Auf den Tag genau Archiv
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8 Minuten
Der britische Schriftsteller, Publizist und Teilzeitpolitiker Norman Angell war ein erklärter Gegner eines Eintritts Großbritanniens in den Ersten Weltkrieg und nach dem Krieg ein ebenso vehementer Kritiker des Versailler Friedensvertrages. Kein Wunder also, dass sein Name in Deutschland einen sehr guten Klang hatte und man sich mit Angell als Gesprächspartner hierzulande gerne schmückte. Auch Walther Rathenau, bis Oktober 1921 Wiederaufbauminister im Kabinett Joseph Wirth, machte diesbezüglich keine Ausnahme. Einen Briefwechsel mit Angell stellte er sogar öffentlichkeitswirksam dem Berliner Tageblatt zum Abdruck zur Verfügung. Aus dessen Ausgabe vom 28. Oktober 1921 liest für uns, beide Rollen, Frank Riede.
6 Minuten
Die im Jahr 1927 in Boston vollstreckte Hinrichtung der beiden italienischstämmigen Anarchisten Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti für ihre angebliche Beteiligung an einem Raubmord zählt nicht erst seit ihrer offiziellen Rehabilitierung durch den Gouverneur von Massachusetts Michael Dukakis fünfzig Jahre später zu den prominentesten Justizirrtümern des 20. Jahrhunderts. Die offensichtlich politische Motivation für das Urteil hat dem Fall eine reiche kulturelle Rezeption beschert und Sacco und Vanzetti post mortem zu viel betrauerten und besungenen Ikonen der politischen Linken gemacht. Dass dieses Engagement indes durchaus bereits ante mortem einsetzte, geht aus einem Artikel der Freiheit hervor, die schon am 27. Oktober 1921 über die damals bereits in der Revision befindliche Verhandlung informierte. Wahrscheinlich aufgrund von Übersetzungsfehlern ist die causa hier zwar kaum wiederzuerkennen. Mit ihrem Urteil über den Charakter des Schuldspruchs lag die Freiheit offensichtlich trotzdem richtig und konnte den Tod der beiden Angeklagten doch genauso wenig verhindern wie alle Petitionen. Für uns liest weder Joan Baez, noch Georges Moustaki, sondern Frank Riede.
4 Minuten
Eine der durch die Corona-Pandemie erzwungenen Umstellungen im alltäglichen zwischenmenschlichen Kontakt ist das Ersetzen des Händeschüttelns durch eine leichte Verbeugung, ein Nicken, ein Touchieren der Ellbogen oder das Aufeinanderdrücken der geballten Fäuste. Wäre es nach der 1921 in Paris gegründeten „Liga gegen das Händeschütteln“ gegangen, hätte sich die Frage das Händeschüttelns als Virus-Spreader 2020 gar nicht erst gestellt. Den hygienische Aspekt des Gebens der Hände betonte auch schon die besagte Liga, über die am 26. Oktober 1921 die Berliner Volks-Zeitung berichtet. Uns grüßt akustisch Paula Leu und liest den Zeitungsartikel.
7 Minuten
Weit über 600 Jahre hatten die Habsburger über Österreich, mehr als 350 Jahre in Ungarn geherrscht – da kann es schon einmal ein Weilchen dauern, bis man realisiert, dass die Zeiten sich geändert haben. Der vormalige Kaiser Karl und vor allem seine leidenschaftlich monarchistische Ehefrau Zita waren drei Jahre nach ihrer Abdankung noch nicht so weit und unternahmen im Herbst 1921 in Westungarn einen abermaligen Versuch, zumindest die Stephanskrone zurückzuerobern. Die Unternehmung scheiterte, der vermeintlich habsburgtreue Reichsverweser Miklós Horthy höchstselbst schickte, wohl unter dem Druck der Entente, dem Freischärler-Häuflein Seiner Majestät reguläre Truppen entgegen. Der große, später vor allem für sein literarisches wie politisches Engagement gegen die Nazis berühmt gewordene Emil Ludwig nahm das Ende dieses Abenteuers im 8-Uhr-Abendblatt vom 25. Oktober zum Anlass für einen Rück- wie Ausblick. Es liest Frank Riede.
3 Minuten
Politiker:innen waren schon immer Zielscheiben von Karikaturen und satirischen Angriffen, die ihnen unterstellten, korrupt, rückgratlos oder nur machtgierig zu sein. Ein Beispiel aus Schweden druckte die Berliner Volks-Zeitung am 24. Oktober 1921 ab. Die Anleitung, wie ein Abgeordneter herzustellen ist, gibt uns Paula Leu. Eine wichtige Zutat ist dabei das Pekoralextrakt. Pekoral ist ein schwedisches Wort, das einen pompös und großspurig verfassten Text bezeichnet, der dadurch unfreiwillig lächerlich wird. Wer würde da an Politiker denken…?
