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Auf den Tag genau Archiv

2057 Episoden
6 Minuten
Eine beeindruckende Persönlichkeit des frühen Trickfilms ist die 1899 in Berlin-Charlottenburg geborene Lotte Reiniger. Ihre Silhouetten-Animationsfilme, die oftmals Märchen- und Sagenstoffe nacherzählten, gelten bis heute als Meilensteine des Trick- und Animationsfilms. 1921 hatte sie, von klein auf von den frühen Stummfilmen und ihren Kameratricks begeistert, freilich erst wenige kurze Filme geschaffen. Doch in der Neuen Zeit vom 27.11. finden wir einen Bericht über neue Trickfilme, der sich Lotte Reinigers ersten Filmen widmet und ihr eine große Zukunft prognostiziert. Als ähnlich vielversprechend lobt er allerdings auch ein neues Verfahren, den „Plastrick“-Film als besonders innovativ – den werden heutzutage nur noch absolute Expert:innen kennen. Frank Riede kennt den Artikel und liest ihn für uns.
8 Minuten
So stellt man sich wohl ein glückliches Berliner Kunstkritikerleben auf dem Höhepunkt der ästhetischen Moderne vor: Eben erst Wiedersehen mit Paul Cézanne bei Cassirer in der Viktoriastraße gefeiert, geht es noch am selben Wochenende rüber ein paar Straßen weiter zu Flechtheim ans Lützowufer, wo gerade Henri Matisse Vernissage begeht. Curt Glaser hatte trotz unmittelbarer Zeitgenossenschaft bereits einen sehr klaren Blick für die Ikonen der Moderne und ihren je spezifischen historischen Stellenwert – und hielt sich vielleicht gerade deshalb zu dem immer schnelllebigeren und immer aufgeregter geführten Kampf um die Vorherrschaft dieses oder jenes künstlerischen Stils auf Distanz. Dass auch er dennoch ein Kind seiner Zeit war, erkennt man an manchen in unseren Ohren deutlich rassistischen Begrifflichkeiten, die der nachfolgende Text historisch dokumentiert. Anders als der Berliner Börsen-Courier haben wir bei Auf den Tag genau über Nacht das Personal gewechselt. Aus der Ausgabe vom 26. November 1921 liest für uns heute Paula Leu.
9 Minuten
Die Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich und seinem alten ‘Erzfeind‘ Frankreich waren auch drei Jahre nach Kriegsende nach wie vor frostig. Immerhin wurden im Herbst 1921 im kulturellen Bereich einige Weichen auf Entspannung gestellt, und das auf ästhetisch durchaus spektakuläre Art: Zeitgleich präsentierten die renommierten Berliner Galerien Cassirer und Flechtheim Werkschauen zweier der bedeutendsten modernen französischen Maler, Paul Cézanne und Henri Matisse. Von beiden berichtete im Berliner Börsen-Courier dessen Kunstredakteur Curt Glaser, und von beiden handelt heute und morgen auch unser Podcast. Cézanne war 1921 bereits 15 Jahre tot und in Berlin schon lange kein Unbekannter mehr. Glaser ist die Wiedersehensfreude anzumerken. Aus seiner Würdigung vom 25. November liest für uns Frank Riede.
4 Minuten
Seit Monaten sinnieren die Medien darüber, was sog. Impfverweigerer umtreibt. In diesem Kontext wird auch die Frage aufgeworfen, in welchem Maße die gerade im deutschsprachigen Raum verbreitete anthroposophische Weltanschauung die Impfskepsis befeuert. Und allgemeiner gefragt: Wie ist eigentlich das Verhältnis zwischen Anthroposophie und Wissenschaft? Vor einhundert Jahren stellte sich genau diese Frage ein Autor der Freiheit, nachdem er einen Vortragsabend des Begründers dieser Lehre, Rudolf Steiner, in der Berliner Philharmonie besucht hatte. Seine Antwort vom 24. November 1921 liest für uns Paula Leu.
