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Auf den Tag genau Archiv

2057 Episoden
10 Minuten
Alle Versuche in Deutschland und Österreich, die als ungerecht empfundenen Friedensverträge von Versailles und Saint-Germain in den Folgejahren durch Nachverhandlungen substanziell zu verändern, waren bekanntlich zum Scheitern verurteilt. Mehr Erfolg war diesbezüglich dem vormaligen Waffenbruder, der Türkei, beschieden. Etwas abseits der weltöffentlichen Aufmerksamkeit hatte der seit 1919 tobende Griechisch-Türkische Krieg die Verhältnisse in Kleinasien militärisch umgekehrt und die anderweitig in Konflikte eingebundenen Alliierten das Interesse an der Durchsetzung der von ihnen im Vertrag von Sèvres niedergelegten Nachkriegsordnung – u.a. ein größeres Griechenland, ein unabhängiges Armenien, die Einrichtung entmilitarisierter internationaler Zonen – hinter andere politische Anliegen zurücktreten lassen. Eine Außenministerkonferenz im Frühjahr 1922 in Paris zeichnete dabei bereits etliche Resultate des später im Jahr ratifizierten revidierten Friedensvertrags von Lausanne vor. Die Vossische Zeitung vom 27. März berichtet - zum Teil unter Verwendung heute nicht mehr gebräuchlicher, als diskriminierend empfundener Begriffe -, es liest Frank Riede.
9 Minuten
Zu den traditionsreichsten Berliner Institutionen der Wissensvermittlung zählt ohne Zweifel die Urania. 1888 als erweiterte Volkssternwarte gegründet, entwickelte sie sich schnell zum Anziehungspunkt für naturwissenschaftliche Wissbegier aller Art. Wo Museen in jener Zeit ihre Anschauungsobjekte in der Regel hinter Glas gediegen aufbereiteten, war die Urania von Anbeginn Ort des eigenen Experimentierens und einer unhierarchischen Wissenschaftskommunikation, die sich nicht nur an den akademisch Vorgebildeten, sondern auch an jegliches interessierte Laienpublikum richtete und in ihrer Verbindung aus höchster Kompetenz und Barrierefreiheit weit über Berlin hinaus eine Einrichtung mit Alleinstellungsmerkmal. Der Rundgang der Berliner Morgenpost vom 26. März 1922 ist denn auch weniger kritisch-historische Darstellung denn eine Liebeserklärung. Für uns dargeboten von Paula Leu.
10 Minuten
Manfred George alias Manfred Georg, eigentlich bürgerlich Manfred Georg Cohn, gehörte zu den allgegenwärtigsten und vielseitigsten Journalisten im Berlin der Weimarer Republik. Er schrieb Kommentare und Kolumnen für fast alle wichtigen eingesessenen Tages- und Wochenzeitungen der Hauptstadt, wirkte ab 1928 als Feuilletonchef der neugegründeten Zeitung Tempo und verfasste überdies Hörspiele, Biographien und eine Musikrevue. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft sowie seiner bekennend republikanischen Gesinnung war George 1933 zur Emigration genötigt, die ihn ausgehend von Prag durch zahlreiche europäische Länder führte, bevor ihm der rettende Schritt in die USA gelang. Hier in New York wurde er zunächst Mitarbeiter, später Chefredakteur der Exilzeitung Aufbau und erlangte darüber auch in der Neuen Welt den Status einer publizistischen Institution. Am 25. März 1922 machte er sich in der Berliner Volks-Zeitung seine Gedanken über ‘Witz und Zote‘, die für uns Frank Riede zum Klingen bringt.
