Auf den Tag genau Archiv
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7 Minuten
Tätowierungen, hört man häufig, seien früher ein Stigma von Strafgefangenen und Seeleuten gewesen. Zumindest in westlichen Gesellschaften, so lautet die verbreitete Erzählung, hätten sie bis Ende des 20. Jahrhunderts weithin als anrüchig gegolten und seien im Grunde erst seitdem im mainstream der hiesigen Schmuck- und Körperkultur angekommen. Unser heutiger Artikel aus dem 8-Uhr-Abendblatt vom 27. Dezember 1921 wirft dieses Narrativ ziemlich grundlegend über den Haufen. Nicht nur gibt er Kunde von einer damals höchst aktuellen Tattoo-Mode in besseren englischen Kreisen. Darüber hinaus weiß er auch eine durchaus illustre Reihe historisch prominenter Tintlinge – mit gleichfalls aristokratischem Hintergrund – aufzuzählen. Vielleicht weniger unerwartet macht der Parforceritt durch die Geschichte der Tätowierung kurz auch bei sogenannten Naturvölkern Station und operiert dabei mit zeittypischen Begrifflichkeiten, die wir einmal mehr mit einem trigger warning versehen müssen. Es liest Frank Riede.
6 Minuten
Da die Zeitungsausgabe vom 25. auch den zweiten Weihnachtsfeiertag „abdeckte“, an dem keine Zeitungen erschienen, bringen wir heute einen Artikel aus der Berliner Abendpost vom 25.12. 1921. Unseren treuen Hörer:innen wird diese Zeitung noch unbekannt sein. Tatsächlich feiert sie heute ihre Premiere bei Auf den Tag genau und zugleich ihren Abschied. Im Ullstein-Verlag 1887 als Zeitung konzipiert, die außerhalb Berlins erschien und schnell die Informationen aus der Hauptstadt in alle Gegenden des Deutschen Reiches trug, wurde sie zum Ende des Jahres 1921 eingestellt. Erst kürzlich wurde sie digitalisiert, so dass wir nun wenigstens einmal einen Artikel erhaschen, bevor wir ins Jahr 1922, ohne Abendpost, schreiten. Vom Weihnachtsbaummangel 1921 war ja schon zu Genüge die Rede. Heute erinnert daher der Autor an den Vorläufer des geschmückten Tannenbaumes: die Weihnachtspyramide – auch hier wieder inklusive einer Bau- und Bastelanleitung. Heutzutage lässt sich dieser Artikel auch lesen als Aufruf zu einer Schonung unserer Wälder. Eine Pyramide kann im Keller das Jahr überdauern und nächstes Weihnachten wieder für Stimmung sorgen. Egal ob es eine ernsthafte Option ist oder nicht, bringt uns Paula Leu die Weihnachtspyramide nahe.
10 Minuten
Die 1920er Jahre waren bekanntermaßen eine Dekade der Kulturkämpfe, und eine der wesentlichen Bühnen dieser Kämpfe war – die Bühne. Die Streitschrift ‘Der Kampf ums Theater‘ des renommierten Kritikers Herbert Ihering ist für die gesamte Theaterepoche der Weimarer Republik mit ihren Skandalen und mitunter sogar tätlichen Auseinandersetzungen sprichwörtlich und zum gern entliehenen Titel und Untertitel späterer Überblicksdarstellungen und Sammelbände geworden; dabei stammt ihre Erstveröffentlichung bereits aus dem Jahr 1922. Iherings angestammte publizistische Heimat, der Berliner Börsen-Courier, druckt sogar schon am 25. Dezember 1921 Auszüge aus der Einleitung ab und weitet den sonst eher kurzatmigen Zeitungsblick auf das Theater damit pünktlich zum Fest von der einzelnen Premiere einmal auf das große Ganze. Zumindest in diesem Ausschnitt ist freilich weniger von wilden ideologischen Fehden die Rede, als dass der Autor, vor allem mit Blick nach Wien, eine untergegangene aristokratische Gesellschafts- und Theaterepoche halb süffisant, halb melancholisch zu Grabe trägt. Für uns betrachtet die „schöne Leich“ Frank Riede.
