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Auf den Tag genau Archiv

2057 Episoden
6 Minuten
Anfang der 20. Jahre des 19. Jahrhunderts findet die sich seit der Jahrhundertwende verbreitende Freikörperkultur einen höheren Organisationsgrad mit dem 1923 erfolgten Zusammenschluss zahlreicher FKK-Vereine zur „Arbeitsgemeinschaft der Bünde deutscher Lichtkämpfer“. Bereits 1920 hatte der erste offizielle Nacktbadestrand auf Sylt geöffnet, am Motzener See bei Berlin entstand eine regelrechte Kolonie des Nacktbadens, das auch als „Schwedisches Baden“ bezeichnet wurde. Natürlich regte sich in konservativen Kreisen auch Gegenwehr gegen die Freikörperkultur, die sich nicht nur in medizinischen und juristischen Zeitschriften oder im Feuilleton äußerte, sondern auch in den „Chat-Foren“ von vor 100 Jahren: in den Leserbriefen, die in den Zeitungen abgedruckt wurden. Beim Hamburger Anzeiger hieß die entsprechende Rubrik „Sprechsaal“, und in diesem finden wir in der Ausgabe vom 27. August eine Zuschrift, in der das Nacktbaden verteidigt wird. Rosa Leu verleiht dem alten Wanderer ihre Stimme.
9 Minuten
Volle zehn Jahre hatten die Bayreuther Festspiele seit dem Beginn des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 pausiert, um bei der Wiederaufnahme des Festspielbetriebs im Sommer 1924 sogleich einen mittleren Eklat zu provozieren: In Anwesenheit zahlreicher prominenter Figuren der rechts-völkischen Szene wie etwa Erich Ludendorff geriet die Premiere der Meistersinger am 22. Juli zu einem Manifest nationalistischer Gesinnung, als das versammelte Publikum die berühmt-berüchtigte Schlussansprache des Hans Sachs wider den ‘welschen Tand‘ mit dem stehend gesungenen Deutschlandlied beantwortete. Ähnliche Reaktionen waren in Hamburg natürlich nicht zu verzeichnen, als wenige Wochen später im dortigen Stadt-Theater an der Dammtorstraße, dem Vor-Vorgängerbau der heutigen Hamburgischen Staatsoper, eine ähnlich lang ersehnte Neueinstudierung des Ring des Nibelungen über die Bühne ging. Berührungspunkte mit Bayreuth gab es indes hinsichtlich der Besetzung. Walter Soomer aus Leipzig, der in Bayreuth 1924 mehrere große Basspartien gesungen hatte, etwa war in Hamburg als Wotan engagiert. Und in durchaus etwas kurios anmutender Weise widmete der Kritiker des Hamburger Fremdenblattes, bei dem es sich vermutlich um Heinrich Chevalley handelt, am 26. August 1924 fast seine gesamte Rezension des Rheingold dieser Personalie. Es liest Frank Riede.
10 Minuten
So wie der Markenname Tempo zum Synonym für Taschentücher, oder Tesa zur Bezeichnung von allen Klebestreifen wurde, so setzte sich in der Luftschifffahrt der Zeppelin durch. Im August 1924 gab es gleich zwei Anlässe dafür, dass wir in nahezu allen Zeitungen Artikel zur Geschichte der Zeppeline finden. Zum einen Stand ein Testflug für eine feste Verkehrslinie über den Atlantik unmittelbar bevor, zum anderen jährte sich das erste Patent des Grafen Zeppelin zum 25. Mal. Wir haben uns für den Text aus dem Wandsbeker Boten vom 25. August entschieden, der uns unter anderem schildert, wie das erste Patent eines „Luftzuges“ aussah, aber auch die militärische Nutzung aufzeigt. Für uns liest Rosa Leu.
