Auf den Tag genau Archiv
2057 Episoden
10 Minuten
Kreml-Astrologie ist keine Erfindung unserer Tage, sondern mindestens so alt wie die Sowjetunion. Wer warum plötzlich verschwunden war, was das zu bedeuten hatte und ob er nochmal wiederkäme – Spekulationen nach diesem vertrauten Muster finden sich im Januar 1925 in fast allen Hamburger Zeitungen, und ihr Objekt war seinerzeit kein geringerer als Leo Trotzki. Nach Lenins Tod Anfang 1924 war die junge Sowjetunion in ein Stadium der Diadochenkämpfe eingetreten, in deren Verlauf seine Widersacher um Josef Stalin Trotzki zunehmend isolierten und von seinem Amt eines Kommissars für das Kriegswesen entbanden. Ob der Machtkampf in der Kommunistischen Partei damit bereits entschieden und wo Trotzki verblieben war, wusste man im Westen nicht. Die wenigen durch die dicken Wände der Sowjetmacht nach außen dringenden Zeichen zu deuten, schickten die Altonaer Neuesten Nachrichten vom 22.1. ihren Moskauer Korrespondenten Oswald Zienau als Kreml-Astrologen ins Rennen. Rosa Leu heftet sich an seine Spuren.
11 Minuten
Als der Fischdampfer Hoheluft wenige Tage vor dem Weihnachtsfest 1924 auslief, um in England Fische zu laden, ahnte die 12-köpfige Besatzung nicht, dass sie den Hamburger Hafen zum letzten Mal verließ. Am zweiten Weihnachtsfeiertag sank das Schiff in schwerem Sturm vor der schottischen Küste. Lediglich der zweite Steuermann Friedrich Geiger überlebte wie durch ein Wunder. Seine hochdramatische Geschichte erzählte er dem Hamburger Anzeiger, der diese am 21. Januar 1925 abdruckte. Wie Geiger den entfesselten Elementen entkam und wie ihn die schottischen Küstenbewohner*innen behandelten im Vergleich zu den Konsularbeamten Deutschlands erzählt uns Frank Riede.
6 Minuten
Die Drohung mit Zollkriegen sind keine schlechten Erfindungen unserer Tage, sondern waren bereits vor einhundert Jahren eine regelmäßig geschwungene Keule der internationalen Politik. Wenn wir den Harburger Anzeigen und Nachrichten vom 20. Januar 1925 Glauben schenken dürfen, waren es die Franzosen, die dem alten „Erbfeind“ Deutschland wegen stockender Handelsvertragsverhandlungen einen solchen aufzwang – was sich in den Augen der französischen Presse möglicherweise ganz anders darstellte. Verglichen mit den Waffen, mit denen man zehn Jahre vorher aufeinander einschlug, muss man das vielleicht schon als einen Fortschritt bewerten. Es liest Rosa Leu.
13 Minuten
Dass Paul Hindemiths einaktige Oper Sancta Susanna die Gemüter auch noch eines heutigen Publikums ganz erheblich zu erregen vermag, war unlängst anlässlich Florentina Holzingers Neuinszenierung an den Opern von Schwerin und Stuttgart zu bestaunen; wegen der Drastik der Szene mussten einzelne Zuschauerinnen und Zuschauer am Rande der Vorstellung sogar ärztlich versorgt werden. Angesichts des vermeintlich blasphemischen Charakters der Geschichte von der wollüstigen Nonne Susanne hatte man erst recht bei der Hamburger Erstaufführung vor einhundert Jahren mit erheblichen Protestnoten gerechnet – die jedoch überraschenderweise ausblieben. Kritiker Rudolf Philipp vom Hamburger Anzeiger vernahm es mit Wohlwollen, weil ihn das Werk jedenfalls in musikalischer Hinsicht sehr überzeugte. Für Igor Strawinskys Geschichte vom Soldaten, mit der Sancta Susanna damals ins Hamburg kombiniert wurde, gilt dies deutlich weniger, wobei seine Rezension vom 19. Januar 1925 indes auch in der Beurteilung Strawinskys differenziert argumentiert. Zur Wiedervorlage bringt sie uns Frank Riede.
9 Minuten
Wegen seiner zentralen Lage, seiner Tradition als alter Reichsstadt, der vielen hier gewählten deutschen Könige, vor allem aber wegen seiner Geschichte als Ort der ersten demokratisch gewählten deutschen Nationalversammlung galt Frankfurt am Main insbesondere in republikanisch gesonnenen Kreisen lange Zeit als eine Art heimliche deutsche Hauptstadt; 1949 wäre es, an Stelle von Bonn, um ein Haar sogar zum Sitz von Parlament und Regierung bestimmt worden. In Weimarer Zeiten stand Berlin diesbezüglich nicht zur Disposition. Wohl aber, erfahren wir im Hamburgischen Correspondenten vom 18. Januar 1925, gab es seinerzeit Diskussionen, für das Staatsoberhaupt, den Reichspräsidenten, einen zweiten Amtssitz im dortigen Bundespalais zu errichten. Wie man ein entsprechendes Angebot der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung in einer anderen Stadt mit langer demokratischer Tradition, in der Hansestadt Hamburg, bewertete, weiß Rosa Leu.
