Auf den Tag genau Archiv
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11 Minuten
Präsidenten und Minister, die in vornehmen Salonwagen per Eisenbahn zu Regierungskonsultationen reisen – dieses Konzept hat zuletzt im Zuge des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine eine unerwartete Renaissance erlebt. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war diese Art der Fortbewegung selbstredend der Normalfall bei Staatsbesuchen, der freilich wiederum auch erst relativ spät in der Geschichte Pferd, Sänfte und Kutsche abgelöst hatte. Daran erinnert uns das Pinneberger Tageblatt vom 19. Oktober 1925 genauso, wie es auch einen Blick in die Zukunft wirft, die unsere Gegenwart ist und in der vornehmlich das Flugzeug Politiker durch die Welt befördert. Dass diese Zukunft damals bereits angefangen hatte, erfahren wir von Rosa Leu.
9 Minuten
Die Konferenz von Locarno endete mit einem Schlussprotokoll, in dem die Einigungen festgehalten waren, die anschließend von den Parlamenten der einzelnen Staaten bestätigt werden mussten, bevor sie endgültig unterzeichnet werden konnten. Der Kern des sich abzeichnenden Abkommens war die langfristige Festlegung und Garantie der Westgrenzen Deutschlands, wie sie im Versailler Vertrag definiert waren. Dass die Weimarer Republik auf eine diplomatische oder gewaltsame Revision dieser Grenzziehung verzichtete, führte bei den politischen Rändern zu Protesten. Und da ja die DNVP Teil der Regierung Luther war, zeichnete sich eine Regierungskrise ab. Der Hamburgische Correspondent versammelt am 18. Oktober die Reaktionen der Presse und der Parteien auf die Nachrichten aus Locarno. Es liest Frank Riede.
9 Minuten
Nach 12 Verhandlungstagen zeichnete sich ein Ende der Konferenz in Locarno ab und die Zeitungen zoomten, wenn man so will, wieder von den kleinen Geschichten, Erkenntnissen und Gerüchten zum Großen und Ganzen zurück und begannen zu resümieren. Die Wilhelmsburger Zeitung tat dies unter dem Titel „Einfach und Ehrlich“, einem Zitat des britischen Premiers Baldwin zu einem deutschen Memorandum im Vorfeld der Konferenz. Der Leitartikler warnt vor voreiligen Schlüssen und Bewertungen, vor zu viel Pessimismus oder Optimismus, da die Ergebnisse der Konferenz ja auch noch nicht wirklich kommuniziert worden waren, vermutet aber auch, dass in der Reichsregierung nicht alle glücklich über den Verlauf der Verhandlungen sein würden. Doch dazu morgen mehr. Den Wissenstand der Wilhelmsburger vom 17. Oktober 1925 liest für uns Rosa Leu.
9 Minuten
Über den aktuellen Umgang der Vereinigten Staaten von Amerika mit sogenannten illegalen Einwanderern ist alles gesagt. Land of the Free, entnehmen wir den Hamburger Nachrichten vom 16. Oktober 1925, waren die USA indes auch schon vor einhundert Jahren längst nicht mehr für alle, die es an ihre Gestade geschafft hatten. Wer ohne gültige Papiere ankam, musste zwar nicht fürchten, in einem brutalen Abschiebeknast in einem Drittland zu landen; die Freiheitsstatue sahen er oder sie jedoch zumeist nur von Ferne, bevor sie wieder zurück in den Ausgangshafen geschifft wurden. Dass viele es offenbar trotzdem versuchten und dabei ähnlich hohe Risiken eingingen wie jene, die sich heute auf den gefährlichen Weg über das Mittelmeer machen, beschreibt der Autor Gerd-Rudolf Bachmann in einem Text, der nichts für sensible Gemüter ist und den für uns Frank Riede liest.
11 Minuten
Trotz populärer Krimireihen – die Stadt Triest gilt selbst unter Italienkennern heutzutage fast noch als Geheimtipp. Vor einhundert Jahren war das interessanterweise ganz anders. Immer wieder sind wir in den vergangenen Jahren bei unseren Recherchen auf Reiseberichte aus dieser ehemals österreichischen, jetzt nordostitalienischen Ecke gestoßen und haben sie bisweilen auch zur Anhörung gebracht, der heutige Text aus dem Hamburger Anzeiger vom 15. Oktober 1925 fügt sich also in eine längere, bis weit in Berliner Zeiten zurückreichende Reihe. Er besticht durch präzise Beschreibung, irritiert aber auch durch einige, für den liberalen Anzeiger eher untypische nationale Stereotypen. Das Wort hat Rosa Leu.
