Auf den Tag genau Archiv
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8 Minuten
Die Unterstützung und Versorgung von Obdachlosen hat in Berlin eine lange Tradition, was auch von der Kontinuität dieser Herausforderung an die öffentliche Wohlfahrt zeugt. Eine der ersten Hilfseinrichtungen für Obdachlose in Europa entstand im Viertel Prenzlauer Berg, in der Fröbelstr., am damaligen Stadtrand von Berlin bereits 1886. Wegen einer Topf-Palme im Eingangsbereich erhielt das städtische Asyl den Spitznamen „Palme“. Hier konnten zunächst ca. 2000 Obdachlose eine Übernachtungsgelegenheit und hygienische Einrichtungen finden – 1920 war es für ca. 4 ½ Tausend Personen ausgelegt, aber dennoch oftmals überbelegt. Daher wurden die Zustände in der „Palme“ zu einem Sinnbild der herrschenden Armut. So reagierte der Vorwärts am 11. Januar 1922 auf Berichte von einem „Pennerball“, bei dem angeblich Wohlfahrtsmittel verschwendet wurden, mit einem schonungslosen Blick auf die Zustände in der Fröbelstr. – so schonungslos, dass wir darauf hinweisen wollen, dass die geschilderten Bilder teilweise verstörend wirken können. Paula Leu liest.
8 Minuten
Nacktheit auf der Bühne ist im 21. Jahrhundert zumindest hierzulande längst ein Gemeinplatz geworden und kaum mehr dazu angetan, Skandale zu verursachen. Vor einhundert Jahren sah die künstlerische und kleinkünstlerische Welt diesbezüglich selbstredend ganz anders aus, und ein paar Quadratzentimeter nackter Haut bei Schummerlicht hinter einem semitransparenten Schleier vermochten mitunter heftige Wellen der Entrüstung auszulösen. So rasant die aufstrebende Metropole Berlin seinerzeit ihre Freizügigkeit entdeckte, so vehement wurde diese Entwicklung von selbsternannten Sittenpolizisten bekämpft, die sich die Nächte in aufopferungsvollem Dienst für Jugend und Tugend um die Ohren schlugen und alle von ihnen ausgemachten Unsittlichkeiten vor den Kadi einer noch weithin kaiserzeitlich geprägten Rechtsprechung zerrten. Einer von gleich mehreren Prozessen im Winter 1922 galt dem Ensemble der sogenannten Nackttänzerin Celly de Rheidt. Die Berliner Presse begleitete die Verhandlung mit durchaus lustvollem Interesse, auch wenn sie in den spannendsten Momenten leider ausgesperrt blieb. Das 8-Uhr-Abendblatt berichtete am 10. Januar trotzdem. Für uns tut dies Frank Riede.
8 Minuten
Wenn wir die Zeitungslandschaft so genau verfolgen, können wir bestimmte Entwicklungen im Angebot der Zeitungen nicht übersehen, die sich dann auch bei Auf den Tag genau niederschlagen. Der „Sport-Teil“ beschränkte sich 1920 und 1921 im Wesentlichen auf die korrekte Wiedergabe von Ergebnissen der Pferde-, Radrennen oder zunehmend auch Fußballspiele. Nur vereinzelt tauchten Spielberichte oder besondere Sportereignisse auf, über die breiter berichtet wurde, wie etwa bei großen Box-Kämpfen. Dies ändert sich zunächst schleichend, dann ruckartig im Übergang zu 1922. Immer mehr Zeitungen geben dem Sport immer mehr Raum, man könnte sagen, der Sportjournalismus erlebt einen Aufschwung oder gar seine Entstehung. In der BZ am Mittag vom 9. Januar 1922 liest für uns Paula Leu von dem Versuch des Berliner Schlittschuh-Clubs, den Eishockey-Wettbewerb in Prag um den Ringhoffer-Pokal zu gewinnen. Reicht unser Erfahrungsschatz nicht so weit zurück, müssen wir annehmen, dass der Berliner Club gegen die tschechischen Mannschaften, die Mannschaften einer „Eishockey-Weltmacht“, unterlegen gewesen sein muss. Kaum zu glauben: Dem war nicht so...
