Auf den Tag genau Archiv
2057 Episoden
10 Minuten
Der Schriftsteller Emil Ludwig ist in unserem Podcast bereits mehrfach als scharfsinniger Analytiker der politischen Situation seiner Zeit in Erscheinung getreten. Am 5. Februar 1923, während die Zeitungen von der tags zuvor durchgeführten Besetzung von Offenburg und Appenweier durch französische Truppen berichten, richtet er seinen Blick in die Vergangenheit, in das Jahr 1919 und schildert, basierend auf neu erschienen Dokumenten und Memoiren, wie der amerikanische Präsident Wilson damals noch die Ruhrbesetzung verhinderte. Aus der Geschichte der Geschichte von vor hundert Jahren liest für uns Frank Riede.
6 Minuten
Der Film hatte, wie bei uns bereits mehrfach zu hören war, die Luft erobert. Bei jeder Pioniertat mit Flugzeugen schien ein Kamerateam an Bord zu sein. Die nächste Herausforderung stellte die Unterwasserwelt dar. Wie konnten die nicht wasserdichten Kino-Apparate, die von Fachleuten, die selten zugleich Taucher waren, unter Wasser bedient werden? Im Kontext der Bergungsversuche des Passagierdampfers RMS Lusitania, die in einem Akt der Barbarei ein deutsches U-Boot 1915 vor der Küste Irlands versenkt hatte, schien sich eine Gelegenheit für erste Aufnahmen in über 90 Meter Tiefe zu bieten. Näheres weiß die BZ am Mittag vom 4.2. und für uns Paula Leu zu berichten.
10 Minuten
Manche Probleme lassen sich offensichtlich auch über die Dauer eines Jahrhunderts nicht in den Griff bekommen – aus welchen Gründen auch immer. In den USA, erfahren wir aus einem Bericht der Berliner Volks-Zeitung vom 3. Februar 1923, kommen statistisch ungefähr achtmal mehr Menschen durch den Gebrauch von Schusswaffen zu Tode als in England. Was dagegen wohl helfen würde? Immerhin, die Zahl der Opfer von Bränden, Bergwerkunglücken oder Straßenbahnunfällen, die der Text ebenfalls auflistet, dürften im hier so bezeichneten „gefährlichsten Land der Welt“ mittlerweile zurückgegangen sein ... Alle weiteren Daten zu dieser Statistik kennt Frank Riede.
4 Minuten
Pferdefleisch in der Lasagne – das war vor einigen Jahren ein erhebliches Aufreger-Thema in Deutschland. Studieren an dieser Affäre ließen sich nicht nur einmal mehr skrupellose Praktiken der Lebensmittelindustrie, sondern auch die offenkundige Willkür auf Seiten von uns Verbrauchern, Tiere für essbar zu erklären oder eben nicht. Vor einhundert Jahren war das Pferd auf dem Teller hingegen durchaus noch recht weit verbreitet und die Kunden im märkischen Freienwalde über die Herkunft des ‘Hack‘ offensichtlich auch informiert. Weshalb einige von ihnen nach dem Verzehr verstarben, konnte einstweilen auch die Deutsche Allgemeine Zeitung vom 2. Februar 1923 nicht aufklären. Es liest Paula Leu.
13 Minuten
Was sind die Ressourcen, um die sich in Zukunft die Konflikte entfalten werden? Der Besitz welcher Ressourcen garantiert Macht und Wohlstand? Diesen Fragen widmete sich am 1. Februar das 8-Uhr-Abendblatt mit ihrem Autor Kurt von Kleefeld, dem Schwager des künftigen Reichskanzlers Stresemann. Entscheidender für diesen Artikel freilich war seine Funktion als Generalbevollmächtigter der hohenlohischen Gruben und Industrieunternehmen, in der natürlich direkt an Einschätzung von Vorkommen an Rohstoffen beteiligt war. Aber dennoch ein Fun-Fact zu ihm: Geboren 1881 in Kassel als Kurt Kleefeld war er der letzte Mensch, der während des Kaiserreiches im November 1918 geadelt wurde. Frank Riede schaut für uns nach den Rohstoffen, die sich zu weltpolitischen Kampfmitteln entwickeln.
5 Minuten
Wehret den Anfängen – dieses Motto hatte sich die junge und labile Weimarer Republik im Umgang mit dem Nationalsozialismus bekanntlich nicht zu eigen gemacht. Zum Teil aus politischer Schwäche, zum Teil wohl auch aufgrund keineswegs immer nur heimlicher Sympathien in den Sicherheitskräften für die Republikfeinde, lavierten die Behörden häufig herum und ließen sich, wie etwa schon im Januar 1923 in München, von Hitler, seinen Drohungen und seinen Schlägertrupps vorführen. Vom Aufmarsch der Nazis, der trotz verhängten Ausnahmezustands hatte stattfinden können, berichteten wir an dieser Stelle bereits vor zwei Tagen. Heute reichen wir noch eine kopfschüttelnde Analyse dazu aus der Berliner Morgenpost vom 31.1. nach, die sich vor allem den wankelmütigen bayerischen Innenminister Franz Xaver Schreyer vorknöpft, welcher sich später freilich als couragierter Nazi-Gegner einen Namen machte und als ein frühes Opfer des NS-Regimes 1935 starb. Es liest Frank Riede.