8 Minuten
Wir über uns – aus dieser Rubrik stammte bereits die Ballade von der journalistischen Tätigkeit in der gestrigen Ausgabe unseres Podcast. Auch heute schmoren wir, wenn man so will, weiter im eigenen Saft und singen das hohe Lied auf die großartige Erfindung der Tageszeitung. Dass Eigenlob stinkt, wusste freilich auch das Pinneberger Tageblatt, als es am 14. Oktober 1925 seine Apotheose auf „Zeitungslust und -nutz“ anstimmte, weshalb es dafür auf einen entsprechend bezeichneten Text aus der Zeit um 1700 und der Feder Kaspar von Stielers zurückgreift. Was wir dort von der kulturbildenden und friedenssichernden Funktion der Qualitätspresse hören, möchten wir gerne glauben und mit Auf den Tag genau weitergeben. Nur der Mahnung, die Zeitung unbedingt immer von der ersten bis zur letzten Zeile zu rezipieren, werden wir hier auch weiterhin keine Folge leisten. Es bleibt täglich bei einem einzigen Artikel, den für uns heute Rosa Leu interpretiert.
7 Minuten
„Was ist ein Journalist?“ – Es gibt so Artikelüberschriften, an denen wir als Zeitungs-Podcast schlechterdings nicht vorbeigehen können. Das schöne am nachfolgenden Text aus den Altonaer Nachrichten vom 13. Oktober 1925 ist, dass er diese Frage der Selbstvergewisserung zudem auch noch in Balladenform beantwortet. Der Autor – oder die Autorin – hört auf den Namen Schippang und machte sich seinen/ihren Reim auf die eigene Berufstätigkeit ursprünglich für die Kieler Neuesten Nachrichten. Man darf aber mit Fug und Recht davon ausgehen, dass der Alltag auch eines Hamburger Journalisten wenig anders aussah – und vielleicht heute noch aussieht. Frank Riede gibt für uns den Rezitator.
8 Minuten
„Mit einem Dach und seinem Schatten dreht sich eine Weile der Bestand ...“ – Nein, das Karussell, auf das wir uns heute schwingen, steht nicht im Pariser Jardin du Luxembourg, und es ist auch nicht Rainer Maria Rilke, der sein lyrisches Ich an dieses „atemlose blinde Spiele“ verschwendet. Hans Trausil heißt der Autor, dem wir den heutigen, in den Hamburger Nachrichten vom 12. Oktober 1925 erschienenen Text verdanken, und die Jahrmärkte, auf denen er entstanden ist, befinden sich an der amerikanischen Ostküste, wo Trausil wohl auch lebte. Eine kurze Internetrecherche bestätigt indes unseren Verdacht, dass er seinen Rilke sehr wohl kannte. Eine frühe Übersetzung Rilke’scher Gedichte ins Englische wurde 1918 von einer gewissen Jessie Lemont veröffentlicht – der Ehefrau von Hans Trausil, der es sich wiederum nicht nehmen ließ, zu diesem Bändchen die Introduction zu verfassen. Was für eine schöne Trouvaille aus dem „Land, das lange zögert, eh‘ es untergeht“ und in das uns Frank Riede entführt.
12 Minuten
Die Konferenz in Locarno war zweifelsfrei das große Ereignis der europäischen Politik im Jahre 1925, bei der wahrscheinlich der Umfang der Delegationen von den unzähligen Berichterstattern der Presse deutlich übertroffen wurde. Nun prallte deren Interesse nach spannenden Neuigkeiten und berichtenswerten Details der Verhandlungen auf Diplomaten, die sich allesamt vorgenommen hatten, nichts durchzustechen, was, bis auf die Indiskretion vor wenigen Tagen, von der wir berichteten, auch durchgehalten wurde. Eben diesen Mangel an Nachrichten thematisiert der Bericht von Rudolf Michael für den Hamburgischen Correspondenten vom 11. Oktober. Ohne zu wissen, dass das informelle Treffen zwischen dem französischen Außenminister Briand und dem Reichskanzler Luther in Ascona heute als zentrales Treffen auf dem Weg zu einer deutsch-französischen Einigung auf der Konferenz gilt, schildert er launig das Zusammentreffen der beiden Politiker mit einer Katze und Weintrauben. Es liest Rosa Leu.
9 Minuten
Die weltweit bekannte Diamantenhandelsfirma und -schleiferei Asscher in Amsterdam machte sich ihren Namen nicht zuletzt dadurch, dass sie den bislang weltgrößten bekannten Diamanten, den „Cullinan“ zerlegte und schliff. Aufgrund des wertvollen Materials, das dort verarbeitet wurde, und den geschützten Verarbeitungstechniken war die Schleiferei sehr abgeschottet, so dass es durchaus ein Scoop war, als eine schwedische Journalistin für eine Reportage Einblick in die Werkstätten erlangte. Ihr Bericht wurde übersetzt und nachgedruckt, so auch von den Harburger Anzeigen und Nachrichten am 10. Oktober 1925. Frank Riede liest für uns diesen Artikel, der eine lebendige Beschreibung von den Vorgängen an den Schleifgeräten und eine große Faszinationen der Autorin für das Thema vermittelt, allerdings dennoch von zahlreichen falschen Zahlen durchwoben ist. Gramm und Karat purzeln da munter durcheinander, was wir heutzutage dank Wikipedia schnell herausfinden können.