7 Minuten
Zu den regelmäßigen Rubriken in der BZ am Mittag gehörte auch ein Überblick über die Prominenz, die in den nobleren Berliner Hotels übernachtete. Darüber, an wen sich genau diese „Berliner Hotelschau“ richtete, lässt sich nur spekulieren. Wahrscheinlich ermöglichte es Interessierten eine Kontaktaufnahme mit den Persönlichkeiten aus Politik, Diplomatie, Industrie, Adel, Kunst und Kultur. Sie wussten in welchem Hotel sie vorsprechen konnten. Damals verrieten es diese begehrten Persönlichkeiten ja noch nicht auf ihren Social media-Kanälen. Frank Riede liest für uns die Hotelschau vom 8. Januar 1922, die zunächst allgemeine Informationen zum Fremdenverkehr in Berlin gibt, bevor sie zu den kuriosen Listen, die Namen mit Hotels verbinden, kommt. Diesmal haben wir, ausnahmsweise, diesen Teil des Artikels gekürzt. Das Prinzip dieser ungewöhnlichen Rubrik dürfte aber deutlich werden.
5 Minuten
Seit seinem Inkrafttreten am 1. Januar 1872 kannte das Reichsstrafgesetzbuch den Paragraphen 175, der sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter (teilweise drakonische) Strafe stellte. Alle Versuche aus dem linken politischen Spektrum, diesen abzuschaffen, scheiterten auch nach 1918 an den Mehrheitsverhältnissen im Reichstag. Zwar bewegte sich die Zahl der jährlichen Verurteilungen nach Paragraph 175 in Weimarer Zeit reichsweit ‘nur‘ im mittleren dreistelligen Bereich. Gerade mutige Aktivisten der jungen Schwulenbewegung wie der Herausgeber der Kunstzeitschrift „Der Eigene“ Adolf Brand lebten in ihrem Kampf für die Legalisierung der Homosexualität aber dennoch gefährlich und standen ständig mit einem Bein im Gefängnis. Zum Glück waren Brand und seine Anwälte rechtskundig und clever genug, um zu wissen, was sie vor Gericht sagen durften und was nicht. Die Berliner Volks-Zeitung vom 7. Januar 1922 hat es für die Nachwelt festgehalten, Paula Leu liest es uns vor.
6 Minuten
Wäre Auf den Tag genau in irgendeinem Archiv dieser Welt verschlagwortet, würde es eine Recherche zu dem Suchbegriff ‘Feiertag‘ bereits auf eine ganz stattliche Zahl an Einträgen bringen. In zwei Jahren Podcast ist en passant gleichsam eine Anthologie des vor einhundert Jahren bestehenden Festkalenders und der dazugehörigen Feierbräuche zusammengekommen. Eine der letzten prominenten Lücken in dieser Serie schließt unser heutiger, dem Dreikönigstag gewidmeten Artikel aus dem Vorwärts vom 6. Januar 1922. Allzu christlich Erbauliches ist von einer sozialdemokratischen Zeitung zu diesem Anlass nicht zu erwarten, und tatsächlich geht es auch eher als um theologische Finessen um die aktuelle politische Weltlage; d.h. statt auf Caspar, Melchior und Balthasar wird hier dereinst in hundert Jahren die Suchfunktion auf die Schlagworte Harding, Lloyd George und Briand reagieren. Und was du, glückliche Archivbenutzer*in in ferner Zukunft, dann, wenn du klickst, zu hören bekommen wirst, ist die Stimme von Frank Riede.
9 Minuten
Nein, von Harald Juhnke ist hier nicht die Rede. Dieser musste am 5. Januar 1922 schließlich noch über sieben Jahre auf seine Geburt in der Städtischen Frauenklinik zu Charlottenburg warten. Wenn die Berliner Presse an diesem Tag den Tod des Hauptmanns von Köpenick vermeldet, ist tatsächlich das Original gemeint: Friedrich Wilhelm Voigt, Deutschlands berühmtester Schuster, dem es am 16. Oktober 1906 nur mit Hilfe einer preußischen Uniform das Rathaus von Köpenick zu kapern gelungen war, hatte im Alter von knapp 73 Jahren das Zeitliche gesegnet. Zwei Jahre nach seinem Coup nach der Hälfte der gegen ihn ursprünglich verhängten Haftstrafe von Namensvetter Kaiser Wilhelm II. begnadigt, wusste Voigt seinen Legendenstatus zeitweise durchaus erfolgreich zu vermarkten, vermochte seinen darüber erworbenen bescheidenen Wohlstand freilich nicht über Krieg und Inflation hinwegzuretten. Verarmt starb er am 3. Januar 1922 weit weg von Dahme und Spree im fernen Luxemburg. Trotzdem schaffte er es zwei Tage später noch einmal prominent auf die Titelseite der Berliner Morgenpost, die noch einmal ausführlich an seinen großen Coup erinnert. Für uns tut dies Paula Leu.