6 Minuten
Die von den Alliierten beschlossene Teilung Oberschlesiens führte auch zu einer Regierungskrise des Kabinetts unter Reichskanzler Joseph Wirth der Zentrumspartei. Wie sollte Deutschland auf die Beschlüsse zu Oberschlesien reagieren? Wirth legte am 22. Oktober 1921 sein Amt nieder. Den Wortlaut seiner an den Reichspräsidenten gerichteten Demission druckte die Vossische Zeitung am Folgetag ab. Tatsächlich wurde umgehend Wirth mit der Bildung einer neuen Regierung betraut. Die Versuche, eine bereitere Koalition zu bilden, scheiterten aber, so dass sich am 26. Oktober das Zweite Kabinett Wirth konstituierte mit leicht abweichender personeller Besetzung aber mit der identischen Parteienkonstellation aus Zentrum, SPD und der Deutschen Demokratischen Partei. Hinzu kam lediglich die kleine Bayerische Bauernpartei, so dass auch dieses Kabinett eine Minderheitsregierung war mit 209 von 459 Sitzen im Reichstag. Für uns liest Frank Riede.
10 Minuten
Die europäische Nachkriegszeit nach 1918 ist reich an verschlungen miteinander zusammenhängenden regionalen Krisen, über deren Fortgang die Berliner Tagespresse des Jahres 1921 ihre Leserschaft im einzelnen beständig informierte. Einen eher seltenen Versuch, die kompliziert gewordene Weltlage einmal im großen zu reflektieren, unternimmt im 8-Uhr-Abendblatt vom 22. Oktober der ehemalige Staatssekretär im Reichswirtschaftsamt und SPD-Politiker August Müller. Die gesamteuropäische Krise, die er ausmacht, wurzelt natürlich zentral in den Verheerungen des Weltkriegs. Erstaunliche viele Diagnosen über den Verlust der europäischen Hegemonien zielen aber bereits auch auf Globalisierungsentwicklungen, wie man sie teilweise eher in einem Leitartikel von 2021 als von 1921 erwarten würde. Es liest Frank Riede.
5 Minuten
Richard Kunze, ein völkisch-antisemitischer Publizist, war nach dem Ersten Weltkrieg für die DNVP tätig. Aus der Zeit stammt auch sein Spitzname: Knüppel Kunze, der auf einen Reklameaufruf vor einem Parteitag der DNVP zurückgeht, in dem Kunze für einen bestimmten Gummi-Knüppel warb, der dazu dienen sollten, jüdische Mitbürger zu malträtieren. Kunze organisierte in der Folgezeit dann auch tatsächlich antisemitische Krawalle. Im Februar 1921 gründete er eine eigene Partei, die Deutschsoziale Partei, die bei den Stadtverordnetenwahlen mit 0,7 % ein Mandat erreichte - für Richard Kunze. Der Vorwärts vom 21. Oktober setzt sich mit der für die SPD schmerzlichen Tatsache auseinander, dass Knüppel Kunze eine größere Zahl an Arbeiterstimmen in Spandau bekommen hat, und versucht diese "Anomalie” zu begründen. Für uns liest Paula Leu.
8 Minuten
Brauwissenschaftler, Gärungschemiker, Marinesoldat, Musikkritiker; gleich 1933 als „Musikbolschewist“ von der Gestapo interniert und gefoltert, auf Fürsprache u.a. von Wilhelm Furtwängler wieder freigelassen; nach dem Krieg zum Professor für Biochemie an der Berliner Universität ernannt und schließlich 1950 zum Direktor des „Instituts für zellphysiologische Krebsforschung“ an die Ost-Berliner Deutsche Akademie der Wissenschaften berufen – das selbst nach Maßstäben des 20. Jahrhunderts bewegte Leben des Fritz Windisch passt auch in Schlagworten kaum in das schlanke Format einer Podcast-Anmoderation. Sehr viel konziser als seine an Brüchen so reiche Vita nimmt sich sein Konzertrundgang durch das Berliner Musikleben in der Freiheit vom 20. Oktober 1921 aus, der sich ganz auf die aktuellen Spuren des alten und ewig jungen Instrumentes der Violine begibt. Für uns folgt diesen Paula Leu.
9 Minuten
Was ist die größere Gefahr? Eine starke rotbesockte Linke oder ein erstarken von Rechts-Außen? Vor zwei Tagen hörten wir die Freude der konservativen Presse über die bürgerliche Mehrheit bei den Stadtverordnetenwahlen von Berlin vom 16. Oktober. Heute lassen wir das Organ der SPD, den Vorwärts, zu Wort kommen, das ja trotz des Zeitungsstreiks auch am 19. Oktober weiterhin erschien. Ganz explizit geht der Vorwärts auf die Jubelarien über die konservative Mehrheit ein und warnt, durchaus prophetisch, davor, dass die Gefahr für die Demokratie nicht mehr vom äußeren linken Lager ausgeht, sondern von den monarchistischen, völkischen und antisemitischen Kräften des „Bürgertums“. Für uns liest Frank Riede.
