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Auf den Tag genau Archiv

2057 Episoden
16 Minuten
Die Gegend um das Nobistor, an dem das preußische Altona endete und in die hamburgische Vorstadt auf dem „Hamburger Berg“, die seit 1833 St. Pauli heißt, überging, war vor einhundert Jahren so legendär wie verrufen. Vor allem die Gegend um die Finkenstraße schaffte es immer wieder in den Polizeibericht, vor allem wegen der hier üppig gedeihenden Prostitution. Auch eine Razzia, der sich die Altonaer Neuesten Nachrichten vom 25. Oktober 1924 anschließen, zielt, so scheint es, vor allem auf dieses ‘horizontale Gewerbe‘ und führt dabei auch in die berüchtigte Finkenbude, die es als damals berühmteste sogenannte ‘Penne‘ mittlerweile sogar auf einen eigenen Wikipedia-Artikel bringt. Die seltsame Mischung aus offenem Ekel, wohligem Schauder und einer eher dünnen Prise Mitleid mit den hier im Elend lebenden Menschen dokumentiert für uns Rosa Leu.
15 Minuten
Mit Rosa Schapire, Muse der Expressionisten, Kunsthistorikerin und -sammlerin, Autorin und Wahlhamburgerin, waren wir vor einigen Wochen bereits im aufreibenden Jerusalem der 1920er Jahre. Heute geht die Reise weiter. Nicht mehr wie anfangs per Zug, sondern nunmehr im PKW macht sich die Autorin auf einen wilden Roadtrip kreuz und quer durchs Heilige Land, von Bethlehem via Hebron zum See Genezareth, über Haifa und Akko ins junge, aber rasant wachsende Tel Aviv. Ohne selbst zur Zionistin zu werden, zeigt sich die deutsch-österreichische Jüdin Schapire von der Aufbruchsstimmung, auf die sie allerorten trifft, doch durchaus fasziniert und verlässt Palästina mit optimistischen Gefühlen, die sie am 24. Oktober 1924 im Hamburger Fremdenblatt mit dessen Leserinnen und Lesern teilt. In diese vergleichsweise friedliche Zeit zu versetzen versucht sich für uns Frank Riede.
7 Minuten
Hin und wieder schauen wir gern in die Rubriken der gemischten kleinen Nachrichten, der „fait divers“ in den Zeitungen. Sie decken oftmals die Ereignisse ab, die heutzutage sog. Boulevardzeitungen zu Hauptnachrichten machen. In der heutigen Folge schauen wir uns mit dem Wandsbeker Boten vom 23. Oktober 1924 in Schleswig-Holstein um. Neben Wild-West-Szenen mit durchdrehenden Ochsen und großen Bränden weiß Rosa Leu auch von einem unvorsichtigen Wegelagerer zu berichten.
8 Minuten
Während zahlreiche Sportarten 1924 in den Zeitungen noch nicht regelmäßig auftauchten, hatte sich die Faszination für den Autosport bereits fest etabliert – und ein Fixtermin im Jahreskalender war der zum vierten Mal stattfindende große Preis von Italien, der auf der 10 Kilometer langen Rennstrecke in Monza gefahren wurde. 1924 wurden 80 Runden gefahren und zugelassen waren Werksmannschaften mit Rennwagen bis zu 2 Liter Hubraum und einem Mindestgewicht von 650 Kilogramm. Der ursprüngliche Termin sollte der 7. September sein, da aber Fiat und Mercedes ihre Teilnahme zurückzogen, wurde das Rennen auf den 19. Oktober verschoben. Weil Giovanni Agnelli, dem Inhaber von Fiat, die Techniker scharenweise kündigten und zum Konkurrenten Alfa Romeo wechselten, blieb Fiat auch im Oktober fern. Das Hamburger Fremdenblatt berichtete am 22. Oktober über den Verlauf des Rennens. Frank Riede teilt uns also mit, welches Werk die stärksten Autos an den Start bringen konnten und wie gefährlich der Autorennsport damals war, wie sehr auch tödliche Unfälle bei dem Spektakel eingepreist waren.