9 Minuten
Nachdem die Flugpioniere über die Messung der Flugleistung in Minuten, die sie sich in der Luft gehalten haben, hinaus waren, wurde der Luftraum der Welt erobert. Bekannter sind vielleicht Versuche, große Distanzen mit einem Flug zu überwinden, wie etwa die Überquerung des Atlantiks. Weniger bekannt sind die Herausforderungen durch die Gebirgszüge, derer sich die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten annahmen. 1910 gelang der Überflug der Alpen, drei Jahre später waren die Pyrenäen überwunden. Dem Schweizer Francois Durafour gelang eine Gletscherlandung in 4330 Meter Höhe am Montblanc mit erfolgreichem Start und Rückflug. Dies am Gipfel der Zugspitze zu wiederholen, war am 19. März 1922 Franz Hailer gestartet und der waghalsige Flug gelang – zumindest bis zur Landung. Die Zeitungen sind tagelang voll von Berichten und Gesprächen mit Augenzeugen. Wir haben uns für den Artikel vom 24. März 1922 aus dem Berliner Tageblatt entschieden. Paula Leu scheut keine eisigen Luftturbulenzen und fliegt mit.
4 Minuten
Bei den Stichworten Starfriseur und Berlin denken wir unweigerlich an den verstorbenen Udo Walz, den prominenten Friseur der Prominenten. Weniger kommt uns der Name Richard Lorbeer in den Sinn. Dabei hat ebendieser 1922 die in Berlin ausgetragene Weltmeisterschaft im Damenfrisieren gewonnen. Die Berliner Morgenpost begleitet in ihrer Ausgabe vom 23. März diese internationale Leistungsschau, durchaus erfüllt von lokalpatriotischem Stolz, da nicht nur der Erste, sondern auch der Zweite Platz an einen Berliner ging. Frank Riede berichtet für uns von dem Kräftemessen mit Kamm und Brennschere.
5 Minuten
Man kennt das Prinzip aus der Politik, aus der Fußball-Bundesliga, aus dem Kulturbetrieb: Ein Funktionsträger gibt irgendwo ein Amt auf und schon setzt ein Dominoeffekt quer durch die Branche ein, in der B auf A, C auf B, D auf C und so weiter folgt. Unser heutiger Artikel aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 22. März 1922 bezeugt, dass derlei auch schon vor einhundert Jahren so anders nicht war. Die Suche des Berliner Philharmonischen Orchesters nach einem Nachfolger für seinen verstorbenen Chefdirigenten Arthur Nikisch – wir berichteten – betraf bereits auch damals nicht nur Berlin, sondern schlug Wellen quer durch die deutsche Orchesterlandschaft bis nach Leipzig und München. Dass die Presse ihre Freude an der Spekulation hatte, vermag nicht wirklich zu überraschen. Eher vielleicht schon, dass gefragte Spitzendirigenten auch schon seinerzeit häufig mehrere Chefpositionen an unterschiedlichen Orten zeitgleich ausübten. Mit dem Dirigentenkarussell fährt für uns Paula Leu.
9 Minuten
Einen Spionagethriller haben wir in der heutigen Folge zu bieten. Eine kommunistische Funkstation in einer Privatwohnung, die Funksprüche der Regierung und der Polizei abhörte und wohl nach Moskau weiterleitete. Mitarbeiter der Post schienen auch mit dieser geheimen Zelle verstrickt zu sein. Die Aushebung der Funkstation in der Linienstraße durch die Berliner Polizei und ihre weiteren Ermittlungen zu den Hintermännern und dem kommunistischen Kurierdienst beschäftigten die Zeitungen. So senden wir hier den Zwischenbericht des Berliner Tageblatts vom 21.3.1922, den uns Frank Riede zugefunkt hat.
