Auf den Tag genau Archiv
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6 Minuten
Die Besatzer des Ruhrgebiets stießen bei ihren Bemühungen, die als geschuldete Reparationen angesehene Kohle direkt von den Zechen nach Frankreich und Belgien zu verfrachten, auf den passiven Widerstand der Bevölkerung, zu dem diese ja von der politischen Führung aufgerufen worden war. Besonders der Streik der Eisenbahner war da relevant, aber auch die Führung der Montanindustrie, angeführt durch Fritz Thyssen, weigerte sich, den französischen Kommissaren Zugriff auf den Abbau zu gewähren. Die Besatzungsbehörden entschieden sich für eine harte Gangart und ließen Thyssen und fünf weitere Industrielle verhaften und vor ein Militärgericht stellen. Dass sie damit Märtyrer schufen, dessen war sich die Vossische Zeitung sicher, die am 21. Januar von den Verhaftungen selbst und von der Verteidigungsstrategie der Verhafteten berichtete. Frank Riede liest.
11 Minuten
Die Faszination der 1920er Jahre für den Boxsport ist Legion. Angezogen fühlten sich nicht nur die breiten Massen; auch zahlreiche namhafte Autoren von Bertolt Brecht bis Ernest Hemingway haben die Nähe zum Ring gesucht und das archaische Mann-gegen-Mann der Faustkämpfer literarisch verherrlicht. Unser heutiger Artikel aus der Berliner Morgenpost vom 20. Januar 1923 nimmt sich vor diesem Hintergrund eher ein wenig ungewöhnlich aus, denn sein Autor Ludwig Hirschfeld ist der Begeisterung für das Boxen nicht erlegen. Allzu rohe Körperlichkeit, daraus macht er keinen Hehl, ist seine Sache nicht. Seine Waffe ist, auch wenn er von einem Boxkampf berichtet, die feine Ironie. Hirschfeld zählt zu den großen Wiener Feuilletonisten der Zwischenkriegszeit. Er wurde 1942 nach Auschwitz deportiert und dort mit seiner gesamten Familie ermordet. Den Text, der an einer Stelle heute nicht mehr übliches, da als rassistisch empfundenes Vokabular enthält, liest Paula Leu.
7 Minuten
Die Hertie Waren- und Kaufhaus GmbH war bis zur Übernahme durch Karstadt 1994 einer der führenden Konzerne in diesem Bereich in Deutschland. Ihr Name geht auf den des in Berlin auch heute noch geläufigen Posener Kaufmanns Hermann Tietz zurück, der mit seinem Kapital bei der Niederlassung des ersten gleichnamigen Warenhauses 1882 in Gera Pate stand. Als dessen eigentlicher Gründer und damit auch als Erfinder der Marke hat jedoch Hermanns Neffe Oskar Tietz zu gelten. Nach Filialbildungen in Weimar, Bamberg, München und Hamburg expandierte Hertie im Jahr 1900 schließlich auch in die Reichshauptstadt, wo man gemeinsam mit dem Hauptkonkurrenten Wertheim in der Folgezeit die Idee des Warenhauses als Konsumtempel zumindest in Hinblick auf Deutschland neuerfand. Oskar Tietz, der sich daneben auch einen Ruf als großer Philanthrop erwarb, starb am 17. Januar 1923 während eines Erholungsaufenthaltes in der Schweiz. Den Nachruf der Vossischen Zeitung vom 19. Januar liest für uns Paula Leu.
