Auf den Tag genau Archiv
2057 Episoden
6 Minuten
Hausfrau – das galt vor einhundert Jahren noch als einwandfreier (und in den Augen vieler Männer wohl auch den Damen der Schöpfung einzig geziemer) Vollzeit-Beruf. Da es bei dieser Tätigkeit bekanntlich weder Sonn-, noch Feiertage gab und gibt und selbst in der Sommerfrische eingekauft, gekocht und geputzt werden musste, ist das nachfolgende Plädoyer aus dem Neuköllner Tageblatt vom 13. Oktober 1921 von geradezu bezwingender systemimmanenter Logik: Zumindest einmal im Jahr möge auch die deutsche Hausfrau zwecks Erholung von ihrer Familie weg in Hausfrauenferien aufbrechen dürfen. Der gewiss von einem Mann verfasste Artikel kommt so patriarchal wie gönnerhaft daher, verfügt in seinen Schlussüberlegungen über etwaige Vorzüge temporärer räumlicher Distanz für die Beziehungshygiene dann aber überraschend doch noch über eine kleine moderne Pointe. Es liest Frank Riede.
6 Minuten
Am 20. März 1921 hatte die Volksabstimmung in Oberschlesien stattgefunden. Zwar hatte die Mehrheit für einen Verbleib im Deutschen Reich gestimmt, es gab aber auch Kreise mit mehr polnischen Stimmen. In den Folgemonaten berieten der Völkerbundsrat und die Diplomaten der Alliierten ob und was für eine Teilung stattfinden sollte. Im Oktober zeichnete sich deutlich ab, dass der endgültige Beschluss wohl auch wirtschaftlich relevante Teile Oberschlesiens Polen zuschreiben würde. Die Empörung in Deutschland war riesig, das Thema dominierte die Zeitungen und führte direkt zu einer Regierungskrise. Am 12. Oktober 1921 berichtet der Berliner Lokal-Anzeiger von den schicksalhaften Agenden der alliierten Diplomaten. Für uns ist Paula Leu dabei.
8 Minuten
Die Idee des Naturschutzes mag erst im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts so richtig Fahrt aufgenommen haben; Vorläufer gab es jedoch auch schon in früheren Zeiten. Der Widerstand gegen eine fortschreitende, ökonomisch motivierte Abholzung des Berliner Umlandes mündete im Jahr 1921 bereits sogar in einem Gesetzentwurf. Die Vossische Zeitung vom 11. Oktober listet noch einmal zahlreiche der ‘Sünden‘ wider den märkischen Waldbestand auf und bekennt sich nachhaltig zu dem Versuch, weiteren auf gesetzlichem Wege vorzubeugen. Es liest Paula Leu.
5 Minuten
Herzlichen Glückwunsch! Das Theater am Kurfürstendamm, Berlins berühmtestes Boulevardtheater, feiert dieser Tage, im Provisorium Schiller Theater, seinen einhundertsten Geburtstag. Seine bereits einmal im Krieg zerstörte und jüngst im Zuge der Umgestaltung des Ku’damm-Karrees abgerissene historische Spielstätte am namensgebenden Ort galt bei der Eröffnung 1921 als architektonischer dernier cri und machte die Uraufführungsinszenierung Ingeborg von Curt Goetz und mit der großen Adele Sandrock in der Titelrolle zu einem gesellschaftlichen Ereignis im reichen Westen der Hauptstadt. Das war nicht die Welt der USPD-Parteizeitung Freiheit, deren Autor Hans Siemsen sich mit Form wie Inhalt der Veranstaltung denn auch überaus schwertat und in seiner Premierenkritik vom 10. Oktober 192 grundsätzlichen Problemen mit der Idee eines solchen kommerziellen Theaters großen Raum gab. Dass – welche Pointe! – ein sozialistischer Kultursenator 95 Jahre später das nämliche Theater am Kurfürstendamm vor übergriffigen Immobilienhaien retten musste, konnte er nicht ahnen. Für uns spielt die Rolle des hadernden Theaterkritikers Frank Riede.
