, die wir beim ersten Sehen hätten erkennen können. Direkt nach dem Film am Mikrofon: Lucas Barwenczik, Matthias und Thomas.

Diese Episode erscheint als Beitrag im Japanuary 2023.
16 Minuten
In einer Gesellschaft, in der Frauen nur eine Lebensberechtigung haben, wenn sie die Gesetze der Männer ohne Abweichung befolgen, in einer solchen Gesellschaft wird einem psychopathischen Serienmörder applaudiert, der Prostituierte ermordert. In der als heilig bezeichneten Stadt Mashhad ist Saeed in der Nacht mit seinem Motorrad unterwegs und lauert auf seine Opfer. Die Journalistin Rahimi (beeindruckend: Sahra Amir Ebrahimi) will die Wahrheit über den Spinnenmörder herausfinden und erkennt schnell, dass die Polizei keine große Hilfe ist. Auch bei den Polizisten gelten die Opfer nur als wertlose Junkies und Huren. Als „wertlos“ bezeichnet ein Polizist auch die Journalistin, als er sie in ihrem Hotelzimmer belästigt. Rahimi geht als Lockvogel selbst auf die Straße, bis der Spinnenmörder tatsächlich mit seinem Motorrad vor ihr auftaucht …

Viel stärker als die Thrillerhandlung brennen sich die Szenen ein, die den iranischen Gottesstaat als frauenverachtendes Unrechtsregime zeigen: Frauen dürfen für sich allein kein Hotelzimmer buchen, sie dürfen nicht ohne Kopftuch gesehen werden und wenn sie als Journalistin arbeiten, sind sie ständig Anfeindungen ausgesetzt. Intensiv wird Abbasis Film nach der Festnahme des 16-fachen Mörders: religiöse Gruppen unterstützen den Mörder offen, es gibt Demonstrationen, die ihn als Helden feiern und seine Freilassung fordern, auch viele Menschen in der Nachbarschaft solidarisieren sich mit dem Mörder. Saeed wird sogar eine Befreiung versprochen, nachdem er zum Tode verurteilt wurde.

Abbasis Film beruhrt auf einer wahren Begebenheit und er beschönigt nichts, er zeigt die Verzweiflung und Drogensucht der Prostituierten, er zeigt unangenehm ausführlich die Banalität des Mörders, der sich selbst einredet, einen göttlichen Auftrag zu erfüllen. Die Stadt ist ebenso schmucklos wie die einfache Wohnung, in die Saeed seine Opfer lockt, um sie dann mit ihrem eigenen Kopftuch zu erdrosseln. Nur das nächtliche Mashhad glitzert, aber wenn man genau hinschaut, zeigt uns Abbasi dabei das Netz, das der Spinnenmörder über die Stadt gelegt hat.

Das ernste Thema und die sehr starken Darsteller lenken davon ab, wie sorgfältig und atmosphärisch dicht die Inszenierung ist – und wie großartig der Soundtrack von Martin Dirkov und das Sounddesign sind. Im Podcast direkt nach dem Kino sprechen Johanna und Thomas über die intensive Darstellung des religiös-fanatischen Mörders, über die Situation der Frauen im Iran, über die Unterstützer des Mörders und über ein Bild, das Johanna nicht vergessen wird: Der Mörder auf dem Motorrad, auf dem Rücksitz das bereits ermordete Opfer – mit einem Strick an den Rücken des Mörders gebunden.

