Auf den Tag genau Archiv
2057 Episoden
7 Minuten
Die Stadtplanung ist immer wieder ein Thema in den Zeitungen der 1920er Jahre, daher tauchen die Fragen nach Verkehrspolitik und Wohnungsbau auch regelmäßig bei Auf den Tag genau auf. Ganz besonders virulent ist die Frage nach Wolkenkratzern. Den Stadtvätern (die Bezeichnung macht schon deutlich, dass es damals eine Männerdomäne war) war mit einem kurzen Blick nach Amerika klar, dass die Hochhäuser die Zukunft sind, sie rangen aber mit Fragen der Sicherheit, ästhetischen Bedenken und nicht zuletzt Finanzierungsfragen. Gerade die spielen eine prominente Rolle in den Ausführungen des 8-Uhr-Abendblatts vom 12. November 1921 darüber, warum keine Hochhäuser gebaut werden. Uns informiert Paula Leu.
11 Minuten
Welche prominenten Laudatorinnen und Laudatoren die großen überregionalen deutschen Tageszeitungen heute ins Rennen schicken, um Fjodor Michailowitsch Dostojewskis zweihundertsten Geburtstag zu würdigen, ist der Redaktion von Auf den Tag genau zum Zeitpunkt dieser Aufnahme noch unbekannt. Fest steht, dass der Berliner Börsen-Courier die Messlatte diesbezüglich ziemlich hoch gelegt hat. Kein Geringerer als Stefan Zweig stieg dort am 11. November 1921 in die Bütt, um anlässlich von Dostojewskis Hundertjährigem in Reimen an den großen Kollegen und konkret an dessen Scheinhinrichtung durch zaristische Schergen 1849 in St. Petersburg zu erinnern. Nähere Kenner*innen von Zweigs Werk werden wissen, dass diese Episode 1927 auch Eingang in dessen Sternstunden der Menschheit fand, und tatsächlich handelt es sich bei unserem heutigen Text um eine frühe Fassung der dort als ‘Heroischer Augenblick‘ betitelten Miniatur. Es liest Frank Riede.
8 Minuten
Die Karriere freischaffender Künstler:innen ist von vielen Zufällen abhängig. Mal ist man angesagt und kann seine Werke verkaufen, und wenig später verliert man schon die Gunst der zahlungswilligen Rezipient:innen. Wie kann diese Gruppe also für ihr Alter vorsorgen, um nicht als verarmt und vergessen in die Geschichte einzugehen, oder eben nicht einzugehen? Heute versucht sich die Künstlersozialkasse an einer Antwort auf diese Frage, die sich schon vor 100 Jahren stellte. Dem Verband deutscher Bühnenschriftsteller und Komponisten fiel auf, dass unzählige seiner Mitglieder, gerade die, die nicht zu den prominentesten gehörten, von Altersarmut betroffen waren, und entschloss sich dazu, im thüringischen Thal ein eigenes Verbands-Altersheim aufzubauen. Das Berliner Tageblatt vom 10. November 1921 ist vor Ort und weiß auch von den Hindernissen zu berichten, die dieses Projekt im Gemeinderat zu überwinden hat. Für uns liest Paula Leu.
5 Minuten
Vor einhundert Jahren ahnte man in Deutschland trivialerweise noch nichts vom Hitler-Ludendorff-Putsch, von der Reichspogromnacht oder vom Fall der Berliner Mauer. Dennoch wurde der 9. November auch schon im Jahr 1921 als nationaler Gedenktag zumindest seitens der republikanischen Presse begangen, weil an diesem sich bekanntlich die Geburt der Republik zum dritten Mal jährte. Die Zeitungen sind entsprechend voll von Leitartikeln und grundsätzlichen Beobachtungen zur Lage im Lande. Wir indes senden zum sogenannten ‘Schicksalstag der Deutschen‘ einen Text aus dem Vorwärts, der nochmals zurückschaut und von den Strapazen der Soldaten in den letzten Kriegstagen kündet. Als glühenden politischen Appell wider das Stricken an der Dolchstoßlegende darf man ihn trotzdem verstehen. Es liest Frank Riede.