7 Minuten
Ende des Jahres 1921 waren Schriften Rosa Luxemburgs posthum erschienen, in denen sie sich kritisch zu einigen Entwicklungen innerhalb der bolschewistischen Revolution in Russland äußerte. Wir hatten, betitelt mit ihrem daraus stammenden, berühmten Zitat „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“, darüber berichtet. Nun stand die Frage im Raum, wie sich die Kommunistische Partei Deutschland zu diesen Worten ihrer verehrten Mitbegründerin stellen würde. Über das lange Schweigen und den darauf folgenden verbalen Eiertanz, den eine andere große Frau der kommunistischen Linken Klara Zetkin vollführte, belustigt sich die Freiheit vom 4. Januar 1921. Sie sieht in den Versuchen Zetkins, nicht schlecht über Rosa Luxemburg zu sprechen und doch ihre Thesen ganz klar als Irrungen zu benennen, eine blinde, unselbständige und kritiklose Gefolgschaft der russischen Kommunistischen Partei. Für uns versucht sich Frank Riede an dieser Schwergeburt.
5 Minuten
Nachdem der sogenannte Kapp-Putsch rechtsgerichteter preußischer Offiziere im März 1920 durch einen Generalstreik breiter Bevölkerungsschichten abgewehrt worden war, hatte die nach Berlin zurückgekehrte Reichsregierung eine konsequente Strafverfolgung der Rädelsführer angekündigt. Knapp zwei Jahre später war von diesen vollmundigen Versprechungen jedoch wenig in die Tat umgesetzt worden. Lediglich ‘Viertagesinnenminister‘ Traugott von Jagow war im Dezember 1921 vom Reichsgericht in Leipzig wegen Beihilfe zum Hochverrat zur Mindeststrafe von fünf Jahren Festungshaft verurteilt worden. Alle anderen Putschisten befanden nicht nur auf freiem Fuß, sondern lebten fast alle, zum Teil sogar dank üppig fließender staatlicher Zuschüsse, auch weiter auf großem Fuß. Die USPD-Parteizeitung Freiheit empört sich am 3. Januar 1922 über so viel rechtsäugige juristische Blindheit – und mit ihr für uns Paula Leu.
7 Minuten
Diplomatische Neujahrsempfänge sind auch heute noch fester Bestandteil des Kalenders von Frank-Walter Steinmeier, und werden es auch bei seinen Nachfolger:innen sein. Vor 100 Jahren berichteten die Berliner Zeitungen nicht nur detailliert von dieser Veranstaltung beim deutschen Reichspräsidenten, sondern lieferten auch Zusammenfassungen der Empfänge in Paris, London, Washington, Rom oder Prag. Die bei dieser Gelegenheit vorgetragenen Ansprachen zeichneten sich, auch das ist heute wohl nicht anders, durch mehr oder wenige salbungsvolle Friedens-, Zusammenarbeits-, und Freundschaftsbekundungen zwischen den einzelnen Staaten aus. Einen nüchterneren Blick auf das anbrechende Jahr 1922 und seine politischen Spielräume trägt heute Frank Riede für uns vor. Es stammt aus der Feder eines Kolumnisten des Berliner Börsen-Couriers, vom 2. Januar.
10 Minuten
Tageszeitungen im Berlin der frühen 1920er Jahre wurden ganz überwiegend von Männern gemacht. Journalistinnen waren seinerzeit noch drastisch unterrepräsentiert und blieben, wo sie schrieben, häufig auf klischeehaft weibliche Themen wie Haus, Küche und Mode abonniert. Und doch beginnt in den Jahren nach der Republikgründung und der Einführung des Frauenwahlrechts langsam auch in den Redaktionsstuben sich etwas zu verändern. Vorneweg in der sozialdemokratischen Presse, bei Vorwärts und Freiheit, aber vereinzelt auch in bürgerlichen Zeitungen wird die Frauenbewegung selbst Gegenstand der Berichterstattung – so wie hier in der Charlottenburger Neuen Zeit, die den 1. Januar 1922 zum Anlass für einen Jahresrückblick gleichsam in feministischer Perspektive nimmt. Nicht alles in diesem Text klingt für unsere Ohren wirklich emanzipatorisch; in einer Passage, in der es um die sogenannte ‘Schwarze Schmach‘ geht, positioniert er sich sogar explizit rassistisch. Aber gerade auch diese vermeintlichen Widersprüche machen ihn zu einem Dokument von historischem Interesse. Es liest Paula Leu.
