Auf den Tag genau Archiv
2057 Episoden
8 Minuten
Am heutigen Tage treffen die Diva des deutschen Stummfilms Henny Porten zusammen mit dem Kammerspieldrehbuch von Carl Mayer auf den Theaterregisseur und Intendanten des Staatlichen Schauspielhauses in Berlin Leopold Jessner und seine expressionistische Handschrift – eine Mischung, die auch die Rezension des aus dieser Zusammenarbeit entstandenen Filmes im Berliner Börsen-Courier thematisiert. Der Name des Filmes ist Programm: Hintertreppe. Ein menschliches Drama, ein tragisches Liebesdreieck, im Hinterhof, im Milieu des Dienstpersonals, abseits des bürgerlichen Wohlstands-Lebens der Vorderhäuser, das gar nicht erst gezeigt wird. Für die Theatergröße Jessner war es der erste Ausflug zum Film, in dem sich auch deutlich die in diesem Podcast schon thematisierte Handschrift von Carl Mayer zeigte, der den Zwischentitellosen-Film anstrebte. Immer wieder wird auch in dieser Rezension „Hintertreppe“ mit dem vorangegangenen Film nach einem Mayer-Script „Scherben“ verglichen. Und noch ein großer Name ist an der heutigen Folge, natürlich neben Paula Leu, die heute liest, beteiligt: der Kritiker Herbert Ihering ist der Autor des am Tage nach der Premiere, also am 12. Dezember, verfassten Artikels.
5 Minuten
Was machen 300 Intellektuelle, die in einer Wohnsiedlung zusammenleben…? Was klingt wie der Anfang eines Witzes ist eine Frage, die die Berliner Volks-Zeitung in ihrer Ausgabe vom 11. Dezember 1921 zu beantworten suchte. Offensichtlich gab es derartige Siedlungs-Ideen, die die Produktivität der geistigen Arbeiter steigern sollten. Die BVZ positioniert sich eindeutig und warnt vor lebensunfähigen Parallelgesellschaften. Frank Riede liefert die Argumentation.
8 Minuten
In der Vorweihnachtszeit 1921 beklagen die Zeitungen allesamt die gestiegenen Preise für Weihnachtsbäume, Baumschmuck und Gewürze. Wahrscheinlich ist Spielzeug auch teurer und so stoßen wir auf ein bislang in diesem Podcast noch nicht da gewesenen Texttyp. Die Berliner Volks-Zeitung beauftragt Elfriede Behne mit dem Verfassen einer Bastelanleitung für die männlichen Leser der Zeitung. Warum nicht mal selber Geschenke basteln, mit dem, was man ohnehin zuhause hat? Do It Yourself Spielzeug-Eisenbahnwagen? Am 10. Dezember erschien diese Zeitungs-Hobbythek, die für uns Paula Leu liest. Also, meine Herren, Stift und Papier zur Hand und viel Spaß beim Nachbauen.
8 Minuten
Der sogenannte Kapp-Putsch rechtsgerichteter Offiziere hielt die junge Weimarer Republik im März 1920 mehrere Tage lang in Atem, bevor ein Generalstreik den Spuk nach 100 bangen Stunden beendete – wir berichteten darüber in diesem Podcast ausführlich. Nun, gut anderthalb Jahre später versuchte sich die angegriffene deutsche Demokratie an einer höchst halbherzigen juristischen Aufarbeitung, die vor dem obersten Gerichtshof, dem Reichsgericht in Leipzig, mit einem Prozess gegen den Mitinitiator Traugott von Jagow und zwei Mitangeklagte begann (und auch schon fast wieder endete). Der gleichfalls involvierte Weltkriegs-Feldherr Erich Ludendorff wurde rechtlich nicht belangt, sondern lediglich als Zeuge nach Leipzig vorgeladen. Die hauptstädtische Presse berichtete mit Interesse. Frank Riede liest für uns aus dem Berliner Börsen-Courier vom 9. Dezember 1921.
9 Minuten
Leihhäuser gibt es in einer Stadt wie Berlin auch heute noch, aber in schweren sozial-ökonomischen Krisenzeiten wie den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg waren sie wahrscheinlich deutlich stärker frequentiert. Grund genug, für den Vorwärts vom 8. Dezember 1921 sich die entsprechenden Anstalten einmal genauer anzuschauen und in Erfahrung zu bringen, was große und kleine Leute damals so versetzen ließen. Dabei wird schnell deutlich, dass sich sämtliche Konjunkturkurven der letzten Jahre bis hier in den Pfandbetrieb präzise nachvollziehen lassen und dass – oh Wunder! – die gerade galoppierende Inflation selbstredend auch hier eine Freundin des Schuldners ist. Diesem Artikel ihre Stimme leiht Paula Leu.