6 Minuten
Die Reichstagswahlen vom 4. Mai 1924 hatten die Parteien der politischen Mitte von SPD und DVP empfindlich geschwächt und die politischen Ränder – Deutschnationale und Völkische auf der rechten, die Kommunisten auf der linken Seite – erheblich gestärkt. Entsprechend schwierig gestaltete sich in der Folge eine Regierungsbildung. Die Koalition von Zentrum, DVP und DDP unter Wilhelm Marx hatte zwar bei weitem keine Mehrheit mehr, schaffte es aber immerhin, als Minderheitenkabinett den Dawes-Plan durch den Reichstag zu bekommen, der die deutschen Reparationszahlungen neu regelte, die deutsche Wirtschaft wieder kreditfähig machte und zur Grundlage eines schnell einsetzenden ökonomischen Aufschwungs werden sollte. In den Altonaer Neuesten Nachrichten vom 21. Oktober 1924 ist von diesem Kraftakt nichts zu lesen. Die Auflösung des Reichstages und die Entscheidung für Neuwahlen im Dezember kommentierte man hier eher polemisch mit einer Pauschalkritik an den gewählten Parlamentariern. Mehr dazu von Rosa Leu.
9 Minuten
Wie dienstags bis samstags erschien das Hamburger Fremdenblatt auch an Montagen zweimal. Allerdings firmierte die Morgenausgabe hier, statt unter dem gewohnten Titel, als HF am Montag und wies sich im Untertitel als ‘Sport-Zeitung des Hamburger Fremdenblattes‘ aus. Tatsächlich nahmen galoppierende Pferde und fliegende Bälle hier deutlich mehr Raum ein als in den sonstigen Ausgaben. Dennoch fanden sich auch im HF am Montag die wichtigsten politischen Informationen, und selbst gelegentliche feuilletonistische Betrachtungen musste man nicht entbehren. Auch nicht am 20. Oktober 1924, an dem wir auf eine kleine launige Typologie des Wartens bzw. der Wartenden gestoßen sind. Frank Riede garantiert, dass beim Warten keine Langeweile aufkommt.
7 Minuten
Die Wahl der Hamburger Bürgerschaft war am 19. Oktober 1924 nur noch eine Woche entfernt. Das liberale Hamburger Fremdenblatt nutzt in seiner Ausgabe an diesem Tag die Gelegenheit, einige Wahlempfehlungen zu geben, die - zumindest vordergründig - nicht parteipolitischer Natur sind, es kann sich aber am Ende jeder ausrechnen, welcher politischen Ausrichtung die Sympathie des Blattes gilt. Ein Thema dieser Wahl war sicherlich die Zersplitterung, da viele gewerbe- und berufsspezifische Wahllisten antraten, auch die Wahlbeteiligung wird im Kampf gegen die politischen Ränder thematisiert. Rosa Leu liest für uns diesen Aufruf zur Stärkung der politischen Mitte von vor hundert Jahren.
12 Minuten
Unmittelbar vor den Toren Hamburgs gelegen, wurde Wandsbek in den 1920er Jahren als schleswig-holsteinische und damit preußische Stadt nach wie vor von Berlin aus regiert. Dass man es hier schaffte, darüber hinaus gelegentlich auch nach der nach Berlin und Hamburg auch schon damals drittgrößten deutschen Stadt zu blicken, belegt ein Münchener Brief, den der Wandsbeker Bote am 18. Oktober 1924 abdruckte. Manches in dessen Zeilen klingt erstaunlich vertraut: dass die Bayerische Staatsoper künstlerisch wie technisch Maßstäbe zu setzen vermochte, der Himmel über den weißen Bergen strahlend blau im Föhn schien und man in ihm bisweilen wenn nicht göttliche, so zumindest kirchliche Zeichen erblicken konnte. Nur dass man, wie wir auch erfahren, hier in die Schiene investierte, klingt so gar nicht glaubwürdig nach bayerischer Verkehrspolitik. Unser Mann für weiß-blaue G’schicht’n heißt heute Frank Riede.
