Auf den Tag genau Archiv
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4 Minuten
In der letzten Zeit gewinnt im akademischen Diskurs die Anthrozoologie, auch bekannt als „human-nonhuman-animal studies“, zunehmend an Bedeutung. Die interdisziplinäre Forschungsrichtung untersucht die Beziehungen zwischen Mensch und Tier und bemüht sich dabei, auch den Tieren eine eigene von den Menschen unabhängige Perspektive zuzugestehen. Ob der Feuilletonist des Berliner Tageblatts Victor Auburtin in seinem Text vom 6. Januar 1923 über seine Begegnung mit einem Krokodil Anthrozoologie betreibt, wollen wir nicht beurteilen, eine Quelle für diese Forschungsrichtung ist es allemal. Paula Leu nimmt für uns den Kontakt zum Krokodil auf.
10 Minuten
Es hatte sich schon Monate lang abgezeichnet. Frankreich war gegen alle Widerstände und Zweifel anderer Alliierter fest entschlossen, in das noch unbesetzte Ruhrgebiet östlich des Rheins zwischen Düsseldorf, Dortmund, Lünen und Wesel militärisch einzumarschieren, um dort direkt die Reparationsleitungen an die Siegermächte in Form von Rohstoffen zu überwachen und zu steuern. Deutschland war bemüht, dies noch abzuwenden, und hatte auf die Schützenhilfe Englands und der USA gehofft. Das Berliner Tageblatt aber wusste in ihrer Ausgabe vom 5. Januar keine guten Nachrichten zu verkünden. Die diplomatischen Verhandlungen waren gescheitert. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich französische und belgische Truppen in Bewegung setzen würden. Tatsächlich begann der Einmarsch am 11. Januar 1923. Ein Teil dieser Folge lief schon am 2. Januar als Quellen-Teaser im Podcast “Geschichte Europas” von Toby. Am 9. Januar erscheint dort seine Folge über die Ruhrbesetzung. Ein intensives Gespräch mit dem Historiker und Spezialisten für das Ruhrgebiet Stefan Goch. Hört rein! Doch nun überbringt hier Frank Riede die düsteren Aussichten für die Weimarer Republik.
7 Minuten
Großstädte neigen im Sommer bekanntlich dazu, sich in Wärmeperioden enorm aufzuheizen und leiden, je nach Bauweise, Industrialisierungs- und Motorisierungsgrad, überdies das ganze Jahr über an ungesunder Schadstoffkonzentration. Was läge da näher, als die Frischluft einfach aus Naherholungsgebieten in der Umgebung in großen Rohren in die Metropolen zu pumpen und dort für Abkühlung und Sauerstoffaustausch in einem zu sorgen? Was zunächst wie ein Gag klingt, wurde vor einhundert Jahren offensichtlich sehr ernsthaft erwogen. Nein, nicht in Berlin, sondern im noch größer denkenden New York; von dort fanden die anscheinend schon ziemlich ausgereiften ingenieurswissenschaftlichen Überlegungen dank der B.Z. am Mittag vom 4. Januar 1923 aber ihren Weg auch in die deutsche Hauptstadt. Paula Leu hat sie begleitet.
11 Minuten
Paris, London, Wien, Rom; New York, Havanna, Buenos Aires; Peking, Teheran oder zuletzt Samarkand – drei Jahre Auf den Tag genau waren und sind auch eine Reise durch die Metropolen der Welt, aktuelle und gewesene. Da ist es nur folgerichtig, dass heute endlich auch das ewige Jerusalem Eingang in diesen Reigen findet. Die bleiche Stadt, wie sie der vorliegende Text nennt, mag seinerzeit mit ihrer Lage in den Bergen von Judäa im Landesinneren des international wenig beachteten Britischen Mandatsgebiet Palästina eine deutlich randständigere Position auf den touristischen wie politischen Landkarten der Zeit eingenommen haben als heutzutage - als bereits damals höchst diverse, kosmopolite Stadt präsentiert sie aber durchaus auch schon das Porträt, das ihr Autor Alexander Strasser in der Vossischen Zeitung vom 3. Januar 1923 widmet. Begleitet auf seiner Reise nach Jerusalem hat ihn für uns Frank Riede.
8 Minuten
Silvesterbilanzen fallen zumeist eher unerfreulich aus. Kaum hat das neue Jahr begonnen, sind als erstes abgerissene Finger und verkohlte Kraftfahrzeuge zu verzeichnen, zumeist garniert mit dem an Zahlen belegten Nachweis, dass die Begleitschäden der Knallerei von Jahr zu Jahr zunähmen. Zumindest in der Langzeitperspektive, so viel lässt sich mit dem Berliner Börsen-Courier vom 2. Januar 1923 belegen, stimmt dieser Eindruck offensichtlich nicht. Gegen das, was dort über die Nacht des Jahreswechsels von 1922 auf 1923 zusammengetragen ist, wollen Berliner Silvesterfeierlichkeiten des frühen 21. Jahrhunderts tendenziell fast schon zivilisiert erscheinen. Paula Leu hat sich für uns trotzdem auf die Piste gewagt und dokumentiert mit ihrer Lesung, dass die Welt auch in puncto Homophobie vor 100 Jahren natürlich keineswegs eine bessere war.
