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2057 Episoden

Ferienlektüre

9 Minuten
Die Rubrik „Lektüreempfehlungen für die Ferienzeit“ bespielt so manche Zeitung, so manches Magazin, so manche Onlinezeitschrift jedes Jahr auf Neue. Sie ist, welche unserer Hörerinnen und welchen unserer Hörer wird es wirklich überraschen, natürlich schon über 100 Jahre alt. Und so lassen wir uns heute die Ferienlektüre-Tipps aus der Berliner Volks-Zeitung vom 24. August 1922 geben. Und das nicht von irgendwem. Der jüdisch-deutsch-amerikanische Journalist Manfred George, der seine Texte mit dem Nachnamen ohne „e“ am Ende, also Georg zeichnete, schrieb 29jährig für diverse Tageszeitungen der großen Verlage, aber auch für die Schau- und Weltbühne. Heute legt er uns Bücher von Max Brod, Romain Rolland, Jakob Wassermann, Knut Hamsun und Zsigmond Moritz ans Herz. Paula Leu empfiehlt mit.
9 Minuten
Mittlerweile hat es sich rumgesprochen. Die Regierung Schmidt hatte bereits 1981 Pläne für einen bundesweiten Glasfaserkabelausbau beschlossen, der nach der Machtübernahme durch die Regierung Kohl schon ein Jahr später auf Eis gelegt wurde. Stattdessen wurden fleißig Kupferkabel verlegt. Folge dessen im Großen ist, dass Deutschland, was die Galsfaserinfrastruktur betrifft, ein Schlusslicht Europas ist, und im Kleinen, dass der Cutter dieses Podcasts, in Berlin lebend, keinen Glasfaseranschluss im Haus hat und beim Upload der fertigen Folgen ewig warten muss … 1922 befand sich Deutschland, was das Kabelnetz anging, auch an einem Scheideweg. Die Frage, wie sie die Vossische Zeitung vom 23.8. präsentiert, lautete damals: überirdisch oder unterirdisch verlegen? Paula Leu gräbt sich für uns in die Materie ein.
5 Minuten
Der Berliner Zoologische Garten litt während des Ersten Weltkrieges und in den Jahren danach an Geldnot. Als einer der artenreichsten Zoos der Welt konnte er sich das notwenige Personal, um die Tiere zu versorgen, nicht mehr leisten. Im Sommer 1922 dachte die Leitung darüber nach, den Zoo im besucherschwachen Winter ganz zu schließen, dabei Tiere zusammenzulegen, um Heizkosten zu sparen und um die notwendige Personalreduktion durchzuführen. Der Vorwärts vom 22. August berichtet über diese Pläne, die dann tatsächlich umgesetzt wurden. Der Zoo blieb – bis auf das Aquarium – vom 1. Oktober 1922 bis zum 30. März 1923 geschlossen. Frank Riede liest.
5 Minuten
Anonyme Hasskommentare und Pöbeleien, die ungeahndet bleiben, sind ein großes Problem der sozialen Medien. Der technisch ermöglichte, weitestgehend sanktionsfreie Raum wird genutzt, um andersgesinnte Personen unflätig zu beschimpfen. Neu ist das Phänomen freilich nur in Bezug auf die potentielle Reichweite solcher Postings. Denn schon das Telefon bot in den Zwanziger Jahren die Möglichkeit, ohne seinen eigenen Namen zu nennen, eine Schimpfkanonade loszuwerden. Kurt Tucholsky, alias Ignaz Wrobel schildert in der Berliner Volkszeitung vom 21. August seinen Umgang mit diesen Anrufern, die er „Helden am Telephon“ nennt. Paula Leu hört für uns die Telefonate ab.
17 Minuten
Der deutsche Nobelpreisträger Thomas Mann ist bekanntlich nicht als Republikaner auf die Welt gekommen, sondern entwickelte sich zu einem solchen erst zu einem durchaus schon fortgeschrittenen Zeitpunkt seines Lebens im Laufe der Weimarer Jahre. Ein Schlüsselerlebnis auf diesem Weg weg vom antidemokratischen Nationalkonservativismus, den er noch 1918 in seinen „Betrachtungen eines Unpolitischen“ ausgebreitet hatte, markierte angeblich die Ermordung Walther Rathenaus im Juni 1922, und tatsächlich entstanden in der Folge mehrere Artikel, in denen sich die kopernikanische Wende in der politischen Biographie Manns abzuzeichnen beginnt. Als Schlüsseltext genannt wird hier gewöhnlich seine Laudatio anlässlich von Gerhard Hauptmanns 60. Geburtstag „Von deutscher Republik“ vom 13. Oktober 1922. Aber auch schon sein Essay „National und international“, den die Vossische Zeitung am 20. September abdruckte, deutet an, das sich Thomas Mann im nationalen Lager ohne Dialektik nicht mehr recht wohlfühlte. Wegen seiner historischen Bedeutung in voller Länge liest diesen Text: Frank Riede.
