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Auf den Tag genau Archiv

2057 Episoden
6 Minuten
Bei einem konstitutionellen und gesellschaftlichen Wandel, wie er sich mit der Gründung der Weimarer Republik vollzog und der das von Monarchen und Fürsten geprägte lange 19. Jahrhundert ablöste, stellt sich zwangsläufig die Frage, wie mit den Ehrungen, Auszeichnungen und Titeln des alten Systems in der neuen Ordnung umgegangen wird: werden Traditionen fortgesetzt oder abrupt beendet? Die Deutsche Allgemeine Zeitung geht dieser Frage am 7. Dezember 1922 nach und schildert die Weimarer Welt ohne Orden und Titel und gibt damit automatisch auch einen Einblick in die frühere Zeit der ordenbehangenen Geheim-, Kommerzien- und Sanitätsräte. Paula Leu kämpft sich für uns durchs Titel-Dickicht.
12 Minuten
Angesichts der Bedeutung, die dem Weihnachtsfest heute wie vor einhundert Jahren in unserem Festkalender zukommt, mutet es durchaus erstaunlich an, wie viele seiner Bräuche ihrer Herkunft nach im Dunkeln liegen. Einem gewissen Artur Streich gebührt das Verdienst, sich in der Berliner Volks-Zeitung vom 6. Dezember 1922 einmal – im übertragenen Sinne – auf die Suche nach den Wurzeln des Weihnachtsbaumes gemacht zu haben, wie er im Stall von Bethlehem bei Lukas bekanntlich noch nicht stand. So deutschtümelnd sein Text zunächst daherkommt, so überraschend exotisch – soviel sei vorweggenommen – fällt der Fundort aus, den Streich schließlich präsentieren kann. Frank Riede hat ihn auf seiner weiten Reise für uns begleitet – und dabei dankenswerterweise auch ein paar ausgedehnte Ausflüge ins Lateinische und Frühneuhochdeutsche mitgemacht.
11 Minuten
Auf einen groben Klotz gehört und bekanntlich ein grober Keil, und so nimmt es wenig Wunder, dass die Antwort der streikenden Schauspieler auf die gepfefferten Worte Felix Hollaenders, die hier vorgestern im Podcast zu hören waren, ihrerseits gesalzen ausfiel. Falls der Intendant des Deutschen Theaters mit seinem Rundumschlag gegen die Arbeitsmoral seines künstlerischen Personals und dessen vermeintlich bolschewistische Umtriebe jenes zum Einknicken vor der Autorität des Theaterleiters zu bewegen geglaubt hatte, so erreichte er eher das Gegenteil. Sein langjähriges Ensemblemitglied Emil Lind von der Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger sprach ihn in seiner Replik zwar ironisch-ehrerbietig immer wieder mit dem Direktorentitel an, widersprach ihm in der Sache aber auf das Energischste. Nachdem das Berliner Tageblatt Hollaender das Wort erteilt hatte, druckte es am 5. Dezember 1922 auch diese Gegenrede ab – freilich nicht ohne sich von deren Inhalten ausdrücklich zu distanzieren. Als Entrepreneur und nun auch als Gewerkschaftsfunktionär agiert bei uns in einer Doppelrolle: Frank Riede.
8 Minuten
Die Frage, ob die verschiedenen, sich überwiegend slawisch verstehenden Ethnien Südosteuropas je eigene unabhängige Staaten anstreben oder aber sich in einem gemeinsamen südslawischen Bundesstaat verbinden sollten, spaltet die entsprechenden Ethnien schon seit langer Zeit. Nach dem Zerfall des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn, in dessen Grenzen Millionen Slawischsprachige seit Jahrhunderten gelebt hatten, war 1918 tatsächlich der Stunde der Jugoslawisten gekommen, die den sogenannten SHS-Staat, das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, ausriefen. Nicht alle Bürgerinnen und Bürger selbst unter den hier genannten drei Staatsvölkern standen indes hinter dem Gemeinschaftsprojekt. Vor allem unter den Kroaten störten sich viele an der zentralistischen, teilweise großserbischen Ausrichtung des jungen Staates. Dass die katholische Zeitung Germania in ihrem Lagebericht vom 4. Dezember 1922 dezente Sympathien für die Glaubensbrüder und -schwestern zwischen Donau und Kvarner Bucht durchklingen lässt, vermag dabei nicht zu überraschen. Es liest Paula Leu.
