Auf den Tag genau Archiv
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5 Minuten
1922 waren sowohl die Experten, also Ärzte und Virologen, als auch die ganze Bevölkerung noch gezeichnet von der Grippe-Pandemie, die in den Jahren 1918 bis 1920 wütete und als „Spanische Grippe“ in die Geschichte einging. In den Folgejahren wurde der alljährlichen Grippe-Saison große Aufmerksamkeit zu Teil. Wie ansteckend sind die kursierenden Influenza-Viren und wie schlimm sind die Verläufe? Daten wurden in den Arztpraxen und in den Krankenhäusern gesammelt, mit den Entwicklungen im benachbarten Ausland abgeglichen. Das Jahr 1922, so der allgemeine Eindruck der 20er Jahre Drostens, Streecks und Lauterbachs, brachte eine milde Grippewelle. Allerdings beobachteten sie eine neue Symptomatik in Zusammenhang mit der Grippe, die bislang unbekannt war und sich rasant verbreitete. Auch da konnte die Neuköllnische Zeitung vom 25.2.1922 allerdings Entwarnung geben. Über den „Grippe-Hexenschuss“ 1922 berichtet Paula Leu.
9 Minuten
Berlin mag im 21. Jahrhundert unverändert eine pulsierende Theatermetropole sein – über ganz so viele große Bühnen wie vor einhundert Jahren verfügt es nicht mehr. Zu den nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wieder aufgebauten und heute nur noch Insidern bekannten diesbezüglichen Einrichtungen zählt das Lessingtheater, das 1888 unweit von Lehrter und Hamburger Bahnhof, am heutigen Kapelle-Ufer errichtet wurde und dessen Mauern – bis zu seiner Zerstörung bei einem späten alliierten Bombenangriff im April 1945 – einige allemal prominente Uraufführungen erlebte. Gerhard Hauptmanns Vor Sonnenaufgang, Und Pippa tanzt! sowie seine Ratten erblickten hier genauso das Licht der Theaterwelt wie Arthur Schnitzlers Anatol oder Henrik Ibsens Baumeister Solneß. Ende Februar 1922 stand indes keine zeitgenössische Dramatik, sondern der deutsche Klassiker schlechthin neu auf dem Spielplan: Goethes Faust, in einer Inszenierung von Victor Barnowsky, ausgestattet von Lovis Corinth, mit Theodor Loos, Emil Jannings und Käthe Dorsch in den Hauptrollen. Letzterers Gretchen wurde allenthalben hymnisch gefeiert. Ansonsten fielen die Kritiken zeitungsübergreifend, nun ja, zwiespältig aus, so auch die von Josef Adolf Bondy im 8-Uhr-Abendblatt vom 24.2. Näheres weiß Frank Riede.
7 Minuten
Daran dass die Schulhalbjahre hierzulande früher nicht im Sommer und Winter, sondern im Frühling und im Herbst begannen respektive endeten, wird sich die eine oder der andere – und sei es aus Erzählungen – womöglich noch erinnern können. Weniger bekannt ist, dass seinerzeit zumindest in einigen großen Städten wie Berlin auch zweimal im Jahr eingeschult wurde. Angesichts des logistischen Aufwands, den das bedeutete, plante man vor einhundert Jahren allerdings auch hier die Umstellung auf den Jahresrhythmus. Die Deutsche Allgemeine Zeitung zeigte in ihrem Artikel vom 23. Februar 1922 Verständnis für diesen Schritt, haderte jedoch mit der Festlegung auf die österliche Variante. Und fand überdies einige Worte bedauernden Mitgefühls mit den unter den Neuerungen leidenden Sitzenbleibern – hier gelesen von Paula Leu.