5 Minuten
Das frühe 20. Jahrhundert war die Hochzeit der Zeitungskultur, und diese blühte beileibe nicht nur in den Metropolen. Auch die Klein-, Mittel- und Großstädte, die 1920 mit Berlin zu Groß-Berlin verschmolzen worden waren, verfügten fast alle über ein oder mehrere Tageblätter bzw. zumindest Anzeiger, die die Bewohner*innen über das Kleine vor Ort und das Große in der Welt Tag für Tag informierten. Ein solches Tageblatt, das Lichtenberger Tageblatt, feiert heute seine Premiere hier im Podcast und verbindet in dem vorliegenden Bericht vom 20. März 1922 Groß und Klein auch in der Sache: Das beschauliche Karlshorst versuchte sich an Richard Wagners romantischer Oper Lohengrin – hatte seine Rechnung dabei aber offensichtlich ohne ein zeitgleich stattfindendes Kirchenkonzert gemacht. Paula Leu hat für uns trotzdem hingefunden.
12 Minuten
Des Berliners Leidenschaft für den Kaffee ist offensichtlich keine Erfindung trendiger Coffee-Hipster des 21. Jahrhunderts. Folgt man der Berliner Morgenpost vom 19. März 1922, dürstete die deutsche Hauptstadt bereits auch schon vor einhundert Jahren buchstäblich nach dem braunen (damals gleichwohl zumeist gewiss noch etwas anders zubereiteten) Heißgetränk. Während des Krieges waren alle Einfuhrwege der geliebten Bohne blockiert gewesen, und jetzt im Frieden blieb sie wegen der Schwäche der Mark für die allermeisten nahezu unerschwinglich. Für den Autor des nachfolgenden Artikels ist dies nicht einfach nur ein Ärgernis. Er macht im ‘Entzug‘ vom Koffein gar schwere Schäden für die allgemeine Arbeitsmoral und die deutsche Volkswirtschaft aus. Für uns frönt dem Koffeinismus: Frank Riede.
7 Minuten
Das deutsche Bestattungsrecht gilt im internationalen Vergleich bis heute als relativ rigide, und das war es erst recht zu Zeiten des Kaiserreiches. Dennoch kam bereits 1911 zu einer gewissen Liberalisierung, als in Preußen die Feuerbestattung prinzipiell zugelassen wurde. Da die Nachfrage von Anfang an groß war und in den Jahren der Weimarer Republik, zumal in Berlin, stetig stieg, reichten die Kapazitäten der Krematorien im Wedding und in Baumschulenweg bald nicht mehr aus, und es wurde eine dritte Einrichtung in Berlin-Wilmersdorf eröffnet. Das Berliner Tageblatt vom 18. März 1922 stellt den neuen Bau vor und klärt auf über Rechtliches und Finanzielles. Es liest Paula Leu.
5 Minuten
Waren wir vorgestern in den Sandgruben Brandenburgs mit dem Monumentalfilm „Das Weib des Pharao“ nur virtuell in Ägypten, so wenden wir zusammen mit der DAZ vom 17.3.22 den Blick nach Ägypten dem „neuen Pharao“, wie die Zeitung titelt, zu. Das Land, mit dem für den Welthandel wertvollen Suez-Kanal, war seit 1882 bis 1914 de facto ein besetztes Gebiet Großbritanniens, das die Verwaltung organisierte und über die wirtschaftlichen Angelegenheiten bestimmte. Daran änderte sich nicht viel, als Ägypten 1914 zu einem Sultanat wurde: es blieb britisches Protektorat. Erst im Februar 1922 erlangte es die Unabhängigkeit und am 15. März rief sich Fuad I. zum König aus – natürlich behielten sich die Briten einige Rechte vor, wovon auch Frank Riede zu berichten weiß.
5 Minuten
Anfang der Zwanziger-Jahre waren weiteste Teile der Welt erkundet, der Nord- und Südpol waren erobert worden, der Raum der Erde war durchschritten, durchfahren oder durchflogen. Doch es gab noch ganz andere Bereiche, in die noch kein Mensch gedrungen war, um deren Eroberung sich die Naturwissenschaften bemühten. In diesem Zusammenhang sorgte im März 1922 eine technische Innovation in allen Zeitungen für Furore, die das menschliche Ohr weiterbringen sollte. Bezeichnet wurde das Gerät als Radiophon und machte die leisesten Geräusche der Natur so laut, dass sie jeder vernehmen konnte. Der Vorwärts vom 16. März berichtet begeistert von diesem Sprung in den bislang ungehörten akustischen Raum. Für uns hört Paula Leu das Gras wachsen.