8 Minuten
Deutsche Bürokratie erfreut sich zweifelhafter Berühmtheit in aller Welt, und zu besonderer Absurdität vermag sie sich traditionell dort aufzuschwingen, wo sie sich mit deutscher Kleinstaaterei paart. Landesgrenzen verliefen vor einhundert Jahren bekanntlich noch quer durch heute Hamburger Stadtgebiet. Während die eine Straßenseite des Schulterblattes zur Freien und Hansestadt gehörte, lag die andere in Altona und damit auf preußischem Terrain, wo zum Teil völlig andere Gesetze galten. Das Bestattungsrecht gilt in Deutschland bis heute als sehr rigide, und das, erfahren wie aus dem Hamburger Echo vom 24. August 1924, war auch damals schon der Fall – mit feinen regionalen Abschattierungen. Frank Riede begibt sich mit uns auf eine Ämter-Odyssee zwischen Hamburg, Blankenese und Pinneberg.
7 Minuten
Der Mount Everest gilt bekanntlich als höchster Berg der Welt. 8848 Meter erhebt er sich über den Meeresspiegel – und damit 8852 Meter über den tiefsten Punkt von Hamburg-Wilhelmsburg. Da Gegensätze sich aber nun einmal anziehen, ist es nicht verwunderlich, dass sich auch die Wilhelmsburger Zeitung am 23. August 1924 mit einem Artikel in den Wettlauf um die Bezwingung dieses höchsten aller Gipfel auf dem Planeten einschaltete. „Wie der Everest sich wehrt“ – das klingt fast wie einer der vielen Berichte aus unseren Tagen über den Overtourism im Himalaya. Faktisch geht es aber um die alten Themen der Sauerstoffknappheit in großer Höhe und ihre Konsequenzen für den menschlichen Körper, die, wie wir heute wissen, die erfolgreiche Erstbesteigung des Everest damals noch um weitere 29 Jahre aufschoben. Unsere Frau am Berg ist Rosa Leu.
8 Minuten
Eine der Herausforderungen der Kriegs- und Nachkriegszeit besteht in der Versorgung und Unterstützung von durch den Krieg gesundheitlich Versehrten. Diese Gruppe wurde in der Weimarer Republik auch als „Kriegsbeschädigte“ bezeichnet und litt besonders stark unter der Wirtschafts- und Finanzkrise des Jahre 1923. Der profilierte Sozialpolitiker der Deutschen Volkspartei Georg Streiter machte in den Altonaer Neuesten Nachrichten vom 22. August 1924 auf deren Lage aufmerksam. Er hatte im Ersten Weltkrieg als Krankenpfleger des Roten Kreuzes gearbeitet und engagierte sich auch außerhalb der Politik sein Leben lang in der Kriegsbeschädigten- und Hinterbliebenenfürsorge. In der Zeit des Nationalsozialismus schied er aus der Politik aus und arbeitet Hauptberuflich für das Rote Kreuz. Kurz vor dem Kriegsende wurde er unter noch nicht geklärten Umständen ins Konzentrationslager Ravensbrück verschleppt und dort ermordet. Über die Situation der „Kriegsbeschädigten“ im Jahre 1924 informiert uns Frank Riede.
14 Minuten
Was die „Deutsche Malerei“ zwischen 1874 und 1924 ist, lässt sich gar nicht so genau beantworten und hängt von der herrschenden Kanonisierung ab. Daher ist es spannend, sich vergangene Bewertungen anzuschauen. Wie gut, dass im Jahre 1924 in München eine Ausstellung mit dem Titel „Die Deutsche Malerei in den letzten 50 Jahren“ gezeigt wurde, von der das Hamburger Fremdenblatt vom 21. August 1924 berichtete. Für das Blatt hatte der Kunsthistoriker Victor Dirksen diese Zusammenstellung besucht die dortige Auswahl reflektiert. Dirksen hatte in Berlin studiert und fand 1919 Anstellung als Assistent und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Hamburger Kunsthalle. Und eigentlich erfahren wir dann doch mehr über die Vorlieben des Kunstkritikers, als über den Kanon des Museums, da dieser weite Teile der Moderne in seinem Bericht ausklammert. Rosa Leu liest für uns diesen 100 Jahre alten Rückblick.
