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Auf den Tag genau Archiv

2057 Episoden
8 Minuten
Langsam trudelten sie in Locarno ein, die Delegationen, und die Drähte in den Presseagenturen und den Zeitungsredaktionen glühten heiß. Aus Basel, aus London, aus Rom und natürlich aus Locarno selbst gingen die Drahtmeldungen ein, die der Hamburgische Correspondent am 4. Oktober 1925 zu einem Vorbericht collagierte. Auffällig dabei ist, dass der Optimismus vor Konferenzbeginn nicht allzu ausgeprägt war. Sowohl aus Großbritannien, als auch aus der Tschechoslowakei waren skeptische Stimmen zu vernehmen, dass Frankreich und Deutschland zu einer Verhandlungslösung fähig respektive willens seien. Die große anwesende Journalistenschar, von der in den Berichten ebenfalls die Rede ist, erwartete den Beginn der Konsultationen dennoch mit Spannung. Unser Mann am Lago Maggiore heißt Frank Riede.
7 Minuten
Locarno, im schönen Tessin am Lago Maggiore gelegen, ist heute vor allem als mondäne Urlaubsdestination sowie für ihr alljährliches Filmfestival bekannt. 1925 indes quartierte sich für 12 Tage im Oktober einmal auch die große Weltgeschichte in dem schweizerischen Städtchen ein. Die Verträge von Locarno, die hier ausgehandelt wurden, verlangten allen europäischen Teilnehmerstaaten erhebliche Kompromissbereitschaft ab; dafür bescherten sie dem Kontinent aber auch einige Jahre der Hoffnung auf dauerhaften Frieden und Verständigung. Vor den Delegationen, die in der Regel von den Außenministern angeführt wurden, trafen vielfach bereits die Journalisten ein. So auch von der Wilhelmsburger Zeitung, die ihre Leserinnen und Leser am 3. Oktober, zwei Tage vor Konferenzbeginn, bereits einmal mit dem Veranstaltungsort, seiner Lage und seiner Geschichte vertraut machte. Unsere Berichterstatterin vor Ort heißt Rosa Leu.
6 Minuten
Nach dem Vorwärts war das Hamburger Echo Anfang des 20. Jahrhunderts die zweitgrößte sozialdemokratische Tageszeitung in Deutschland. Erstmals 1875 als Hamburg-Altonaer Volksblatt erschienen, wurde es in den Jahren der Sozialistengesetze mehrfach verboten und unter immer neuen Namen wieder neugegründet; seit 1887 firmierte es unter dem Namen Hamburger Echo, als das es am 2. Oktober 1925 seinen fünfzigjährigen Geburtstag beging. Wie es das selbst tat, können wir heute leider nicht dokumentieren, denn ausgerechnet mit Beginn des Monats tut sich in den Archiven unseres Vertrauens eine dreimonatige Lücke bei den Beständen des Hamburger Echo auf. Dankenswerterweise unterließ es die eher konservative Konkurrenz vom Hamburger Correspondenten jedoch nicht, den sozialdemokratischen Kollegen mit einigen zurückhaltend-freundlichen Worten zum Jubiläum zu gratulieren. Welche das waren, weiß Rosa Leu.
9 Minuten
Im Kleinen Feuilleton der Harburger Anzeigen und Nachrichten vom 1. Oktober 1925 finden wir eine gewohnte bunte Themenvielfalt, die uns mal ferner, mal näher ist. Ein reicher Amerikaner lässt Stein für Stein eine Klosterruine von England nach Amerikaverschiffen. Französische Forscher suchen nach Wegen, verseuchtes Wasser zu reinigen und die Ärzte sind sich einig: Wir sollten nicht so viel Fleisch konsumieren. Frank Riede berichtet all dies und entdeckt auch noch Spannendes in den Tiefen des Meeres.
9 Minuten
Energiethemen haben die Menschen auch in den 1920er Jahren umgetrieben und es entsprechend häufig auch hier in den Podcast geschafft. Mal ging es um die seit dem Versailler Vertrag chronisch knappe Kohle, mal um erneuerbare Energieformen, auf die man in der Folge auszuweichen versuchte. Immer wieder handelten Artikel indes auch von leistungsstarken gasförmigen oder sprudelnden fossilen Brennstoffen, die weltweit boomten, seinerzeit aber kaum den Weg nach Deutschland fanden. So unter anderem in Mexiko, wohin uns die Hamburger Nachrichten vom 30. September 1925 heute entführen. Die Stadt Tampico am Golf von Mexiko war seinerzeit der größte und wichtigste Ölhafen der Welt. Über die dortige Goldgräberstimmung wie über die unterirdischen Lebensbedingungen für die dort tätigen Arbeiter erfahren wir von Rosa Leu.