7 Minuten
Das Moskauer Künstlertheater hatte vor einhundert Jahren längst Legendenstatus. 1898 von Konstantin Stanislawski und Wladimir Nemirowitsch-Dantschenko gegründet, avancierte es binnen weniger Jahre als Inbegriff einer einfühlsamen psychologisch-realistischen Schauspielkunst zu einer der angesehensten Bühnen Europas und wurde dabei insbesondere mit den Werken des Dramatikers Anton Tschechow identifiziert, die dort um die Jahrhundertwende höchst erfolgreiche Inszenierungen erlebten. In den Wirren der Oktoberrevolution hatte Stanislawskis Ensemble Moskau 1917 verlassen und sich, im Unklaren über seine Zukunft, kurzentschlossen auf eine mehrjährige ausgedehnte Tournee begeben. 1921 führte diese das Künstlertheater nun auch nach Berlin, wo das Gastspiel der weltberühmten Truppe mit Spannung erwartet und in der Presse, damals eher unüblich, bereits mit ausgiebigen Vorberichten gewürdigt wurde. So wartete der Berliner Börsen-Courier etwa am 23. November mit einem Gespräch mit der großen Mimin und Tschechow-Witwe Olga Knipper auf. Der junge Interviewer war übrigens Hanns Brodnitz – später einer der einflussreichsten Kinobetreiber in der Weimarer Republik, der 1944 von den Nazis in Auschwitz ermordet wurde. Es liest Frank Riede.
5 Minuten
Gerade erst lasen wir von der Geldentwertung im Zusammenhang mit den Kursstürzen der Mark an der Börse. Ganz regelmäßig ziehen sich, einer der zahlreichen roten Fäden dieses Podcasts, die Berichte über die bittere Armut, die unterhalb der glitzernden Oberfläche der Nachkriegsgesellschaft überall existierte, durch unser Textangebot. Im November und Dezember 1921 sorgten wiederholt Plünderungen von Geschäften in Berlins Mitte und in Neukölln zunächst für Großeinsätze der Schutzpolizei und dann für Schlagzeilen. Auch die Neue Zeit weiß am 22. November von Ansammlungen von teilweise hunderten Arbeitslosen zu berichten, die hauptsächlich Lebensmittel- und Bekleidungsgeschäften die Scheiben einschlugen, diese ausraubten und sich dann Verfolgungsjagden mit der Polizei lieferten. Paula Leu heftet sich für uns an ihre Fersen.
9 Minuten
Der Bericht des Berliner Tageblatts vom 22. Februar 1921 über eine Lesung von Thomas Mann aus seinem frisch verfassten Zauberberg in einem Berliner Gymnasium zählt bis heute zu den meistgeklickten Episoden in diesem Podcast. Heute kann sein älterer Bruder Heinrich Mann es ihm nachtun und das sogar als Autor. In der B.Z. am Mittag vom 21. November 1921 erschien aus dessen Feder ein kleines aktuelles Städteporträt Berlins nach Weltkrieg und Revolution, in dem der Republikaner Heinrich Mann wohl die gewachsene Armut in der alten und neuen Hauptstadt registriert, zugleich allerdings eine ihm unbedingt sympathische Aufbruchsstimmung ausmacht. Verglichen mit den meisten anderen (auch hier gesendeten) Zeitdiagnosen seiner Zeitgenossen wartet Manns Text mit einem durchaus bemerkenswerten, auch politischen Optimismus auf. In diesem schwelgt für uns Frank Riede.
6 Minuten
Nichts ist bekanntlich so interessant wie die Zeitung von vor einhundert Jahren – das gilt auch und gerade für Feiertage. Manche Bräuche, haben wir in den vergangenen knapp zwei Jahren in diesem Podcast erfahren, begehen wir heute gerade so wie gestern. Vieles im Fest- und Gedenktagskalender hat sich indes auch jäh geändert, bis zur Unkenntlichkeit verwandelt, ist im Laufe eines Jahrhunderts verschwunden oder umgekehrt erst aufgepoppt, war unseren Vorfahren unbekannt. Der Totensonntag hat die Jahrzehnte überdauert, aber den meisten von uns bedeutet er (in Nicht-Pandemiejahren) doch kaum mehr als verkürzte Clubnächte und ausfallende Flohmärkte. Vor einhundert Jahren, entnehmen wir der Vossischen Zeitung vom 20. November 1921, war das noch ganz anders. Es liest Frank Riede.