6 Minuten
Heute sind sie gelb, fahren hauptsächlich im ehemaligen Ostteil der Stadt und behaupten, sie seien unterwegs, weil sie uns lieben – die Straßenbahnen der Berliner Verkehrsbetriebe. Die heutige BVG ist Erbe einer Neustrukturierung des Berliner öffentlichen Nahverkehrs, welche sich Ende 1920 ereignet hat. Nachzulesen ist diese Frühgeschichte der Berliner Straßenbahnen in der Berliner Morgenpost vom 8. November 1921, wo das 50jährige Jubiläum der „Großen Berliner Straßenbahn“, gefeiert wird – de facto mit einem Nachruf auf dieses privatwirtschaftliche Verkehrsunternehmen, das sich im Straßenbahnsegment zum Nahezu-Monopolisten gemausert hatte, und das im Dezember 1920 in die kommunale Hand überging. Nachzuhören ist die Frühgeschichte der Berliner Straßenbahn hier – dank Paula Leu.
5 Minuten
Die Hyperinflation des Jahres 1923 ist in Deutschland auch heute noch tief in der kollektiven Erinnerung verankert. Innerhalb von Stunden verloren unzählige Familien ihr gesamtes Vermögen und blieben davon teilweise auf Generationen hinaus traumatisiert. Die Erfahrung, dass die Kaufkraft von Banknoten erheblichen kurzfristigen Schwankungen ausgesetzt sein konnte, durften die Menschen freilich auch schon ausgiebig in den Jahren zuvor machen. Zunächst unter dem Druck des Weltkrieges, danach unter dem der Deutschland auferlegten Reparationszahlungen verlor die Mark gegenüber dem US-Dollar immer mehr an Wert – anfangs schleichend, im Herbst 1921 schließlich so galoppierend, dass der aktuelle Wechselkurs es in den großen Berliner Tageszeitungen zunehmend regelmäßig in die Headlines schaffte. So auch u.a. am 7. November im Berliner Tageblatt, aus dem für uns Frank Riede die aktuellen Zahlen verliest.
9 Minuten
Die Berliner Volks-Zeitung ist mit ihrem Artikel über den Einsteinturm auf dem Potsdamer Telegraphenberg sowohl architektonisch als auch wissenschaftlich am Puls der Zeit. Fritz Zielesch besucht die Baustelle des Observatoriums, das nach den Entwürfen von Erich Mendelsohn in expressionistischem Stil aus Stahl und Stahlbeton gebaut wurde. Im Turm selbst sollte nichts weniger als der Nachweis der Relativitätstheorie von Albert Einstein erbracht werden. Diese behauptete eine Verschiebung der Spektrallinien des Lichtes im Schwerefeld der Sonne, was signifikant an dem roten Farbanteil erkennbar sein sollte, es ging also um den Nachweis der sog. Rotverschiebung. Wie so oft in der Forschung, gelang es nicht auf Anhieb, diesen Beweis zu führen, da die Messungen durch zu starke atmosphärische Turbulenzen der Sonne überlagert wurden. Also diente der Einsteinturm zunächst für Pionierarbeit bei der Erforschung dieser Turbulenzen in der Sonnenatmosphäre. Frank Riede war für uns auf der Baustellenbegehung dabei.