7 Minuten
Die treuen Fans unseres Podcasts haben wahrscheinlich unser Erstaunen geteilt über so manche technische Zukunftsvision von vor 100 Jahren, die sich bewahrheitet hat oder heutzutage wieder aufgegriffen wird. Kaum sendete das Radio regelmäßig, waren sich viele einig, dass die Übermittlung von Bildern und Filmen über Wellen möglich sein würde. Das Fernsehen kam. Es wurde über die enormen Potentiale erneuerbarer Energien berichtet und deren Ausbau gefordert. Der innerstädtische Verkehr sollte, nicht zuletzt aus gesundheitlichen Gründen, elektrifiziert werden. Es gab aber auch durch den Blätterwald rauschende Vorstellungen, die schnell wieder verworfen wurden. Offensichtlich stellte sich im Jahr 1925 die Verbindung von Radiowellen und der Übertragung von Elektrizität als sehr rationale und naheliegende Idee dar. Nicht nur einmal ist uns eine drahtlose Anlieferung von Strom vor die Linse geraten, etwa am 29. September in den Harburger Anzeigen und Nachrichten. Frank Riede schildert uns, was hätte kommen sollen.
6 Minuten
Der Boulevard des Italiens, im 2. und 9. Pariser Arrondissement gelegen, gehört zu den vier Grand Boulevards des Rive droite und ist eine eher gediegen-großbürgerliche Adresse. Die dort lebenden Familien hatten, zumindest vor einhundert Jahren, häufig Gouvernanten und von einer solchen handelt die nachfolgende Begebenheit, die es am 28. September 1925 aus der französischen Hauptstadt bis in die Altonaer Nachrichten schaffte. Ungewöhnlich an ihr war nicht nur der Aufzug der Protagonistin, sondern auch die Umstände, der Ort und die Dauer ihres Auftritts. Als Nebendarsteller wirken mit etliche Feuerwehrleute sowie, glaubt man dem aufgeregten Bericht, gleich mehrere 1000 Schaulustige. Kleiner weiterer Spoiler: Das Dramolett endet an einem Ort, den man damals noch wenig achtsam Irrenhaus nannte. Es liest Rosa Leu.
7 Minuten
Wenn man den Namen „Wilhelm Luetjens“ in die gängigen Suchmaschinen eingibt, stößt man dort auf eine ganze Reihe unterschiedlicher Menschen bzw. biographischer Spuren. Unter anderem kann man antiquarisch ein Buch namens Waage des Lebens erwerben, das ein Autor nämlichen Namens 1950 veröffentlichte, bevor er 1961 verstarb. Ob dieser identisch ist mit dem Verfasser eines kleinen Artikels aus dem Hamburger Echo vom 27. September 1925, in dem ein arbeitsloser Ich-Erzähler durch Hamburg streift und in der Nähe des Stephanplatzes auf einen älteren, schlafenden Obdachlosen trifft, darüber können wir nur spekulieren. Wir sind ihmeinmal mal gefolgt bzw. haben Frank Riede dazu animiert.
12 Minuten
Egon Wertheimer berichtete 1925 für die Altonaer Nachrichten aus London und ist in der heutigen Folge nicht zum ersten Mal zu Gast. Im September hatte er das Privileg, Charlie Chaplins neuesten Film „The Gold Rush“ zu sehen, noch bevor er in den deutschen Kinos anlief. Er bereitet in der Ausgabe vom 26. 9. das deutsche Publikum nicht nur auf einen großartigen Film vor, sondern reflektiert auch die Figur des „Tramps“, die Chaplin kreiert hat. Für Wertheimer ist sie weit über ihre Slapstick-Anfänge hinausgewachsen und verhandelt ähnlich große Konflikte und moralische Themen wie das Antike Drama. Was das für den anschließenden Besuch in einem Theater bedeutete, teilt uns Rosa Leu mit.
7 Minuten
Die Geschmäcker sind verschieden, heißt es im Volksmund, und für die Musik darf dieser Satz vielleicht sogar in besonderer Weise Geltung beanspruchen. Alfred Döblin war offensichtlich kein allzu großer Fan des Schlagers. Dennoch wagte er sich in seinem Berliner Heimatbezirk, am Friedrichshain, in diesbezüglich einschlägige Lokalitäten, lauschte den Klängen und beobachtete die aufspielenden Kapellen wie die vergnügungssüchtigen, selbst sangestüchtigen Paare im Publikum bei ihrem Musikgenuss. Die Eindrücke, die er dabei sammelte, konnte man am 25. September 1925 im Hamburger Anzeiger nachlesen, was für Auf den Tag genau Frank Riede getan hat.
7 Minuten
Jahr für Jahr zieht das Münchner Oktoberfest Publikum aus aller Welt an: Aus Italien, Amerika oder Australien lockt es die Bierdurstigen auf die Theresienwiese, ja selbst vereinzelte Norddeutsche sollen hier und da schon beim Feiern in den Zelten oder auf den Fahrgeschäften gesehen worden sein. Ein Belegstück liefert uns die Schiffbeker Zeitung vom 24. September 1925, die allerlei Details und Zahlen kennt und auch daran erinnert, dass es mit dem „Jahr für Jahr“ in den 1920er Jahren gar nicht stimmt. Nachdem es der Kriegsfolgen wegen 1919 und 1920 nur für ein kleines „Herbstfest“ gereicht hatte, fiel das Oktoberfest 1923 und 1924 gleich gänzlich den schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen zum Opfer. Wie ausgelassen es dafür zum Ausgleich 1925 auf der zurückgekehrten Wies’n zugegangen ist, hören wir von Rosa Leu.
