Auf den Tag genau Archiv
2057 Episoden
10 Minuten
Vor einhundert Jahren, man erinnert sich mit Wehmut, konnte man sich in Europa noch einfach in einen Zug setzen und – die passenden Papiere vorausgesetzt – über Landesgrenzen hinweg reisen ... 1920 hieß das freilich, einen aufgewühlten, von Veränderungen aufgeriebenen Kontinent zu erfahren, gerade wenn man, wie der renommierte Korrespondent des Berliner Tageblatts Theodor Berkes seinen Zuständigkeitsbereich in Südosteuropa hatte. In seinem Bericht vom 29. April beschreibt Berkes eine Bahnfahrt von Belgrad nach Saloniki und vermittelt darin einen lebhaften Eindruck von der Wirklichkeit auf dem Balkan nach dem Ersten Weltkrieg. Es liest Frank Riede.
5 Minuten
Nachdem der 1. Mai 1919 einmalig ein Feiertag war, wurde im April 1920 in der Nationalversammlung darüber abgestimmt, ob dies verstätigt wird - und vom bürgerlichen Lager gegen die Stimmen der SPD und USPD verhindert. In der Weimarer Republik war der 1. Mai fortan ein regulärer Werktag. Der Vorwärts ruft am 28.4. die Arbeiterschaft auf, dennoch die Arbeit an dem Tag niederzulegen. Ein Tagesstreik, der nochmals all jenen, die gegen den Feiertag gestimmt haben, zeigen soll, dass man nicht mehr an der Arbeiterschaft vorbei entscheiden kann, und dass ihr ein eigener Feiertag zusteht. Es liest Paula Leu.
5 Minuten
Das metereologische Observatorium auf der Zugspitze feiert 1920 sein zwanzigjähriges Bestehen. Welche Bedeutung die auf der Spitze des höchsten deutschen Berges in extremen Wetterbedingungen gelegene Station für die noch junge metereologische Wissenschaft hat, darauf weißt am 27.4.1920 der ›Vorwärts‹ hin; und darauf, dass diese einzigartige Institution durch die allgemeine Teuerung als Folge des Weltkrieges vor ihrem Aus steht. Gelesen von Paula Leu.
23 Minuten
Am heutigen 26.4.2020 hören Sie zusätzlich zu unserer täglichen Podcast-Folge die zweite Ausgabe unseres Interviewformats "Dreieinhalb Fragen an...". Diesmal sprachen wir mit Prof. emeritus Hans Ulrich Gumbrecht, der uns telefonisch aus Kalifornien zugeschaltet war. Von 1989 bis 2018 lehrte Gumbrecht als Professor für Komparatistik an der Stanford-Universität in Palo Alto. Aber auch in Deutschland war und ist er eine wichtige Stimme in den intellektuellen Debatten der Republik. Sein Buch ‚1926. Ein Jahr am Rande der Zeit‘ von 2001 sucht die Atmosphäre der 1920er in einem Panorama synchroner Alltagsphänomene dieser Zeit zu neuem Leben zu erwecken.
5 Minuten
Der mondäne Badeort San Remo an der italienischen Riviera ist heutzutage vor allem für sein alljährliches Musikfestival sowie als Zielort eines Radsportklassikers berühmt. Weniger bekannt ist, dass hier 1920 eine der folgenschwersten politischen Konferenzen ihrer Zeit stattfand, die nach der endgültigen Zerschlagung des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg die Weichen für eine Neuordnung insbesondere der arabischen Welt stellte - und die in ihren Konsequenzen vielen Historikern heute als Geburtsstunde des Nahostkonflikts gilt. Von diesem Haupttagungsordnungspunkt findet sich im Kommentar des Berliner Börsen-Couriers vom 26. April indes nichts, der sich stattdessen ganz auf das eher am Rande verhandelte Thema der deutschen Kriegsreparationen fokussiert. Es liest Frank Riede.
4 Minuten
Heute, am 25. April 1920, bietet sich uns die Gelegenheit für einen Blick in die Zeitungsrubrik „In aller Kürze“ der Morgenpost. In den kleinen Meldungen dieses Tages erfahren wir nicht nur, wo die Heringe der Weimarer Republik herkamen, und wie es bei dem Putsch gegen Cabrera in Guatemala, von dem wir am 13.4. kurz berichteten, weiterging, sondern auch, was zunächst seitens der schwedischen Behörden verfügt wurde über den Umgang mit dem flüchtigen Putschführer Wolfgang Kapp, von dessen Verhaftung wir zuletzt am 17. April berichtet hatten. Es liest Paula Leu.
8 Minuten
Mit dem verlorenen Ersten Weltkrieg war für Deutschland nicht nur eine Verschiebung seiner Außengrenzen verbunden. Im Zuge der anschließenden Revolution von 1918/19 veränderte sich die politische Geographie des Landes zum Teil auch im Inneren. Von einem diesbezüglich besonders weitreichenden Vorgang berichtet am 24. April 1920 die Deutsche Allgemeine Zeitung: Aus den zersplitterten vormaligen ernestinischen Herzogtümern und dem Volksstaat Reuß formierte sich seinerzeit das Land Thüringen. Eine Extrawurst briet lediglich der Freistaat Coburg, der bei dieser Fusion nicht mitmachen wollte. Seine Bewohner entschieden sich per Volksentscheid vielmehr für einen Anschluss an Bayern. Es liest Frank Riede.