8 Minuten
Schon in Berliner Zeiten haben wir in diesem Podcast gerne immer wieder Seitenblicke auch in andere europäische Metropolen gewagt, und diese Tradition setzen wir mit den Hamburger Zeitungen fleißig fort. Heute ist es an der Zeit, einmal wieder auf „die Insel“ zu schauen, auf der uns der Korrespondent der Altonaer Nachrichten am 9. Oktober 1925 „Londoner Allerlei“ auftischt. Wer bisher bei Auferstehungen nach Hinrichtungen ausschließlich an Jerusalem gedacht hat, wird hier eines Besseren belehrt. Außerdem, soviel sei vorweggenommen, kommen auch die Liebhaberinnen und Liebhaber von Pelzwaren und Orchideen auf ihre Kosten. Unsere Korrespondentin an der Themse heißt Rosa Leu.
10 Minuten
In über 200 aktiven Zechen förderten Anfang der 1920er Jahre im Ruhrgebiet weit mehr als eine halbe Million Bergleute beinahe 100 Million Tonnen Steinkohle per annum aus der Erde. Über 4000 Kumpel waren es allein auf der Zeche Radbod in Hamm, zu denen sich einmalig, wie wir den Harburger Anzeigen und Nachrichten vom 8. Oktober 1925 entnehmen, auch der etatmäßige Kunsthistoriker und Theaterkritiker Otto Gillen gesellte und einige Stunden unter Tage verbrachte. Heraus kam ein durchaus eindrucksvoller Bericht über die harte Arbeit in den engen Stollen und die steten Gefahren, denen sich die Bergleute dort ausgesetzt sahen. Seit 1905 in Betrieb, wurde die Zeche Radbod zum 31. Januar 1990 stillgelegt. In den 85 Jahren ihres Bestehens fanden auf der Anlage mindestens 822 Kumpel bei Unglücken den Tod. An sie sei erinnert mit dem heutigen Text, den für uns Frank Riede liest.
8 Minuten
Große internationale Konferenzen beginnen selbstredend nicht erst mit der Ankunft der Delegationen am Veranstaltungsort, sondern werden in aller Regel lange im Vorfeld durch Unterhändlerinnen und Unterhändler vorbereitet; auf dass die Ministerial- oder Regierungsspitzen vor Ort nicht bei Adam und Eva beginnen müssen, sondern sich auf die Klärung der verbliebenen Streitpunkte konzentrieren können. Blöd nur, wenn die Zwischenstände der Verhandlungen vorab durchgestochen werden, wie das 1925 im Vorfeld der Friedenskonferenz von Locarno der Fall war. Diversen europäischen Zeitungen lag entsprechendes Material vor, und in die anderen, wie in den Hamburgischen Correspondenten vom 7. Oktober, fanden die Infos dann natürlich auch Eingang. Was vermeintlich schon vor Tagungsbeginn vereinbart war und wer das angeblich nicht für sich behalten wollte, weiß Rosa Leu.
6 Minuten
Neue Technologien, die sich am Horizont abzeichnen und einen gruseln lassen, sind keine Erfindung erst unserer Epoche. So wie wir heute die Vorstellung spooky finden, bekannte Schauspielerstimmen dank KI Texte lesen zu hören, die sie gar nicht eingesprochen haben, oder ihre Körper Bewegungen vollziehen zu sehen, für die kein Dreh nötig war, so verstört zeigte man sich vor einhundert Jahren davon, dass man bei der BBC neuerdings bereits verstorbenen Personen des öffentlichen Lebens lauschen konnte, von denen zu Lebzeiten Tondokumente mitgeschnitten worden und in ein Archiv gewandert waren. Zur Versachlichung erläutern die Altonaer Nachrichten vom 6. Oktober 1925 erst einmal die technischen Voraussetzungen für dieses Verfahren. Es liest Rosa Leu, ganz leibhaftig und nicht KI-generiert.
12 Minuten
In der Spätphase der Weimarer Republik versammelten sich die Vertreter von Film und Fotographie regelmäßig an verschiedenen Orten zu einer Fachmesse, die abgekürzt wurde als „Fifo“. Ein Vorläufer war die „Kipho“, „Kino und Photo“, die vom 25. September bis zum 4. Oktober 1925 am Berliner Funkturm stattfand. Als große Leistungsschau der beteiligten Industrien lockte sie auch den Korrespondenten der Altonaer Nachrichten Friedrich Huth an, dessen Bericht am 5. Oktober abgedruckt wurde. Spannend ist, dass es bei dieser Messe nicht nur um den neuesten Stand der Technik ging, sondern vielmehr auch ein Blick zurück gerichtet wurde, auf die Frühphase des Kinos, auf das sog. „Attraktionskino“ auf Jahrmärkten. Frank Riede hat sich für uns zwischen der Vergangenheit 1925 und der Zukunft 1925 auf der Messe herumgetrieben.