8 Minuten
Wenn Filmwissenschaftler*innen die bedeutendsten filmtheoretischen Schriften der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zusammentragen, dann fehlt niemals der Name Béla Balázs. Er hatte 1924 das Werk „Der sichtbare Mensch“ geschrieben, das für viele als der Beginn einer modernen Filmtheorie gilt. Zugleich verfasste er aber auch Drehbücher (etwa zu Leni Riefenstahls Filmdebut „Das blaue Licht“), Libretti (etwa für Béla Bartók), Lyrik und Prosa. Geboren als Herbert Bauer in eine deutschsprachige Familie, magyarisierte er seinen Namen und wollte möglichst auf Ungarisch schreiben. Nach seinem Engagement in der Kommunistischen Partei und der Räterepublik in Ungarn musste er aber nach Wien fliehen und wieder vermehrt auf Deutsch schreiben. Dieser Aspekt seiner literarischen Identität war wahrscheinlich den Altonaer Nachrichten nicht bekannt, sie betrachteten ihn in ihrer Ausgabe vom 23. September 1925 als einen ganz großen Prosaisten deutscher Sprache und druckten einen kurzen, sehr poetischen und zugleich philosophischen Text von ihm ab. Frank Riede liest.
6 Minuten
Kinder, wie die Zeit vergeht! Schon wieder feiern wir ein Jubiläum, das man fast nicht glauben möchte, nämlich: 100 Jahre Videobeweis. Dieses Wort kommt im Artikel der Altonaer Nachrichten vom 22. September 1925 natürlich nicht vor. Die Problematik, die dieser schildert, rechtfertigt selbige Begrifflichkeit jedoch ganz zweifelsfrei: Der Boxer Hans Breitensträter – wir berichteten – hatte sich den Titel des deutschen Schwergewichtsmeisters gegen seinen Kontrahenten Paul Samson-Körner durch Punktsieg zurückgeholt, die Filmaufnahmen von diesem Fight zogen das Urteil des Kampfgerichts indes ganz erheblich in Zweifel. Was also tun? Die technischen Hilfsmittel ignorieren und den Juryspruch als Tatsachenentscheidung bestehen lassen? Oder das Ergebnis im Nachhinein korrigieren? Und, wenn ja, auf welche Weise und mit welchen Konsequenzen? Rosa Leu blickt mit uns auf eine Debatte, die noch viel älter ist, als man bisher ahnte.
7 Minuten
„Der Riesenhai in Cuxhaven“ – ein wenig sensationsheischend kommt diese Überschrift aus den Altonaer Nachrichten vom 21. September 1925 schon daher, denn keineswegs wurde das große Tier in der Elbmündung aus dem Wasser gezogen; vielmehr war er einem Cuxhavener Fischdampfer in isländischen Gewässern buchstäblich ins Netz gegangen. Die Ausmaße dieses Exemplars der nach dem Walhai zweitgrößten bekannten Fischart muten indes tatsächlich spektakulär an. Dennoch, erfahren wir von Rosa Leu, wanderten nur Haut und Kopf in ein meeresbiologisches Forschungslabor. Der Rest des Tieres, vermutlich auch die riesengroße Leber, landete wohl auf norddeutschen Fischmärkten.
8 Minuten
30 lange Jahre, von 1891 bis 1921, leitete das sogenannte Erfurter Programm die Sozialdemokratische Partei Deutschlands. Das ihm nachfolgende Görlitzer Programm hingegen wurde bereits nach vier Jahren wieder durch ein neues ersetzt, das nach dem dort im September 1925 stattfindenden Parteitag Heidelberger Programm hieß – und stolze 34 Jahre die Grundsätze der SPD definieren sollte, bis es 1959 durch das berühmte Godesberger Programm abgelöst wurde. Weshalb nach nur vier diese Neuausrichtung und worin bestand sie? Dies erläuterte in der Parteizeitung Hamburger Echo vom 20. September ein Autor, dessen Wort in der internationalen Sozialdemokratie bereits damals Gewicht hatte, der zu allerhöchsten Ämtern allerdings erst nach dem Zweiten Weltkrieg aufstieg: Karl Renner, in den 1920er Jahren Abgeordneter zum Nationalrat in Wien, wurde 1945 zum ersten Bundespräsidenten der zweiten österreichischen Republik gewählt. Wie er zwanzig Jahre zuvor die neue Programmschrift der deutschen Schwesterpartei bewertete, weiß Frank Riede.
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