8 Minuten
Der pazifische Raum ist, von Europa betrachtet, weit weg, und entsprechend randständig kommt man sich bei uns auf dem ‘alten Kontinent‘ plötzlich bei Beschwörungen vor, eben dorthin würde sich der Schwerpunkt der Weltpolitik im 21. Jahrhundert verlagern. Dass das auch wieder eine sehr europäische Sicht der Dinge ist; dass Weltpolitik dort natürlich schon sehr viel länger gemacht wird, belegt unser heutiger Artikel aus der Berliner Börsen-Zeitung vom 7. Dezember 1921. Auf den Tag genau zwanzig Jahre vor Pearl Harbor wird dort bereits die Gefahr eines Flottenkrieges zwischen Japan und den USA diskutiert und überhaupt das Wettrüsten in Fernost thematisiert. Für uns rekapituliert dies hier Frank Riede.
10 Minuten
Wenn im Zuge eines revolutionären Umschwungs der Monarch, die Monarchin hingerichtet werden, so hallt dies als Ereignis durch die Geschichte. Eine gewisse Logik besteht darin, aus Sicht der Revolutionäre, die Tötung zu einem symbolisch aufgeladenen Akt, öffentlich durchzuführen – wie etwa die Hinrichtung Ludwig des XVI. in der Französischen Revolution. Im Falle der Bolschewiki wurde die Ermordung des Zaren Nikolaus des II. und weiter Teile der Romanows in der Nacht vom 16. auf den 17. Juli 1918 hastig und verborgen in einem Keller in Jekaterinburg ausgeführt. Hintergrund war dabei wohl die Absicht, während des Bürgerkriegs kein lebendes Mitglied der Zarenfamilie den „Weißen“ als potentielle Symbol- und Sammlungsfigur zu überlassen. Jekaterinburg stand kurz vor der Eroberung durch die Weißen Truppen. Die Leichen der Romanows wurden verscharrt. Lediglich die Exekution des Zaren wurde offiziell von den Bolschewiki verlautbart, über den Verbleib der restlichen Familienmitglieder kursierten fortan jahrelang nur Gerüchte. Am 6.12. versucht das Berliner Tagblatt Licht in das undurchsichtige und mythenumrankte Schicksal der Zarenfamilie zu bringen – mithilfe eines Zeugen, der in Jekaterinburg vor Ort war. Den Wissensstand von 1921 trägt für uns Frank Riede vor.
7 Minuten
Als Zeitungspodcast interessiert sich Auf den Tag genau naturgemäß in besonderer Weise für Berichte, die ihrerseits wiederum hinter die Kulissen des Medienbetriebs in der Weimarer Republik schauen. Auch schon damals luden Presseverbände gelegentlich zu Empfängen, und die Spitzenpolitik kam nicht selten in Mannschaftsstärke. Kam man sich bei derartigen Veranstaltungen womöglich gar ein wenig zu nahe? Zumindest was die Feuilletonredakteure betrifft, war diesbezüglich offenbar keine Gefahr im Verzug – jedenfalls wenn man dem berühmten Vertreter dieser Zunft Paul Schlesinger alias Sling Glauben schenken mag. Dieser hätte dem Reichskanzler durchaus etwas zu sagen gehabt, tut dies, statt in Präsenz, nun notgedrungen aber doch wieder in seiner Zeitung, der Vossischen vom 5. Dezember 1921. Gelesen von Paula Leu.
9 Minuten
London und sein Nebel. Kaum ein Kriminalfilm, der in England spielt, ob Sherlock Holmes oder die Edgar-Wallace-Verfilmungen, kommt ohne ihn aus, den Nebel, der atmosphärisch dicht durch die Straßen quillt. Bei bestimmten Wetterlagen kommt es hin und wieder zu einem extremen Nebel, der tagelang den Verkehr lahmlegt. Ist es dann noch Winter, vermengt sich der Nebel mit dem Staub der kohlebetriebenen Heizungen und Öfen, was den Smog-Nebel sogar zu einem tödlichen Risiko werden lässt. 1952 forderte solch eine Wetterlage tausende Menschenleben. Nicht ein solcher Jahrhundert-Nebel, aber zumindest ein Jahrzehnt-Nebel herrschte 1921 in London und der Korrespondent der Vossischen Zeitung, Ludwig Wachtel, wagte einen Spaziergang mit geringer Sichtweite, die er im Artikel vom 4. Dezember verarbeitete. Wahrscheinlich ahnte er damals nicht, dass er, der er jüdischer Herkunft war, nach 1933 in London seine neue Heimstatt finden würde. Heute lässt uns Frank Riede in den Nebel an der Themse eintauchen.
7 Minuten
Der Kampf gegen den menschengemachten Klimawandel führt derzeit zu einer Renaissance von Projekten in der Luftschifffahrt. Sind Zeppeline nicht eine Umweltfreundliche Alternative für Waren- und Passagiertransport? Mit den Hoffnungen, die man an Luftschiffe nach dem Ersten Weltkrieg knüpfte, lässt sich das freilich (noch) nicht vergleichen. 1919 glückte die erste Atlantiküberquerung mit einem Luftschiff von England in die USA. Pläne für einen Linienverkehr über den Ozean wurden geschmiedet. Von einem solchen handelt unsere heutige Folge. Die Auslandsbeilage der Vossischen, die Voss, präsentierte am 3. Dezember 1921 die bereits 3 Jahre zuvor angedachte, nun von Spanien zu finanzierende, von einem deutschen Luftschiffunternehmen umzusetzende Linie von Cadiz nach Buenos Aires und zurück. Die finanzielle Projekthoheit Spaniens war schon allein deshalb notwendig, um die Bestimmungen des Versailler Vertrages zu umgehen, der eine von Deutschland geleitete Unternehmung untersagte. Tatsächlich pendelten ab 1931 Zeppeline auf der weltweit ersten Passagierlinie zwischen Europa und Südamerika. Bei den Planungen 1921 ist Paula Leu mit von der Partie.