„Ich komme aus dem Iran. Dort bin ich geboren und aufgewachsen. Ich muss keine Puppenhausversion des Iran machen. Der Ort, den wir betrachten, Maschhad, ist wie viele dieser größeren Metropolen im Nahen Osten. Sie haben sich in unscheinbare Industriestädte verwandelt, halb Favela, halb Betonwüste mit einigen historischen Gebäuden […]. Sie finden diese Orte in der Türkei, in Jordanien und wahrscheinlich an vielen anderen Orten.“

Regisseur Ali Abbasi über Mashhad

Von Ali Abbasi haben Johanna und Thomas bereits den sehr sehenswerten Film BORDER besprochen.
31 Minuten
Zum ersten Mal bei SchönerDenken zu Gast: Patrick Torma, Journalist, Blogger und Podcaster – zurecht berühmt geworden mit journalistenfilme.de. Wir sprechen über Keisuke Yoshidas INTOLERANCE, den wir auf Nippon Connection 2022 gesehen haben. Der Film hat einen nachhaltigen Eindruck auf Patrick und Thomas gemacht. Es geht um eine Schülerin, die von den Mitschülern ignoriert und vom cholerischen Vater nicht verstanden wird. Als sie im Supermarkt verdächtigt wird, etwas geklaut zu haben, flieht sie in Panik, der junge Marktleiter wie der Teufel hinter ihr her. Ihre panische Flucht endet in einem grausamen und tödlichen Verkehrsunfall. Der bärbeißige Vater will den Schuldigen zur Rechenschaft ziehen. Auch die anderen Kleinstadtbewohner und vor allem die anreisende Sensationspresse will einen Schuldigen an den Pranger stellen: eine der Unfallfahrerinnen gerät ins Visier, vor allem aber der junge Marktleiter.

Mit Patrick diskutiert Thomas über die Rolle der Presse, die 24 Stunden am Tag die Beteiligten verfolgt, über das Ausschlachten von Wut und Trauer der Betroffenen, über sinnentstellende, aus dem Zusammenhang gerissene Zitate und über das Anstacheln der öffentlichen Hysterie. Irgendwann zieht die Pressemeute weiter, für ihr Verhalten werden die Sensationsjournalisten nicht zur Rechenschaft gezogen. Patrick und Thomas reflektieren eigene berufliche Erfahrungen, dass Konflikte Auflage und Quote bringen. Begeistert sind beide von Arata Furuta als von Wut und Trauer zerfressener Vater. Diese Episode erscheint als Beitrag im Japanuary 2023.
11 Minuten
Anarchie bedeutet, eine herrschende Ordnung in Frage zu stellen, denn Herrschaft ist keine Legitimation. Und wenn die Ordnung keinen Sinn macht, wird sie nicht als Ordnung akzeptiert. Für die Uhrmacherinnen 1877 im Berner Jura bedeutet es, eine Krankenversicherung für Frauen und Kinder selbstverwaltet aufzubauen, es bedeutet, den gleichen Lohn für gleiche Arbeit zu fordern. Für den russischen Anarchisten Pyotr Kropotkin bedeutet es, von Behörden und Firmen komplett unabhängig eine sehr genaue Karte vom Berner Jura anzufertigen, open street map sozusagen. Dass diese Karte aufgehängt wird, ist der Action-Moment des Films, dass Josephine Gräbli erklärt, wie eine Unruhe in einer Uhr funktioniert, ist sozusagen der erotische Höhepunkt dieses Schweizer Films, der zweite Film von Cyril Schäublin. Sein Konzept für UNRUH ist ebenfalls anarchistisch. Er beansprucht nicht die Deutungshoheit über die Geschichte als historische Wahrheit und er beansprucht nicht die Deutungshoheit über den Blick der Zuschauer. Er lässt uns diese Freiheit, gibt uns Totalen dieser Welt, in der die handelnden Figuren klein und oft am Rande gesucht und gefunden werden müssen. Schäublin verzichtet auf ein Narrativ, er gibt uns Mosaikstücke, einzelne Szenen, einzelne Dialoge, aus denen sich eine Idee abzeichnet. Die Idee, dass es eine Welt geben könnte, die vernünftiger und gerechter wäre als der Kapitalismus und freier als der Sozialismus. Johanna und Thomas haben im Palatin in Mainz eine Aufführung gesehen, die durch die Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung freien Eintritt hatte – in Anwesenheit des Regisseurs, dessen Urgroßmütter selbst Uhrmacherinnen in der Schweiz waren.
15 Minuten
Wir hatten es schon vor dem Film geahnt, dass Geld Macht bedeutet. Und dass der Kapitalismus soziale Gerechtigkeit und Würde zum Frühstück frisst. Also keine neuen Erkenntnisse in Ruben Östlands Komödie TRIANGLE OF SADNESS. Aber die Superreichen und Schönen, den Irrsinn von extremem Überfluss und Oberflächlichkeit so vorgeführt zu bekommen, ist natürlich ein großer Spaß. Spätestens wenn das Kapitänsdinner bei sehr schwerer See stattfindet und die allermeisten Gäste ihre Austern mit Kaviar nicht mehr bei sich behalten können. Aber es kommt noch schlimmer, viel schlimmer, die Verhältnisse ändern sich und jede und jeder muss seine Rolle neu finden. Im Podcast sprechen wir über starke Darsteller:innen, politische Zitate, Matriarchat und Verzicht auf Subtilität und erklären, was das „Dreieck der Traurigkeit“ eigentlich ist. Was wir im Podcast vergessen haben zu erwähnen: Wie grandios Iris Berben mit den immer gleichen drei Worten eine riesige Bandbreite an Emotionen abdeckt. Am Mikrofon direkt nach dem Film: Kathrin, Johanna, Heidi, Katharina und Thomas.
22 Minuten
Die Hölle, das sind die Anderen. Die Anderen auf einer kleinen, armen irischen Insel 1923. Patrick und Colm sind ewig schon befreundet, als Colm (Brendan Gleeson) dem jüngeren Padraic (Colin Farrell) die Freundschaft kündigt. Ohne ersichtlichen Grund, naja, weil Padraic langweilig ist und Colm sich nur noch auf das Komponieren konzentrieren will, um wenigstens etwas musikalische Unsterblichkeit zu bekommen. Und Colm meint es ernst: Er droht sich jedes Mal einen Finger abzuschneiden, wenn Padraic ihn anspricht. Und man kennt irische Inselbewohner schlecht, wenn man glaubt, Colm würde das nicht durchziehen. Die Situation eskaliert und gerät außer Kontrolle, als ein kleiner Esel ins Spiel kommt … Vielleicht geht es aber gar nicht so sehr um Freundschaft und um Padraic, vielleicht geht es einfach um die tiefe Verzweiflung von Colm. Vielleicht ist die Freundschaft zu Padraic der erste Finger, den sich Colm abschneidet.

