Auf den Tag genau Archiv
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8 Minuten
Deutsche Kultur-Hipster, die einmal die Opernfestspiele in der berühmten Arena di Verona besucht haben, kennen diese Ambivalenz: Man ist bisweilen konsterniert ob der tumben, hohlen Prunksucht italienischer Operninszenierungspraxis. Und lässt sich doch nach kurzer Zeit jäh vom berauschenden Ambiente, der knisternden Atmosphäre und der ausgelassenen Begeisterung der übrigen vielen Tausend im weiten römischen Rund mitreißen. So erging es – manche Dinge ändern sich offenbar nie – auch schon 1920 dem Berichterstatter Manfred Georg. Seine Reisebilder aus Verona in der Vossischen Zeitung vom 25. August sind nicht nur eine nordische Liebeserklärung an Italien, sondern auch ein Manifest der Hoffnung auf eine friedlichere europäische Zukunft in Völkerfreundschaft. Es liest Paula Leu.
8 Minuten
Hatte die 1918 neu gegründete, unabhängige Republik Polen versucht, ihre Ostgrenze zu Lasten der Sowjetunion zu verschieben und war dabei tief in die heutige Ukraine vorgedrungen, so führte die Gegenoffensive der Sowjetunion die Rote Armee im August 1920 bis nah an Warschau heran. Internationale Beobachter und die Entente-Mächte rechneten mit einer baldigen Niederlage Polens. Doch ein riskanter militärischer Plan von Josef Pilsudski führte zu einem überraschenden Zusammenbruch der sowjetischen Front. Als Wunder an der Weichsel würde dieser Sieg verklärt werden, der letztlich zum Frieden von Riga führte, in dem die Sowjetunion den Staat Polen anerkannte und ihm Gebiete östlich der von den Entente-Mächten vorgeschlagenen Ostgrenze, der sog. Curzon-Linie, zugestand. Der Sonderberichterstatter für die Vossische Zeitung in Warschau Max Behrmann war sich in seinem Bericht, abgedruckt am 24. August 1920, bereits sicher: Die polnische Gegenoffensive war erfolgreich. Es liest Frank Riede.
6 Minuten
Aufgrund der Covid-19-Pandemie mussten die Salzburger Festspiele ausgerechnet im Jahr ihres einhundertjährigen Bestehens lange um ihre Durchführung bangen und konnten am Ende – immerhin – nur ein ausgedünntes Not-Programm realisieren. Im Gründungsjahr 1920 präsentierten sich die Festspiele freilich noch sehr viel schlanker. Sie dauerten nur vom 22. bis 26. August und beschränkten sich auf vier Vorstellungen des Jedermann. 1911 von Max Reinhardt im Berliner Zirkus Schumann uraufgeführt, fand Hofmannsthals modernes Mysterienspiel hier auf dem Salzburger Domplatz, wie der Autor es nannte, seinen „selbstverständlichen Platz“. In der Tat – die Salzburger und ihre Gäste pilgerten hin, und auch die internationale Presse berichtete. Für das Berliner Tageblatt am 23. August tat dies – nein, nicht Alfred Kerr –, sondern Andreas Latzko. Hier gelesen von Frank Riede.
6 Minuten
Jeder zweite Berliner stammt aus Schlesien, hieß es vor einhundert Jahren. Keine Wunder also, dass die Berliner Presse hin und wieder einmal einen Blick nach Südosten in die alte Heimat warf. Die Berliner Volks-Zeitung vom 22. August 1920 zog es dabei konkret nach Glatz, schlesisch: Glootz, mittlerweile polnisch: Kłodzko und heute wie damals nicht nur für seine malerische Altstadt an der Glatzer Neiße, sondern auch für seine stolze, oberhalb thronende Festung berühmt. Ihr gilt denn auch das hauptsächliche Interesse von Autor Hans Gathmann. Es liest Paula Leu.