11 Minuten
Lieber Hörerinnen und Hörer von Auf den Tag genau, wir wünschen Euch ein gesundes, politisch möglichst entspannteres neues Jahr und hoffen zugleich, dass Ihr uns auch in diesem, unserem vierten Jahr die Treue haltet – und uns eine kleine, aber im Sinne des täglichen Sendebetriebs unvermeidliche Inkonsequenz gegenüber dem Titel dieses Podcast verzeiht, mit der wir 2023 gleich beginnen müssen. Der 1. Januar fiel 1923 auf einen Montag, also auf den Wochentag, an dem der Zeitungsbetrieb seinerzeit wegen des vorausgegangenen Sonntags immer nur im Minimalbetrieb lief und an dem nun am Neujahrstag auch die sonst bei den meisten Zeitungen übliche kurze Abendausgabe nicht erschien. Damit Ihr trotzdem nicht ohne Euren geliebten Podcast ins neue Jahr starten müsst, behandeln wir die vortägliche Silvester- gleichsam als Feiertagausgabe und starten deshalb mit einem Text ins neue Jahr, der streng genommen weder auf den Tag, noch auf den Monat, noch auch nur auf das Jahr genau ein Jahrhundert vor dem 1. Januar 2023 erschien – der dafür aber umso hörenswerter ist: Theodor Däubler verschlug es im Rahmen von ausgedehnten Griechenlandtouren auch auf die Kykladen, das Berliner Tageblatt druckte seinen literarischen Bericht, Frank Riede hat ihn für uns gelesen.
10 Minuten
Am letzten Tag des Jahres 1922 schaute auch der Chefredakteur der Berliner Volks-Zeitung Otto Nuschke auf das Jahr zurück und zog Bilanz. Allerdings nicht einen Jahresrückblick des Typs „Rundumschlag“, wie sie heutzutage die Fernsehsender jedes Jahr aufs Neue zelebrieren, sondern fokussierte sich auf innenpolitische Hemmnisse des Deutschen Reiches, die in den zwölf vergangenen Monaten besonders deutlich hervorgetreten seien. Als überzeugtem Republikaner und Mitbegründer der Deutschen Demokratischen Partei bereitete ihm ein Zusammenspiel von Monarchismus und Partikularismus Sorgen. Paula Leu schaut mit ihm auf 1922 zurück und beschließt damit das dritte Jahr von „Auf den Tag genau“.
9 Minuten
Bildende Kunst ist als Betrachtungsgegenstand in den Berliner Qualitätszeitungen der Weimarer Republik durchaus verbreitet: Namhafte Kunstkritiker besuchen in den renommierten Galerien der Stadt regelmäßig illuster bestückte Kaufausstellungen von fast immer auch heute noch überaus namhaften (und längst nicht mehr bezahlbaren) Malern ihrer Zeit und ordnen das Gesehene kunsthistorisch ein. Die Haltung, die dabei eingenommen wird, ist freilich zumeist die analytische Vogelperspektive. Dass ein Text sich tatsächlich einmal näher auf einzelne Werke einlassen würde, kommt hingegen selten vor, ist als journalistisches Genre nicht etabliert. Umso interessanter, wenn es dann doch einmal passiert und, wie im vorliegenden Fall die Rote Fahne vom 30. Dezember 1922, mit George Grosz‘ Graphik-Mappe Ecce Homo ein Werk rezensiert wird, welches in den Kanon der Moderne zentral Eingang gefunden hat. Dass der Artikel zu einer eminent politischen Lesart tendiert, will weder bei diesem Künstler, noch bei der KPD-Parteizeitung überraschen. Es liest Frank Riede.
7 Minuten
“Eine seltsame Zeit, diese Tage zwischen den Feiertagen”, stellte schon vor hundert Jahren Dr. Richard Müller in der Neuen Zeit vom 29. Dezember 1922 fest. Was folgt ist eine kombinierte festtagsdramaturgische und festtagspsychologische Analyse der Jahresendphase. Ob es sich beim Autor wirklich um Richard Müller-Freienfels handelt, den deutschen Psychologen und Philosophen, können wir nicht zweifelsfrei klären. Dafür spricht, dass er 1922 in Berlin Wilmersdorf als Oberlehrer tätig war, also im Berliner Westen, wo die Neue Zeit erschien. Aber unabhängig davon, von welchem „Müller“ sie stammen, bringt uns die spannenden Reflexionen Paula Leu zu Gehör.