6 Minuten
Der neuzeitliche Mensch ist bekanntlich ein Dezimalfetischist, aber die Weltgeschichte tut ihm nur in Ausnahmefällen den Gefallen, ihre Zyklen gerade nach seinem Kalender von Jahren, Jahrzehnten oder Jahrhunderten auszurichten. Dennoch freuen wir uns bei Auf den Tag genau natürlich immer, wenn wir, wie bei unserem heutigen Artikel, einen Zug in die historische Gegenrichtung auftun und mit der Lichthupe kurz grüßen können. Dieser Zug kommt am 5. November 1921 aus der Niederlausitz und ist üppig mit Braunkohle und Aufbruchsstimmung beladen. Seine Destination ist die Zukunft einer blühenden Industrielandschaft – wenngleich der Vorwärts vor einhundert Jahren bereits auf beachtliche Weise das Ineinander von Aufbau und Zerstörung im Blick hat und ein fast schon dystopisches Bild des brandenburgisch-sächsischen Tagebaugebietes voraussieht. Es liest Paula Leu.
6 Minuten
Der Puls des Berliner Theaterlebens war auch schon vor einhundert Jahren der Premierenkalender. Auch in den wilden Zwanzigern gaben sich die versammelte Theaterkritik und mit ihr die Schar der Afficionados und Adabeis zur ersten Nacht im Parkett die Ehre und handelten den Erfolg oder Misserfolg einer Neuinszenierung sogleich im Theatergebäude sowie dann anderntags in einer zweiten Runde in den Feuilletonspalten der Abendzeitungen aus. Auch die Berliner Börsen-Zeitung machte diesbezüglich prinzipiell keine Ausnahme, und doch kritisiert sie diesen ‘Fetisch‘ in einem nachdenklichen Artikel vom 4. November 1921 mit Verweis auf das häufig noch unausgereifte Zusammenspiel der Akteure am Premierenabend. Für uns liest mit Frank Riede ein echter Theaterliebhaber – denen man übrigens ja nach sagt, dass sie bevorzugt zur dritten Vorstellung gehen sollen ...
6 Minuten
Corona, heißt es so gerne, habe alles verändert und am allermeisten vielleicht das Leben der Studierenden beeinträchtigt: Manche von ihnen sind seit nunmehr vier Semestern eingeschrieben und haben bis heute noch keinen Hörsaal von innen gesehen, sondern höchstens einmal eine Unterschrift im Fakultätssekretariat getätigt. Der nachfolgende satirische Artikel aus der Berliner Volks-Zeitung vom 3. November 1921 nährt immerhin den Verdacht, dass es sich bei diesem Zustand um kein absolutes Alleinstellungsmerkmal zeitgenössischer Hochschulgenerationen handelt. Die Hoffnung, dass er betroffene Hörer*innen tröstlich stimmen könnte, wird aber vermutlich dennoch enttäuscht werden. In die schönste Zeit des Lebens und in die offensichtlich auch früher schon reichlich bizarre Welt farbentragender studentischer Verbindungen zurückgereist ist für uns Frank Riede.
7 Minuten
Erst kürzlich machte Jan Böhmermann sich im „Auto first, Mensch second“ titulierten Segment seiner Show darüber lustig, wie nach dem Zweiten Weltkrieg die Städte ganz nach den Bedürfnissen der Autos gestaltet wurden. Der aufkommende Individualverkehr stellte die Frage nach einer städtebaulichen Umgestaltung bereits zu Beginn der 20er Jahre. Max Osborn fürchtet in der Vossischen Zeitung vom 2. November 1921 um den Leipziger Platz in Berlin, der durchlässiger für den Autoverkehr werden soll. Allen Ernstes ging es damals um: „Autohallen first, Grünflächen second.“ Für uns berichtet Paula Leu.
10 Minuten
Seit dem Januar 1920 galt in den Vereinigten Staaten der 18. Zusatzartikel der Verfassung, der die Herstellung, den Transport und den Verkauf alkoholischer Getränke untersagte. 13 Jahre lang sollte dieser landläufig als Prohibition bekannte Kampf gegen die gesundheitlichen Schäden des Alkoholkonsums dauern. Doch schon nach weniger als zwei Jahren zieht ein Korrespondent der Berliner Morgenpost ein vernichtendes Fazit. In der Ausgabe vom 1. November 1921 berichtet er nicht nur darüber, wie in breiten Bevölkerungsschichten trotzdem weiter Alkohol konsumiert wird, notfalls selbstgebrannter, sondern auch von der Oberklasse, die gern mal elegant zu den Verkaufstellen segelt, um weiterhin nicht auf dem Trockenen zu sitzen. Für uns verköstigt und liest Frank Riede.