7 Minuten
Auch in den Zwanziger Jahren gab es schon so etwas wie Blockbuster-Kinofilme, die mit enormem Aufwand, Tausenden von Komparsen, riesigen Kulissen und Filmstars in den Hauptrollen gedreht wurden. Und schon damals zeichnete sich ab, dass der fruchtbarste Boden für diese Filme der US-Amerikanische Markt war. Ernst Lubitsch drehte 1921/22 den Sensationsfilm „Das Weib des Pharao“, einen der aufwändigsten deutschen Filme bis dahin. Heere von Statisten stellten in einer Sandgrube in Brandenburg die Schlacht der Nubier gegen die Ägypter nach; in der Gegend des heutigen Insulaners, damals eine Dünenlandschaft, wurden riesige Tempelanlagen erbaut. Premiere feierte der Film im Februar in New York, bevor er am 14. März in Berlin zum ersten mal in Deutschland aufgeführt wurde. Das Kalkül ging zumindest für Lubitsch auf, der anschließend nach Hollywood auswanderte. Für das Berliner Tageblatt vom 15.3. war der große Theaterkritiker Alfred Kerr im Kino. In seiner Rezension macht er sich, wenig überraschend, über die hanebüchen zusammengefügten großen Emotionen und Actionsequenzen des Films lustig, indem er nur selektiv auf die unzähligen Spannungspunkte eingeht. Den sehr eigenwilligen und eliptischen Text rezitiert für uns Frank Riede.
9 Minuten
Südafrika war auch schon vor einhundert Jahren ein an Bodenschätzen reiches Land. Und ein tief rassistisches zudem. Die Besitzer der Kohlegruben und Goldminen waren selbstverständlich alle weiß, die Arbeiter in diesen Kohlegruben und Goldminen ethnisch gemischt; wobei allerdings die weißen Arbeiter deutlich besser entlohnt wurden als die Schwarzen. Dass die Unternehmer dies über Nacht plötzlich ungerecht fanden, darf wohl ausgeschlossen werden; eher muss man davon ausgehen, dass der folgende Bericht aus der Freiheit vom 14. März 1922 von klassischem Lohndumping handelt. Die Streiks der weißen Bergarbeiter gegen die Absenkung ihrer Löhne brachte das Land am Kap auf jeden Fall an den Rande eines Bürgerkriegs, von dem für uns Paula Leu berichtet.
8 Minuten
Antisemitismus war in den 1920ern ein fast allgegenwärtiges Phänomen. Aber dass ein deutschnationaler Mob dafür pöbelt und prügelnd den bürgerlichen Kurfürstendamm zu seiner Bühne machte, das las man dann doch zumindest 1922 noch nicht alle Tage in der Zeitung. Ausgangspunkt war eine eher unverfängliche Kundgebung von Mittelstandsvereinigungen gegen die Steuerpolitik der Reichsregierung im Lustgarten. Aus dieser heraus formierte sich im Anschluss anscheinend eine zahlenmäßig nicht unbedeutende Schar von überwiegend jugendlichen Rechtsextremisten in Pogromstimmung, derer die unterbesetzte Berliner Polizei nur mit Mühe Herr wurde. In der Berliner-Volks-Zeitung – die in ihrer Ausgabe vom 13. März 1922 immerhin als eine der wenigen hauptstädtischen Blätter überhaupt ausführlich über die Vorfälle berichtete – ist in naiver Verkennung von Radaubrüdern die Rede. Aus dem historischen Rückblick erkennt man indes deutlich die Bezüge in Richtung 1933, 1938 und darüber hinaus. Es liest Frank Riede.
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