7 Minuten
Silvester und die vorausgehenden Tage sind traditionell eine Zeit der Rückschau. Im TV erinnert man an Zehntausende Corona-Tote, die Flut im Ahrtal und an Armin Laschet, und die Tageszeitungen listen seitenlang Schlagzeilen, prominente Verstorbene und Medaillengewinner des verflossenen Kalenderjahres. Letzteres war im Prinzip auch vor einhundert Jahren nicht anders, aber keine Regel ohne Ausnahme, der wir diesmal bei unserer Silvesterausgabe von Auf den Tag genau den Vorzug geben: Die B.Z. am Mittag vom 31. Dezember 1921 schaut nicht zurück, sondern nach vorn und befragt eine Wahrsagerin nach den Aussichten für 1922. Mit ihr tut dies für uns Frank Riede. Wir wünschen euch allen einen guten Rutsch in ein hoffentlich, nun ja, weniger pandemiegeprägtes neues Jahr und sagen euch eine neue Folge unseres Podcasts für den 1. Januar voraus. Ob Madame Fraya mit ihren Prognosen richtig lag, könnt ihr ab dann weiterhin Tag für Tag bei uns überprüfen.
10 Minuten
Wenn die Justiz in unserem Podcast bislang auftauchte, dann im Kontext ihrer Blindheit auf dem rechten Auge und der zahlreichen Monarchie-Sympathisanten in ihren Reihen. Erfrischend anders ist der Bericht über einen Tag an einem Berliner Jugendgericht. Obgleich wir uns die Härte und Unerbittlichkeit des damaligen Justizsystems nicht schönzeichnen sollten, so überrascht der Artikel aus dem 8 Uhr-Abendblatt vom 30.12.1921 doch mit teilweise verständnisvollen und freundlichen Augenblicken, und einer Kritik an der konsequenten juristischen Verfolgung von Lappalien, die Auswirkung auf das ganze Leben der Jugendlichen hat. Weniger erfreulich ist der misogyne Seitenhieb auf Politikerinnen, der aber Paula Leu nicht daran hindert, dieses Zeitdokument vorzutragen.
12 Minuten
Dass ein Architekt, eine Architektin eine ganze Großstadt mit aller dazugehöriger Infrastruktur entwerfen kann, begegnet uns heute eher bei Mega-Bauprojekten in Asien. Im Berliner Tageblatt vom 29.12. 1921 findet sich ein Artikel über den Ausbau und die Modernisierung von Belgrad, in dem man den Eindruck hat, dass sich die Stadt vollständig neu und deutlich größer erfinden will. Belgrad war Hauptstadt des 1918 gegründeten Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen geworden. Trotz aller Kriegszerstörungen und wirtschaftlichen Verwerfungen, erlebte Belgrad ein wirtschaftliches und vor allem ein Bevölkerungswachstum. Gerade die Einwohnerzahl stieg von etwa 100.000 um 1914 auf ca. 240.000 Ende der 20ger Jahre. Dass Belgrad dafür einen Stadtbauplan brauchte, war den Verantwortlichen klar, und so gab es, wenn wir dem Bericht des Balkan-Korrespondenten Theodor Berkes glauben wollen, zahlreiche Ausschreibungen, die Architekten aus der ganzen Welt anlockten. Mit ihnen auf Wanderung durch die Stadt begibt sich Frank Riede und bringt uns auch die beeindruckende Liste der geplanten neuen Bauwerke näher.
7 Minuten
Die Welt, die sich in der Berliner Presse der frühen 1920er Jahre und damit auch hier in diesem Podcast spiegelt, ist häufig konfliktreich, rau und proletarisch. Selbst in der politisch aufgewühlten Hauptstadt gab es aber selbstredend noch immer auch andere Kreise, die neben ihrem althergebrachten Wohlstand auch den dazugehörigen Lebensstil über alle Wirren von Weltkrieg und Revolution hinwegzuretten vermocht hatten. In diesen Kreisen las man natürlich nicht den Vorwärts oder die Berliner Volks-Zeitung, wahrscheinlich auch nicht den Berliner Börsen-Courier oder die ehrwürdige Vossische, sondern eher vielleicht die, nach dieser, zweitälteste Zeitung der Stadt, das Berliner Intelligenzblatt. Selbiges feiert hier bei Auf den Tag genau heute jedenfalls seine Premiere mit einem Artikel vom 28. Dezember 1921 zu dem wahrhaft großbürgerlich-aristokratischen Problem: Wie veranstaltet man heute einen ‘Tee‘? Die Antwort weiß Paula Leu.