4 Minuten
Am 6. Oktober 1921 feierte der Film „Der müde Tod“ in Berlin Premiere. Fußend auf einem Märchenstoff erzählt der Film von einer jungen Frau, die ihren Geliebten an den Tod verliert und in der Folge dem Tod abringt, in mehreren in historische Kontexte eingebetteten Episoden, jeweils den Tod des Geliebten zu verhindern, scheitert dabei aber immer wieder an der Niedertracht der Menschen. Der Film bestach durch die aufwändigen Bauten in Babelsberg und Pionierleistungen in der Tricktechnik sowie durch die Bilder des müden Todes, dessen Müdigkeit auf seine Schwerstarbeit während des Ersten Weltkriegs verweist, umgeben vom Lebenskerzen-Meer der Lebewesen. Für den Regisseur Fritz Lang bedeutete der Film internationale Aufmerksamkeit auf seinem Weg zum Weltruhm. Der Filmkritiker des Berliner Börsen-Couriers vom 9. Oktober 1921 war von diesem Film nicht überzeugt und schrieb einen Verriss, den Paula Leu für uns liest. Heutzutage gilt der Film als Klassiker, das stummfilm-magazin.de, das wir allen, die sich für Stummfilme interessieren, nur ans Herz legen können, hat den Film auf seiner Liste der 10 Jubiläumsfilme des Jahres 1921.
5 Minuten
Wer bisher der Ansicht war, Claus Weselskys Gewerkschaft der Lokführer habe der Öffentlichkeit in diesem Spätsommer einen aberwitzig langen Arbeitskampf zugemutet, möge uns unbedingt bei unserer heutigen Zeitreise in die Berliner Schankstuben des Jahres 1921 begleiten. Nicht eine, nicht zwei, nicht drei, nein, satte fünfeinhalb Wochen – am Stück! – streikten damals an die 30.000 Berliner Kellner für höhere Löhne in Zeiten einer galoppierenden Inflation und legten den auch damals schon umtriebigen Café- und Restaurantbetrieb in der deutschen Hauptstadt damit in erheblichem Umfang lahm. Der Berliner Börsen-Courier galt, wie sein Name verrät, als eher wirtschaftsnahe Tageszeitung und hatte zu dem Ausstand, wenig überraschend, bereits nach sieben Tagen eine sehr klare Meinung. Zu Gehör bringt sie im Folgenden Frank Riede.
5 Minuten
Der dokumentarische Bergfilm, der Gipfellandschaften, Skifahrer und Bergsteiger bei ihren Touren zeigt, hat seine Wurzeln in den 20er Jahren. Der Film der Freiburger Berg- und Sport-Film-Gesellschaft, „In Sturm und Eis“, über dessen Veröffentlichung die Neue Zeit vom 7. Oktober 1921 berichtet, scheint durchaus ein bedeutender früher Vertreter des Genres zu sein. Der Rezensent allerdings wirft eine bis heute relevante und vieldiskutierte Frage auf. Wie viele Techniken des fiktionalen Film darf ein Dokumentarfilm einsetzen? Darf ein Hang aus dramaturgischen Gründen steiler gefilmt werden, als er in Wirklichkeit ist? Für uns wirft diese Fragen Paula Leu auf.
6 Minuten
Bis 1918 durften sie gar nicht wählen, danach stellten sie sogleich die absolute Mehrheit des Wahlvolkes: Frauen waren in den Parlamenten der jungen Weimarer Republik zwar dramatisch unterrepräsentiert, als Wählerinnen wurden sie von sämtlichen Parteien aus sehr naheliegenden Gründen dennoch heftig umworben. Die katholische Zentrumspartei hatte sich nicht gerade als Vorkämpferin für das Frauenwahlrecht hervorgetan. Das hinderte ihre Parteizeitung Germania aber nicht daran, im Vorfeld der Berliner Stadtverordnetenwahlen des Jahres 1921 nun sehr nachdrücklich darum zu kämpfen, weibliche Stimmen den Linken abzujagen. Ihren Appell an die Frauen aus der Ausgabe vom 6. Oktober liest für uns passend zum Gestus des Textes – ein Mann: Frank Riede.
9 Minuten
Schon in der Antike war das Gebiet 20 Kilometer vor Rom in den Albaner Bergen eine beliebte Villengegend und blieb es durchgängig mit einer Hochphase im 16. und 17. Jahrhundert, als die Papst-Familien dort ihre Villen bauen ließen. Uns ist Frascati vielmehr durch den Wein bekannt, der auch schon vor hundert Jahren bei rauschenden Festen auf den Marktplätzen, in den Tavernen und Restaurants ausgeschenkt wurde. Für den Berliner Lokal-Anzeiger war ihr Korrespondent zusammen mit „echten“ Römern, er nennt sie Romani di Roma, zu einem Weinfest nach Frascati gepilgert. Seinen Bericht, abgedruckt am 5. Oktober, liest für uns Paula Leu.
