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Auf den Tag genau Archiv

2057 Episoden
9 Minuten
Der Genozid an den Armeniern während des Ersten Weltkrieges gilt als einer der ersten Völkermorde des 20. Jahrhunderts. Von staatlicher türkischer Seite bis heute geleugnet, gibt es doch hinreichend Augenzeugenberichte, die schon früh Umstände und Ausmaß der Massaker und Todesmärsche publik machten. Eine der wichtigsten Stimmen war diesbezüglich der deutsche Dolmetscher und Kriegsberichterstatter Heinrich Vierbücher, der 1930 das Standardwerk ‘Armenien 1915‘ vorlegte, welches mit erschütternder Klarheit den Völkermord in seinem Ablauf beschreibt und als Zeitdokument bis heute immer wieder neu aufgelegt worden ist. In einer komprimierten Form konnte man die wesentlichen Fakten aus Vierbüchers Feder indes bereits am 10. August 1920 – dem Tag, an dem das Osmanische Reich den Friedensvertrag von Sèvres unterzeichnete - im Vorwärts nachlesen. Hier tut dies Frank Riede.
4 Minuten
Mitte 1920 sahen die meisten Beobachter des Polnisch-Sowjetischen Krieges Polen als sicheren Verlierer. Die Rote Armee hatte die anfänglichen polnischen Erfolge zunichte gemacht und stand zwischenzeitlich kurz vor Warschau. Die Stadt machte sich zur Verteidigung bereit. Durch einen geschickt geführten Gegenangriff sollte das von Josef Pilsudski geführte Heer es in der Folge tatsächlich schaffen, das Kriegsglück wieder auf polnische Seite zu ziehen und im Frieden von Riga im Folgejahr die Unabhängigkeit des Landes zu sichern. Am 9. August allerdings war das noch nicht abzusehen. Max Theodor Behrmann berichtet für die Vossische Zeitung folglich auch von einer angespannt-nervösen Atmosphäre in Warschau. Es liest Paula Leu.
10 Minuten
Vom 31. Juli bis zum 5. August 1920 tagte in Genf ein Sozialistenkongress, der die Gründung einer nach ihrem Hauptsitz benannte „Londoner Internationale“ beschloss, die sich als Folgeorganisation der 2. Internationale verstand. Doch auch auf dem Feld der internationalen Arbeitervereinigungen fand eine Spaltung statt, wie oftmals innerhalb der sozialistischen Parteien auf der nationalen Ebene. So nahm etwa an dem Kongress die SPD teil, die „linkere“ USPD hatte dort keine Vertreter. Aber schon Lenin hatte die 2. Internationale für tot erklärt und eine dritte ausgerufen. Die Sozialdemokratischen Parteien gründeten kurz darauf eine eigene Organisation, die dann aber mit der Londoner Internationale im Mai 1923 fusionierte... Frank Riede liest den Abschlussbericht zur Konferenz in Genf der eher konservativen DAZ vom 8. August, der die Probleme der internationalen Arbeiterbewegung schonungslos aufdeckt.
6 Minuten
Otto von Bismarck wird gerne mit dem Bonmot zitiert, dereinst nach dem Weltuntergang ziehe er nach Mecklenburg – weil dort alles 50 Jahre später geschehe. Dazu kam es bekanntlich nicht, weil der Eiserne Kanzler selbst bereits zwanzig Jahre vor dem Untergang der Welt, seiner Welt, der Welt des deutschen Kaiserreiches das Zeitliche segnete. Das kleine Mecklenburg-Strelitz indes sollte seiner Prophezeiung durchaus alle Ehre machen, indem es nach 1918 manche Gesetze der neuen, der nachrevolutionär-republikanischen Welt einfach ignorierte. Und den von Bismarck personifizierten ostelbischen Feudalismus auf diese Weise seinen eigenen Untergang tatsächlich ein Stückweit überleben ließ. So nachzulesen in der Vossischen Zeitung vom 7. August 1920, hier getan von Paula Leu.
8 Minuten
Wie können wir die wirtschaftliche Krise infolge der Corona-Schutzmaßnahmen abfedern? Neben dem Ruf nach einem Grundeinkommen gibt es auch prominente Plädoyers für eine einmalige Vermögensabgabe zum Wohle aller. Ähnlich wurde vor einhundert Jahren über eine Sanierung der durch den Krieg und die ihm folgenden Reparationszahlungen desaströsen Finanzlage der Weimarer Republik nachgedacht. Seit Anfang 1920 bestand das Reichsnotopfergesetz, das eine Vermögenssteuer darstellte, jedoch lediglich die mittleren und kleineren Vermögensbesitzer zu Abgaben zwang, denen sich die Wohlhabenden hingegen durch Tricks und Kapitalflucht mehrheitlich entzogen. Diese Unzulänglichkeiten erkannte auch Dr. Kuczynksi vom Statistischen Amt Schöneberg und plädierte nachdrücklich in der Freiheit vom 6. August für eine Vermögensabgabe, deren Umsetzung er bereits detailliert geplant hatte. Doch sein Vorschlag verhallte, es kam zu keiner Vermögensabgabe. Wen überrascht’s? Es liest Frank Riede.

