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Auf den Tag genau Archiv

2057 Episoden
10 Minuten
Das Reisen auf Frachtschiffen gilt im Zeitalter des Massentourismus noch immer als echter Geheimtipp. Auch vor einhundert Jahren, erfahren wir aus dem Berliner Tageblatt vom 22. Dezember 1922, war man dort als Privatpassagier durchaus eine Attraktion und wurde von der Mannschaft bisweilen sogar etwas mitleidig angeschaut. Was der „Zivilist“ Curt L. Heymann auf der Passage von Hamburg via Portugal nach Malta erlebt, rechtfertigt seinen Trip aber in jeder, gerade auch journalistischen Hinsicht. Zwar darf er, ebenso wie die Crew, den Zielort aus politischen Gründen nicht betreten, kann dafür aber unterwegs mit Erlebnissen auf Landgängen aufwarten, die wohl von kaum einem anderen Verkehrsmittel aus zu machen und der Nachwelt zu hinterlassen gewesen wären. Für Auf den Tag genau an Bord und für ein paar Flaschen Colares in Lissabon vor Anker gegangen ist Frank Riede.
12 Minuten
Vor knapp zweieinhalb Monaten war hier in diesem Podcast zum ersten Mal von einem aufstrebenden Jungdramatiker namens Bertolt Brecht die Rede. Seinen Erstling Trommeln in der Nacht bzw. dessen Münchener Uraufführung hatte Starkritiker Herbert Ihering zum Anlass genommen, Brecht im Berliner Börsen-Courier gleich ein hymnisches Porträt zu widmen und damit eine für die Weimarer Jahre sehr wirkmächtige Kritiker-Künstler-Koalition zu begründen. Iherings großer Antagonist Alfred Kerr pflegte demgegenüber einen deutlich kritischeren Blick auf Brecht, und dieser traf auch schon die nachgereichte Berliner Erstaufführung von Trommeln in der Nacht. Mehr als der übliche Expressionismus von der Stange mochte das zwar sein, was Otto Falckenberg am 20. Dezember 1922 im Deutschen Theater inszeniert hatte. Euphorie löste es bei Kerr jedoch nicht aus, und eine kleine versteckte Spitze gegen den Kollegen Ihering und dessen vermeintliche Neigung zur Patronage konnte er sich anderntags in seiner Rezension im Berliner Tageblatt auch nicht verkneifen. Neulich war er als Herbert Ihering, heute ist er als Alfred Kerr zu erleben: Frank Riede.
8 Minuten
Heute kommt eine besondere und beeindruckende Persönlichkeit des 19. und 20. Jahrhunderts zu einem besonderen Anlass zu Wort. 1922 bekam der Norweger Fridtjof Nansen den Friedensnobelpreis zugesprochen und hielt bei der Verleihung diese in der Vossischen Zeitung vom 20. Dezember abgedruckte Rede. Hatte er bei seiner wissenschaftlichen Tätigkeit als Zoologe mit Arbeiten über das Zentralnervensystem wirbelloser Meerestiere Beiträge zur modernen Neurologie geliefert, so unternahm der danach unzählige Forschungsreisen ins nördliche Polarmeer, die die Untersuchung dieser Gebiete revolutionierten und den Nordpolexpeditionen den Weg bahnten. Als er bereits ein Identifikationsfigur der Norweger war, engagierte er sich politisch für eine Unabhängigkeit Norwegens und sicherte diese als Diplomat in London ab. Anschließend wirkte er als Hochkommissar für Flüchtlingsfragen beim Völkerbund und organisierte Hilfe bei Hungersnöten und für Flüchtlinge. Insbesondere sein Nansen-Pass für staatenlose Flüchtlinge hat Bekanntheit erlangt. Und für diese letzte Station seines Lebens erhielt er den Friedensnobelpreis. Wenig verwundert es da, dass seine Dankesrede ein flammender Appell an die Menschlichkeit ist und die Hoffnung auf einen Friedensbund aller Staaten der Welt setzt. Paula Leu liest.
