hr2 Dokumentation und Reportage Archiv
23 Episoden
54 Minuten
Caroline und Dorothea sind klug und gebildet, begnadete Briefschreiberinnen, mehrfach verheiratet und scheren sich wenig um die Normen der Gesellschaft. Und beide haben in den 1760er Jahren das Licht der Welt erblickt. Caroline in Göttingen als Professorentochter und Dorothea in Berlin als Tochter des berühmten Aufklärers Moses Mendelssohn. Vor ihnen liegt ein ebenso leidenschaftliches wie skandalumwittertes Leben, das geprägt ist durch die Salonkultur des 18. Jahrhunderts, durch den engen Umgang mit Dichtern und Philosophen, durch Freundschaftsbünde, Frühromantik und Französische Revolution. Bittere Ereignisse pflastern ihren Lebensweg, aber auch Sternstunden. Ende des 18. Jahrhunderts treffen sie aufeinander und leben für eine Weile zusammen in Jena in einer Wohngemeinschaft mit den Schlegel-Brüdern. Die Autorin folgt den Spuren der beiden außergewöhnlichen Frauen, die für ihr unkonventionelles Leben einen hohen Preis zahlen mussten. Ein Feature von Margareta Bloom-Schinnerl zum internationalen Frauentag am 8. März.
53 Minuten
Die Fastenzeit hat begonnen - und das bedeutet für viele eine Zeit des freiwilligen Verzichts. Verzicht ist nicht unbedingt eine erfreuliche Vokabel, und Verzichten ist in einer Wohlstandsgesellschaft nicht angesagt, wenn alles auf ökonomisches Wachstum ausgerichtet ist. Doch schon vor Jahrzehnten wurden dessen Grenzen aufgezeigt. Religiöse und philosophische Systeme haben Verzicht immer wieder neu definiert. Sofern er nicht zwangsweise verordnet wird oder aufgrund wirtschaftlicher und sozialer Verhältnisse geübt werden muss, beruht Verzicht auf einer freiwilligen Einschränkung, auf Rücksicht- und Anteilnahme, auf mündiger Besonnenheit. Dabei sind in der Regel nicht dauerhafte Entbehrung oder gar selbstauferlegte Armut das Ziel, und nur selten extremer Rückzug oder äußerste Weltflucht. Jenseits bloßen Genusses und materiellen Wohlstands erscheint im Verzicht die Idee des Glücks, des glücklichen Lebens. Dem sich zu nähern, erfordert manchmal Entsagung, gelegentlich auch Askese, die Bereitschaft, Dinge aufzugeben, deren Wert zweifelhaft geworden ist. Eine neue Perspektive kann den Blick auf das lenken, was tatsächlich wichtig ist. Das mag für jeden etwas anderes sein. Deutungen und Angebote gibt auch die Dichtung, die Erfolg neben das Scheitern stellt und jedem einzelnen erlaubt, seinen eigenen Lebensentwurf zu prüfen, um ihm schließlich vertrauen zu können.
47 Minuten
Das deutsche Bildungssystem produziert jedes Jahr zehntausende Jugendliche, die ohne Abschluss von der Schule abgehen. In die Konkurrenzgesellschaft entlassen, beginnt für viele dieser Jugendlichen ein Kampf gegen Arbeitslosigkeit, Armut und Obdachlosigkeit. Seit Jahrzehnten gibt es Kampfansagen aus der Politik, die Zahlen zu senken, seit Jahrzehnten bleiben sie gleich hoch. Was sind die Gründe, dass so viele Jugendliche das Bildungssystem ohne Schulabschluss verlassen - und wieso ändert sich nichts? Featureautor Carlo Hoffmann begleitet mehrere Jugendliche auf ihrer Suche nach Perspektiven: Zidane mit seiner Hündin Kelly, der sich von einem unbezahlten Praktikum zum nächsten schleppte; Ioannis, der sich einen Ausbildungsplatz erkämpft hat; Helene, die Freunde an die Drogensucht verloren hat. Das Radiofeature zeigt die Lebensrealitäten der Jugendlichen und folgt ihnen in ihrem Alltag: Wie lebt man, wenn der Schulabschluss fehlt? Wo findet man Orientierung und ein Bewusstsein für den eigenen Wert? Wie kann man lieben, wenn der Vater einen nur Gewalt lehrte? Und welche Fördermaßnahmen helfen wirklich, wieder Fuß zu fassen? hr 2026
51 Minuten
Friedrich Hollaender war mit vielen Begabungen gesegnet und wusste sie auch weidlich einzusetzen: Er war Komponist und Textdichter, er war Regisseur und Pianist. In den 'Kabarettgeschichten' erzählt Karin Köbernick mit vielen Ausschnitten aus seinen Werken von einem ungewöhnlichen Musiker, der uns viele eingängige Melodien beschert hat, der nach seiner Emigration in Hollywood Weltruhm erlangte - und der den Zeitgeist immer wieder musikalisch und in Worten auf den Punkt brachte. Friedrich Hollaender starb am 18. Januar 1976, vor genau 50 Jahren.
