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Auf den Tag genau Archiv

2057 Episoden
7 Minuten
Immer wieder berichten wir in diesem Podcast von Hochhausprojekten, mit denen das Deutschland des Jahres 1922 den Anschluss an die städtebauliche Avantgarde, mit einem steten Blick nach Amerika, suchte. Ging es bislang um architektonische Entwürfe, Wohnungsknappheit, Bebauungsorte und Brandschutz, weitet Joseph Roth heute mit seinem Artikel aus dem Berliner Börsen-Courier vom 12. März 1922 den Blick auf die Gesellschaft und mögliche revolutionäre Implikationen einer „Wolkenkratzer-Kultur“. Wir bringen dieses spannende Dokument in voller Länge, möchten aber darauf hinweisen, dass Roth bei seiner Beschreibung der Unterhaltungsmusik eine rassistische Bezeichnung gebraucht. Paula Leu fährt mit uns zu den Wolken.
7 Minuten
Die 1920er Jahre waren natürlich nicht identisch mit dem heutigen Klischee über sie, aber manchmal findet sich einiges von diesem dann doch auch in den historischen Zeitungen. Unser heutiger Artikel aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 11. März 1922 begibt sich in ein Leichenschauhaus und wartet dort mit viel typisch-düsterem Zeitkolorit auf, wie es nicht zuletzt aus Serien wie Babylon Berlin kennen. Darüber hinaus handelt der Artikel aber auch davon, wie dicht kalter Tod und pulsierendes Leben nebeneinander liegen – nicht nur aber ganz besonders im Berlin der 1920er Jahre – es liest Frank Riede.
7 Minuten
Weshalb sich die Schauspielerin Johanna Terwin, die Ehefrau Alexander Moissis, im Frühjahr 1922 in Christiania, dem heutigen Oslo, eigentlich aufhielt, verrät uns der Artikel aus der B.Z. am Mittag vom 10. März nicht. Auf jeden Fall verdanken wir ihr einen höchst anschaulichen, farbenfrohen Bericht über ein norwegisches Nationalspektakel, das auch noch heute Jahr für Jahr um dieselbe Zeit die Augen der sportinteressierten Weltöffentlichkeit zum Holmenkollen, der legendären Skisprunganlage im Nordwesten Oslos, richten lässt. Die Weiten sind heute andere, die Zahl der Stürze hat sich deutlich reduziert, und Mitglieder des Königshauses sieht man mittlerweile eher nur noch auf der Tribüne – ansonsten mutet das Bild der so erfolgreichen, wie begeisterten, wie sympathischen Wintersportnation Norwegen, das die Terwin zeichnet, allerdings seltsam vertraut an. Für uns stürzt sich Paula Leu vom Bakken.
10 Minuten
Die Städte des Ruhrgebiets befinden sich ausnahmslos in einem Jahrzehnte langen Transformationsprozess, der die Strukturen aus der Zeit der kohlefördernden und Stahl produzierenden Industrie in die auf der digitalen Revolution basierende Wirtschaft überführen soll. Egal ob in Duisburg, Dortmund, Essen, Bochum oder Castrop-Rauxel, überall gibt es Renaturierungsprojekte der Industriebrachen, die Umwandlung der Bergwerke zu Kulturzentren und die Ansiedlung neuer Wirtschaftszweige in Technologieparks. Vor einhundert Jahren war das Ruhrgebiet, verstärkt durch die Abtretung von Teilen des oberschlesischen Bergbaus an Polen, der eigentliche Motor der deutschen Wirtschaft und wuchs kontinuierlich. Die Ansiedlung neuer Arbeiter und die Erschließung immer neuer Kohlefördergebiete, stellten eine Herausforderung für die Stadtplaung und die Infrastruktur dar. Eingemeindungen und Zusammenschlüsse waren auf der Tagesordnung. Von diesem Strukturwandel berichtet das Berliner Tageblatt vom 9. März 1922. Frank Riede liest.