9 Minuten
Heutzutage steigt kaum noch jemand mit ungehemmtem Zukunftsoptimismus, Technikbegeisterung und dem Glauben an ein Anrecht des Menschen darauf, wie ein Vogel durch die Lüfte zu schweben, in ein Flugzeug. Zu sehr ist das Fliegen als ein Klimakiller erkannt. Vor hundert Jahren bestieg Joseph Roth in Berlin eine Maschine und flog durchaus begeistert nach Dortmund. Seinen Erfahrungsbericht druckte der Berliner Börsen-Courier am 4. Oktober ab. Über den Wolken sitzt Frank Riede daneben.
7 Minuten
Die Sportseiten in den Tageszeitungen der frühen 1920er Jahre unterschieden sich von den heutigen nicht nur durch ihre ganz andere, wesentlich knappere Art der Berichterstattung, sondern auch in Hinblick auf die Mischung der dort berücksichtigten Sportarten. Der Fußball hatte noch nicht den alles überragenden Stellenwert. Andere Mannschaftssportarten kamen fast gar nicht vor, dafür umso mehr Pferdesport, aber auch Boxen, Schwimmen und Fahrradrennen, auf der Bahn wie auf der Straße. Das Rennen, von dem im Folgenden die Rede sein wird, stellte freilich auch 1921 eher eine sportjournalistische Kuriosität dar: Die Berliner Zeitungsfahrer fuhren im Grunewald ihre Meisterschaft aus. Ihre Arbeitgeber berichteten davon. Und am Folgetag, dem 3. Oktober 1921, wurden selbige Berichte, wie hier in der B.Z. am Mittag, mutmaßlich wieder von den in den Berichten gewürdigten Kurieren ausgefahren. Unsere Kuriere bewegen bekanntlich bei der Zustellung der Texte nur mehr ihre Stimmlippen. Heute tut dies hier Paula Leu.
7 Minuten
Stell dir vor, auf den deutschen Theaterbühnen ist Expressionismus und dessen wichtigste Vertreter sitzen in Haft! Georg Kaiser – wir berichteten – wanderte im Jahr 1920 wegen Unterschlagung und Betrugs nach Stadelheim und musste etliche Premieren und Uraufführungen seiner Stücke von dort verfolgen. Ernst Toller verbüßte seit 1919 für seine Beteiligung an der Münchener Räterepublik gar fünf Jahre Festungshaft, die er freilich, was den dramatischen Output betrifft, äußerst produktiv zu gestalten verstand. So entstanden in dieser Zeit u.a. seine berühmten Werke Die Maschinenstürmer, Hinkemann und Masse Mensch. Letzteres erlebte ein knappes Jahr nach der Nürnberger Uraufführung im Herbst 1921 in der Regie von Jürgen Fehling an der Volksbühne nun auch seine Berliner Erstaufführung. Die Berliner Morgenpost vom 2. Oktober war, wie wir von Frank Riede erfahren, ziemlich angetan.
9 Minuten
Einmal die Woche präsentierte die Berliner Volks-Zeitung die Rubrik „Am Kurbelkasten“, in der – immer auf der Suche nach der gekonnten Überleitung – verschiedene Nachrichten, Ereignisse und faits divers aus aller Welt zu einem Text verwoben wurden. Heute schafft sie es in unseren Podcast. Am Kurbelkasten aus der BVZ vom 1. Oktober 1921 dreht Paula Leu.
6 Minuten
Vor über einem Jahr sendeten wir eine Reflexion aus der DAZ darüber, was eigentlich den Urlaub der Menschen ausmachen sollte. Die These: Wirkliche Erfüllung bringe es, wenn man im Urlaub das sein kann, was man sich erträumt. In der Neuen Zeit vom 7. Oktober ist uns ein Artikel zum definitiven Ende der Urlaubssaison ins Netz gegangen, in dem genau dieser Gedanke konkretisiert wird anhand der Urlauber:innen an einem Badeort. Aus Primaballerinas und Fürsten werden auf dem Rückweg in den Alltag Ladenmädchen und Angestellte. Für uns beschreibt den magischen Wandel Frank Riede.
4 Minuten
Nichts ist in Großstädten bekanntlich so knapp wie bezahlbarer Wohnraum. Auch schon vor einhundert Jahren waren deshalb kreative Lösungen gefragt, und wenn es an in den märkischen Sand gemauerten Wänden und Dächern fehlte, konnte man sich es ja im Einzelfall auch auf ausrangierten vier Rädern hübsch wohnlich machen. Die folgende, entfernt an den berühmten Bauwagen von Peter Lustig erinnernde Geschichte vom Wohnzügle aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 29. September 1921 ist durchaus nicht frei von Romantik. Eine politische Lösung barg und birgt dieses Modell schon mangels verfügbarer bzw. wiederum bezahlbarer Grundfläche natürlich nicht. Es liest Paula Leu.