12 Minuten
Die auch schon im Jahr 1922 galoppierende Inflation und ihre gravierenden Auswirkungen auf die Lebenshaltungskosten machten selbstredend auch vor den künstlerischen Berufen nicht Halt. Berlins Schauspielerinnen und Schauspieler forderten deshalb erhebliche Gehaltserhöhungen, die ihnen von den Theatern nicht im von ihnen für nötig erachteten Umfang gewährt wurden, weshalb die Genossenschaft zum letzten Mittel griff und einen Schauspielerstreik ausrief. Die Zeitungen überschlugen sich, und die Intendanten versuchten das Unheil abzuwenden. Die Worte, die der Leiter des ruhmreichen Deutschen Theaters Felix Hollaender an sein Ensemble richtete, vermögen dabei, verglichen mit heutiger Streikprosa, durchaus zu überraschen. Statt diplomatischer Appelle und Verständnisfloskeln geht es in seiner im Berliner Tageblatt vom 3. Dezember abgedruckten Ansprache ordentlich zur Sache. Obwohl auch Schauspieler, hat sich Frank Riede dem Streik dankenswerterweise nicht angeschlossen.
5 Minuten
Der große naturalistische Dramatiker Gerhart Hauptmann, der Schöpfer der Weber oder des Biberpelz, befand sich in den frühen 1920er Jahren auf dem Gipfel seines Ruhmes, und entsprechend ausgiebig wurde sein 60. Geburtstag am 15. November 1922 mit zahlreichen Empfängen und Festreden sowie auch in der hauptstädtischen Presse gefeiert. Das Cöpenicker Tageblatt betätigt sich in diesem Gratulationsreigen eher ein wenig als Nachzügler, würdigt den Jubilar bzw. sein Werk am 2. November 1922 dafür aber aus einer besonders interessanten Perspektive: Gabriele Reuter, die kürzlich für uns von der Nebensaison auf Hiddensee berichtete, widmet sich in einem kurzen Text spezifisch Hauptmanns Frauenfiguren. Was sie dazu zu sagen hat, weiß Paula Leu.
10 Minuten
Das Ehepaar Franz, vor allem der Mann Ewald Franz, hatte wiederholt in ihrer Wohnung am Kurfürstendamm Geschlechtsverkehr mit jüngeren Frauen, oftmals Prostituierten, von denen manche anschließend über Ohnmachtsanfälle und Phasen der Willens- und Bewußtlosigkeit klagten. Das Feld war bereitet für einen sich lange hinziehenden spektakulären Prozess, der als „Franz-Prozeß“ von der Presselandschaft tituliert wurde. Ende November 1922 kam es zur Urteilsfällung, nachdem sich unzählige Sachverständige gestritten hatten, ob die Frauen betäubt wurden, oder nicht. Gifte wurden in der Wohnung nicht gefunden, so dass sich die Experten, die eine Betäubung behaupteten, auf die Verhöre der Frauen stützten. Am 1.12. argumentiert ein besonders prominenter Sachverständige des Prozesses, der Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld, im Berliner Tageblatt eher für eine Erotisierung als eine Narkotisierung. Frank Riede liest für uns diese Einschätzung.
9 Minuten
Und schon wieder sind wir zu Grabungen im Zweistromland. Ging es vor drei Tagen in unserem Bericht aus der Vossischen Zeitung allerdings um die Förderung von Erdöl, so suchen wir heute mit dem Berliner Tageblatt vom 30. November 1922 nach ganz anderen, vergleichsweise (aber auch nur vergleichsweise) jüngeren Bodenschätzen, für die man sich im Westen damals kaum weniger brennend interessierte: Seit 1899 hatte die Deutsche Orient-Gesellschaft unter der Leitung des Archäologen Robert Koldewey am Euphrat Ausgrabungen an der mythischen antiken Metropole Babylon vorgenommen. Mit dem Vorrücken der britischen Truppen war diese Tätigkeit 1917 zu einem jähen Ende gelangt, und die Frage, ob etwa die vielen dort gesicherten Glasurziegel wie geplant in Berlin zusammengeführt und zu einer Rekonstruktion des legendären Ischtar-Tores zusammengefügt werden könnten, stand politisch in den Sternen. Diese aktuellen Querelen betrachtet der Autor mit den Initialen F und R indes nur am Rande, um in seinem Bericht vor allem die Entdeckungen und Erkenntnisse zu würdigen, die der Berliner Forschertrupp in fast zwanzig Jahren in der irakischen Wüste zu Tage gefördert hätte. Für uns greift der F.R. von Auf den Tag genau, Frank Riede, zur Schaufel.