7 Minuten
Soll weiter ein gewaltsamer Umsturz gesucht werden, soll mit Parteien versucht werden die Wahlen zu gewinnen? Vor dieser Frage standen die völkischen und nationalsozialistischen Gruppierungen im Jahre 1924. Infolge des Hitler-Ludendorff-Putsches 1923 waren die NSDAP verboten und Hitler inhaftiert. In der Folgezeit gab es mehrere Bemühungen, etwa betrieben von Ludendorff, einzelne völkische Parteien und die Nationalsozialisten für die Wahlen zu Fraktionen zu verbinden, oder darüber hinaus eine völkische Sammelpartei zu etablieren. In diesem Kontext ist auch die Gründung der „Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung“ zu betrachten, die sich auf einer völkischen Tagung in Weimar am 16. und 17. August versammelte. Der Bericht im Hamburger Fremdenblatt zeigt deutlich das Bemühen der diversen Gruppierungen um eine straff organisierte Partei nach dem Führerprinzip und legt zugleich auch die Uneinigkeit zwischen den einzelnen Machtgruppen offen. Tatsächlich war dieser Zusammenschluss, den Teile der Nationalsozialisten bei den Wahlen boykottierten, spätestens mit der Haftentlassung Hitlers Ende des Jahres und der anschließenden Wiederzulassung der NSDAP Geschichte. Es liest Frank Riede.
9 Minuten
Plutarco Elias Calles war im Juli 1924 zum Präsidenten von Mexiko gewählt worden. Zuvor hatte sich seine Fraktion im mexikanischen Militär in blutigen Kämpfen und Säuberungen durchgesetzt. Er sollte bis 1928 Präsident und bis zu seinem Tod 1945 die prägende Figur der mexikanischen Politik bleiben. Offensichtlich reiste er bereits einen Monat nach seiner Wahl und noch vor seinem Amtsantritt nach Europa und erreichte am 19. August Cuxhaven und anschließend Hamburg. Lesen wir den Artikel über seine Ankunft aus dem Hamburger Anzeiger von diesem Tage, so wird zum einen deutlich wie sehr sich die selbstbewusste Handelsstadt Hamburg als politisch-wirtschaftliche Größe sah, die unabhängig vom Reich Handelsverträge mit anderen Staaten abschloss. Zum anderen wird deutlich mit welchem Enthusiasmus der zum Held der Freiheit verklärte Calles empfangen wurde. Dies ging sogar soweit, dass andere Hamburger Zeitungen Begrüßungen in spanischer Sprache abdruckten. Vielleicht mag diese Begeisterung auch mit der im Artikel thematisierten Auswanderungsbewegung von Deutschland nach Mexiko zusammenhängen. Es liest Rosa Leu.
10 Minuten
Vossische Zeitung, Berliner Lokal-Anzeiger, Berliner Börsen-Courier – langjährigen Hörerinnen und Hörern dieses Podcast dürften diese Namen noch sehr geläufig sein. Dass sie es heute gleich in Mannschaftsstärke in das Programm von Auf den Tag genau geschafft haben, läutet keine Rückkehr nach Berlin ein, sondern ist dem Umstand geschuldet, dass man in Hamburg zwar seine eigenen Zeitungen las, diese in begründeten Fällen aber durchaus ein Auge darauf warfen, wie die Hauptstadtpresse bestimmte Entwicklungen kommentierte. Konkreter Anlass für die Presseschau im Hamburgischen Correspondenten vom 18. August 1924 waren die Resultate einer Londoner Konferenz, die sich mal wieder um Einigkeit in Kriegsreparationsfragen bemühte. Dass die regierungsnahen Organe wie der sozialdemokratische Vorwärts, die Zentrums-Parteizeitung Germania oder das liberale Berliner Tageblatt das deutsche Verhandlungsergebnis positiver bewerteten als die Blätter des nationalkonservativen bis völkischen Lagers, vermag wenig zu überraschen. Es liest Frank Riede.
6 Minuten
Immer wieder schaffen wir bei Auf den Tag genau auch Platz für ein besonders Zeitungsgenre mit langer Tradition: den „fait divers“. Im Falle des Hamburgischen Correspondenten heißt diese Rubrik „Unpolitische Bilder“. Die Nachrichten sind zwar nicht ganz so kurz wie die Dreizeiler der prägenden Größe dieser Form aus dem fin de siecle, Felix Feneon, besitzen aber eine enorme Bandbreite von unscheinbaren Randnotizen bis zu Neuigkeiten rund um die Großen der Geschichte. Rosa Leu informiert uns also aus der Ausgabe vom 17. August 1924 unter anderem über Scheidungen in Ungarn und über eine heimwehkranke Kuh.