49 Minuten
Wie schön wäre es, wenn wir anstandslos das tun würden, was eigentlich gut für uns wäre, was wir immer schon in Angriff nehmen wollten oder sollten. Doch lieber schieben wir unsere Pläne auf die lange Bank. Disziplin genießt bei uns seit langem kein großes Ansehen. Zu stark haftet ihr das Stigma von Abrichtung und Drill an. Doch wie es schon bei Marc Aurel heißt: Der Mensch muss von innen mit Säulen und Bögen gestützt sein, sonst zerfällt der "Tempel" zu Staub. Das Feature wirft einen Blick auf die alte, aber nicht veraltete Tugend.
54 Minuten
Die Erfindung der Uhr, eines mechanischen Zeitmessers, hat unser Verhältnis zur Zeit grundlegend geändert. Doch die objektiv messbare Größe der Zeit unterscheidet sich mitunter beträchtlich vom subjektiven Zeitbewusstsein des Menschen. Untrennbar mit unserem Zeitbewusstsein verbunden ist unser Todesbewusstsein, das Wissen darum, dass unsere Wegstrecke endlich ist. Zeit als Möglichkeit, als Entwurf, Zeit in der Geistesgeschichte und in der Naturwissenschaft, Zeit in den Religionen und Zeit in der Kunst, Zeit als Alltagserfahrung oder im Rückblick des Lebens. In diesem Feature geht die Autorin Sabine Appel der Frage nach: Was ist und wie erleben wir Zeit?
55 Minuten
In der kleinen südenglischen Ortschaft Havant existiert ein ganz besonderes Lokalradio. Vor zehn Jahren hat Feature-Autor Michael Lissek die Macher dieses Senders „Angel Radio“ besucht. Im Hinterzimmer eines Antiquitätengeschäftes fand er Bob, Tony, Jilly, Peter, Linda. Alle über 70 Jahre alt, Margret war damals sogar schon 91. Die Radiobegeisterten wollten ein Publikum ansprechen, das nicht wesentlich jünger war als sie selbst. Angel Radio spielt Musik aus der Jugend der Macher. Da knistern Schelllackplatten, man hört Folgen eines alten Kinder-Hörspiels und die Hörer tauschen sich über ihre Erinnerungen aus. Im Programm finden auch schwierige Themen wie Tod, Trauer und Einsamkeit ihren Platz. Manche, die oft anriefen, weil sie alleine zu Hause waren, wurden schließlich Teil des Teams und fanden neue Freunde. Ein Feature über die Magie des Radios und seine noch immer lebensspendende Kraft. Manche der Radiomacher mögen inzwischen gestorben sein, das Angel Radio aber gibt es noch immer.
54 Minuten
Am Volkstrauertag wird der Opfer von Krieg und Gewalt gedacht. In dieser Dokumentation widmet sich der Autor Hans-Joachim Simm daher der Frage, wie die Menschen seit der Antike mit dem Thema Trauer und Verlust umgegangen sind und was ihnen Trost gebracht hat. Trost will Leid lindern. Der Zuspruch, den wir dem anderen geben, soll ihm helfen, mit Verlust und Trauer umzugehen, sein psychisches Gleichgewicht wiederherzustellen. Meist sind es die engsten Angehörigen oder Freunde, die durch Wort und Tat trösten. Umgekehrt kann auch derjenige, der schweres Leid erfährt oder am Ende seines Lebens steht, die aufrichten, die um ihn trauern. In Gespräch und Zwiegespräch steht oft der Glaube an einen tröstenden Gott, an ein Jenseits im Mittelpunkt. Zu einem Topos der Geschichte der Tröstung ist der sterbende Sokrates geworden, der durch philosophische Dialoge den Schmerz der Freunde über seinen bevorstehenden Tod mildert. So ist - neben der Religion - gerade die Philosophie ein Medium, das Trost geben kann, und die sogenannte Konsolationsliteratur wurde zu einer eigenen literarischen Gattung, die mit dem der eigenen Sterblichkeit zugleich eine Zuversicht auf das Ende der Trauer geben will. Ebenso hat sich die Dichtung immer wieder zum Anwalt des Trostes gemacht. Gerade indem sie Leid, Verlassenheit und Trostlosigkeit thematisiert, gibt sie der individuellen Krisenerfahrung einen Rahmen, der selbst schon tröstlich sein und zu einer neuen Gelassenheit und Heiterkeit führen kann, zu dem Mut, das Leben neu zu gestalten. Bei Friedrich Hölderlin wird der Dichter zum Verkünder des Geistes, der "heitert", auch wenn die eigene Zeit eher "dürftig" erscheint. Fontane weiß: "In dem ew'gen Kommen, Schwinden, / Wie der Schmerz liegt auch das Glück, / Und auch heitre Bilder finden / Ihren Weg zu dir zurück." Und Theodor Storm verspricht: "So komme, was da kommen mag! / Solang du lebest, ist es Tag." Friedrich Nietzsche ist gewiss, dass Heiterkeit die "Einheit mit dem Herzen der Welt" wiederherzustellen vermag.