9 Minuten
Die vernichtende Niederlage gegen die neu aufgestellten türkischen Truppen Mustafa Kemals und die daraus resultierende Aufgabe aller nach dem Weltkrieg beanspruchten Gebiete in Kleinasien hatte Griechenland im Sommer 1922 im Mark erschüttert. Die alten politischen Konflikte zwischen den Anhängern des vielmaligen Premierministers Venizelos und Parteigängern König Konstantins brachen wieder auf und dokumentierten sich in einem blutigen Machtwechsel, den man überall in Europa mit Erschütterung zur Kenntnis nahm: Sechs führende Vertreter der im Staatsstreich gestürzten Regierung um Ex-Premier Dimitrios Gounaris wurden in einem Scheinprozess wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und umgehend kalt exekutiert. Das Berliner Tageblatt berichtet am 29. November 1922 mit Abscheu von dieser „Schandtat“ und kann sich nicht verkneifen, die politische Verantwortung für diese der ungeliebten französischen Regierung zuzuschieben. Die Details weiß Paula Leu.
10 Minuten
Das dreieinhalbstündige Monumentalepos ‘Der letzte Kaiser‘ gehört zu den erfolgreichsten Werken des italienischen Filmregisseurs Bernardo Bertolucci. Es erzählt vom Leben Puyis, des letzten Kaisers von China, der bereits mit zwei Jahren auf den Drachenthron kam, 1912 mit eben sechs zur Abdankung gezwungen und zwanzig Jahre später als Kaiser des japanischen Marionettenstaates Mandschukuo gekrönt wurde, bevor er nach 1945 viele Jahre in Umerziehungslagern interniert war und, begnadigt und entlassen, 1967 schließlich als einfacher Gärtner und Bürger der Volksrepublik China lebte und starb. Zwischen 1912 und 1924 war er, wie auch der Film ausführlich schildert, buchstäblich Gefangener im alten kaiserlichen Palast, der sogenannten Verbotenen Stadt, in Peking, wo ihn auch der China-Korrespondent der Vossischen Zeitung Erich von Salzmann selbstredend nicht besuchen durfte. Interessante Einblicke in seine Situation und vor allem in die der von den westlichen Mächten kleingehaltenen Republik China außerhalb der Verbotenen Stadt gibt sein am 28. November 1922 erschienener Bericht trotzdem. Es liest Frank Riede.
8 Minuten
Bei “Auf den Tag genau” schauen wir oftmals auf Anfänge von Entwicklungen, deren Konsequenzen heute zu unseren größten Problemen gehören. Nehmen wir die Abhängigkeit der Welt vom Erdöl. Der Publizist und Journalist Edgar Stern-Rubarth war unterwegs in der Nähe von Mossul und besichtigte erste Erdöl-Förderanlagen und -Raffinerien und gibt uns einen Einblick in die aus heutiger Sicht technisch primitiven Verfahren. Hinter dem Beobachteten steckten natürlich schon damals politisch und wirtschaftlich strategisch agierende Konsortien, die die Erdölförderung für sich sichern wollten. In Fall von Mossul wohl die “Turkish oil company”, die 1912 gegründet wurde, und wesentlich imperial deutsche und englische Interessen vertrat. Die größten Anteilseigner waren die “Deutsche Bank” und die “Anglo Saxon oil company”. Aus ihr ging 1925 die “Iraq oil company” hervor. Abgedruckt finden wir den Artikel in der Vossischen Zeitung vom 27. November und wir hören ihn dank Paula Leu.