8 Minuten
Die sogenannte deutsch-französische ‘Erbfeindschaft‘ – in den frühen Jahren der Weimarer Republik stand sie in schrecklicher Blüte. Spätestens seit der französischen Ruhrbesetzung im Frühjahr 1923 fungierte Franzosenhass als kleinster gemeinsamer politischer Nenner bis weit in die bürgerliche Mitte und brach sich nahezu täglich auch in ungezählten Zeitungsartikeln Bahn. Nach anderen Erzählungen über Frankreich muss man selbst in der sozialdemokratischen Presse eher suchen – aber am 16. August 1924 wurden wir im Hamburger Echo fündig! Der Autor Kurt Lenz blickt dort nach Reims und erinnert nicht nur an die brutale Zerstörung dieser alten französischen Krönungsstadt durch deutsche Truppen zu Beginn des Ersten Weltkrieges. Er berichtet auch über den mühseligen Wiederaufbau – und trifft hier auf erstaunlich wenig anti-deutsches Ressentiment. Es liest Frank Riede.
5 Minuten
Es lohnt sicherlich, die Vorgeschichte des Kinos und die Entwicklung der Kinematografie selbst nicht teleologisch als logische Entwicklung bis zum heutigen 3D-Kinospektakel zu betrachten. Es waren sicherlich an jeder Stelle mögliche andere Entwicklungen angelegt. Einer der großen Stummfilmregisseure, ein Pionier der Filmmontage, ist David W. Griffith, der zugleich auch zu den problematischsten Filmemachern der Epoche zählt, da sein wohl bedeutendster Film „Birth of a Nation“ ein zutiefst rassistisches Werk ist, das den Ku-Klux-Klan heroisiert. Das Hamburger Fremdenblatt vom 15. August druckte seinen Blick 100 Jahre in die Zukunft des Filmes, also auf den Film 2024 ab. Rosa Leu führt uns in diese alternative Jetztzeit.
16 Minuten
Rosa Schapire stammte (wie Joseph Roth) aus Brody in Galizien, war promovierte Kunsthistorikerin und lebte seit 1905 in Hamburg, wo sie sich als Übersetzerin und Autorin betätigte und unter anderem in vielfältigem Austausch mit Protagonisten der Künstlergruppe ‘Brücke‘ stand. Daneben unternahm sie ausgedehnte Reisen, die sie 1924 auch ins Heilige Land führten. Ganz modern mit dem Zug aus Ägypten traf sie in Jerusalem ein und fand eine flirrend-multikulturelle Stadt vor, in der ihr die Weltgeschichte aus jedem Stein entgegenblickte, sie zumindest untergründig aber auch auf sich neu ankündigende große Konflikte stieß. Herausgekommen ist das ungeheuer lebendige Porträt einer faszinierend vielgestaltigen Stadt, das das Hamburger Fremdenblatt am 14. August 1924 veröffentlichte. Auf die Spuren von Rosa Schapire in Jerusalem begibt sich für uns Frank Riede.
10 Minuten
Während alle Augen auf die diesjährige Präsidentschaftswahl in den USA gerichtet sind, lenken wir kurz die Aufmerksamkeit auf die entsprechende Wahl vor 100 Jahren, als bei der 35. Wahl des Präsidenten der Republikaner Calvin Coolidge gegen den demokratischen Kandidaten John W. Davies antrat. Coolidge hatte 1923 nach dem Tod von Warren G. Harding das Präsidentenamt übernommen und sollte diese Wahl haushoch mit 362 Wahlleuten gewinnen. Natürlich waren die beiden Parteien gänzlich anders aufgestellt als heute, und die politische Landkarte ebenfalls weit weg vom heutigen Stand, was die Siege des Demokraten im heute traditionell tiefroten Südosten des Landes belegen. Was den politischen Umgangston angeht, lassen sich schon eher Parallelen finden, wenn wir der Einstimmung eines gewissen Dr. Friedrich Glaser auf den amerikanischen Wahlkampf aus dem Hamburgischen Correspondenten vom 13. August 1924 folgen, die Rosa Leu für uns liest.
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Der Podcast mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Welt vor hundert Jahren