6 Minuten
Schmiergelder, Aufsichtsratsposten, Bobbycars – Geschenke an Politiker und der dahinter lauernde Verdacht der Bestechlichkeit sind ein zeitloses Thema. Auch die investigative Presse der jungen Weimarer Republik sah es in diesem Sinne vornehmerweise als ihre Aufgabe an, entsprechende Verfehlungen aufzudecken. Im konkreten Fall ist es die USPD-Parteizeitung Freiheit, die in ihrer Ausgabe vom 8. März 1922 den amtierenden Reichsfinanzminister Andreas Hermes mit einem im doppelten Sinne delikaten Vorwurf konfrontiert: Er soll noch in seinem vorherigen Amt als Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft etliche Flaschen edlen rheinischen Weines privat zu Dumping-Preisen bezogen haben. Was an dem Verdacht dran war, konnte das Recherchenetzwerk Auf den Tag genau kurzfristig leider nicht ermitteln. Unbedingt hingewiesen sei von unserer Seite jedoch darauf, dass sich Hermes in seinem weiteren Leben sehr wohl als Ehrenmann präsentierte. Wegen seines Widerstandes gegen das NS-Regime war er gleich mehrfach inhaftiert. Vor der Vollstreckung eines Todesurteils wegen seiner Verbindungen zum 20. Juli bewahrte ihn nur die Befreiung Berlins durch sowjetische Truppen. Es liest Frank Riede.
7 Minuten
Einer der bekanntesten und einflussreichsten Filme der Weimarer Republik ist zweifelsfrei „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ von Friedrich Wilhelm Murnau. Obgleich der Film von einer umfangreichen Vermarktungskampagne begleitet wurde, zu der die feierliche Premiere am 4. März in Berlin gehörte, die mit einem Theater-Prolog begann und nach der Vorführung in einen Biedermeier-Kostümball überging, war er ein kommerzieller Mißerfolg. Die kurz zuvor gegründete Produktionfirma “Prana-Film” ging im Anschluss pleite und die Erben von Bram Stoker, auf dessen Dracula-Roman der Film basiert, verklagten die Produktion, da diese die Verfilmungsrechte nicht gezahlt – stattdessen lediglich Dracula in Graf Orlok umbenannt hatte. Dennoch begründete Murnau mit diesem Film seinen Ruf als brillanter Regisseur – im Lob des Regisseurs sind sich die meisten Kritiken einig –, und der Film sollte mit seiner Ästhetik, den „on location“ in Wismar gedrehten Szenen das gesamte Genre des Horrorfilms bis heute prägen. Die Kritik der Berliner Börsen-Zeitung vom 7. März liest für uns Paula Leu. Wie immer empfehlen wir einen Blick auf stummfilm-magazin.de, wo ihr mehr Material zu den großen Filmen des Jahres 1922 findet.
10 Minuten
Zu einem ernstzunehmenden Sündenpfuhl, als der Berlin in der Zwischenkriegszeit verrufen war, gehört selbstredend auch eine vorzeigbare Drogenszene, und daran mangelte es der deutschen Hauptstadt damals denn auch nicht. Der Erste Weltkrieg hatte ein Heer speziell von Morphinisten und Kokainisten hinterlassen und schuf im Nachgang riesige Schwarzmärkte samt der dazugehörigen Etablissements, in denen jene ihre mitgebrachte Sucht nun auch in Friedenszeiten bedienen konnten. Besuch erhält ein solches Etablissement in unserer heutigen Podcastfolge nicht nur von einem polizeilichen Einsatzkommando, sondern, in dessen Begleitung, auch von dem berühmten Polizeireporter Leo Heller. Zwischenzeitlich wie so viele Starautoren der 1920er Jahre quasi in Vergessenheit geraten, erleben Hellers Berichte aus der Berliner Unterwelt in jüngster Zeit eine bemerkenswerte Renaissance. Im Elsengold Verlag ist unlängst ein Sammelband über Berliner Razzien erschienen. Wir begnügen uns, fürs Erste, mit der, über die am 6. März 1922 im 8-Uhr-Abendblatt zu lesen war. Das Wort hat Frank Riede.