5 Minuten
Mitte Oktober 1924 war der Wahlkampf zur Bürgerschaftswahl von Hamburg in vollem Gange. In Abwesenheit von Podcasts, Radio und Fernsehen fand der Kontakt zwischen den Parteien und den Wähler*innen auf den Zeitungsseiten, mittels Flugblätter und auf Wahlveranstaltungen statt – und natürlich über eine umfangreiche Plakatierung des öffentlichen Raumes. Diese allerdings wurde regelmäßig als eine Verschandelung wahrgenommen, die, so die Experten des Bauwesens, auch die ursprüngliche Bemalung der plakatierten Flächen schädigte. Aus dem Hamburger Fremdenblatt vom 17. Oktober erfahren wir, dass die Zentrumspartei eine Übereinkunft aller Parteien anstrebte, auf das Plakatieren zu verzichten. Ob sie mit dieser Initiative erfolgreich war, weiß Rosa Leu.
10 Minuten
Wie groß die Faszination gewesen sein muss, die vor einhundert Jahren von plötzlich über der Stadt am Himmel kreuzenden Luftschiffen ausgegangen ist, war hier im Podcast bereits vor einigen Wochen ausgiebig zu besichtigen: Der neueste und bisher größte Zeppelin L.Z. 126 aus der gleichnamigen Friedrichshafener Werft war bei seiner Jungfernfahrt auch über Hamburg geflogen und hatte dort wie überall die Menschen auf die Straßen getrieben. Mittlerweile hatte er den Ozean überquert, um in den USA, als offizielle Kriegsreparation, in den Dienst der US-Navy gestellt zu werden. Auch im sogenannten Land der (gerade auch technisch) unbegrenzten Möglichkeiten wurde er als echte Sensation empfangen, derentwegen sich die Menschen in großer Zahl an den Fenstern, auf den Kreuzungen und auf Dächern versammelten. Den Hamburgischen Correspondenten erfüllte dieser Anblick mit hörbar großen auch patriotischen Gefühlen – und ließ ihn in seinem Bericht vom 16. Oktober 1924 der Hoffnung Ausdruck geben, dass diese ‘Luftbrücke‘ zwischen Deutschland und Amerika auch eine politischen Wiederannäherung nach der Konfrontation im Weltkrieg nach sich ziehen möge. Unser Berichterstatter aus New York ist Frank Riede.
10 Minuten
In netto bald viereinhalb Jahren Auf den Tag genau sind unter anderem auch eine stattliche Anzahl Reiseberichte in unserem Archiv zusammengekommen; wovon wiederum ein hoher Prozentsatz auf das der Deutschen seit den Kimbern und Teutonen liebste Sehnsuchtsland Italien entfiel. Auch der heutige Artikel aus dem Hamburger Anzeiger vom 15. Oktober 1924 weist geographisch in diese vertraute Richtung, fällt dabei zum einen aber insofern aus dem vertrauten Rahmen, als er sich nicht über die gewohnte Brennerroute gen Süden stürzt, sondern das aus deutscher Perspektive etwas abgelegen im Nordosten situierte Friaul bereist. Zum anderen überrascht er auch mit einer für das Reisegenre ungewohnt düsteren Tonalität, die sich durch den gesamten Text zieht, bis das Autor-Ich an dessen Ende endlich wieder kärntnerische Erde unter seinen Füßen weiß. Das mag zum Teil der spätsommerlichen Jahreszeit der Reise geschuldet sein, ist vor allem aber darauf zurückzuführen, dass die Schrecken des in diesem Winkel Europas besonders brutal ausgekämpften Ersten Weltkriegs den Reisenden des Jahres 24 hier immer noch auf Schritt und Tritt begleiteten. Ins Tal des Tagliamento wagte sich für uns Rosa Leu.