6 Minuten
Eine coole steinerne Party-Location weit unter der Erde, in der seltsamen Bilder und noch seltsamere Alltagsobjekte ausgestellt sind und in der von Zeit zu Zeit schräge Performances zur Aufführung gebracht werden – das klingt nach irgendeiner hippen Geschichte aus dem Nachwende-Berlin der 1990er Jahre. Ist es in diesem Fall aber nicht. Die Beschreibung findet sich vielmehr bereits im Berliner Tageblatt vom 18. Januar 1923 und der Ort, den Italien-Korrespondent Hans Barth hier aufgesucht hat, liegt auch nicht an der Spree, sondern in einem Gewölbe unweit des Tiber, mitten in der italienischen Hauptstadt, in der zwar mittlerweile die Faschisten regierten, des Nachts aber auch weiterhin futuristische Happenings Einheimische wie Zugereiste in ihren Bann zogen. Zeremonienmeister war im konkreten Fall einmal nicht der mit Mussolini gerade zwischenzeitlich überworfene Filippo Tommaso Marinetti, sondern der Photograph und Regisseur Anton Giulio Bragaglia, der in seiner nach ihm benannten Casa d’arte Bragaglia gerade eine Ausstellung der tschechischen Malerin und Bildhauerin Růžena Zátková kuratierte. Wer mehr über diese spannende Künstlerin erfahren und das Gemälde, das das Berliner Tageblatt beschreibt, sehen möchte, schaue doch auch einmal auf unserem Instagramkanal vorbei. Aber erstmal liest: Frank Riede.
15 Minuten
Tageszeitung – das ist immer auch die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Während sich vorne auf den Berliner Blättern Anfang 1923 alles um die Ruhrbesetzung drehte und im Zuge dessen auch in der republikanischen Presse ganz erhebliche anti-französische Empörung hochkochte, flüchtete sich das Berliner Tageblatt auf den hinteren Seiten seiner Auslandsausgabe vom 17. Januar 1923 aus den unwirtlichen heimatlichen Gefilden in den sonnigeren Süden und landete mit seinem Reisebericht, ausgerechnet, in der Provence. Die Autorin mit dem Namen von Hayneck erfreut sich dort an den landschaftlichen Schönheiten von Rhonetal und Côte d’Azur und auch an manchen landestypisch kulinarischen Genüssen. Das prekäre deutsch-französische Verhältnis bleibt allerdings auch dort ihr steter Reisebegleiter. Es liest Frank Riede.
7 Minuten
Die Hyperinflation des Jahres 1923 hatte eine lange Vorgeschichte, die weit zurück in die Weltkriegsjahre reicht. Dass die Löhne in dieser Zeit nominell exorbitant stiegen, nutzte dem einfachen Arbeiter trivialerweise wenig, da das für alle Kosten in noch stärkerem Maße galt. Was ein Reallohnverlust ist, muss man einem Podcastpublikum des Jahres 2023 vermutlich nicht erklären. Die drastischen Zahlen, die der Vorwärts in seiner Ausgabe vom 16. Januar 1923 für die Entwicklung der zurückliegenden acht Jahre vorlegt, vermögen dennoch zu beeindrucken und geben einen plastischen Eindruck von den dramatisch prekären Lebensverhältnissen weiter Teile der Berliner Bevölkerung vor einhundert Jahren. Paula Leu hat sie für uns studiert.
7 Minuten
Mit der Besetzung des Ruhrgebiets brandete ein breiter parteiübergreifender Protest in Deutschland auf. In welcher komplizierten Lage sich dabei die Sozialdemokratie befand, hören wir heute. Soll sie sich dem Protest vorbehaltlos anschließen, in dem sie neben rechten und nationalistischen Parteien marschiert, oder gerade jetzt an ihrem internationalistischen Standpunkt festhalten und für die Veränderung der Missstände auf eine Zusammenarbeit mit den französischen und belgischen Arbeitern setzen? Was ist, wenn Protestkundgebungen aus dem Ruder laufen? Soll sie sich öffentlich für ein Fernbleiben von bestimmten Kundgebungen rechtfertigen? Wie die SPD ihre Rolle sah und welchen Kurs sie einschlug, lesen wir in der Parteizeitung Vorwärts vom 15. Januar 1923, und hören es von Frank Riede.