10 Minuten
„Jedermann!“ – noch heute hallt dieser Ruf allsommerlich durch die Festspielstadt Salzburg, und die Welt strömt auf den berühmten barocken Domplatz. Los ging alles vor exakt einhundert Jahren. Nach dem Untergang des Habsburgerreiches im Pulverdampf des Ersten Weltkriegs ersannen Hugo von Hofmannsthal und Max Reinhardt als Kompensation für die verloren gegangene politische Größe die Idee einer Wiedergeburt aus dem Geist der Kultur und erkoren für dieses Projekt ausgerechnet das lange gar nicht österreichische, sondern fürsterzbischöfliche Salzburg zum Standort. Ob die beschauliche Stadt an der Salzach dafür geeignet war? Der Wahl-Salzburger Hermann Bahr ist zwiegespalten. Seinen Vorbericht aus der Vossischen Zeitung vom 21. August 1920 liest Frank Riede.
3 Minuten
Dass Fußball einmal reiner Amateursport gewesen sein soll, ist heutzutage nur noch schwer vorstellbar. Im Lichte von dreistelligen Millionenablösen und -sponsorengeldern klingt es beinahe unwirklich, dass der Deutsche Fußballbund Spielern, Schiedsrichtern und Platzbesitzern einst mit Sperre drohte, sollten sie sich an einem „Berufsspiel“ gegen eine ungarische Profimannschaft beteiligen. Und doch kam es genau dazu: Mit einem Spiel im Lichtenberger Stadion wurde 1920 die Ära der Berufsfußballer auch in Deutschland eingeläutet. Das Berliner Tageblatt vom 20.8. hat die Meldung, Paula Leu liest.
8 Minuten
Es ist nicht allzu lange her, da hat die Diskussion um die abschätzig sogenannte ‚Herdprämie’ einer mittlerweile alten Frage neue Brisanz verliehen: Welchen Wert hat Hausarbeit in unserer Gesellschaft? Ging es hier vor allem um das Problem, ob Mütter ihre Kinder zu Hause selbst erziehen oder in die Kita schicken sollten, so analysiert eine gewisse Frau Exner-Pichottka das Thema in der Vossischen Zeitung vom 19.8.1920 ausgehend von der sogenannten Dienstbotenfrage: Weil Dienstboten für den Normalverdiener mittlerweile nicht mehr zu bezahlen seien, bestehe die Gefahr, dass Ehefrauen der Überlastung dadurch zu entgehen suchen, dass sie weniger Kinder bekämen. Nur die deutliche Entlastung der Frauen könne die Erhaltung der Familie noch sicherstellen. Statt Herdprämie und Kita aber schlägt Exner-Pichottka eine umfassende Zentralisierung von Teilen der Hausarbeit in Großbetrieben vor. Es liest Frank Riede.
10 Minuten
Zugreisen sind immer auch eine soziale Erfahrung. Dicht gedrängt in engen Abteilen und Großraumwagen kommt man den Mitreisenden oft näher als einem lieb ist. Das war auch vor einhundert Jahren schon so. Doch wo es heute Rauchverbot, Familienabteile und Ruhebereiche gibt, herrschte damals noch völlige Freizügigkeit. Während man sich allerdings mit den allermeisten Einschränkungen und Unannehmlichkeiten noch arrangieren könne, werde das Geschwätz des die 3. Klasse bevölkernden, neunmalklugen soldatischen Nachwuchses immer mehr zur unerträglichen Belastung. Es brauche Schweigeabteile, um den einfachen Reisenden vor solch ungewollten Redeattacken zu schützen, so die Forderung eines gewissen M.M. Gehrke im Berliner Tageblatt vom 18.8.1920. Gelesen von Frank Riede.
6 Minuten
Manche spektakulären Zugunglücke werden mit zeitlichem Abstand zum Teil des kollektiven Bildgedächtnisses oder gar der Popkultur, wie etwa geschehen mit dem Zug, der 1895 in Paris das Gebäude des Gare du Montparnasse durchschlug, auf dem Platz darunter landete, und der als Fotoreproduktion heute so manche Wand ziert. Im Berlin der Weimarer Republik war eine, freilich weniger unbeschwerte, Erinnerung an das bis dahin schlimmste Zugunglück, den Zugzusammenstoß des Jahres 1908 am Gleisdreieck, das 17 Todesopfer gefordert hatte, lebendig. Davon zeugt der Bericht der Vossischen Zeitung vom 17. August über ein Zugunglück auf der Hochbahn, da der Autor den Bogen von dem aktuellen Unfall zu der Katastrophe 1908 spannt. Es liest Paula Leu.