11 Minuten
Eine thematische Linie, die sich durch diesen Podcast zieht und zunehmend ziehen wird, ist der aufkommende Faschismus. Nachdem wir bereits die erste Reflexion über die Ursachen des Erfolges der italienischen Faschisten, auf die wir gestoßen waren, gesendet haben, wenden wir uns heute mit dem Vorwärts erneut nach Italien, dem Dritten Faschistenkongress in Rom zu. Diese vom 7. bis zum 10. November 1921 stattfindende Zusammenkunft der faschistischen Aktionsgruppen, den Fasci di combattimento, ist aus heutiger Sicht bedeutsam, weil die vielfältigen regionalen Gruppierungen dort eine Partei gründeten, den Partito Nazionale Fascista, kurz PNF, was nur möglich war, weil so manche Streiterei zwischen einzelnen Strömungen innerhalb der Fasci beigelegt wurde. Der Vorwärts schildert weniger die Themen des Kongresses, als vielmehr eindrücklich den explosiven Ausnahmezustand in Rom, in dem es stündlich zu neuen blutigen Ausschreitungen zwischen Arbeitern und Faschisten kommt. Aus diesem Pulverfass berichtet für uns Paula Leu.
9 Minuten
Heute richten wir mit der DAZ den Blick nach Indien, das ja bekanntlich erst 1947 seine Unabhängigkeit erlangt hat. Nach dem ersten Weltkrieg, 1919, kamen die Briten den damals schon heftig vorgebrachten Forderungen der Inder nach mehr Mitbestimmung mit dem Reformplan des indischen Staatssekretärs Edwin Montagu und des indischen Vizekönigs Frederic Chelmsford entgegen. Doch der ging den Aktivisten des indischen Nationalismus nicht weit genug. Anlässlich eines Besuches des Prinzen von Wales wirft der frisch habilitierte Indologe und Religionswissenschaftler Dr. Helmuth von Glasenapp in seinem Artikel einen genaueren Blick auf die komplizierte Situation in Indien. Wir hören von Gandhi und seinem Aufruf zur Gewaltlosigkeit und zur Eigenherstellung der Kleidung, aber auch von den Konflikten innerhalb der Unabhängigkeitsbestrebungen. Ebenso kommt das komplizierte Verhältnis zwischen Gandhi und den panislamischen Aktivisten zur Sprache. Für uns sortiert die Lage in Indien Paula Leu.
8 Minuten
Ein Todesschwadron zieht durch das nächtliche Lissabon mit prominenten Politiken auf der Exekutionsliste. Erbarmungslos werden sie vor den Augen ihrer Familien aus ihren Privathäusern gezerrt und ermordet. So geschehen in der sog. Lissaboner Blutnacht des 19. Oktobers 1921. Die Erste Republik in Portugal, die mit der Abschaffung der Monarchie 1910 entstanden war, kann nicht gerade als politisch stabile Phase bezeichnet werden. Aber selbst aus einer Zeit der oft gewalttätig widerstreitenden Republikaner, Monarchisten, Militaristen und Demokraten ragen die Ereignisse rund um den Putsch im Oktober 1921 heraus. Antonio Granjo war erst im Juli 1921 zum Premierminister gewählt worden, also nur 3 Monate nach Amtsantritt stürzten radikale Republikaner, unterstützt von Nationalgarde und Marinesoldaten die Regierung. Der Präsident weigerte sich aber zunächst die Regierungsgeschäfte an deren Führer weiterzugeben. In der Nacht zog Corporal Abel Olimpio los, um prominente Politiker, im Falle des Colonels Vasconcelos sogar einen der Gründerväter der Ersten Republik, zu ermorden. Lange Zeit waren in der Berliner Presse keine zuverlässigen Informationen zu bekommen, erst am 17. November druckt das 8-Uhr-Abendblatt eine Erzählung der Ereignisse der Blutnacht ab. Für uns liest Frank Riede.