7 Minuten
Wie so vieles in der Welt des Sports war auch die Einrichtung des Sechstagerennens ursprünglich, noch tief im 19. Jahrhundert, eine englische Erfindung. Die erste Stadt in Kontinentaleuropa, die auf diesen Zug aufsprang, war allerdings bereits 1909 Berlin, und eben hier, im legendären Sportpalast in Schöneberg, erlebten die Sixdays in den (in ihren Anfängen freilich noch nicht gar so) ‘Goldenen Zwanzigern‘ ihre ganz großen Boomjahre. Um das 144stündige Ellipsenfahren von Zweier-Teams spannender und kurzweiliger zu machen, führte die Rennleitung 1922 eine neue Punktewertung für Zwischenspurts ein und schuf damit die bis heute international gebräuchliche sogenannte ‘Berliner Wertung‘. Der Erfolg gab ihnen recht: Sechstagerennen wurden zu gesellschaftlichen Ereignissen, über die – von Egon Erwin Kisch bis Alfred Kerr – auch die Großen ihrer Zeit sich nicht nehmen ließen zu schreiben. In diese Reihe gehört auch Erdmann Graeser, der seine eingestanden fachfremde, aber sehr literarische Expertise in der Vossischen Zeitung vom 22. Februar 1922 abgab. Für uns schwingt sich Frank Riede auf das Rad.
7 Minuten
Erst Feld des Templer-Ordens, später Ackerland der Schöneberger Bauern, dann Militärischer Exerzierplatz und Parkfläche mit Picknickwiese, dann Flughafen Tempelhof und anschließend wieder Picknick-, Grill- und Sportwiese. Das Tempelhofer Feld in Berlin. Der heutige Artikel aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 21. Februar 1922 dokumentiert die Bemühungen, besonders der Post, einen kleinen Teil des Feldes für Zwischenlandungen nutzen zu können, um die weiten Transporte per Automobil von den außerhalb Berlins gelegenen Flughäfen zu verhindern, die die Luftpost teilweise langsamer ausliefern ließen als die „Zug-Post“. Von diesen Anfängen des Linienflugverkehrs auf dem Tempelhofer Feld berichtet Paula Leu.
9 Minuten
Die Gebrüder Louis und Gustav Castan eröffneten „Castans Panopticum“ im Jahre 1869 in Berlin. Die Ausstellung erfreute sich einiger Beliebtheit und wurde mit der Zeit zu einer „Berliner Institution“. 1888 bezog es seine Räumlichkeiten in der Friedrichstraße, in denen es auch 1922 zu finden war. Über vier Etagen konnten die Besucher:innen dort Wachsfiguren berühmter Persönlichkeiten, aber auch berühmter Verbrecher:innen, historische Kostüme und Gegenstände sowie medizinische Kuriositäten betrachten. Castans Panoptikum expandierte sogar in andere Städte des Reiches: nach Köln, Frankfurt, Dresden und Breslau. 1922 war das Museum finanziell nicht mehr zu halten. Neben der allgemein schlechten wirtschaftlichen Lage während des Weltkrieges und der Nachkriegszeit spielte dabei sicherlich die Attraktion der Kinosäle eine gewichtige Rolle. Und so wurden im Februar 1922 die Ausstellungsgegenstände auf einer mehrtägigen Auktion versteigert. Wie heutige Wachsfigurenkabinette, Museen der Folter und Gruselkabinette belegen, hat sich mittlerweile wieder ein Markt für mehr oder weniger inszenierte Wachsfiguren etabliert. Den Abschied von Castan dokumentiert die Vossische Zeitung vom 20. Februar mit einer Kindheitserinnerung des Kolumnisten Felix Paul Schlesinger, der unter dem Kürzel Sling publizierte – und heute von Frank Riede gelesen wird.
8 Minuten
Der Schriftsteller Herman Hesse war 1911 auf der Suche nach spirituell-religiöser Inspiration nach Indien gereist und beschäftigte sich fortan immer wieder mit indischen und chinesischen Gedankenwelten. Neben dem Reisebericht „Aus Indien – Aufzeichnungen von einer indischen Reise”, der 1913 erschien, schlug sich dies prominent in seinem literarischen Schaffen in dem Buch „Siddhartha“ nieder, das im Herbst 1922 veröffentlicht wurde. Während er an dieser Erzählung schrieb, reflektierte er für die Vossischen Zeitung vom 19.2. 1922 in einem Artikel die aktuelle politische Situation in China und die spirituellen Antworten auf diese. Paula Leu macht ihn für uns hörbar.
