Auf den Tag genau Archiv
2057 Episoden
11 Minuten
Nach zweidreiviertel Jahren und über 1000 Folgen Podcast kennt zumindest einmal die europäische Landkarte von Auf den Tag genau nicht mehr allzu viele große weiße Flecken. Zu den wenigen, die es doch noch gibt, zählt der von der Berliner Tagespresse der 1920er Jahre wenig beachtete östliche Balkan, weshalb wir uns heute dankbar auf einen Artikel aus der Vossischen Zeitung vom 23. Oktober 1922 stürzen, der uns nach Siebenbürgen führt. Seit dem Weltkrieg zu Rumänien gehörig, war dessen historische Hauptstadt Alba Iulia – das alte, nach dem Vater Maria Theresias benannte Karlsburg – nun Schauplatz einer spektakulären Krönungszeremonie, in der der bereits seit 1914 amtierende rumänische König Ferdinand I. aus dem Hause Hohenzollern und seine Frau Maria zu König und Königin des sich erheblichen Territorialgewinnen des Weltkriegs verdankenden Großrumäniens krönen ließ. Dabei war, als angeblich einziger deutscher Pressevertreter, Georg Strelisker. Und für uns Paula Leu.
6 Minuten
Dass das Amsterdamer Concertgebouw Orchester heute zu den führenden Klangkörpern der Welt zählt, wird nachhaltig noch immer auf das langjährige Wirken Willem Mengelbergs zurückgeführt. Stolze fünfzig Jahre, von 1895 bis 1945, stand Mengelberg als Chefdirigent an dessen Spitze, und weit über die Grenzen der Niederlande strahlte der Glanz dieser glücklichen künstlerischen Langzeitbeziehung aus. So auch nach Berlin, wo im Herbst 1922 ein Gastspiel des Concertgebouw mit Werken von Beethoven, Weber und Richard Strauss sowie Gustav Mahlers Achter Symphonie auf dem Programm stand. Letztere wurde mit besonderer Spannung erwartet, weil Mengelberg mit Mahler persönlich befreundet war und seinen Mahler-Interpretationen deshalb vielfach Referenzcharakter zugesprochen wurde und teilweise auch heute noch wird. Für die Deutsche Tageszeitung vom 22. Oktober 1922 berichtete aus der Berliner Philharmonie Hermann Springer, für uns Frank Riede.
10 Minuten
Der Gedanke, dass ein britischer Premierminister abtritt und ein ernstzunehmender hiesiger Publizist sehnsüchtig mit dem Wunsch kokettiert, dann möge jener doch jetzt die deutsche Regierung übernehmen, erscheint unserer Tage, gelinde gesagt, etwas abwegig. Als der liberale David Lloyd George im Oktober 1922 von Hinterbänklern seines konservativen Koalitionspartners gestürzt wurde, war indes genau dies der Fall. Kein geringerer als der von uns heute vor allem als glühender Nazi-Gegner erinnerte Emil Ludwig blickte schon damals etwas neidisch auf die politische Kultur auf der Insel und vor allem auf den scheidenden Premier, ehedem immerhin erbitterter Weltkriegswidersacher. Was Ludwig in seinen drei Miniaturen für das 8-Uhr-Abendblatt vom 21. Oktober skizziert, hat dabei durchaus nichts von einer Hagiographie. Vielmehr zeichnet er das äußerst differenzierte Bild eines Politikers von sehr britisch sachlicher, stilvoller, aber auch machtbewusster Rationalität, nach der sich mancher heute – nicht nur, aber vielleicht gerade auch im Vereinigten Königreich – wieder sehnen mag. Es liest Frank Riede, der dafür doch etwas mehr als drei Minuten braucht.
11 Minuten
Die Ostsee galt auch schon vor einhundert Jahren als so etwas wie die Badewanne des Berliners. Allerdings war seinerzeit, um im Bild zu bleiben, noch nicht das ganze Jahr über Waschtag. Die bekannte Romanautorin Gabriele Reuter schwärmt in ihrem Artikel für das Berliner Tageblatt vom 20. Oktober 1922 entsprechend ausgiebig nicht nur für die Insel Hiddensee, sondern vor allem für das Privileg, dort abseits der Saison, allein mit den Einheimischen und ein paar Künstlern zu verweilen. Was sie über die Verhältnisse in den Sommermonaten zu berichten weiß, scheint von heutigen Exzessen des Overtourism zwar durchaus noch einigermaßen weit entfernt. Dennoch durchzieht die Sorge um den Fortbestand des nordisch-maritimen Eilandidylls ihren gesamten Inselspaziergang. Auf diesem begleitet sie für uns Paula Leu.