9 Minuten
Hamburg war in seiner Geschichte bekanntlich nie eine Residenzstadt, und so ist auch der stolze Bestand seiner Kunsthalle bis heute voll und ganz Ergebnis bürgerschaftlichen Engagements. Als wichtigste Phase des Sammlungsaufbaus gilt gemeinhin die Direktorenzeit Alfred Lichtwarks zwischen 1886 und 1914, aber auch unter seinem Nachfolger Gustav Pauli blieb man in Hamburg am Puls der Zeit und sammelte trotz widriger ökonomischer Verhältnisse nicht nur weiter fleißig französische und deutsche Impressionisten, sondern öffnete sich früh auch für die neuesten Wellen der ästhetischen Moderne wie den noch sehr umkämpften Expressionismus. Stolz kann der Hamburgische Correspondent am 14. Oktober 1924 gleich eine ganze Reihe namhafter Neuanschaffungen für die Kunsthalle vermelden. Das Gemälde Paul Cézannes von der Seine „Am Quai de Bercy“ etwa ist dort noch heute zu besichtigen. Andere Erwerbungen wie etwa Oskar Kokoschkas berühmte „Windsbraut“ gingen der Hansestadt hingegen während der Nazi-Herrschaft verloren, wobei man Karl Hofers „Freundinnen“, von denen auch die Rede ist, 1947 glücklicherweise wieder zu erwerben vermochte. Am Glockengießerwall umgesehen hat sich für uns Frank Riede.
7 Minuten
Wer Auf den Tag genau bereits in Berliner Zeiten gehört hat, dem wird Manfred Georg, manchmal auch als Manfred George firmierend, ein Begriff sein. Als meinungsfreudiger Theaterkritiker wie als feinnervig-wortgewaltiger Gesellschaftsanalyst vor allem für die Berliner Volks-Zeitung war er häufig in unserem Programm zu Gast, und auch sein heutiger Beitrag aus dem Hamburger Echo vom 13. Oktober 1924 lässt an Wahrheit und Klarheit nichts zu wünschen übrig. Mit ungeschönten Worten erinnert Georg an die Schrecken des noch nicht lange zurückliegenden Weltkrieges und stemmt sich in seinem Text energisch gegen die revanchistischen Planer und Prediger eines deutschen Rachefeldzuges. Unterstützung holt er sich dabei von zwei bildenden Künstlern: Otto Dix und Willibald Krain. Wie er das tut, weiß Rosa Leu.
7 Minuten
Wer hat die größten Vorteile bei einer Neuwahl? Was kann man den Parteien, die Angst vor einer Neuwahl haben, politisch abringen? Wie lässt sich ein Keil zwischen kooperierende Parteien treiben? Alles Fragen, die die politische Landschaft der Weimarer Republik in der Krise des zweiten Kabinetts Marx prägten. Die Koalition aus Zentrum, Deutscher Volkspartei und Deutscher Demokratischer Partei stand im Herbst 1924 vor dem aus. Wie das liberale Hamburger Fremdenblatt vom 12. Oktober auf die Ränkespiele auf Reichsebene blickte, erfahren wir von Frank Riede.
12 Minuten
Als am 6. Juni 1971 der Stern titelte „Wir haben abgetrieben!“ und sich in dem Artikel 374 teilweise prominente Frauen zu dieser Straftat laut Paragraph 218 bekannten, brachte es dieses tabuisierte Thema ins Bewusstsein, in den politischen Diskurs und prägte und befeuerte die feministische Bewegung. Organisiert war die Kampagne von Alice Schwarzer nach dem Vorbild einer ähnlichen Aktion in Frankreich. Der Kampf gegen den Paragraphen 218 ist natürlich viel älter und so erfahren wir heute in unserem Podcast vom Prozess gegen den Apotheker Heiser, der für die Durchführung von Abtreibungen vor Gericht landete. Der Hamburger Echo vom 11. Oktober 1924 ergreift deutlich Partei für den Angeklagten und schildert dessen Kampf gegen den Paragraphen, der darin bestand, diesen Prozess, der auf einer Selbstanzeige Heisers basierte, öffentlichkeitswirksam zu führen, indem er 400 seiner Klientinnen zu dem mutigen Schritt bewegen konnte, dass sie sich öffentlich zu ihrer Abtreibung bekannten und damit potentiell ebenfalls auf der Anklagebank landeten. Rosa Leu kennt die Details zu diesem weitgehend vergessenen Prozess und zur politischen Debatte rund um den Paragraphen 218 in Weimar.
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