4 Minuten
Der einer Alt-Berliner Hugenottenfamilie entstammende Kolumnist Victor Auburtin zählt zu den fleißigsten Autoren dieses Podcasts. Zuletzt war er hier an Heiligabend mit einem Festtagsvorbericht aus dem vorweihnachtlich-grünen Thüringer Wald zu hören. Nun kehrt er mit einer gleichsam mediengeschichtlichen Miniatur über den Spazierstock nach Berlin und in das Programm von Auf den Tag genau zurück. Dass wir auf Auburtin so gerne zurückgreifen, hat gewiss damit zu tun, dass seine Texte stilistisch wie für eine spätere Verpodcastung geschrieben sind. Die heutige Folge aus dem Berliner Tageblatt vom 18. Februar 1922 belegt allerdings auch inhaltlich, dass Auburtins technische Phantasie seiner Zeit weit voraus war. Auf seinem Spaziergang begleitet ihn Frank Riede.
7 Minuten
Seine blauen Pferde zählen zu den Ikonen der ästhetischen Moderne: Franz Marc war nicht nur einer der wichtigsten Protagonisten der Künstlergruppe ‘Blauer Reiter‘, sondern der zeitgenössischen deutschen Malerei überhaupt, als er im März 1916 wie so viele seiner Generationsgenossen auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs, unweit von Verdun, sein junges Leben ließ. Nachdem seine Heimatstadt München an ihn bereits im Herbst 1916 in einer „Franz Marc-Gedächtnis-Ausstellung“ erinnert hatte, besann man sich fünfeinhalb Jahre später seiner nun auch in Berlin mit einer Schau im Kronprinzen-Palais, von der die Vossische Zeitung vom 17. Februar 1922 berichtete. Deren Kunstkritiker Max Osborn war mit allen Hauptvertretern sämtlicher Avantgarden eng vertraut; mit Franz Marc verband ihn, wie der nachfolgende Artikel offenbart, darüber hinaus jedoch noch eine berührende ganz persönliche Verbindung. Es liest Paula Leu.
6 Minuten
Mit Joseph Wirth amtierte seit Mai 1921 der bereits siebente Kanzler der noch so jungen Weimarer Republik – und mit seinen bei Amtsantritt 41 Jahren der bis heute jüngste obendrein. Die Probleme des als Vertreter des linken Zentrum-Flügels geltenden Wirth waren freilich im wesentlichen die gleichen wie die seiner sämtlichen Vorgänger und Nachfolger: fragile Mehrheiten, die es kaum möglich machten, den enormen außen- wie innenpolitischen Herausforderungen mutige Konzepte entgegenzusetzen. Seine Wiederauflage der Weimarer Koalition aus SPD, Zentrum und DDP war eigentlich auf eine Tolerierung durch die rechtsliberale DVP angewiesen, die vor dem Hintergrund von Eisenbahnerstreik und neuen alliierten Reparationsforderungen Wirth und vor allem dessen neuen Außenminister Rathenau allerdings nicht länger unterstützen wollte. Dass jener das von ihm angestrengte Vertrauensvotum am 15. Februar 1922 dennoch politisch überlebte, verdankte sich vor allem Stimmenthaltungen aus den Reihen der Unabhängigen Sozialdemokraten. Die Berliner Volks-Zeitung vermeldete es anderntags mit Wohlwollen. Es liest Frank Riede.
9 Minuten
Offensichtlich gehörte es in den 20ern zu jeglichen Feiertagen und Lustbarkeiten dazu, sich selbst und sich gegenseitig mit Scherzartikeln zu amüsieren. Ob Weihnachten, Sylvester, Fasching oder Bälle ohne Verankerung im Festtagskalender: die Besucher:innen deckten sich, so sie es bezahlen konnten, mit diesen kleinen Dekorations-, Scherz- und Verkleidungsartikeln. Das erklärt wohl, dass in dem heutigen Artikel aus der Vossischen Zeitung vom 15. Februar 1922 von einer regelrechten Ulk-Industrie die Rede ist. Zu uns spricht aus der Auf den Tag genau-Bütt, Paula Leu.