10 Minuten
Alle kennen die leidige Frage und wissen, wenn man sie nicht rechtzeitig, also weit vor Weihnachten stellt, wird eine zufriedenstellende Antwort kurzfristig immer unwahrscheinlicher: Was machen wir eigentlich Silvester? Als ihn die ersten Bekannten bereits in der Sommerfrische mit dem Thema konfrontierten, hatte der Autor des gleich zu Gehör gebrachten Artikels aus der Vossischen Zeitung vom 28. Dezember 1922 noch müde gelächelt. Nun, drei Tage vor Termin und etliche besuchte Lokalitäten, studierte Speisekarten und durchgerechnete Kalkulationen später scheint ihm die Lust auf den Jahreswechsel gründlich vergangen. Frank Riede weiß, warum.
8 Minuten
Was gab es am 27. Dezember 1922 für die Zeitungen zu berichten? Natürlich wurde der Blick zurück auf die vergangenen Feiertage gerichtet. Eine weiße Weihnacht, auf die wir, als wir diese Anmoderation vorproduzierten, für 2022 hofften, hat es 1922 nicht gegeben. Und diese Tatsache nimmt der Autor, der mit „Viktor“ signiert, in der Berliner Volks-Zeitung zum Ausgangspunkt, um schlaglichtartig das Festgeschehen auf den Straßen, in Häusern und Cafés und Kneipen zu schildern. Dabei spielt natürlich angesichts der Inflation die Teuerung und die damit einhergehende Verschärfung der sozialen Unterschiede eine prominente Rolle. Für uns blickt Paula Leu zurück.
5 Minuten
Das Jahr 1922 darf literaturhistorisch ohne Zweifel einige Bedeutung für sich reklamieren. James Joyces Jahrhundertroman Ulysses erlebte hier genauso seine Erstveröffentlichung wie T.S. Eliots legendärer Poem The Waste Land oder Sinclair Lewis‘ später mit dem Nobelpreis bedachter Babbitt, und Rainer Maria Rilke finalisierte mit den Duineser Elegien und den Sonetten an Orpheus gleich beide seine wohl berühmtesten lyrischen Zyklen. Das zeitgenössische Publikum der Berliner Tageszeitungen erfuhr von alldem indes herzlich wenig. Rezensionen oder anderweitige Berichte über derlei Meilensteine der modernen Literaturgeschichte sind der Redaktion von Auf den Tag genau im Jahresverlauf jedenfalls nicht untergekommen. Immerhin wusste man im Berliner Tageblatt aber, wer Rilke war, und servierte drei ausgewählte der erst im Folgejahr im Insel-Verlag publizierten 55 Sonette an Orpheus in seiner Weihnachtsausgabe im Vorabdruck ohne weiteren Kommentar gleichsam als Beilage zum Festtagsbraten. Frank Riede hat von ihnen gekostet.
8 Minuten
Besuch aus dem Morgenland gehört zu Weihnachten bekanntlich schon seit Christi Geburt. Die Vossische Zeitung ging in ihrer Feiertagsausgabe des Jahres 1922 indes den unorthodoxen umgekehrten Weg und legte ihrem Publikum den Bericht von einer Reise in das märchenhaft orientalische Samarkand unter den Tannenbaum, das der umtriebige schreibende Globetrotter Colin Roß in den zurückliegenden Monaten besucht hatte. Wie regelmäßige Hörer*innen von Auf den Tag genau wissen, sind Sympathie und Achtung für die fremden Kulturen, die er erkundet, bei dem nachmals überzeugten Nationalsozialisten Roß von Ort zu Ort durchaus unterschiedlich ausgeprägt. Für den architektonischen Zauber wie aus Tausend und einer Nacht entlang der zentralasiatischen Seidenstraße kann er sich jedoch sehr wohl begeistern. Paula Leu ist für uns gen Osten gezogen.
6 Minuten
Sie gehören zu Weihnachten und Silvester wie die Geschenke unter dem Weihnachtsbaum und “Dinner for one”. Die Ansprachen der (bislang nur) Bundespräsidenten zu Weihnachten und der Bundeskanzler:innen zu Neujahr. Seit 1970 gibt es diese Praxis, als Präsident Heinemann die traditionelle Weihnachtsansprache, die eigentlich der Kanzler hielt, übernahm und damit Willy Brandt auf den Silvesterslot ausweichen musste. Wir lernen daraus aber, dass es zuvor andersherum war und das bestätigt auch die Berliner Börsen-Zeitung vom 24. Dezember 1922, in der der Reichskanzler Cuno sich in einer schriftlichen Weihnachtsansprache an die Bevölkerung wandte. Lauschen wir also Paula Leu, ob wir auch inhaltliche Parallelen zur diesjährigen Weihnachtsanprache von Frank Walter Steinmeier finden.
7 Minuten
Bei vielen Berichten, die wir in der Presse über die Weihnachtsmärkte finden, schwingt ein wehmütiger Blick zurück in die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg mit, eine selige Zeit der vorweihnachtlichen Budenlandschaften. So auch in einem Artikel der Auslandsbeilage der Vossischen, der Voss, von einem gewissen Philipp Vockerat, die am 23. Dezember 1922 erschien. Über die Weihnachtsmärkte vorgestern, gestern und heute, also vor hundert Jahren, schlendert für uns Paula Leu.