9 Minuten
Zur großen Faszination Weimars gehört es, dass die beschauliche thüringische Residenzstadt an der Ilm es vermochte, sich als international strahlkräftige Kulturmetropole immer wieder neu zu erfinden. Auf den Glanz der klassischen ‘goldenen‘ Goethe- und Schillerzeit folgten im späteren 19. Jahrhundert das sogenannte ‘Silberne Zeitalter‘ mit hier wirkenden Protagonisten wie Franz Liszt, Arnold Böcklin oder Franz Lenbach sowie im frühen 20. Jahrhundert das zunächst vor allem von Henry van der Velde geprägte ‘Neue Weimar‘, dessen Geschichte nach dem Ersten Weltkrieg ganz maßgeblich das federführend von Walter Gropius begründete und bis 1925 hier beheimatete Bauhaus fortschrieb. Der Autor Rudolf Kayser entdeckte in dieser ästhetischen Diversität, anders als manch konservativerer Zeitgenosse, keinen Widerspruch. Goethezeit und der Pioniergeist des aufstrebenden Bauhaus scheinen sich in seinem Artikel aus dem Berliner Tageblatt vom 26. November 1922 vielmehr äußerst fruchtbar miteinander zu verbinden. Es liest Frank Riede.
9 Minuten
Dank der Digitalisierung von Büchern, Zeitschriften und Zeitungsbeständen der Bibliotheken sowie dem digitalen erscheinen von Publikationen entsteht nicht nur dieser Podcast, sondern wird ganz allgemein die Zirkulation von Wissen erleichtert. Dennoch ist auch heute die Ausleihe, bzw. auch Fernleihe von noch nicht digitalisierten Büchern an der Tagesordnung. Über den Leihverkehr der damals mit ihrem neuen Standort Unter den Linden stolz auf den größten Bibliotheksbau der Welt blickende Staatsbibliothek Berlin schrieb das Berliner Tageblatt am 25. November 1922. Es geht um die Kooperation der Bibliotheken in Preußen, Kontakte ins Ausland, die Bearbeitung von Leihanfragen, die am häufigsten angefragten Bücher und vieles mehr. Natürlich darf auch ein Blick in das Lautarchiv, von dem hier im Podcast schon mehrfach die Rede war, nicht fehlen. Paula Leu blättert für uns durch den Zettelkatalog.
7 Minuten
Was Deutschland nicht erreicht hatte: über den als demütigend empfundenen Friedensvertrag Versailles noch einmal nachzuverhandeln, war dem ehemaligen Kriegsverbündeten Türkei geglückt. Die Entwicklungen des blutigen Griechisch-Türkischen Krieges hatten die militärische Konstellation in Kleinasien so tiefgreifend verändert, dass die alliierten Siegermächte des Weltkriegs an einer Revision des zunächst geschlossenen Vertrags von Sèvres nicht vorbeikamen und die dort festgelegten Beschlüsse bei einer neuen Friedenskonferenz in Lausanne tatsächlich sehr grundlegend zur Disposition stellten. Der Beginn der Konsultationen verlief erwartungsgemäß zäh, weil die Vorstellungen der verschiedenen Teilnehmer weit auseinanderlagen; tatsächlich sollten sie erst im Juli 1923 zu einem Ergebnis führen. Worin konkret die Herausforderungen der Gespräche bestanden und wie der Auftakt verlaufen war, konnte man im Berliner Börsen-Courier vom 24. November 1922 nachlesen. Für uns tut dies Frank Riede.
6 Minuten
Als Geburtsort der europäischen Kaffeehauskultur gilt bekanntlich nicht Berlin, sondern Wien. Aber auch in der deutschen Hauptstadt, wissen wir bereits aus mehreren über die Jahre versendeten Podcastfolgen, war die Liebe zur Bohne und die Neigung, sie in Gesellschaft zu schlürfen, bereits vor einhundert Jahren sehr ausgeprägt – zumindest bei den Vertretern der schreibenden Zunft. Auch Friedrich Raff, Journalist und Drehbuchautor einiger bekannter Streifen aus den später 1920er, frühen 1930er Jahren, hat vermutlich etliche seiner Feuilletons und Filmskripte im Café verfasst oder sich dort dazu zumindest ausgiebig inspirieren lassen. Sein Artikel über die ‘Kaffeebrüder‘ in der Vossischen Zeitung vom 23. November 1922 - der an einem Punkt einen heute nicht mehr gebräuchlichen, weil als diskriminierend angesehenen Begriff enthält - liest sich auf jeden Fall wie eine kleine Liebeserklärung an diese Institution. Paula Leu hat sich für uns zu ihm gesetzt.
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Der Podcast mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Welt vor hundert Jahren