Martin McDonagh, der als Regisseur mit IN BRUGES und THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI bereits Kultstatus erreicht hat, bietet uns hier eine düstere, tragikomische Geschichte, die mit schwarzem Humor vom Scheitern sozialer Beziehungen erzählt: Von der Ladenbesitzerin, die lieber die Welt brennen sieht als auf Klatsch zu verzichten, vom menschenverachtenden Polizisten, der seinen Sohn misshandelt, von eben diesem verzweifelten Sohn Dominic (Barry Keoghan), der unglücklich verliebt ist und von der einzigen Person auf der Insel, die noch bei klarem Verstand ist: Patricks Schwester Siobhan (Kerry Condon). Jenseits der exzellenten Schauspieler:innen und der gelungenen Inszenierung der verschrobenen Menschen in einer kargen Welt, übertönt das Leiden von Padraic, Colm und Dominic dröhnend den schwarzen Humor des Films. Das Ende lässt offen, ob sich die Spirale bis in den Tod weiter drehen wird.

Direkt nach dem Film am Mikrofon ist Johanna sehr zufrieden und eher gut gelaunt, während Thomas nur an abgeschnittene Finger denkt und an Colms (und Dominics) Verzweiflung, die viel größer und dunkler ist als die Irische See.
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Der erste Eindruck direkt nach dem Kino