8 Minuten
Eines der großen Bauprojekte des Öffentlichen Nahverkehrs in Berlin war zweifelsohne der Bau der unterirdisch geführten sog. Nord-Süd-Strecke, die den in der horizontalen West-Ost-Richtung besser ausgebauten Nahverkehr ergänzen und erweitern sollte. Nach mehreren Bauabschnitten sollte eine U-Bahn durchgängig zwischen der Seestraße, über die Friedrichstraße und dem heutigen Mehringdamm, damals Belle-Alliance Str., fahren, um dann zum Hermannplatz nach Osten abzubiegen - bis zur heutigen Station Neukölln. Die Strecke ist also eine Mischung aus der heutigen U6 und U7. Aber genug der für unsere Hörer:innen außerhalb von Berlin gänzlich uninteressanten Details. Das Stück durch das Stadtzentrum war bereits fertig und nun wurde am 30. Januar 1923 der nördliche Teil mit einem Festakt eröffnet und die Mopo feierte noch in der Abendausgabe mit. Eben noch auf der Strecke unterwegs und hier schon am Mikrophon – liest Paula Leu.
6 Minuten
Den Hitler-Ludendorff-Putsch im November 1923 kennt jede und jeder, die oder der sich ein wenig mit deutscher Geschichte befasst hat. Sehr viel weniger bekannt ist hingegen, dass die Nationalsozialisten früher im Jahr bereits auch schon mit Umsturzplänen zumindest kokettierten. Unter dem Eindruck der französisch-belgischen Ruhrbesetzung hatte Hitler in München eine Kundgebung angekündigt, die nach einigem Hin und Her in den bayerischen Behörden unter Auflagen bewilligt wurde und über die nahezu alle republikanischen Tageszeitungen in Berlin vorher und nachher auch ausgiebig berichteten. Die Vokabeln, mit denen der Aufmarsch hier beschrieben wurde, waren dabei durchaus unterschiedliche. Das 8-Uhr-Abendblatt, dessen Ausgabe vom 29.1. der nachfolgende Text entnommen ist, spricht in diesem Zusammenhang bereits von einem – missglückten – Putschtag, und tatsächlich führte die Route, wie wir erfahren, auch schon damals an der Feldherrenhalle vorbei. Es liest Frank Riede.
10 Minuten
Sucht man nach der Geschichte der deutschen Filmhochschulen, stößt man auf die Gründung der ersten Filmhochschule in Babelsberg im Jahre 1938, die auf Betreiben des Reichspropagandaministers Joseph Goebbels eingerichtet wurde. An selbiger Stelle wurde nach dem Zweiten Weltkrieg 1954 in der DDR die HFF Konrad Wolff aufgebaut. Doch es gab schon während der Weimarer Republik Filmschulen. Eine 1920 geplante Gründung in Berlin kam nicht zustande, in München aber existierte eine Filmschule zwischen 1921 und 1934. Der durchaus auf der Hand liegende und bereits in den USA und in der Sojwetunion erprobte Gedanke, für die boomende Filmindustrie Schauspieler:innen sowie vermutlich nur männliche Regisseure und Techniker auszubilden, manifestierte sich hier. Im Berliner Tageblatt vom 28. Januar 1923 schildert der Studienrat Dr. Konrad Wolter durchaus begeistert von dieser „Deutschen Filmschule in München“. Paula Leu liest für uns.
8 Minuten
Dass Journalist*innen die Wirklichkeit, über die sie berichten, durch ihre bloße Anwesenheit tendenziell verändern, ist ein Allgemeinplatz. Gerade in Kriegs- oder kriegsähnlichen Zusammenhängen vermag ihre schiere Präsenz im besten Fall Schlimmeres zu verhindern, weshalb der Berichterstatter des Berliner Tageblatts Erich Dombrowski die Begegnung mit zahlreichen internationalen Kollegen im besetzen Ruhrgebiet nicht nur persönlich begrüßt. Sein Artikel aus dem besetzten Essen vom 27. Januar 1923 schildert, wie dicht die von überall entsandten Korrespondenten den Vorkommnissen jener Tage kamen, gibt aber auch einen Eindruck von der Presse-Blase, die sich damals in und um das Hotel Kaiserhof bildete. Unser Vertreter vor Ort ist Frank Riede.