5 Minuten
Wie navigiert eine bürgerliche Partei zwischen einer Kooperation mit den sozialdemokratischen Kräften und dem Druck vom äußeren rechten Flügel? Für die 1918 gegründete nationalliberale Deutsche Volkspartei stellte sich diese Frage in der Zeit ihres Bestehens, also bis 1933, beinahe durchgängig. Sollte die Partei den Schulterschluss mit der Deutschnationalen Volkspartei suchen, oder mit der SPD in einer Regierung zusammenarbeiten? Auf dem Parteitag in Stuttgart konnte sich der Parteiführer Gustav Stresemann noch ohne weitere Probleme gegen den „rechten“ Flügel durchsetzen, wie die Berliner Morgenpost vom 2.12. 1921 zu berichten weiß. Für uns war Paula Leu dabei.
8 Minuten
Es ist eine Geschichte aus uralter Zeit, die die B.Z. am Mittag vom 1. Dezember 1921 uns heute auftischt. Eine Geschichte aus den winterlich verschneiten, sonnendurchglühten Dolomiten, die offensichtlich eine Skiwandergruppe ganz für sich allein hat, da winterlicher Massentourismus auf diesen Alpenkämmen, in diesen Alpentälern noch ein Fremdwort ist. Es gibt keine Seilbahnen, Skilifte oder präparierte Pisten, keine Bettenburgen und keine Après-Ski-Bars in diesem Artikel, sondern nur einsame Gipfel und Klüfte in eisiger Luft und gleißendem Licht. Beim Zuhören wird man wehmütig und fast ein wenig schneeblind. Es liest Frank Riede.
8 Minuten
Wir hatten vom Verfall der Mark in den letzten Monaten des Jahres 1921 bereits berichtet. Eine Folge dessen war natürlich die Kaufkraft der Fremdwährungen. Ein gewisser H. Pollack heftet sich für die Vossische Zeitung vom 30.11. an die Fersen der ausländischen Import-Export-Experten und berichtet von überraschenden Geschäftspraktiken. Sein Blick auf die Ausländer:innen ist dabei nicht immer ganz frei von (auch rassistischen) Stereotypen. Für uns tingelt von Auktionshaus, über Nobelhotel ins Tanzrestaurant Paula Leu.
8 Minuten
„Nach Moskau! Nach Moskau!“ – ihre berühmte Sehnsucht teilten die drei Schwestern aus Anton Tschechows gleichnamigem Stück mutmaßlich mit vielen der nach der Oktoberrevolution in Berlin gestrandeten russischen Exilanten. Kein Wunder, dass sich diese denn auch in großer Zahl zum Gastspielauftakt des legendären Moskauer Künstlertheaters eben mit Tschechows ‘Drei Schwestern‘ im Theater an der Königgrätzer Straße, dem heutigen Hebbel-Theater oder HAU1, einfanden. Der Kritiker des 8-Uhr-Abendblattes Josef Adolf Bondy vermag sich in die Wehmut der jungen Protagonistinnen auf der Bühne genauso einzufühlen wie in die der russischen Seelen im Zuschauerraum. Dennoch kommt er im Vergleich mit seiner eigenen Erstbegegnung mit der Inszenierung bei einem früheren Gastspiel der Moskauer zu dem Schluss, dass die stürmisch bewegte Zeit doch ein wenig über diese Art von wiewohl großartigem Theater hinweggegangen sei. Und erklärt die Regisseure und Begründer des Künstlertheaters Konstantin Stanislawski und Wladimir Nemirowitsch-Dantschenko in seinem Bericht vom 29. November 1921 gleich einmal irrtümlicherweise für tot ... Wie immer zu neuem Leben erweckt werden alle Beteiligten an diesem Gastspiel bei uns in der Lesung von Frank Riede.
8 Minuten
Am 15. September letzten Jahres berichteten wir mit dem Berliner Tageblatt über das Berliner Lautarchiv, heute, etwa 440 Folgen später, besuchen wir am 28.11.1921 das an der Berliner Staatsbibliothek institutionalisierte Archiv mit Tonwalzen und -Zylindern und Wachsplatten mit der Vossischen Zeitung. Liegt der Sammlung ohnehin partiell ein kolonialistischer Gestus zugrunde, so greifen einzelne Lautaufzeichnungen in ihren Titeln rassistisches Vokabular auf, das sich dann auch in der Berichterstattung wiederfindet. Diesmal wühlt für uns Paula Leu in den Schätzen des Berliner Lautarchivs, wobei ein weiteres Mosaikstück unseres Berliner Zeitungslautarchivs der Weimarer Republik entsteht …