7 Minuten
Als der Satiriker und PARTEI-Gründer Martin Sonneborn dem SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel einst vor einer Spargelsause des Seeheimer Kreises prophezeite, man plane ihn bei der Tour über Bord gehen zu lassen, erhielt er von diesem zur Antwort, der Umgang mit Journalisten sei gefährlicher als der Wannsee. Damit lag Siggy Pop historisch fast so falsch wie später bei der Auswahl seiner Kanzlerkandidaten. Tatsächlich hat auch der Wannsee, eigentlich bekanntlich nur eine Havelausstülpung, im Laufe seiner Geschichte einige Schiffsunglücke gesehen. Das wahrscheinlich schwerste ereignete sich am Abend des 30. Oktober 1921. Zwei Dampfer kollidierten, zwanzig Menschen fanden im kalten Wasser den Tod. Bereits am 31. Oktober waren alle Berliner Tageszeitungen voll mit Berichten und Spekulationen. Paula Leu liest für uns aus der Vossischen Zeitung.
7 Minuten
Am 12. Juli 1253 erlangte „Vrankenvorde“, an der Oder gelegen, das Stadtrecht und begann sofort mit dem Aufbau einer Kirche – und circa 250 Jahre später stand die im Stile der nordischen Backsteingotik gebaute Sankt-Marien-Kirche im Zentrum der Stadt, mit einem 77 Meter langen Gebäude und zwei prächtigen Türmen. Im Mai 1826 stürzte aus heiterem Himmel der Südturm ein. Die beschädigte Kirche sollte unter der Leitung von Karl Friedrich Schinkel rekonstruiert werden, der nicht gerade sensibel mit dem gotischen Erbe umging. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Kirche weitgehend zerstört. Um den Wiederaufbau zu beenden wurden 2006 sog. Spendensteine vergeben, auf denen die Namen der Spender zu lesen waren und mit denen die Kirche neu gepflastert wurde. Die Tradition des Spendenaufrufs zum Bau und zur Restaurierung ist wohl so alt wie die Kirche selbst, wie unser heutiger Artikel des Berliner Lokal-Anzeigers vom 30. Oktober 1921 belegt. Zur Rettung des Baudenkmals Sankt-Marien-Kirche ruft Frank Riede auf.
4 Minuten
Als die Stadtplaner der aufstrebenden Reichshauptstadt Berlin vor gut einhundert Jahren deren Verkehrsinfrastruktur auf die Bedürfnisse einer Weltstadt hin anpassten, waren sie so weise, die neugeplanten Streckennetze des öffentlichen Nahverkehrs von vornherein auf Zuwachs auszurichten. Dort, wo sich heute der Charlottenburger Ortsteil Westend erhebt, zeigen Photographien aus der Zeit um 1910: dichte Wälder, asphaltierte Straßen, U-Bahnhöfe und S-Bahnhöfe. Viel mehr brauchte es nicht, um hier in den Folgejahren eine rege Bautätigkeit anzufachen, die in einem Tempo ganze Stadtteile aus dem Boden stampfte, wie man es heute nur mehr aus China kennt. Zu den in diesem Zuge entstandenen Ortslagen zählte die anfangs für Beamte reservierte ‘Siedlung Heerstraße‘, die vor einigen Wochen mit einem Straßenfest ihr einhundertjähriges Jubiläum feierte. Auf den Tag genau gratuliert mit einer Ortsbegehung des Berliner Tageblatts vom 29. Oktober 1921. Es liest Paula Leu.