12 Minuten
Beinahe seit es Menschen gibt, gehört irgendeine Art von Brot zu den Grundnahrungsmitteln. Mehl, Wasser, vielleicht ein Triebmittel und eventuell Gewürze, Körner, Gemüse im Ofen gebacken ist an und für sich ein schlichtes Rezept, aber gerade deswegen enorm vielfältig. Nachdem, grob gesprochen, die traditionellen Bäcker nahezu ausgestorben sind, verdrängt von den industriellen Backketten, erleben sie in den letzten Jahren ein Revival und so mancher Großstädter, so manche Großstädterin steht lange Schlange, um handgefertigtes Brot zu erstehen. Während des Corona-Lockdowns gab es in Deutschland sogar nicht nur 80 Millionen Virolog:innen, sondern auch 80 Millionen Heimbrotbäcker:innen. Es ist angesichts der Bedeutung des Brotes kein Wunder, dass die DAZ am 26. Januar 1923 ein Blick auf die Qualitätsprobleme des Brotes in Berlin wirft. Paula Leu verköstigt mit, verschluckt sich aber hoffentlich nicht bei all der im Artikel enthaltenen patriarchalen Perspektive auf die Rolle der Frau und dem überlegen Blick auf die Naturvölker der Zeit.
6 Minuten
Die Besetzung des Ruhrgebiets goss natürlich besonders viel Wasser auf die Mühlen der nationalistischen und monarchistischen Rechten Bayerns. Hatten ohnehin die dortigen Landes-Regierungen von Anfang an ein gespanntes Verhältnis zur Weimarer Regierung kultiviert, so schaute nun die Hauptstadtpresse sorgenvoll nach Bayern, wie heftig die Reaktionen ausfallen würden und wie sehr radikale Positionen mehrheitsfähig werden könnten. Am 25. Januar 1923 hatte der Vorwärts Besorgniserregendes zu berichten, und er tat dies, indem er einfach einen Artikel aus der deutschnationalen München-Augsburger Abendzeitung nachdruckte. Frank Riede ermöglicht uns einen Einblick in die Bierkeller und monarchistischen Umzüge.
7 Minuten
Hin und wieder dokumentieren wir in diesem Podcast auch traurige Unfälle und Katastrophen, die sich vor 100 Jahren ereigneten. Auch haben wir immer die Artikel im Blick, die sich mit den Entwicklungen des Verlagswesens beschäftigen, die also von unseren Quellen und ihrer Entstehung erzählen. In der heutigen Folge verschmelzen diese beide Themenspektren, denn es ereignete sich am 24. Januar 1923 vormittags ein Bauunglück in einem Verlagshaus. Betroffen war das berühmte Mossehaus in der Schützenstraße, in dem u.a. das Berliner Tageblatt produziert wurde. Das von dem Verleger Rudolf Mosse erbaute Gebäude hatte 1919, während der Spartakusaufstände, Schäden erlitten und wurde 1921 bis 1923 im Stile der Neuen Sachlichkeit umgebaut und dabei um 2 Etagen aufgestockt. Nach der Fertigstellung dieser Aufstockung erwies sich die Decke als nicht genügend tragfähig und stürzte ein. In ihrer Abendausgabe berichtete also das Berliner Tageblatt von den Toten und Verletzten im eigenen Hause. Es liest Paula Leu.
7 Minuten
Zu den Dingen, die es schon länger gibt, also man vielleicht denken würde, zählt auch der Hometrainer. Bereits um 1900 sollen die beiden deutschen Sportmediziner Zuntz und Voigt in Berlin einen ersten sogenannten Fahrradergometer entwickelt haben, mit dem man in der heimischen Stube Kilometer machen und die eigene Fitness stählen konnte, ohne sich einen Zentimeter fortzubewegen. In Serie gegangen ist das Patent damals aber offensichtlich nicht; jedenfalls hatte ein sehr ähnliches Gerät ein knappes Vierteljahrhundert noch immer das Zeug zur Attraktion, über die sich ein namenloser Autor in der Vossischen Zeitung vm 23. Januar 1923 durchaus rege amüsierte. Begegnungsort war nicht etwa ein frühes Gym oder eine anderweitig typische Stätte sportlicher Betätigung, sondern, nun ja, ein Varieté, in dem sich junge Damen zur Freude eines mutmaßlich überwiegend männlichen Publikums um die Wette abstrampeln mussten. Bei den finanziellen Zuwendungen, die sie darüber generierten, zählte, wie man sich denken kann, offensichtlich nicht allein die sportliche Leistung. Frank Riede fährt ohnehin auf der Straße Rennrad, wenn er nicht gerade, wie hier, für uns liest.
7 Minuten
Dass die Entwicklung der motorisierten Luftfahrt in Deutschland durch die Bestimmungen des Versailler Vertrags gehemmt war, kam in diesem Podcast bereits das eine oder andere Mal zu Gehör. Doch worauf wichen die legal arbeitenden Ingenieure aus, wenn sie fliegen wollten: auf das Segelfliegen. Und tatsächlich etablierte sich ein rege Verbands- und Vereinsszene rund um den motorlosen Gleitflug, die sich ab 1920 jedes Jahr in der Rhön auf der Wasserkuppe zu einer Leistungsschau und einem Wettbewerb um den längsten, höchsten und weitesten Segelflug traf. Am 22.1. 1923 lieferte der Vorwärts einen Bericht vom Rhöntreffen des Vorjahres nach, bei dem die akademischen Segelflugforscher, zumindest im Vergleich mit den Heimwerkern, eine Bruchlandung erleben. Mit den Erben des Ikarus segelt für uns Paula Leu.