9 Minuten
Die Geschichte von der kulinarischen Wüste Berlin, die sich binnen kurze Zeit zu einem internationalen Gourmet-Dorado entwickelt habe, ist von Gastrokritikern tausendfach erzählt worden – interessanterweise auch schon vor einhundert Jahren. Der Autor Franz Carl Mack bemüht in seiner Bestandsaufnahme der „Berliner Kochkünste“ in der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 19. August 1922 das wohlvertraute Narrativ. Verwechslungsgefahr mit aktuellen Restaurantführern besteht dennoch nicht, denn zu offensichtlich unterscheidet sich seine Speiseliste von den heutigen Trends der Großstadtküche. Manches, was hier an Gerichten genannt wird, riecht arg nach alter biederer Hausmannskost; vieles klingt in unseren Ohren aber auch so überraschend fremd und abgefahren, dass der Artikel nachgerade nach Pop-Up-Restaurants im Retrostil der 20er Jahre als neuem heißen Scheiß am Berliner Gastrohimmel schreien. Wer sich diesbezüglich inspirieren lassen möchte, lausche Paula Leu.
8 Minuten
Der teuerste Immobilienmarkt Deutschlands liegt weder in Berlin oder München, noch in Frankfurt oder Hamburg, sondern schon seit vielen Jahren in Kampen auf Sylt, wo der Quadratmeterpreis im berühmten Hobokenweg mittlerweile bei schwindelerregenden 35.000 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche angekommen ist. Diese Entwicklung war 1922 noch nicht vorhersehbar. Als beliebtes Sommerdomizil der Reichen und Schönen, erfahren wir aus dem Berliner Börsen-Courier vom 18. August, fungierte der Ort aber auch schon vor Jahrhundertfrist. Gisella Selden-Goth, eigentlich Musikschriftstellerin und Komponistin, hat dem von ihr ausgemachten Sylt-Hype nachgespürt, scheint von der nordischen Schönheit der Insel dabei aber noch nicht vollständig eingenommen zu sein. Für uns mit ihr mitgereist ist Frank Riede.
8 Minuten
Auch im dritten Jahr von Auf den Tag genau darf ein sommerlicher Blick nach Salzburg natürlich nicht fehlen. Die dortigen Festspiele gingen 1922 bereits in ihr drittes Jahr und lockten die großstädtische Musik- und Theaterkritik in die barocke Erzbischofsstadt zwischen Mönchs- und Kapuzinerberg. Das Hauptaugenmerk galt heuer vor allem dem „Salzburger großen Welttheater“, das Festspielmitbegründer Hugo von Hofmannsthal inspiriert vom berühmten gleichnamigen Mysterienspiel Calderón de la Barcas in die barocke Kollegienkirche übersetzt hatte. Vom pseudo-religiösen Anliegen zeigt sich der avantgardegeprägte Rezensent Kurt Pinthus im 8-Uhr-Abendblatt vom 17. August recht wenig erbaut. Als Theater in der Kirche weiß er Hofmannsthals moderner Überschreibung und vor allem Max Reinhardts Regie aber durchaus einiges abzugewinnen. Oder, Frank Riede?
11 Minuten
Der Reiseschriftsteller Colin Roß war bei uns schon häufiger zu Gast. Waren die von uns gesendeten Berichte von ihm aus und über Südamerika sehr sachlich und respektvoll gegenüber den Gastländern, so kann man dies von seinen Berichten von seiner 1922 durchgeführten Reise in den Orient nicht mehr behaupten. Mit offen zur Schau getragener Überlegenheitsgeste des Westens kritisiert er - mittlerweile in Teheran angekommen - die dortigen „Paläste des Königs der Könige“ und zeigt nicht die geringste Bereitschaft, sich auf die persische Bau- und sonstige Kultur einzulassen. Angesichts dieses Textes überrascht es weniger, dass Roß später zum begeisterten Nationalsozialisten wurde, der sich zwar offen gegen den Antisemitismus äußerte, aber sonst das Regime unterstützte. Er beging einen Tag vor Adolf Hitler, am 29. April 1945 mit seiner Ehefrau Selbstmord. Seinen Blick auf die Palastanlagen in Teheran liest für uns Paula Leu.