7 Minuten
Wo geht man in Berlin hin, wenn man auf einer einzigen Veranstaltung einen ehemaligen deutschen Bundeskanzler, einen ehemaligen DDR-Staatsratsvorsitzenden und Spitzenvertreter weit links und sehr weit rechts stehender politischer Parteien treffen möchte? – Empfänge in der Russischen Botschaft Unter den Linden schaffen es bekanntlich auch noch heute gelegentlich in die Tagespresse. Ganz so prominent besetzt wie bei besagter Feier zum „Tag des Sieges“ im Mai 2023 war die Gästeliste im Januar 1925 beim „Bierabend der Presse“ am nämlichen Ort zwar nicht. Was ein, so die Selbstauskunft, „rechtsstehender Berliner Journalist“ dort erlebte und wen er dort traf und nicht traf, ist jedoch gleichfalls mindestens bemerkenswert. Seinen Bericht in der Wilhelmsburger Zeitung vom 17.1. haben wir deshalb Frank Riede anvertraut.
7 Minuten
Manchmal reiben wir uns die Augen bei dem Blick in die Zeitungen, auf denen in der rechten oberen Ecke 1925 gedruckt steht. So finden wir im Hamburger Echo vom 16. Januar einen Bericht über eine „Randstaaten“-Konferenz in Helsingfors (also Helsinki), auf der die baltischen Staaten und Finnland und wohl auch Vertreter Polens gemeinsam ein infrastrukturelles und militärisches Verteidigungsbündnis gegen mögliche Angriffe aus Russland diskutierten. Es galt die Verwundbarkeit zu verringern und sich auch gemeinsam gegen, heute würde man sagen, hybridere Kriegsformen, wie etwa eine von Moskau gesteuerte Zersetzung der Staaten von innen heraus, zu wappnen. Rosa Leu berichtet für uns von den gescheiterten Vorläufern der Konferenz von 1925, und den Ergebnissen von Helsingfors.
7 Minuten
„Politiker ohne Partei“ nannte Hans Luther seine 1960, zwei Jahre vor seinem Tod, erschienenen Memoiren, und tatsächlich war Luther als solcher in den Jahren der Weimarer Republik ein wesentlicher Faktor auf der großen politischen Bühne. Als Oberbürgermeister von Essen, als Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft sowie als für die erfolgreiche Einführung der Rentenmark verantwortlicher Reichsfinanzminister hatte er bereits amtiert, bevor ihn sein Weg Anfang 1925, als Chef einer Regierung aus Zentrum, DVP, DDP, BVP und DNVP, sogar ins Reichskanzleramt führte. Die Akzeptanz seiner Person reichte offensichtlich noch über diesen Parteibogen hinaus, weshalb ihm die Wilhelmsburger Zeitung auch diesen Karrieresprung zutraute. Ein kurzes Porträt des designierten neuen Regierungschefs in der Ausgabe vom 15. Januar zeichnet für uns Frank Riede.
9 Minuten
Harvestehuder THC, Uhlenhorster HC, Club an der Alster und Klipper – die dominierenden Hamburger Hockeyclubs, entnehmen wir dem Hamburger Anzeiger vom 14. Januar 1925, hörten schon vor einhundert Jahren auf dieselben Namen wie heute. Und damals wie heute, erfahren wir weiter, erfreute sich das Hockeyspiel in der Hansestadt großer Beliebtheit. Davon dass es von Anfang an nicht zuletzt die besser gebildeten Stände waren, die mit dem Schäferstock dem Ball nachjagden, künden mehrere Doktortitel, die die im Artikel genannten Spielernamen zieren. Dennoch macht sich der Autor einige Sorgen, dass rauere Umgangsformen aus dem Fußballspiel nach dem Hockey überschwappen könnten. Obwohl Hockey als eine der wenigen Ballsportarten seinerzeit auch schon von Frauen praktiziert wurde, berichtet der Text darüber leider nichts. Weiblich ist nur die Stimme, die ihn für uns liest, es ist die von Rosa Leu.
8 Minuten
Ein Verbrechen geschieht, der Täter ist per Auto auf der Flucht, doch ein Polizeiwagen hat die Verfolgung aufgenommen. Als der Täter die Stadt verlässt und auf die Landstraße einbiegt, hält der Polizeiwagen am Landgasthof, lässt sich vom Amt mit der Polizeizentrale verbinden und gibt durch, bis wohin sie den Verbrecher verfolgt hat. Wohin dieser inzwischen gefahren ist, kann man nicht mehr so genau sagen… So stellte sich die Situation Anfang der 1920er dar, doch Abhilfe war auf dem Weg: Funkverbindungen, die den Polizeiwagen während der Fahrt mit der Polizeizentrale kommunizieren ließen! Der Hamburgische Correspondent vom 13. Januar 1925 ist ganz begeistert und berichtet von diesen Detektiven der Zukunft. Für diese Folge hat sich Frank Riede mit der Auf den Tag genau-Zentrale verbunden.