10 Minuten
Berlin liegt bekanntlich weder am Meer, noch im Gebirge, und unter beidem litten seine Einwohner*innen offensichtlich auch schon vor einhundert Jahren sehr. Während unser Podcast in den Sommermonaten dank der dort urlaubenden Hauptstadtpresse regelmäßig von Nord- und Ostseestränden sendet, durften wir selbige in den zurückliegenden Winterwochen bereits in die Dolomiten und ins Riesengebirge begleiten – und verleben den Heiligen Abend des Jahres 1921 heute mit dem Berliner Tageblatt im Thüringer Wald. Dessen Edelfeder Victor Auburtin hatte bereits die Tage vor dem Fest im mondänen Wintersportort Oberhof verbracht und dort zwar keine pittoreske Schneelandschaft vorgefunden, dafür aber umso intensiver die entspannte Leere und Ruhe vor dem Sturm der anrückenden Schar der Berliner Weihnachtsgäste genossen. Mit ihm gereist ist nur, für uns, Paula Leu.
5 Minuten
Dass Ende 1921 Aufgrund der Inflation die Finanzkraft der Bürger:innen nicht gerade groß war, ist an dieser Stelle schon vorgekommen. Verständlich, dass das Klagen über die teuren Gewürze zum Backen, den teuren Weihnachtsschmuck und die teuren Spielwaren in allen Zeitungen Widerhall findet. Im Zentrum des Vorweihnachtslamento steht zweifelsfrei aber der überteuerte Weihnachtbaum, dessen mangelnde Erschwinglichkeit viele baumlose Weihnachtsfeiern befürchten ließ. Daher begrüßt der Berliner Lokalanzeiger vom 23. Dezember die Aktion der Forstverwaltung von Dreilinden im Grunewald, die eine Fichtenpflanzung für Selbstabholzer freigab, um den Unmut der Berliner zu besänftigen. Die dadurch hervorgerufenen Pilgerscharen mit Axt und Säge zeigten, dass dies wohl nur ein Tropfen auf den heißen Stein war. Erst Tage später korrigiert der Lokalanzeiger selbst das noch halbwegs friedliche Bild, dass sie im heutigen Artikel zeichnet. Tatsächlich kam es zu Tumulten und zu Abholzungen in nicht dafür vorgesehenen Waldstücken, aber vielleicht hat der Autor in seiner Macbeth-Referenz das Massaker an den Bäumen irgendwie schon angedeutet. Frank Riede berichtet.
6 Minuten
Der Streit, ob es sich beim ‘Berlinischen‘ um einen Dialekt, einen Soziolekt, einen Metrolekt oder einfach nur um eine Verballhornung der Sprache handelt, tobt schon mindestens so lange, wie Berlin eine Großstadt ist. Gemein mit anderen, bereits durch Lautverschiebungen entstandenen deutschen Idiomen ist ihm in jeden Fall, dass es für Zugereiste häufig selbst unter größten Anstrengungen nicht verständlich ist. Diese Erfahrung musste auch ein eigentlich schon lange an der Spree ansässiger Kolumnist des Berliner Börsen-Couriers machen, als er sich zu nächtlicher Stunde in eine offenbar berüchtigte Spelunke im damals schwer verrufenen Scheunenviertel begab. Obwohl mit dem Titel ‘Soxephon‘ überschrieben, spielt in seinem Erlebnisbericht vom 22. Dezember 1921 jedenfalls keine Jazzband auf. Es liest die eingeborene Berlinerin Paula Leu.
6 Minuten
In der heutigen Folge geht es um ein Thema, das aktuell seit Jahren oben auf der Agenda der Politik steht und dies auch schon vor 100 Jahren getan hat, weshalb dies auch nicht das letzte Mal sein wird, dass “Auf den Tag genau” darüber berichtet: Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Bei der Berliner Stadtverordneten-Versammlung, die die Berliner Morgenpost vom 21. Dezember 1921 zusammenfasst, wird uns mal wieder alles geboten. Die Linke stellt Anträge, die die Bürgerlichen befürchten lässt, dass sich bei einer Umsetzung das Arbeiten nicht mehr lohnt, es werden Sofortbauprogramme ins Auge gefasst, doch zunächst die Wohnungsausschüsse personell aufgestockt und ein Vertreter der Wirtschaftspartei glaubt an den Trickle Down-Effekt. Er möchte das Problem angehen, indem zunächst die Mieten erhöht werden, damit Eigentum sich rechnet. Für uns trägt mehr Altbekanntes und wenig Überraschendes Paula Leu vor.