9 Minuten
Liebe Berliner Morgenpost, aufgemerkt! Manchmal muss man gar nicht neu in die Schreibwerkstatt steigen, sondern kann sich guten Gewissens im eigenen Archiv bedienen und einen alten Zeitungsartikel, nur geringfügig überarbeitet, nach einhundert Jahren neuauflegen: Euer am 5. März 1922 verfasstes Plädoyer für mehr Radwege in Berlin passt doch perfekt zur angestrebten Verkehrswende im 21. Jahrhundert! Die darin geführte Klage über die allgemeine hauptstädtische Verkehrssituation klingt überraschend vertraut, die Schlussfolgerung, die Fortbewegungsmittel deshalb voneinander zu trennen, verkehrspolitisch absolut modern. Bloß die beschriebenen Reitwege, die sich eventuell umwidmen ließen, findet man heute eher nicht mehr, das Kostenargument gegen den ÖPNV wäre auch zu relativieren – und ob man einen Artikel 2021 mit einem Bismarck-Zitat schließen wollte, ist vielleicht auch ein bisschen Geschmackssache. Wir bei Auf den Tag genau als Geschichtspodcast lesen natürlich das unverfälschte Original bzw. Paula Leu tut das für uns.
9 Minuten
Prof. Alfred Manes war ein einflussreicher Pionier der Versicherungswissenschaft, der ab 1925 von seiner Professur in Berlin aus die entstehende Versicherungswirtschaft wissenschaftlich begleitete und beeinflusste. Als Jude verlor er 1935 seine Professur und emigrierte in die USA, und bekleidete dort Professuren. Drei Jahre nach seinem Tod 1963 nahm ihn die “International Insurance Society” in ihre - kein Scherz – „Insurance Hall of Fame“ auf. 1922, damals noch Lehrer an einer Handelshochschule, schrieb er für das Berliner Tagblatt über die wirtschaftlichen Beziehungen zu Australien. Das Land, das 1907 den Status eines Dominion und damit eine weitgehende Unabhängigkeit von Großbritannien erlangt hatte, suchte vor dem Ersten Weltkrieg gute wirtschaftliche Beziehungen zu Deutschland. Und auch nach dem Krieg hoffte Alfred Manes auf die Etablierung einer wirtschaftlich fruchtbaren Zusammenarbeit. Den Artikel vom 4. März liest für uns Frank Riede.
7 Minuten
Die Geschichte von den frivolen, freizügigen und libertinären Zwanziger Jahren wird gern und ausgiebig in Ausstellungen, fiktionalen Fernsehserien und Dokumentationen erzählt. Unsere heutige Folge beleuchtet die in der Weimarer Republik ebenso präsente Gegenseite der konservativen bürgerlichen Sexualmoral. In der Vossischen Zeitung vom 4. März 1922 stellt sich die damals 35jährige Historikerin und Pädagogin Johanna Philippson die Frage nach der richtigen Sexualpädagogik auf der Mädchenschule. Nicht nur wirkt auf uns wie hier das Thema Sexualität umkreist und umschrieben wird, etwas verklemmt, auch das Frauenbild, in dem die Vokabel der „Reinheit“ im Zentrum steht, ist für das Gros der Bevölkerung heute nicht mehr zeitgemäß. Für uns traut sich an das heikle Thema Aufklärung in der Schule Paula Leu.
8 Minuten
Die wirtschaftlichen Bedingungen des Nachkriegsdeutschland zwangen zu kreativen, mitunter auch halbseidenen oder gar widergesetzlichen Strategien des Gelderwerbs. Eine Boom-Branche in dieser Hinsicht scheint das weite Feld der medizinischen Dienstleistungen gewesen zu sein, denn mit entsprechenden Hochstapeleien, esoterischen Methoden und großen Versprechungen ließ sich auch der besseren Gesellschaft das Geld aus der Tasche ziehen. Die approbierten Ärzte wüteten dementsprechend gegen das Heer dieser Kurpfuscher. Davon handelt der heutige Artikel aus dem Berliner Tageblatt, vom 2. März 1922. Frank Riede nimmt uns mit auf einen Streifzug durch die Kurpfuscher-Szene.