6 Minuten
Der 1887 geborene Kurt Schwitters war ein vielseitiger Künstler, dessen Werk u.a. Lyrik, Prosa, Theaterstücke, Installationen, Gemälde, Collagen und Illustrationen umfasst. Im Jahre 1918 lernte er Herwarth Walden kennen, der die bedeutende expressionistische Zeitschrift Der Sturm herausbrachte, die im selben Gebäude, in dem sich ihre Redaktion befand, auch eigene Ausstellungsräume betrieb. Im April 1920 besucht der Architekt und Kunstkritiker Adolf Behne dort eine Ausstellung von Schwitters und verteidigt in der Freiheit vom 23.4. dessen materialtechnisch innovative Arbeiten. Es liest Frank Riede.
4 Minuten
Die 1920er Jahre waren auch für das Telefonsystem in Deutschland ein wichtiges Jahrzehnt. Gesetzliche Grundlagen wurden geschaffen, eine technische Infrastruktur neu bzw. nach den Zerstörungen des Weltkriegs wiederaufgebaut. Die Erhöhung der Postgebühren sollte nun – auch über eine Art Zwangskredit, den jeder Fernsprechteilnehmer zu leisten hatte – die finanzielle Grundlage bilden, um Vorhaben wie die Auslegung von Seekabeln zwischen den voneinander getrennten Reichsteilen in Angriff nehmen zu können. Am 22.4. berichtet die Vossische Zeitung über das entsprechende Gesetz. Es liest Paula Leu.
2 Minuten
Anfang des 20. Jahrhunderts war die Kartoffel das wichtigste Grundnahrungsmittel, vor allem der nicht so gut betuchten Bevölkerung. 1920 kämpfte der Deutsche Landwirtschaftsrat für einen Austritt aus der Zwangswirtschaft der Kartoffel. Von diesen Bemühungen, besonders die Stadtbevölkerungen mit genügend Knollen beliefern zu können, berichtet am 21. April in einer kurzen Notiz das Berliner Tageblatt. Es liest Paula Leu.
5 Minuten
Reichswehrminister Noske, alte Reizfigur der Linken seit der Revolution 1918/19, hatte auch während des Kapp-Putsches eine mindestens unglückliche Figur gemacht. Nicht zuletzt sein zögerliches Verhalten bestärkte die Putschisten in ihrem Glauben, letztlich leichtes Spiel mit den politischen Institutionen der Republik zu haben. Obwohl er als Minister danach nicht mehr zu halten war, blieb Noske dank seiner Verbindungen durchaus einflussreich. Als Sprecher der Regierungskoalition im Haushaltsausschuss äußerte er sich wenige Wochen nach der Märzkrise auch zum Marine-Notetat; auf eine Weise, die wiederum die Parteizeitung der USPD, die Freiheit, am 20. April zu einer deutlichen Kritik an Noske und seiner ‘rechtssozialistischen’ SPD veranlasste. Gelesen von Frank Riede.
6 Minuten
Bis zur Einführung der Bundesliga im Jahr 1963 war der deutsche Fußball über viele Jahrzehnte stark regional organisiert. Insbesondere in den Großstädten konkurrierten eine Vielzahl heute nicht selten vergessener Clubs um lokale Vorherrschaft. Mit Mannschaften aus anderen Teilen des Reiches maß man sich nur einmal kurz im Sommer, wenn die Meister der jeweiligen Verbände in einer straffen K.o-Runde den deutschen Meister ausspielten. Und in sogenannten Städtespielen, die sich gerade in Berlin großer Beliebtheit erfreuten. Wenn es gegen Auswahlmannschaften anderer Metropolen ging, trugen die ansonsten rivalisierenden Spieler von Hertha, Viktoria oder Tennis Borussia und ihre Anhänger für 90 Minuten dieselben Farben – und vermochten, wie die B.Z. am Mittag vom 19. April 1920 berichtet, mitunter sogar verloren geglaubte Spiele noch umzubiegen. Vom Gipfeltreffen der berühmten deutschen Fußball-Hochburgen Berlin und Hamburg berichtet Paula Leu.
3 Minuten
Kurt Tucholsky gehörte gleichermaßen zu den pointiertesten wie zu den produktivsten Publizisten der Weimarer Republik. Sein Output war phasenweise so hoch, dass er die Vielzahl seiner Texte parallel hinter unterschiedlichen Pseudonymen verbarg. Als Kaspar Hauser, Peter Panter, Ignaz Wrobel oder Theobald Tiger zeichnete er dabei nicht nur für etliche Glossen oder Kommentare verantwortlich. Auch viele seiner noch heute berühmten Gedichte entstanden ursprünglich für die Zeitung. So erschien unter anderem auch seine Volksliedparodie ‘An den deutschen Mond‘ erstmals in der Berliner Volks-Zeitung vom 18. April 1920. Es ‘rezitiert‘ Frank Riede.
2 Minuten
Der ehemalige Generallandschaftsdirektor und Namensgeber des Putsches von 1920 Wolfgang Kapp war nach dem Scheitern des Putsches untergetaucht und ins Exil nach Schweden geflohen. Eben noch selbsternannter Reichskanzler, nun ein von der schwedischen Polizei aufgespürter Flüchtling unter falschem Namen. Zumindest hatte er eine Tarnung mit Adelstitel gewählt. Die Morgenpost vom 17. April berichtet in einer kurzen Drahtmeldung. Es liest Paula Leu.
4 Minuten
Um das ausufernde Berliner Nachtleben ein wenig einzudämmen, ließ das Landespolizeiamt die öffentlichen Nachtlokale schließen und achtete genau auf die Einhaltung der Polizeistunde. Findige Wirte und Geschäftemacher organisierten daraufhin ‘geschlossene’ Gesellschaften, zu denen sie das Publikum mit Schleppern in private Räumlichkeiten lockten, um dort mit Tanz und Restauration zu unterhalten und gut zu verdienen. Die Polizei hatte es nicht leicht, diese Geheimveranstaltungen zu unterbinden. Am 16.4. berichtet die Berliner Morgenpost von einem besonderen Fang. Gelesen von Frank Riede.