9 Minuten
In der Filmgeschichte folgen von Anbeginn an auf Phasen, in denen der Film hauptsächlich im Studio gedreht wird, Phasen, in denen die Filmemacher aus den Studios drängen und draußen „on location“, wie man sagt, in den Städten und in der Natur drehen. In der BZ am Mittag vom 14. Januar 1923 lesen wir ein klares Plädoyer für die Bewegung ins Studio hinein. Ein Vorteil liegt auf der Hand: Die Umstände, das Licht, das Wetter, lassen sich im Studio steuern, während man draußen von der Wanderung der Sonne, von Wolken, von Regengüssen abhängig ist. Und genau so argumentiert Carl Froehlich auch, wenn er den Regisseur „als Wettergott“ bezeichnet. Es geht ihm über das Wetter hinaus aber auch um bestimmte Tricktechniken, die den Eindruck von „Außen“ ins Studio zu zaubern vermögen. Der Autor, ursprünglich Kameramann, dann Regisseur und 1923 bereits erfolgreicher Produzent, wird später Karriere im Nationalsozialismus machen, etwa als Leiter des Filmverbandes und auch noch in den 50er Jahren Filme drehen. Das vor allem bei Berliner Studenten beliebte Kino Capitol Dahlem war ursprünglich der private Vorführraum in seiner Dahlemer Villa. Paula Leu präsentiert für uns den Regisseur als Herr über Naturgewalten.
7 Minuten
Hatten wir gestern vom Korrespondenten der Morgenpost einen relativ nüchternen Bericht über das Vorgehen der französischen Truppen gehört, in dem die Fassungslosigkeit, stille Wut und Hilflosigkeit der Okkupierten zu spüren war, so folgt heute erneut ein Text über denselben Vorgang der Besetzung, dessen Autor, der mit dem Pseudonym „Pick Nick“ zeichnet, sich dafür entschieden hat, auf die Geschehnisse mit einer ordentlichen Prise Galgenhumor zu blicken. Als Begleiter der Armee (heute würde man von einem „embedded journalist“ sprechen) dokumentiert er den spannenden und strategisch aufreibenden Kampf der französischen Truppen gegen einen nicht vorhandenen Gegner minutiös in der Ausgabe der Berliner Volks-Zeitung vom 13. Januar wieder. Mit ihm an die Front traute sich Frank Riede.
6 Minuten
Nun war es also soweit. Am 11. Januar 1922 waren französische und belgische Truppen in das noch unbesetzte Ruhrgebiet einmarschiert, sicherten Rathäuser, Postämter und requirierten Quartiere. Das erste Ziel war die Stadt Essen, von wo am Folgetag die Berliner Morgenpost berichtete. Aus dem Text, den Paula Leu für uns liest, und der verhältnismäßig sachlich gehalten ist, ist deutlich zu spüren, für wie übertreiben und unangemessen die martialische Militärpräsenz mit Panzerwagen und Kavallerie und aufgepflanztem Bajonett betrachtet wurde – war doch von Widerstand in der Bevölkerung weit und breit nichts zu sehen.
11 Minuten
Hans Poelzig zählt zu den großen Architekten der Moderne der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Gerade in Berlin hat er mit dem Haus des Rundfunks an der Masurenallee, aber auch mit Wohnanlagen, etwa um das Kino Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz, ikonische Bauten der Zwischenkriegszeit hinterlassen. Dass er daneben auch ein bedeutender Theaterarchitekt war, ist heute hingegen ein wenig in Vergessenheit geraten. Sein spektakulärer Umbau des Großen Schauspielhauses am Gendarmenmarkt hat Umbaumaßnahmen der Nazis und anschließende Kriegsschäden nicht überlebt, und sein kühner Entwurf für ein Salzburger Festspielhaus im Park von Schloss Hellbrunn ist gar nicht erst zur Verwirklichung gekommen. Von eben diesen Plänen berichtet Poelzig selbst im Berliner Tageblatt vom 11. Januar 1923 mit kraftvollen, anschaulichen Worten. Wer sich die zugehörigen abgedruckten Skizzen dennoch selbst vor Augen führen möchte, sei an Tante Google oder, besser noch, an den Instagram-Account von Auf den Tag genau verwiesen. Auf der Tonspur hört Ihr Frank Riede.