8 Minuten
Die Kommunistische Partei Deutschlands war Anfang der 1920er Jahre noch nicht ganz der monolithisch-linientreue Vasall ihrer bolschewistischen russischen Schwesterpartei, als der sie sich in späterer Weimarer Zeit unter Ernst Thälmann präsentierte. Dennoch zeichnete sich bereits auch schon damals eine klare Orientierung nach Moskau und eine entsprechend kritiklose Begeisterung für die Entwicklung in der werdenden Sowjetunion ab. Wäre die Geschichte unter einer Vorsitzenden Rosa Luxemburg womöglich anders verlaufen? Wäre die KPD unter ihrer Mitbegründerin auf einem eigenständigeren, weniger autoritären Kurs geblieben? Eine im Herbst 1921 erschienene Publikation mit nachgelassenen Schriften der knapp drei Jahre zuvor ermordeten Luxemburg legt dies nahe. Selbst das bürgerliche Berliner Tageblatt zeigt sich von der Lektüre angetan und stellt seinen Bericht vom 20. Dezember unter ein berühmtes, nicht zuletzt auch später in der DDR bedeutsam gewordenes Zitat. Es liest Frank Riede.
7 Minuten
Der Aufstieg Berlins zur größten russischen Metropole außerhalb Russlands war Ende 1921 bereits in vollem Gange und zog zunehmend auch im Kulturleben seine Spuren. Von dem mehrwöchigen Gastspiel des legendären Moskauer Künstlertheaters und seiner Aufnahme bei der größtenteils vor der Revolution gen Westen (und besonders zahlreich nach ‘Charlottengrad‘) getürmten russischen Exil-Community war in den letzten Wochen in diesem Podcast schon zweimal die Rede. Daneben ließ aber auch zunehmend hier vor Ort eine äußert lebendige russische Kleinkunstszene immer neue Ensembles aus dem Boden sprießen. Dessen vielleicht berühmteste Institution, Der blaue Vogel von Igor Jushny, öffnete vor einhundert Jahren im damals kulturell noch etwas abgelegenen Schöneberg seiner Pforten. Für die Vossische Zeitung berichtete am 19. Dezember 1921 Moritz Goldstein von der Eröffnung, für uns tut dies hier und heute Frank Riede.
9 Minuten
Wer kennt die beliebte altväterliche Klage nicht, dass Weihnachten immer mehr in Konsum ersticke und früher alles besinnlicher gewesen sei? Vielleicht stimmt das sogar, aber dann muss dieses „früher“ länger als einhundert Jahre zurückliegen oder damit zumindest nicht Hamburg gemeint sein. Was die Berliner Volks-Zeitung ihren Berliner Leserinnen und Lesern am 18. Dezember 1921 vom Weihnachtsmarkt auf dem Heiligengeistfeld vermittelt, klingt auf jeden Fall mehr nach Rummel und St. Pauli als nach Kerzenschein und Fachwerkbudenbeschaulichkeit. Remmi-demmi statt Stille Nacht. Oder um es mit Loriot zu sagen: Letztes Jahrhundert war auch nicht mehr Lametta. Beziehungsweise eben gerade doch. Es liest Paula Leu.
10 Minuten
Nachdem nahezu alle Nachtzugverbindungen eingestellt worden waren, erlebt der europäische Schienenverkehr gerade eine Renaissance der Nachtzüge. Reist man in solch einem Schlafabteil, so gleicht dessen Aufbau einem Schlafzugabtei 3. Klasse aus dem Jahre 1921. Damals freilich wurden von der Deutschen Bahn diese neu entworfenen Nachtzug-Wagons der Öffentlichkeit präsentiert und für einen Testbetrieb freigegeben. Für eine erste Fahrt wurden sie mit Vertretern der Berliner Presse befüllt, die auch in großer Zahl in ihren Zeitungen darüber berichteten. Es war eines der Verkehrsinfrastruktur-Ereignisse des Jahres. Neben den neuen Schlafwagen wurde auch ein Unterrichtswagon eingeführt, in dem passender Weise auch die Präsentationen stattfanden. Mit Film- und Fotoprojektoren ausgestattet sollten diese Wagons als fahrbare Schulungsstätten für das Bahnpersonal auch in entlegenen ländlichen Gegenden genutzt werden. Kommst du nicht zur Fortbildung, kommt die Fortbildung zu dir. Wir bringen heute den Reisebricht aus dem Vorwärts vom 17.12. Für uns quetschte sich Frank Riede durch die Abteile.