8 Minuten
Der Reigen und kein Ende. Tief in den Neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts verfasst und ungespielt zum handfesten Literaturskandal avanciert, war Arthur Schnitzlers aus zehn erotischen Dialogen bestehendes Drama – wie regelmäßige Hörer unseres Podcast wissen – erst im Dezember 1920 am Kleinen Schauspielhaus Berlin zu seiner szenischen Uraufführung gekommen und brachte es hier, genauso wie wenig später bei seiner Inszenierung in Wien, nun auch zu einem stinkbombenumtosten Theaterskandal, der in der Folge sogar die Gerichte beschäftigte. Wie häufig in Skandalen waren hergebrachte ästhetische und gesellschaftliche Normen offensichtlich fragwürdig geworden und verlangten nach einer Neuaushandlung. Und wie nicht selten bei derartigen Prozessen tat sich die Justiz dabei durchaus schwer, mit gesellschaftlichen Entwicklungen Schritt zu halten. Diesen Eindruck von den Berliner Verhandlungen über den Reigen vermittelt jedenfalls ein prominenter Prozessbeobachter im Berliner Börsen-Courier vom 16. November 1921: Joseph Roth, hier verkörpert von Frank Riede.
7 Minuten
Wenn man an Berlin topographisch etwas bemängeln möchte, dann höchstens zwei Dinge: dass es nicht am Meer liegt und dass sich auf seinem Stadtgebiet, anders etwa als in Wien, kein Weinbau betreiben lässt. Beides könnte natürlich in Folge des Klimawandels irgendwann der Fall sein, und Letzteres – der Wein – war hier vor der berühmten kleinen Eiszeit in der frühen Neuzeit tatsächlich auch schon einmal beheimatet. Die Berliner Morgenpost vom 15. November 1921 spürt dieser önologischen Frühgeschichte im Berliner Straßenbild nach und schwelgt auch anderweitig in alten Zeiten, in denen edle Tropfen bald unerschwinglich teuer, bald dank staatlich-preußischer Daseinsfürsorge im Preis gedeckelt waren. Eine Weinpreisbremse sozusagen. Es liest das einzige Kernteammitglied von Auf den Tag genau, das nie im oder um den Weinbergsweg herum gelebt hat: Paula Leu.
8 Minuten
Am 12 November 1921 traten Vertreter der fünf großen Seemächte, Vereinigte Staaten, Großbritannien, Frankreich, Italien und Japan in Washington zu einer Abrüstungskonferenz zusammen. Unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs versuchten Sie eine verbindliche Maximalanzahl bestimmter Kriegsschifftypen festzulegen, um ein endloses Wettrüsten zu verhindern. Die friedensbewegten pazifistischen Kräfte der Welt blickten also hoffnungsvoll nach Washington und versuchten Öffentlichkeit für die ferne Konferenz zu generieren. So geschehen am 13. November im Zirkus Busch in Berlin, wo sich Tausende zusammenfanden, Schauspieler Friedensgedichte vortrugen, und Redner den Weg zu einer friedlichen Zukunft skizzierten. Unter ihnen etwa der Jurist und Politikwissenschaftler Hans Simons oder der Reformpädagoge Paul Oestreich. Von der Kundgebung berichtete am Folgetag die Berliner Volks-Zeitung, aus der für uns Paula Leu liest.
6 Minuten
Wir alle kennen die Erzählung, wir alle kennen die Bilder: Nutzvieh, auf engstem Raum zusammengepfercht, in viel zu kleinen und hygienisch entsprechend desaströsen Stallungen seiner Schlachtung unwürdig entgegenfristend. Vor einhundert Jahren war der durchschnittliche deutsche Fleischkonsum noch deutlich geringer; insofern nimmt es sich durchaus überraschend aus, ganz ähnliche wie die uns vertrauten Szenarien auch schon der Berliner Morgenpost vom 13. November 1921 zu entnehmen. Diese hatte eines Abends unangemeldet einem offensichtlich verschrienen Viehhof im Osten Berlins einen Besuch abgestattet und war dort, bei allen skandalösen Eigentümlichkeiten des konkret inkriminierten Betriebes, zugleich ungeahnt Zeugin der Anfänge der modernen Massentierhaltung mit all ihren Schattenseiten für Kreatur, Mensch und Weltklima geworden. Für uns heftet sich Frank Riede an ihre Fersen.
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Der Podcast mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Welt vor hundert Jahren