5 Minuten
Die Würfel waren gefallen: Nachdem die über die Einhaltung des Versailler Vertrages wachende alliierte Reparationskommission am 9. Januar 1923 gegenüber Deutschland offiziell den Vorwurf erhoben hatte, Reparationslieferungen vorsätzlich zurückzuhalten, standen die Zeichen auf Eskalation und die zuvor von Frankreich und Belgien für diesen Fall angekündigte militärische Besetzung des Ruhrgebiets war nur noch eine Frage von Stunden. In Berlin reagierte man auf diese Entwicklung, für die man federführend den hierzulande als anti-deutschen Hardliner gefürchteten Ministerpräsident Poincaré verantwortlich machte, quer durch alle Lager für Empörung. Nicht nur in deutschnationalen Kreisen schlug die Wut auf den alten ‘Erbfeind‘ hohe Wellen. Auch der sozialdemokratische Reichspräsident Friedrich Ebert verurteilte die französisch-belgischen Pläne mit scharfen Worten und startete einen gemeinsamen Aufruf mit dem parteilosen konservativen Reichskanzler Wilhelm Cuno, der die Einigkeit Deutschlands be- und die Menschen in den betroffenen Regionen auf besonnenen Widerstand einschwor. Aus dem Vorwärts vom 10. Januar liest diesen für uns Paula Leu.
11 Minuten
Hamburg zieht nicht nur wegen seines maritimen Flairs, neuerdings der Elbphilharmonie und, nun ja, der Reeperbahn zahlreich touristisches Publikum in seinen Bann. Auch seine reiche Theaterlandschaft macht einen Besuch an der Elbe von jeher lohnend und veranlasste die Vossische Zeitung am 9. Januar 1923 zu einem ausgedehnten Streifzug durch eben diese. Die neben dem ‘Stadttheater‘, der Oper, hier gewürdigten Bühnen, das Deutsche Schauspielhaus, das Thalia Theater, die Hamburger Kammerspiele, können wohl auch heute noch die Leuchttürme der hanseatischen Kulturszene gelten. Das Profil der jeweiligen Häuser, erfahren wir aus dem Bericht von Paul Theodor Hoffmann, sah seinerzeit teilweise aber durchaus noch sehr anders aus. Der Autor war seines Zeichens übrigens nicht nur ein intimer Kenner der Hamburger Lokalgeschichte, sondern publizierte später auch ausführlich über indische Kultur und Philosophie, um seine Publikationsliste in der NS-Zeit auch um einige Blut- und Boden-Titel zu ergänzen. Frank Riede war für uns in der Hansestadt.
10 Minuten
Der Status der unterschiedlichen Teilglieder der werdenden Sowjetunion war im Winter 1922/23, also fünf Jahre nach der Oktoberrevolution noch immer nicht klar ausgehandelt. Im Hintergrund mochten die bolschewistischen Strippenzieher die Zeichen längst wieder auf Zentralisierung gestellt haben; an der Basis der regionalen Rätekongresse herrschte, jedenfalls einem Bericht in der Berliner Börsen-Zeitung vom 8. Januar 1923 Charkiw nach zu schließen, derweil durchaus noch Aufbruchsstimmung ob einer in Aussicht gestellten Autonomie der verschiedenen Republiken. So wähnte man sich seinerzeit offensichtlich auch unter den Kommunisten der Ukraine nach Jahrhunderten des Zarenjochs selbstbestimmt hinsichtlich der Frage, welche Kompetenzen man künftig vor Ort behalten und welche nach Moskau abgeben wollte. Es liest Paula Leu.
13 Minuten
Heute geht es mal wieder um die Nutzung nicht fossiler Energieträger. Man könnte meinen, dass wir, sobald bei unserer Lektüre der Hauptstadtzeitungen ein Artikel dieser Thematik auftaucht, wegen der heutigen Brisanz sofort zuschlagen. Das Gegenteil ist der Fall. Wir sind überrascht davon, wie oft festgestellt wurde, dass die Vorräte an Kohle und Erdöl auf der Erde irgendwann aufgebraucht sein würden. Es scheint einen Konsens gegeben zu haben darüber, dass es unabdingbar sei, die Energiereserven des Wassers, des Windes und der Sonnenstrahlen anzuzapfen. Am 7. Januar 1923 berichtet der deutsch-jüdische Astronom Adolf Marcuse in der Vossische Zeitung von einem neuen Patent für eine Sonnenenergiemaschine, auf die er durchaus Hoffnungen setzt zur Lösung künftiger Energiekrisen. Für uns fängt Frank Riede die Sonnenstrahlen ein.