Hut ab!

6 Minuten
Wenn (der) Mann heutzutage in Berlin mit einer Pyjamahose, Lackschuhen, Bikinioberteil und Cowboy-Hut in die U-Bahn steigt, irritiert das kaum noch. Vor hundert Jahren allerdings galt in den Straßen von Berlin noch eine Kleiderordnung, die weniger liberal war als in anderen europäischen Großstädten. In seinem Beitrag für die Berliner Volks-Zeitung vom 5. August 1920 berichtet Karl Fischer vom großen Aufsehen, welches Männer zu dieser Zeit verursachten, die es wagten, dem erst beginnenden Trend zu folgen, ohne Hut auszugehen! Es liest Paula Leu.
9 Minuten
Die Grenze, die 1422 im Friedensvertrag von Meinosee zwischen dem Königreich Polen und Großfürstentum Litauen auf der einen und dem Deutschen Orden auf der anderen Seite gezogen wurde, zählte nach der Pyrenäengrenze zu den stabilsten, langlebigsten Demarkationslinien Europas. Fast 500 Jahre lang blieben die territorialen Konturen Ostpreußens bei allen politischen Umbrüchen unverändert, bis der Erste Weltkrieg auch diesem Zustand ein Ende bereitete. Das sogenannte Memelland nördlich des gleichnamigen, in der ersten Strophe des Deutschlandliedes besungenen Flusses wurde vom Deutschen Reich abgetrennt. Und, da die politischen Verhältnisse zwischen den potentiellen Anrainern Russland, Polen und Litauen noch nicht geklärt waren, einstweilen unter französische Verwaltung gestellt. Die DDP-Reichstagsabgeordnete Elisabeth Brönner stammte aus dem Memelland und berichtete über die dortige Situation am 4. August 1920 in der Vossischen Zeitung. Es liest Frank Riede.
6 Minuten
Wie und wo kann der Staat etwas gegen die Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten tun? Diese Frage wurde vor 100 Jahren gestellt und die Antwort des Gesetzgebers identifizierte den Standesbeamten als wirksamen Akteur. Quasi als Vorläufer heutiger Awareness-Kampagnen, wie man gesundheitliche Aufklärungskampagnen im Marketing-Slang bezeichnet, diente ein Merkblatt und die Empfehlung, vor der Eheschließung eine ärztliche Untersuchung durchzuführen. Von dieser Maßnahme berichtet voller Begeisterung ein gewisser Dr. med. Mamlook für das Berliner Tageblatt vom 3. August 1920. Es liest Paua Leu.
5 Minuten
Auch fast zwei Jahre nach der Begründung der Weimarer Republik auf den Trümmern des im Ersten Weltkrieg untergegangenen Kaiserreiches waren die politischen Verhältnisse in Deutschland immer noch in vielerlei Hinsicht fragil. Nachdem im März 1920 der Kapp-Putsch das Land erschüttert hatte, verging kaum eine Woche ohne Gerüchte über neuerliche Staatsstreichpläne rechter Militärs. Aber auch von linker Seite kam es immer wieder zu lokalen Aufständen, die hier und da in spontan ausgerufenen, kurzlebigen und heute zumeist vergessenen Räterepubliken mündeten. So ähnlich geschehen beispielweise im Sommer 1920 in der Oberlausitz, wo namentlich die Städte Zittau und Löbau Schauplatz bürgerkriegsähnlicher Auseinandersetzungen zwischen linken Aktivisten und den sächsischen Staatsorganen wurden: Das Berliner Tageblatt vom 2. August berichtete, es liest Frank Riede.
5 Minuten
Die Berliner Friedrichstraße ist eine der bekanntesten Straßen im historischen Zentrum Berlins. Als Einkaufsmeile war und ist sie von Hektik, Eile und Geschäftigkeit geprägt. Und doch, so der Kolumnist der Berliner Börsen-Zeitung am 1.8.1920, fehlt der Friedrichstraße eine Eigenschaft, die andere berühmte Promenier- und Shoppingboulevards auszeichnet: sie ist nicht schön. Ihr fehlt die Grandezza, hat eher einen verruchten Touch. Sie braucht den „krabbeligen Straßenhandel“ ebenso wie das „Parfüm des Verbotenen“. Vor einhundert Jahren hatte sie beides. Es liest Paula Leu.
8 Minuten
Die Krise nach dem Attentat von Sarajewo am 28. Juni 1914 steht am Beginn des 1. Weltkriegs, an dessen Ende weltweit 36 Staaten in Kriegshandlungen verwickelt gewesen waren. Grund für diese bis dahin beispiellose Ausbreitung eines scheinbar lokalen Konflikts war nicht nur das komplexe globale Bündnissystem, sondern auch eine Art grundsätzlicher Kriegsstimmung. Mindestens in Europa schien für viele die Zeit reif für einen ordentlichen Krieg. Große Teile der Bevölkerung, von den politischen Eliten bis zum Arbeiter wurden von einer im Rückblick irrwitzigen Begeisterung erfasst. Am 31. Juli erinnert sich im Vorwärts Hans Bauer an diese Zeit, in der sich „die Lust am Schrecklichen […] in den Mantel der Vaterlandsliebe“ hüllte. Es liest Frank Riede.