7 Minuten
Das Renaissance-Theater an der Charlottenburger Hardenbergstraße zählt bis heute zu den architektonischen Kleinodien der Berliner Kulturlandschaft und gilt als ikonischer Bau der 1920er Jahre in Berlin. Dabei ist dieser ursprünglich deutlich älter und wurde anfangs auch gar nicht als Theater, sondern erst als Verbindungshaus, dann als Kino genutzt und erst 1922 zum Theater umgebaut – zunächst allerdings auch noch nicht in der legendären, bis heute gepflegten hölzernen Ausstattung von Oskar Kaufmann. Die sehr kulturaffine Boulevardzeitung B.Z. am Mittag zeigt sich am 19. Oktober in ihrem Bericht von der Eröffnungspremiere zumindest ein paar Sätze lang dennoch durchaus angetan von der architektonischen Gestaltung des Hauses, um im weiteren Verlauf des Textes dann aber doch eher zu den klassischen Fragen des Rezensionsfeuilletons zurückzukehren. Bei Lessings damals wie heute selten gespielter Miß Sara Sampson war Paula Leu.
5 Minuten
Wenn Sie ein Tier wären, welches Tier wären Sie? Wieviel Smarties passen in einen VW-Bus? Wer ist ihr größtes Vorbild und warum? Solche Fragen bei Bewerbungsgesprächen basieren auf der Idee, mit Unterstützung von psychologischem Know-How eine bessere Auslese der Kandidat:innen zu gewährleisten. Um dies systematisch zu untersuchen und zu diskutieren, trafen sich vom 10. Bis zum 14. Oktober 1922 internationale Psychologen auf einem Psychotechnischen Kongreß in Berlin. Der Vorwärts berichtete in der Ausgabe vom 18. Oktober. Frank Riede liest.
9 Minuten
Es ist verständlich, dass unser Blick auf die Zwanziger Jahre in Berlin, die sexuelle Freizügigkeit bestimmter Milieus sowie die Tanz-, Party- und Drogenszene hervorhebt, macht dies doch einen Teil der Anziehungskraft von Serien wie Babylon Berlin aus. Die „Goldenen Zwanziger“, der „Tanz auf dem Vulkan“ leben von dieser Seite Berlins, die es auch zweifellos gab. Wieviel verklemmter und puritanischer andere Teile der Gesellschaft mit der Sexualität umgingen, zeigten uns etwa der Prozess gegen die Aufführung von Schnitzlers Reigen, oder der Kampf der Sexualreformer. In der heutigen Folge druckt die liberale Berliner Volks-Zeitung vom 17. Oktober die Forderung nach einer Reform der schulischen Sexualkunde ab. Es solle endlich das geleugnete Organ zu seinem Recht kommen. Wie es uns immer wieder in der journalistischen Landschaft der Zwanziger Jahre begegnet, kommt es hier auch zu der Situation, dass der tatsächlich progressive Autor bei seinem Kampf gegen veraltete Moralvorstellungen selbst gleichzeitig nicht frei ist von zeittypischen homophoben Überzeugungen. Es liest Frank Riede.
10 Minuten
Thomas Manns sich im Herbst 1922 immer klarer abzeichnende Metamorphose vom kaisertreu-nationalkonservativen Saulus zum liberal-republikanischen Paulus war hier im Podcast bereits vor einigen Wochen anlässlich der Veröffentlichung seines Essays „National und international“ ausführlich Thema. Noch prominenter wirkte diesbezüglich indes seine (eigentlich dem 60. Geburtstag Gerhard Hauptmanns geltende) Rede ‘Von deutscher Republik‘ vom 13. Oktober des Jahres, in der er sich klar zu eben dieser bekannte und sich vor allem an die studentische Jugend wandte, es ihm gleich zu tun. Im 8-Uhr-Abendblatt vom 16. Oktober berichtet Autor Kurt Pinthus vom Auftritt Manns im Beethovensaal der Alten Philharmonie und beurteilt das dort Vernommene, nicht überraschend, positiv, wenngleich er sich Manns politisches Statement wohl durchaus noch konsequenter vorstellen könnte. Es liest Frank Riede.