6 Minuten
Seltsam, aber wahr: Europäische Königshochzeiten erzielen noch immer höhere Einschaltquoten als Auf den Tag genau – obwohl wir viel häufiger auf Sendung gehen. Also tun wir das Naheliegende – von der Bunten und vom NDR lernen heißt offenbar siegen lernen – und begeben uns selbst in die royale Hochzeitskutsche, fahren vor dem Buckingham Palace vor und winken huldvoll in fähnchenschwenkenden Massen. Entsprechende Veranstaltungen gab es schließlich auch schon 1922. Die Berliner Morgenpost hat am 1. März dankenswerterweise auch ausführlich darüber berichtet, und, siehe da, so viel anders als bei William und Kate scheint es bei Urgroßtante Mary gar nicht zugegangen zu sein. Es liest, da Rolf Seelmann-Eggebert verhindert war, Paula Leu.
9 Minuten
Wie stand es 1922 um die Berufsaussichten von gebildeten Frauen? Das Berliner Tageblatt vom 28. Februar versucht ganz praktisch und mit konkreten Kontaktadressen gespickt darüber Auskunft zu geben. Heute mutet dieser Artikel etwas skurril an, beinahe so als handele es sich um eine Satire. Aber nein. Der Weg zu einer Gleichberechtigung auf dem Arbeitsmarkt war noch ein weiter. Unter gebildeten Frauen verstand man Frauen mit einer Ausbildung, gewarnt wurde vor akademischer Bildung und das Hauptarbeitsfeld der Frauen war die Pflege und Hauswirtschaft. Frank Riede gibt uns einen Einblick in das Frauenbild vor hundert Jahren.
8 Minuten
In Zeiten, da sich zwei, drei Handvoll Spitzenteams aus Europas Fußball-Top-Ligen am liebsten aus ihren nationalen Meisterschaften in eine finanziell noch lukrativere Europaliga verabschieden würden, sollte unser heutiger Podcast so richtig das Herz von Fußball-Nostalgikern erwärmen: Vor einhundert Jahren noch war die Leistungsdichte der Clubs – z.B. in Berlin oder München – selbst innerstädtisch so groß, dass es Sinn machte, Stadtauswahlmannschaften zu bilden, um zumindest dann und wann einmal die besten Kicker im Umkreis beisammen zu haben und sich im Städtevergleich messen zu lassen. Während sich im Spielbericht der Neuen Zeit vom 27. Februar 1922 in der Münchner Auswahl immerhin einige flüchtig bekannte Vereinsnamen wie der FC Bayern oder 1860 finden (und in Ansätzen fast so etwas wie Blockbildung zu konstatieren ist), dürften die Heimatclubs der meisten nominierten Berliner nur intimeren Kennern der hiesigen Szene vertraut sein. Den Ballkünstlern vom VfB Pankow, Norden-Nordwest oder dem FC Vorwärts 1890 gelang dennoch, woran ihre zeitgenössischen hauptstädtischen Nachfolger meist scheitern: Sie bezwangen die Bayern. Für uns hat sich Paula Leu unter die 20.000 Schlachtenbummler an der Olympiabahn Plötzensee gemischt.
7 Minuten
Es ist schon in einigen Episoden unseres Podcast durchgeklungen: Berlin wies bereits vor einhundert Jahren sehr wohl Züge einer kosmopoliten, von Internationalität und kultureller Pluralität geprägten Metropole auf. Lange vor dem sogenannten Anwerbeabkommen der Bundesrepublik Deutschland mit der Türkei aus dem Jahr 1961 gab es hier etwa schon muslimische communities, die sich ihrerseits in konfessioneller und ethnischer Hinsicht vielfältig unterschieden. Der sozialdemokratische Vorwärts widmete diesem muslimischen Berlin am 26. Februar 1922 einen Artikel. Dabei verwendet er einige heutzutage nicht mehr gebräuchliche, zum Teil auch als diskriminierend empfundene Begriffe, zeichnet zugleich jedoch ein stadtgeschichtlich höchst interessantes, vielschichtiges Bild gelebter zwischenkriegszeitlicher Multikulturalität. Es liest Frank Riede.
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Der Podcast mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Welt vor hundert Jahren