8 Minuten
Die deutsche Eisenbahngeschichte begann bekanntlich im Jahr 1835 mit der Inbetriebnahme der Ludwigseisenbahn auf der Strecke zwischen Nürnberg und Fürth. Erstere, also die deutsche Eisenbahngeschichte, dauert – dank der Verkehrspolitik der letzten Jahrzehnte bisweilen mehr schlecht als recht – bis heute fort; letztere hingegen, die Ludwigseisenbahn, stellte vor einhundert Jahren ihren Betrieb unwiderruflich ein. Sei es aus Nostalgie, sei es aus mangelnder ökonomischer Perspektive war sie nie wirklich modernisiert, sondern bis 1922 quasi als Museumsbetrieb fortgeführt worden. Dann war nach 87 Jahren, auch unter dem Eindruck der galoppierenden Inflation, Schluss. Die Vossische Zeitung nimmt dies am 20. Dezember in Person von Alfred Neuburger zum Anlass für einen durchaus wehmütigen Abgesang. Neuburger war ein höchst erfolgreicher Autor zahlreicher populärwissenschaftlicher Bücher und galt zu seiner Zeit als so etwas wie der „Star des naturwissenschaftlich-technischen Feuilletons“. 1943 wurde er gemeinsam mit seiner Frau Minna nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet. Es liest Frank Riede.
3 Minuten
US-amerikanische Milliardäre, die einen Teil ihres Vermögens in die Entwicklung rechtsextremer Parteien dies- und jenseits des Atlantischen Ozeans investieren, sind offensichtlich ein epochenübergreifendes Phänomen. Ob Automobilpionier Henry Ford in den 1920er Jahren den Aufbau der NSDAP tatsächlich mitfinanzierte, gilt bis heute als ungeklärt. Dass Ford wegen seines bekennenden Antisemitismus von Hitler verehrt wurde, ist hingegen Allgemeingut und war auch der Berliner Volks-Zeitung bereits im Jahr 1922 bekannt. Ansonsten gießt diese in ihrem kurzen Bericht vom 18. Dezember über eine ‘Truppenparade‘, die die Nazis in München angestrengt hatten, jede Menge Spott aus. Es liest Paula Leu.
7 Minuten
Kaum anders als in der jungen Weimarer Republik waren auch die ersten Nachweltkriegsjahre des in ihrem Osten wiedererstandenen polnischen Staates von heftigen Wirtschaftskrisen, Inflation, Grenzstreitigkeiten und großer politischer Instabilität geprägt. Nationalistische Kräfte unterminierten auch hier den Ausgleich mit den Nachbarstaaten sowie den nationalen Minderheiten und versuchten die ohnehin labilen demokratischen Strukturen mit Agitation und Terror von Beginn an auszuhöhlen. Vier Jahre des stark vom Polnisch-Sowjetischen Krieg geprägten Übergangs hatte es gedauert, bis Polen überhaupt einen ersten gewählten Präsidenten erhalten hatte. Und dann fiel besagter Gabriel Narutowicz, der seine Wahl einem Bündnis der Linken mit der Bauernpartei und den Minderheitenparteien verdankte, nur fünf Tage später einem rechtsgerichteten Attentat zum Opfer. Polen war erschüttert, und auch im damals noch nicht ganz so nahen Berlin blickten die Tageszeitungen am 17. November 1922 aufgeschreckt nach Warschau. Hier tun dies die Berliner Morgenpost – und Frank Riede.
7 Minuten
Der heute vorwiegend als rassistische Beleidigung genutzte Begriff „Kümmeltürke“, entstammt wohl der Gegend um Halle und bezeichnete Studenten, die aus diesem Umland kamen, das wegen des Kümmelanbaus und der sonstigen Trostlosigkeit als „Kümmeltürkei“ bezeichnet wurde. Erst nach dem Anwerbeabkommen der BRD mit der Türkei wurde es als Schimpfwort zur Bezeichnung der Gastarbeiter benutzt. Da die Neuköllnische Zeitung vom 16. Dezember noch keinen Zugang zu Wikipedia hatte, benutzte sie den Begriff als Bezeichnung für trinkfreudige türkische Soldaten. Ausgangspunkt für diese Reflexion über das Militär und Alkohol ist die Nachricht über Bemühungen des Österreichischen Heeres, den Alkoholgenuss der Soldaten zu verringern. Freilich war sich niemand sicher, ob ein abstinentes Heer zu einer höheren oder geringeren Wehrhaftigkeit führen würde. Paula Leu präsentiert die eher skeptische Position des Kolumnisten.