8 Minuten
Seit dem 3. Oktober 1922 war gegen 13 Beschuldigte wegen des Mordes an Außenminister Walther Rathenau vor dem neubegründeten Staatsgerichtshof zum Schutze der Republik verhandelt worden, bereits am 14. Oktober ergingen in dem vielbeachteten Prozess die Urteile. Der Hauptangeklagte Ernst Werner Techow entging der Todesstrafe, weil er nur der Beihilfe, nicht aber der Mittäterschaft am Attentat überführt werden konnte. Die Strafen gegen neun weitere Angeklagte wurden allgemein als vergleichsweise, d.h. in Relation zu anderen Verfahren mit rechtsterroristischem Hintergrund, drastisch angesehen. Die heiß diskutierte Frage nach etwaigen Hintermännern, etwa aus den Kreisen der berüchtigten Organisation Consul, ließ das Gericht in seiner Urteilsbegründung jedoch offen. Weitere Details erfahren wir aus der Berliner Morgenpost vom 15. Oktober, und zwar von Paula Leu.
5 Minuten
Die alten Römer verehrten Janus, den Gott des Anfangs und des Endes, den Gott, der die Dualität in den ewigen Gesetzen symbolisierte. Der oftmals doppelgesichtig Dargestellte stand für die Verknüpfung von Zerstörung und Schöpfung, von Licht und Dunkelheit oder von Leben und Tod. Dass der Mensch in sich auch janusköpfig ist, indem er widersprüchliche Emotionen und Beweggründe in sich trägt, dämmerte dementsprechend nicht erst dem Schriftsteller und fleißigen Feuilletonisten Joseph Roth, der am 14. Oktober 1922 über die Dualität der Welt für den Vorwärts schrieb. Seine Überlegung, die ausgeht von der Beobachtung des Rathenau-Prozesses, bleibt aber nicht auf der Ebene der Beschreibung einer anthropologischen Grundkonstante, sondern entwickelt eine klare politische und pazifistische Position. Für die mußte Roth sich beim Vorwärts sicherlich nicht rechtfertigen, wo er vorübergehend publizierte, nachdem er kurz zuvor beim Berliner Börsen-Courier gekündigt hatte – mit folgender Begründung: „Ich kann wahrhaftig nicht mehr die Rücksichten auf ein bürgerliches Publikum teilen und dessen Sonntagsplauderer bleiben, wenn ich nicht täglich meinen Sozialismus verleugnen will.“ Seine Betrachtung der Welt mit zwei Seiten liest für uns Frank Riede.
10 Minuten
Die Jagd war bekanntermaßen die längste Zeit ein Privileg des Adels, und in der Tat ist die Autorin, die sich am 13. Oktober 1922 für den Berliner Lokal-Anzeiger „Auf Hirschsuche“ begab, eine zumindest angeheiratete ‘von und zu‘: Eva Gräfin von Baudissin entstammte zwar, genau wie zwei literarisch noch etwas bedeutendere Zeitgenossen, dem Lübecker Bürgertum, pflegte aber offensichtlich auch nach der bereits 1906 vollzogenen Scheidung von ihrem Ehemann und Schriftstellerkollegen Wolf Ernst Graf von Baudissin dann und wann aristokratische Freizeitbeschäftigungen, die sie in diesem Fall in den herbstlichen Forst führten. Was sie den städtischen Leserinnen und Lesern des auflagenstarken Lokal-Anzeigers aus dem Verlagshaus Scherl hier auftischte, war dabei freilich alles andere als eine Weichzeichnung des Jagdwesens. So effektvoll ihr Text im Geäst romantische Nebel wallen lässt, so wenig unterschlägt er zugleich die grausam-blutige Seite des Waidwerks, an das sich für uns Paula Leu heranpirscht.