7 Minuten
Es liegt im natürlichen Interesse jedes regelmäßig erscheinenden Publikationsorgans, die Vorlieben seiner Leserschaft zu kennen, um sie im Regelfall bedienen und vielleicht manchmal ausnahmsweise auch ein wenig unterlaufen zu können. Heutzutage gibt es bekanntlich viele digitale Hilfsmittel bei der Kundenerkundung und Kundenbindung. Vor einhundert Jahren dagegen gestaltete sich beides bedeutend mühseliger. Die Neue Zeit hatte ihren Ausgaben tausende von Umfragebögen beigelegt und sieht sich in ihrer Ausgabe vom 16. Dezember 1921 nun mit einem reichlich widersprüchlichen Feedback konfrontiert: Der einen Freud ist des anderen Leid. Was A zu viel, ist B zu wenig und C gerade genehm. Man konnte es auch schon damals offensichtlich nicht jedem und jeder recht machen, jedenfalls nicht mit ein und derselben Sache. Was wollt Ihr bei Auf den Tag genau hören? Seid Ihr in euren Interessen ähnlich divers wie die Abonnenten der Neuen Zeit? Schreibt uns und kommentiert gerne auch die heutige Folge, durch die uns Paula Leu führt.
7 Minuten
1921 hatte Art Spiegelmann seine epochemachende Graphic Novel „Maus“ noch nicht erschaffen und der Holocaust, den er darin verarbeitet, mit all seiner menschenverachtenden Rhetorik von „Ausrottung“, „Ungeziefer“, „Endlösung“ hatte noch nicht stattgefunden. Das konnte für die Leser:innen des Berichtes über den Kampf gegen die Ratten in den Berliner Markthallen aus der Berliner Morgenpost vom 15.12. also nicht anklingen. Paula Leu begibt sich mit dem erfahrenen Kammerjäger Oskar Schuster und seiner Hundestaffel auf die Treibjagd durch die Markthallen.
8 Minuten
Das Fräulein vom Amt nahm Anrufe entgegen, wählte die gewünschte Zielperson an und begrüßte diese mit dem Satz „Jetzt kommt ein Gespräch für sie!“. Dann verband sie die beiden Seiten zu einem Gespräch. 1907 arbeiteten 16.000 Frauen in diesem Beruf, für den sie jung, ledig und „aus gutem Hause“ sein mussten. Darüber hinaus waren Schulbildung und Fremdsprachenkenntnisse gewünscht, die Bezahlung war aber daraufhin konzipiert, eine, heut würde man sagen, Single-Frau zu ernähren. Mit fortschreitender Automatisierung starb das Berufsbild (mit der Ausnahme von Telefonanlagen großer Firmengebäude) langsam aus, jedoch wurde erst 1966 das letzte Ortsnetz der alten Bundesrepublik automatisiert. Aber eines ändert sich nicht: Der Frust der Telefonierenden, wenn sie anstatt verbunden zu werden irgendwo im Nirvana des Netzes landen und von Neuem wählen müssen. Heutzutage schimpfen wir auf die Technik, den Provider. Wie man sich vorstellen kann, richtete sich dieser Frust vor hundert Jahren auf die Telefonistinnen, wovon der Text des Prager Schriftstellers Richard Katz aus der Vossischen vom 14. Dezember 1921 Zeugnis ablegt. Zusammen mit dem Autor steigert sich Frank Riede in Rachephantasien hinein.
8 Minuten
Skitourismus war vor einhundert Jahren beileibe noch kein Massenphänomen, sondern – abgesehen von den Einheimischen – das distinktionssichere Vergnügen einiger weniger betuchter Großstädter. Dennoch oder wahrscheinlich gerade deswegen hatten Erlebnisberichte aus verschneiter Bergkulisse in den Zeitungen allwinterlich Hochkonjunktur. Nachdem wir uns an dieser Stelle erst kürzlich auf Skiwanderung durch die Dolomiten begaben, reist die B.Z. am Mittag vom 13. Dezember 1921 heute für uns ins Riesengebirge. Dass sich dort mittlerweile auch weniger erfahrene Abenteurer sorglos auf Bretter stellten, nimmt jene zum Anlass für eine mythenschwere Beschwörung der Naturgewalten, die sich freilich zugleich auch beinahe wie ein Vorgriff auf spätere Action-Adventure-TV-Formate liest. Für uns tut dies Frank Riede.