6 Minuten
Nach einer längeren Pause bei „Auf den Tag genau“ kehrt Arnold Höllriegel mit einem Text aus dem Berliner Tageblatt des 15. Augusts 1922 ins Programm zurück. Wer müde von den Zwängen der bürgerlichen Besuche ist, die durchdrungen sind von Ritualen und Konversationsregeln, der treffe sich doch einfach im Wasser beim Schwimmen. Bei der Plantsch-Visite dabei war Frank Riede.
4 Minuten
Kaum eine Region in Europa hat eine so bewegte, komplexe und sprachpolitisch verzwickte Geschichte wie das Elsass. Gehörte die Region, in der eine alemannische Mundart gesprochen wird, bis 1871 über Jahrhunderte zu Frankreich, annektierte das nach dem Sieg im Deutsch-Französischen Krieg entstandene Deutsche Reich das Gebiet und schuf das “Reichsland Elsass-Lothringen”, das direkt dem Deutschen Kaiser unterstand. Nach dem Ersten Weltkrieg ging die Region an Frankreich zurück. Diese wechselvolle Geschichte hatte neben viel Leid, einer schwierigen Identitätsbildung auch immer wieder goße Flucht- und Vertreibungsbewegungen zur Folge. Über die Deutsche Bürger:innen, die das Elsass 1922 verlassen mussten, berichtet das 8Uhr Abendblatt am 14. August. Es liest Frank Riede.
4 Minuten
In der heutigen Folge wenden wir uns einer Frage zu, die die Menschheit, gefühlt, seit Ewigkeiten beschäftigt und bis in alle Ewigkeit noch beschäftigen wird: Kann man bei der Schwiegermutter wohnen? Die Berliner Morgenpost publizierte im August 1922 die Leser:innen-Zuschriften auf diese von einem gewissen M. G. aufgeworfene Fragestellung, die aufgrund des fehlenden Wohnraums und der steigenden Mieten besonders virulent war. Paula Leu liest für uns die Zuschriften, die am 13. August abgedruckt wurden und die eine Typologie der Schwiegermütter, schmerzliche Erfahrungswerte und eine Antwort in Gedichtform enthalten.
4 Minuten
Das Attentat auf den Außenminister der Republik Walther Rathenau am 24. Juni 1922 war mitnichten das Werk eines oder weniger Einzeltäter. Vielmehr konnten die Mörder bei ihrer Tat auf die Unterstützung zahlreicher Helfer und Helfershelfer zählen. Wie groß das rechte Netz hinter dem Anschlag tatsächlich gewesen ist, dürfte selbst heute nicht zuverlässig und endgültig geklärt sein. Dass es ein solches gab, war sieben Wochen nach selbigem indes nicht mehr abzustreiten und eine immer größere Zahl an Namen, die es umfasste, bekannt. Über neueste Erkenntnisse informierte seine Leserschaft am 12. August der Berliner Börsen-Courier – und uns Frank Riede.
5 Minuten
Auf dem weiten, bis heute längst nicht abgeschlossenen Weg zu einer Gleichberechtigung der Geschlechter war die Weimarer Verfassung von 1919 zweifellos ein früher Meilenstein. Anlässlich ihres dritten Geburtstages zieht das Berliner Tageblatt vom 11. August 1922 denn auch eine sehr positive Bilanz zum Thema „Die Reichsverfassung und die Frauen“ und verzichtet weitgehend darauf, die vielen noch bestehenden Defizite zu benennen. Über die Autorin Hedwig Keiler-Neuburger ist wenig bekannt. Geboren in Aschaffenburg, lebte sie in den 1920er Jahren wohl in Berlin. 1942 wurde sie ins Baltikum deportiert und dort ermordet. Es liest Paula Leu.
6 Minuten
Pankrác ist ein Stadtteil von Prag, der nach dem heiligen Pankratius benannt ist. Bis heute ist Pankrác aber das Synonym für das dortige berühmt berüchtigte Gefängnis. Seinen schaurigen Ruf bekam es aber vor allem in der Zeit der Okkupation durch Nazi-Deutschland, als Pankrác zum Untersuchungsgefängnis der Gestapo wurde und Heinrich Himmler dort eine Hinrichtungsstätte mit mehreren Guillotinen einrichten ließ. Davon sind wir 1922 noch weit entfernt und finden in der B.Z. am Mittag vom 10. August einen launigen Artikel über Vor- und Nachteile der Körperertüchtigungen, die dort den Häftlingen angeboten würden. Was ist, wenn der Häftling nachher noch schneller läuft als der Polizist? Frank Riede lugt für uns über die Gefängnismauern.
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