10 Minuten
So tief die römisch-katholische Kirche auch in unzähligen Skandalen versumpft sein mag – ihre uralten Rituale funktionieren und faszinieren doch teilweise bis heute. Als Anfang 1922 Papst Benedikt XI. verstorben war, gab es zwar noch keine TV-Stationen, die tagelang schwarzen und weißen Rauch in alle Welt streamten. Dafür versorgten aber die Tageszeitungen ihre Leser*innen morgens, mittags, abends mit allen erdenklichen Informationen und Spekulationen vom Konklave. Besonders groß fiel naturgemäß die Anteilnahme der katholischen Germania aus. Noch Tage nach der Wahl des neuen Pontifex Maximus Pius XI. stapelte jene immer neue Berichte über die entscheidenden Minuten der Annunziation und übertrug, wie im folgenden Artikel vom 14. Februar, ihre Begeisterung so in die Wohnstuben der in Berlin aufgrund von Zuwanderung gar nicht mehr so wenigen Katholiken. Für uns unter das römische Volk auf dem Petersplatz gemischt hat sich der Kardinalprotodiakon von Auf den Tag genau Frank Riede.
7 Minuten
Der Pariser Couturier Paul Poiret machte von seinem Modehaus Reden, als er als einer der ersten Kleider entwarf, unter denen kein Korsett getragen wurde. Mit einer Befreiung der Frau hatte das wohl nicht so viel zu tun, da er auch ein prominenter Verfechter des sog. Humpelrocks, in dem die Trägerinnen nur Tippelschritte machen konnten, war und sich in seinen Kreationen später wieder dem Korsett zuwandte. Dies ist nur eine Fußnote zu der Übersicht über die Trends der Damenmode 1922, wie sie der Berliner Börsen-Courier in der Ausgabe vom 13. Februar präsentierte. Margarethe von Suttner, Verfasserin des Buches „Darf ich? Ein Brevier für Lebensformen“ kommentiert die Trends der Schnitte und Stoffe, Paula Leu verleiht ihr ihre Stimme.
7 Minuten
Dass Glas bei abrupten Temperatursprüngen die Tendenz hat zu zerspringen, beschäftigte lange die Glashersteller, die nach chemisch-technologischen Lösungen für diese Herausforderung suchten. Das Problem stellte sich nicht nur im Bereich des Haushalts, an den wir vielleicht zunächst denken, sondern besonders im Bereich der naturwissenschaftlichen Forschung selbst – Reagenzgläser, Kolben etc. waren mitunter starker Erhitzung oder Abkühlung unterworfen. In Europa führend im Bereich des Laborglases war die im 1837 gegründete, im tschechischen Sázava ansässige und nach ihrem Gründer František Kavalír benannte Glashütte „Kavalierglass“, die Anfang des 20. Jahrhunderts mit besonders stabilem Borosilikatglas experimentierte und dieses 1922 auf den Markt brachte. Für die Berliner Morgenpost schaut sich am 12. Februar 1922 Richard Katz in der Glashütte um und lässt sich das unzerbrechliche Glas präsentieren. Es liest Frank Riede.
9 Minuten
Zeitungsnachrichten aus dem Jahr 2022 sind unsere Sache eigentlich nicht. Heute machen wir allerdings eine Ausnahme, weil wir den folgenden Artikel aus dem Gräflich Hessischen Kurier vom 4. Februar 2022 bereits in der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 11. Februar 1922 abgedruckt fanden. Der abwegige Name des erstgenannten Periodikums klärt die Sache auf: Die DAZ hat vor einhundert Jahren einfach eine kleine Reise in die Zukunft gemacht um von dort – vorwärts in die Vergangenheit! – ihrerseits zurück in der Zeit zu reisen und nochmal einen Blick auf die chaotischen Umstände des hier im Podcast bereits mehrfach thematischen Februar-Streiks von 1922 zu werfen. Keine Sorge, klingt jetzt komplizierter, als es ist. Paula Leu verschafft Durchblick.