7 Minuten
Zu der Zeitungslandschaft Berlins gehörten neben den großen überregionalen Zeitungen, die das Gros der Folgen von Auf den Tag genau bestücken, auch zahlreiche Lokalzeitungen, die oftmals zentrale Blätter der Städte um Berlin herum waren und nach der Fusion zu Groß-Berlin 1920 Zeitungen der Stadtviertel blieben bzw. wurden. So etwa auch das Neuköllner Tageblatt. In ihm finden wir in der Ausgabe vom 12. Oktober 1922 einen Bericht, in dem politisches Tagesgeschehen mit Wissenschaftsjournalismus verbunden ist. Offenbar waren einige Angeklagte im Leipziger Rathenau-Prozess nach dem Konsum von Pralinen mit Vergiftungssymptomen erkrankt. Ein Fall für die chemische Wissenschaft, die auch die kleinsten Giftspuren aufspüren kann. Paula Leu schaut für uns den Chemikern über die Schulter.
11 Minuten
Wenn nicht gegen Nackttänzerinnen oder Schnitzlers Reigen wegen Unsittlichkeit prozessiert wurde, dann stand die Kunst wegen vermeintlicher Gotteslästerung vor Gericht. Ein sehr prominenter Fall der jungen Weimarer Republik war die Anklage gegen den heute nahezu vergessenen Autor Carl Einstein und seinen noch heute bekannten Verleger Ernst Rowohlt. Es ging um das Buch „Die schlimme Botschaft“, in dem Jesus auf die Realität und das Christentum des 20. Jahrhunderts trifft und daran verzweifelt, bzw. auch wieder gekreuzigt wird. Ein ähnliches Narrativ galt in Dostojewskis „Der Großinquisitor“ wohl schon 1922 als große Literatur. Rowohlt und Einstein mussten sich, angezeigt von religiösen Eiferern, die im Zweifelsfall das Buch gar nicht gelesen hatten, vor Gericht erklären. Mit Blick auf die Verbotsdebatte um Monty Python’s „Life of Brian“ Ende der 1970er Jahre ist uns eine solche Debatte um die Kunstfreiheit wohl näher als wir meinen. Während es aber bei John Cleese und co. nur darum ging, ob der Film gezeigt werden durfte, mussten Verleger und Autor 1922 allerdings eine Haftstrafe fürchten. Und tatsächlich wurden sie verurteilt und das Buch nach 200 verkauften Exemplaren vom Markt genommen. Immerhin wurde die Strafe in eine Geldstrafe verwandelt, die allerdings empfindlich ausfiel. Frank Riede war zusammen mit dem Vorwärts vom 11. Oktober beim Prozess dabei.
7 Minuten
Die Malerinnen Dora Hitz und Martel Schwichtenberg sowie die Bildhauerinnen Milly Steger und Emy Roeder waren Anfang der Zwanziger Jahre allesamt etablierte Künstlerinnen, die im Herbst 1922 zeitgleich in verschiedenen Galerien in Berlin ausstellten. Wahrscheinlich veranlasste diese zeitlich-räumliche Koinzidenz den Kunstkritiker und Feuilletonisten Max Osborn zu einer Sammelrezension – überschrieben: „Künstlerinnen“. So sehr wir uns über diese Trouvaille freuen, die einen Blick auf die wenig beachtete Künstlerinnenszene wirft, so sehr lässt sich der männliche Blick des Autors auf die Werke und ihre Schöpferinnen nicht leugnen. Für uns macht diese Perspektive auf Künstlerinnen der Weimarer Republik, die es heutzutage vielleicht wiederzuentdecken gilt, Frank Riede lebendig.
7 Minuten
Carl Maria von Webers romantische Oper Oberon ist Musikliebhaberinnen und -liebhabern wohl auch heute noch ein Begriff, auf den Spielplänen der Opernhäuser sucht man selbige jedoch weitgehend vergebens. Auch schon vor einhundert Jahren galt sie wegen vermeintlich kruder Form und Handlung weithin als Machwerk, was Kritiker Erich Urban von der B.Z. am Mittag beim Wiedersehen anlässlich einer Neueinstudierung an der Berliner Staatsoper indes nicht länger teilen mag. In der sprunghaften Dramaturgie von Webers letzter Oper entdeckt er in seiner Rezension vom 9. Oktober 1922 vielmehr ungeahnte Bezüge in die Moderne. Es liest Paula Leu – und vielleicht hört man ja auch in der einen oder anderen zeitgenössischen Dramaturgiestube zu.