Böse Panke

5 Minuten
Die Panke ist nach der Spree und der Havel der drittlängste Fluß auf dem Berliner Stadtgebiet. Ihr Quellgebiet liegt in den Barnimhöhen bei Bernau und fließt einer eiszeitlichen Rinne folgend durch Buch, Karow und das eponyme Pankow bis sie in die Spree mündet. Schon 1920 kannten die Berliner die Panke nur als unter die Erde verlegten Fluß, wenn ihnen überhaupt bewusst war, wo sie langgeführt wurde. Das verhältnismäßig schmale und gemächlich fließende Gewässer, sorgte aber bei starken Regenfällen regelmäßig für Überschwemmungen. Die Hochwasser 1902, 1904, 1915 und 1919 wurden aber noch verstärkt durch die Rieselfelder entlang der Panke. Rieselfelder waren die Vorläufer der Klärwerke. Städtisches Abwasser wurde auf Felder am Stadtrand gepumpt, wo es in riesigen Becken durch Bodenschichten sickerte und sich so reinigte. Am 29. Juli 1920 berichtet die Vossische Zeitung über einen weiteren Anlauf, durch einen Ausbau des Flußbettes, die Gefahr von Überschwemmungen durch die „böse“ Panke zu minimieren. Es liest Paula Leu.
8 Minuten
Bad Kissingen gilt bis heute als Inbegriff des mondänen deutschen Kurortes, und es tat dies erst recht auch schon vor einhundert Jahren. Der Bericht im Berliner Tageblatt vom 29. Juli 1920 ist in diesem Sinne erfüllt vor allem von der Erleichterung darüber, dass trotz Weltkrieg und Nachkriegsmisere fast alles an der Saale aussieht wie ehedem: An den Hängen gedeiht der edle Frankenwein, die Kurgäste defilieren nach dem morgentlichen Schlammbad durch die Wandelhallen Richtung Konzert oder Kasino, und aus den beiden berühmten Mineralquellen Pandur und Rakoczy sprudelt nach wie vor das eisenhaltige Heilwasser, um dessen wunderkräftiger Wirkung willen man von jeher in den Ort in der fränkischen Rhön gereist war. Es liest Frank Riede.
8 Minuten
Der 1862 geborene Journalist und Schriftsteller Hans Barth lebte 40 Jahre lang, von 1886 bis 1927 in Rom und arbeitete als Korrespondent des Berliner Tageblatts. Zuvor hatte er seine Kindheit in Smyrna verbracht, die Schule in Ulm besucht, um dann in Genf, Zürich und Berlin romanische Philologie zu studieren. Eine gehörige Portion der dabei akkumulierten Bildung fließt ein in sein Feuilleton-Stück über das Nachtleben Roms vom 28. Juli 1920 in ebenjener Zeitung. Die elegische Dichtung des antiken Poeten Properz, der seine Liebe Cynthia besang, die Geschichte der Borgia-Päpste, Goethes römische Elegien – auf das alles und noch viel mehr spielt sein Text an. Doch anstatt zu sehr den Verweisen nachzuspüren, genießen wir einfach seine römische Nocturne, für uns gelesen von Paula Leu.
6 Minuten
Gute zehn Monate war Walter Simons 1920/21 Außenminister der Weimarer Republik. Reichskanzler Fehrenbach hatte den parteilosen Juristen mit Blick auf die schwierigen Verhandlungen über die Reparationszahlungen auf der Konferenz in Spa ins Kabinett berufen. Ohne die direkten Verpflichtungen gegenüber Partei und Parlament schienen die harten Auseinandersetzungen mit den Siegermächten bessere Chancen auf Erfolg zu haben. Simons gelang es jedoch nicht, die Reparationsforderungen wirklich zu senken. Und auch die Fraktionen des Reichstags sahen Simons kritisch. Zumindest die Rechtsparteien stießen sich an seinen Ausführungen zur außenpolitischen Lage Deutschlands; viel zu russlandfreundlich, viel zu links, wie der Vorwärts in einer eigenen kleinen Presseschau vom 27.7. 1920 mit ironischem Unterton feststellt. Es liest Frank Riede.
Auf den Tag genau

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