11 Minuten
Zu den bewohnten aber noch wenig erforschten Gebieten der Weltkugel gehörte 1922 das östliche Tibet, in das es bislang nur wenige Expeditionen verschlagen hatte. Das Berliner Tageblatt bot ihren Leser:innen am 15. Dezember einen Einblick in dieses exotisch wirkende Land, in dem vermeintlich der Teufel angebetet wurde, wo in manchen Gebieten ein Großteil der Bevölkerung Priester waren und wo sich eine Polyandrie, also Vielmännerei beobachten ließ. Frank Riede gibt uns Einblicke in dieses Wunderland.
8 Minuten
Infektionskrankheiten haben uns in den zurückliegenden drei Jahren wahrlich zur Genüge begleitet – im zeitgenössischen Real Life der Corona-Pandemie wie im historischen Second Life von Auf den Tag genau, in dem vor allem zu Beginn unserer Sendetätigkeit immer wieder Berichte über die Auswirkungen der sogenannten Spanischen Grippe zur Anhörung kamen. Diese Influenza-Pandemie, die weltweit möglicherweise bis zu 100 Millionen Opfer forderte, war im anbrechenden Winter des Jahres 1922 zwar endlich überstanden, neuerliche Grippewellen rollten aber wiederum durch Europa und ließen auch in Deutschland und Berlin erneut Tote beklagen. Die Deutsche Allgemeine Zeitung vom 14. Dezember versorgt uns dazu mit interessanten statistischen Details. Und schließt mit einem nun wirklich überraschenden Präventionshinweis, der heutzutage medizinisch eher nicht mehr state of the art ist. Für uns hat Paula Leu den Text inhaliert.
11 Minuten
In den Reigen der Berichterstatter, welche seit Mussolinis erfolgreicher Machtübernahme in Italien die Hauptstadtpresse mit Porträts und Berichten über Adolf Hitler versorgten, reiht sich heute der Schriftsteller, Schauspieler, Kritiker und Redakteur Eugen Kalkschmidt. Als Münchener schreibt er am 13. Dezember 1922 für den Berliner Lokal-Anzeiger über die öffentliche Wahrnehmung Hitlers und das Veranstaltungsprogramm der NSDAP. Dabei macht er etwa sehr präzise Beobachtungen über spezifische Propagandamittel und -veranstaltungen der Partei. Er geht aber mit Sicherheit dabei Hitlers Propaganda auch auf den Leim, denn das Narrativ von der NSDAP als einer Bewegung, die über dem Parteienspektrum steht, bestätigt er. Auch äußert er eine Bewunderung für die Fähigkeiten Hitlers. Über die Zeit des Nationalsozialismus in der Biographie Kalkschmidts schweigen die leicht zugänglichen Quellen im Internet sich aus, insofern können wir nicht berichten wie sich die Haltung von ihm zum deutschen Faschismus in dieser Zeit entwickelte. Es liest Frank Riede.
4 Minuten
Winterregen ist zumal in der Großstadt eher kein vergnügliches Wetterphänomen. Vergnüglich ist es höchstens, wenn Joseph Roth darüber schreibt. Was der Meister des kleines Feuilletons am 12. Dezember 1922 im Vorwärts diesbezüglich zu Papier brachte, waren keine spektakulären, sondern durchweg sehr alltägliche Beobachtungen, die sich jedoch zu einem höchst stimmungsvollen, fast impressionistisch anmutenden Bild eines Berliner Regentages fügen. Paula Leu hat für uns Cape und Gummistiefel angezogen.