8 Minuten
Zeitungsstreiks waren im Berlin der 1920er Jahre an der Tagesordnung. Bald aus allgemeinen politischen, bald aus eigenen ökonomischen Interessen verweigerten Drucker, Setzer, Zeitungsausträger in manchen Jahren mehrfach tage- oder wochenweise den Dienst und schnitten die hauptstädtischen Leserinnen und Leser in einem heutzutage völlig unvorstellbar umfassenden Maße vom sonstigen globalen Geschehen ab. Alle Leserinnen und Leser? Nein, die sozialdemokratischen Parteizeitungen Vorwärts und Freiheit bezahlten ihre Angestellten offenbar tatsächlich besser und hielten damit nicht nur seinerzeit den Kontakt zur Welt, sondern trugen unwissentlich auch Sorge dafür, dass dieser Podcast heute und in den nächsten Tagen wie gewohnt erscheinen kann. Der nachfolgende Artikel aus der Freiheit vom 18. Oktober 1921 handelt – natürlich vom neuerlichen Streik im Zeitungsgewerbe. Für uns am Start und nicht im Streik ist Paula Leu.
8 Minuten
Am 16. Oktober 1921 fand in Groß-Berlin die Neuwahl zur Stadtverordnetenversammlung statt, die notwendig geworden war, nachdem die Wahl vom Vorjahr aufgrund von Unregelmäßigkeiten für ungültig erklärt worden war. Mit der neuerlichen Abstimmung kam es zu massiven Verschiebungen in der Wählergunst. Die bürgerlichen Blätter jubelten am Folgetag, da eine linke Mehrheit im Stadtparlament, vor Allem durch die Verluste der USPD, nicht mehr gegeben war. Allerdings fußte die „bürgerliche“ Mehrheit nun auf einer erstarkten monarchistisch völkischen DNVP, die drittstärkste Kraft geworden war. Frank Riede liest heute für uns den Kommentar der konservativen Berliner Börsen-Zeitung und von dessen Autor Paul Steinborn auf die vorläufigen Ergebnisse.
10 Minuten
Dass die Ursprünge Berlins in der Spreefischerei lagen und es sich bei der nach diesem Berufsstand benannten Fischerinsel um eine der Keimzellen der späteren Metropole handelte, war dieser auch schon vor einhundert Jahren beim besten Willen nicht mehr anzusehen. Das Herz der deutschen Kapitale schlug längst in anderen Stadtteilen, und die damals noch erhaltenen mittelalterlich engen Gassen mit ihrem bescheidenen Wohnkomfort waren eher nur noch Reminiszenz an lange vergangene, kaum mehr erinnerte Kapitel der Stadtgeschichte. Der bezeichnenderweise unter der Rubrik ‘Die Reise nach Berlin‘ angetretene journalistische Ausflug der Berliner Morgenpost vom 16. Oktober 1921 ‘Ins Fischerviertel‘ gibt sich denn auch tatsächlich einem gewissen Reiz des Exotischen hin, wenn er die Berlinerinnen und Berliner an ihre Wiege ruft. Für uns auf Zeitreise begibt sich Paula Leu.
5 Minuten
Dem 1877 geborenen Bildhauer Georg Kolbe widmete im Oktober 1921 die Galerie Cassirer eine Werkschau in ihren Räumlichkeiten. Nicht nur erhielt sein künstlerischer Werdegang dadurch gesteigerte Aufmerksamkeit, die Ausstellung bemühte sich darum, den Vorstellungen des Künstlers entgegenzukommen, indem den Skulpturen der von diesen selbst eingeforderte Raum zur Verfügung gestellt wurde. Die freie Journalistin, Schriftstellerin und Übersetzerin Käthe Miethe schrieb zu der Zeit regelmäßig für die Neue Zeit und am 15. Oktober dort eine Würdigung der Ausstellung, in der sie genau die Frage nach der richtigen Aufstellung der Werke aufgreift. Für uns schlendert Frank Riede durch die Ausstellung.
8 Minuten
Mitte Oktober 1921 waren die Zeitungen beherrscht vom Alliierten Teilungsplan von Oberschlesien. Das spiegelt sich auch in diesem Podcast wider. Am 14. Oktober erinnert die Berliner Morgenpost nochmals an den Ausgang der Volksabstimmung, in den nun Polen zugeschriebenen Gebieten, um die, zumindest aus deutscher Sicht, eklatante Missachtung des Willens der Oberschlesier herauszustellen. Noch viel schlimmer wiegt allerdings für die Mopo der wirtschaftliche Schaden für Deutschland, der durch die Zerschlagung der wirtschaftlichen Verflechtungen in der Region, die insgesamt als Rohstofflieferant für das Deutsche Reich eminent wichtig war, entstehen würde. Für uns liest Frank Riede.