14 Minuten
Kleiner Mann – was nun?, Jeder stirbt für sich allein, Der Trinker – Hans Fallada zählt zu den großen Bestseller-Autoren der deutschen Literaturgeschichte und schöpfte dabei in seinem Werk aus einem äußerst bewegten, an Exzessen und Abstürzen reichen eigenen Leben. Seine jahrzehntelange Alkohol- und Morphiumsucht führte ihn nicht nur in zahlreiche Heil-. sondern verschiedentlich auch in Haftanstalten, was er unter anderem in seinem Roman Wer einmal aus dem Blechnapf frißt aus dem Jahr 1934 verarbeitete. Als Autor noch weitgehend unbekannt, hatte Fallada über seinen ersten mehrmonatigen Gefängnisaufenthalt im Jahr 1923 allerdings auch schon 1925 in der politisch-literarischen Zeitschrift „Das Tage-Buch“ publiziert, aus der die Altonaer Neuesten Nachrichten vom 12. Januar selbigen Jahres wiederum einen Auszug abdruckten. Diesen eindrücklichen, wie wohl bis heute relativ unbekannten Text liest für uns Frank Riede.
8 Minuten
Am 7. Dezember 1924 hatte Deutschland gewählt und am 11. Januar hatte es noch keine Regierung. Die bürgerliche politische Mitte, die sich irgendwo zwischen den Völkischen und der SPD verortete, hatte keine Mehrheit und die einzelnen Parteien diskutierten intern, ob man die Fühler nach rechts, oder zur SPD ausstrecken sollte, oder ob eine Minderheitsregierung, gar eine Expertenregierung die Lösung der Regierungskrise sein könnte. Dass eine Koalition mit der SPD nicht zustande kommen würde, hatte sich bereits angedeutet, was den kämpferischen Artikel des Reichstagsabgeordneten Biester im Hamburger Echo vom 11. Januar erklärt, in dem er die „anti-soziale” politische Agenda der sich abzeichnenden Regierung anprangerte und zu einem "Gefecht für eine Linksregierung“ aufrief. Für uns liest Rosa Leu.
8 Minuten
Erst vor wenigen Wochen hörten wir hier im Podcast vom angeblichen Verfall Konstantinopels, das in der Folge der Umwandlung der Türkei in eine Republik durch Kemal Pascha erstmals seit Jahrtausenden seine Hauptstadtfunktion verloren hatte und unter dieser Entwicklung anscheinend erheblich litt. Heute wagen wir mit den Harburger Anzeigen und Nachrichten vom 10. Januar 1925 den ‘Gegenbesuch‘ am neuen Regierungssitz Ankara, das hier im Artikel noch Angora heißt und gerade die entgegengesetzte Entwicklung durchlief. In osmanischer Zeit ein staubiges Provinznest im anatolischen Hochland mit kaum mehr als 25.000 Einwohnern, sollte es eine moderne Hauptstadt auf dem Reißbrett werden. Fürs erste galt es freilich zunächst, Grundstandards wie Energieversorgung, elektrische Straßenbeleuchtung, ein vernünftiges Hotelwesen und Treffpunkte für die höheren Beamten und die ausländischen Diplomaten einzurichten. Dass dies offensichtlich mit viel deutscher Unterstützung geschah, freute den namenlos bleibenden Harburger Berichterstatter besonders. Es liest Rosa Leu.
7 Minuten
In literarischen und künstlerischen Werken waren Reisen durch den Weltraum bereits seit Jahrhunderten Realität. Es sei nur daran erinnert, dass ein Klassiker des frühen Stummfilms „Die Reise zum Mond“ von Georges Méliès ist, in dem eine riesige Kanone eine bemannte Kapsel bis zum Mond schießt. Im 20. Jahrhundert konnten die Wissenschaftler*innen, die sich mit der Realisierung einer Reise durch den Weltraum beschäftigten, diese Methode mit Sicherheit ausschließen. Der heutige Artikel aus den Altonaer Neuesten Nachrichten vom 9. Januar spannt genau diesen Bogen von den literarischen Visionen zur damals aktuellen Forschung. Für uns tut dies Frank Riede.
7 Minuten
Eine neue Regierung zeichnete sich viereinhalb Wochen nach der Reichstagswahl noch nicht ab, immerhin vermochte die Schiffbeker Zeitung am 8. Januar 1925 aber die Wahl eines neuen Reichstagspräsidiums zu vermelden. Paul Löbe hatte als Reichstagspräsident bereits zwischen 1920 und 1924 gewirkt, bevor er sein Amt nach der Wahl vom Mai 1924 an den deutschnationalen Abgeordneten Max Wallraf abgeben musste. Bei der Wahl im Dezember 1924 hatten Löbes Sozialdemokraten nun so satte Zugewinne an Wählerstimmen und damit auch an Parlamentssitzen erzielt, dass es für Löbe bereits im ersten Wahlgang für die absolute Mehrheit und die Rückkehr ins Amt reichte. Welche Parteien ihn unterstützten und wer sonst noch ins Präsidium gewählt wurde, weiß Rosa Leu.