9 Minuten
Während wir heutzutage junge Frauen eher davor warnen würden, in den Fernseh-Casting-Formaten der Klums und Bohlens den Weg zu einer glücklichen beruflichen Karriere zu erblicken, so warnte 1922 der berühmte dänische Drehbuchautor und Regisseur Urban Gad die jungen Frauen vor den übertriebenen Träumen von einem Durchbruch als Filmsternchen. Gad, der seit 1910 in Deutschland tätig war, hatte den kometenhaften Aufstieg der Asta Nielsen zum weltweiten Star als Regisseur ihrer ersten Filme ermöglicht. Am 11. Dezember machte er aber den Leserinnen und Lesern des Berliner Lokal-Anzeigers unmissverständlich klar, wie selten und unwahrscheinlich eine solche Karriere ist. Dabei wird in dem Text – gewollt oder ungewollt – deutlich, wie sexistisch die Branche war. Aber auch da unterscheidet sie sich wohl kaum von den aktuellen Castingshows der Fernsehsender. Also aufgepasst. Frank Riede warnt uns vor dem Film.
6 Minuten
Die neue französische „Asterix und Obelix“-Realverfilmung, die im Februar 2023 in die Kinos kommen soll, basiert nicht auf einem der bekannten Comic-Bände. Die beiden Gallier reisen dabei nach China und dem Trailer zufolge wird es so mache Kung-Fu Kampfeinlage geben. Es ist also ein leicht durchschaubarer Versuch der französischen Produktionsfirma, auf den chinesischen Spielfilmmarkt zu gelangen – und es ist nur ein besonders plakatives Beispiel für eine ganze Reihe von solchen Bemühungen, bei denen oftmals die Zensur-Codes der chinesischen Behörden von vornherein beachtet werden. 1922 freilich war der chinesische Kino-Markt noch nicht so mächtig, aber schon präsent genug, dass die Berliner Börsen-Zeitung vom 10. Dezember einen kurzen Bericht über diesen veröffentlichte. Paula Leu gibt für uns den Filmerklärer.
5 Minuten
In der aufgeheizten Stimmung der Weimarer Republik mit ihrer stark parteipolitisch geprägten Presselandschaft war es sehr üblich, dass Zeitungen auch übereinander schrieben, einander namentlich attackierten, gegeneinander polemisierten, der Lüge bezichtigten. Gerade auch die Blätter der Arbeiterparteien gingen miteinander selten zimperlich um und fochten ihre Differenzen bevorzugt mit dem rhetorischen Säbel aus. Das Florett der Ironie blieb demgegenüber allen voran bei der Roten Fahne für gewöhnlich in der Scheide stecken. Vielleicht weil Vorweihnachtszeit war, kam es am 9. Dezember 1922 aber doch einmal zum Einsatz und spießte, siehe da, gleichsam auf der Festtafel der Sozialdemokratie ganz unbesinnlich einen knusprigen Gänsebraten auf. Wie er mundet, weiß Frank Riede.
9 Minuten
Während wir vor zwei Tagen der Geschichte der Weihnachtsbaum-Tradition in Deutschland nachgegangen sind, schweift der Blick der Berliner Zeitungslandschaft, genauer der Westberliner Neuen Zeit, nach Spanien zu den dortigen Weihnachtsbräuchen. Die noch heute jedes Jahr für Aufsehen sorgende Mega-Lotterie “El Gordo” gab es, wie wir aus anderen Artikeln wissen, auch schon in den 20ern, diese wird aber im heutigen Bericht einer gewissen Cleopha Maria Freyer nicht erwähnt, um so mehr lernen wir über die große Bedeutung der Krippen und über die größere Geduld spanischer Kinder, freilich aus einer hauptstädtischen Perspektive. Und wir lernen zugleich, dass das Stereotyp vom “faulen Spanier” auch schon vor 100 Jahren ganz selbstverständlich aufgerufen wurde. Señora Leu liest für uns.
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Der Podcast mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Welt vor hundert Jahren