8 Minuten
Eines der umstrittensten Gebiete im Rahmen der politischen Neuordnung nach dem 1. Weltkrieg war Oberschlesien. Die verhältnismäßig kleine Region auf dem Gebiet des heutigen Polen war insbesondere durch ihre Kohleförderung von enormen wirtschaftlichem Wert. Im Versailler Vertrag war festgelegt worden, dass zumindest Teile des Grenzverlaufs durch Volksabstimmungen geregelt werden sollten. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der enormen Belastungen durch Kriegsschäden und Reparationszahlungen betont der Vorwärts am 16.8.1920 die Bedeutung Oberschlesiens für eine wirtschaftliche Wiederaufrichtung Deutschlands und fordert die wahlberechtigten Deutschen auf, ihr Kreuz am Tag der Volksabstimmung an der richtigen Stelle auch wirklich zu machen. Es liest Paula Leu.
9 Minuten
Das britische Kolonialreich war anno 1920 noch groß und mächtig – und es fing bereits unmittelbar vor der eigenen Haustür an. Seit Jahrhunderten stand Irland unter britischer Herrschaft, und bald ebenso lang begehrten weite Teile der katholischen irischen Bevölkerung gegen eben diese Herrschaft auf und kämpften zunehmend auch mit gewaltsamen Mitteln für eine Loslösung von England. Der seinerzeitige liberale britische Premierminister Lloyd George zeigte sich, als einziger Waliser der dieses Amt je bekleidete, den irischen Interessen gegenüber vergleichsweise entgegenkommend. Eine vollständige Unabhängigkeit der Insel vom Empire lehnte aber auch er ab. Zudem bestand auch schon damals das Problem der großen protestantischen Bevölkerungsgruppe in der nördlichen Provinz Ulster, an dem noch bis heute jede nachhaltige politische Lösung gescheitert ist. Die Berliner Börsen-Zeitung vom 15. August 1920 analysiert die damalige Lage, es liest Frank Riede.
5 Minuten
Während aktuell immer noch ein Kulturkampf zwischen Trumpisten und dem Rest Amerikas um die Statuen im öffentlichen Raum von etwa Südstaatengenerälen tobt, wenden wir uns einem Lagerkampf um eine Heine-Statue in Hamburg 1920 zu, in dem die Attacken allerdings vom rechten Lager kamen. Die Statue wurde im Auftrag von Elisabeth von Österreich, Sissi, 1873 für den Park ihres Schlosses auf Korfu, genannt Achilleion, angefertigt. Kaiser Wilhelm der II. ließ sie entfernen und sie gelangte in den Besitz des Verlegers Campe und stand in Hamburg, bevor sie, quasi auf der Flucht vor den Nazis, nach Toulon emigrierte, wo sie noch heute im Botanischen Garten steht. Im August 1920 wurde die Statue mehrfach verschandelt. Von dem Kampf zwischen den Nationalisten, die Heine als Vaterlandsverräter wegen seiner Werke und seiner jüdischen Herkunft betrachteten, und der Arbeiterjugend berichtet der Vorwärts am 14. August. Es liest Frank Riede.
2 Minuten
Das Ringen ist eine der ältesten Sportarten der Menschheit. Im Zusammenhang der Entwicklung Olympias zum telegenen Großereignis, wurden die Rundenzeiten auf medial gut handhabbare 2 Minuten beschränkt. Landet bis dahin kein Ringer auf den Schultern, entscheidet ein Punktrichtergremium über den Sieger. Vor hundert Jahren wurde in der Regel noch solange gerungen bis eine Entscheidung vorlag. Was das im Kontext der Polizeisperrstunde für die abendlichen Ringkämpfe bedeutete, davon berichtet die kleine Sportmeldung aus dem Vorwärts vom 13. August, die Paula Leu vorliest.
8 Minuten
England und Europa – dieses Verhältnis war schon lange vor dem Brexit ein heikles Thema. Vor hundert Jahren witterte vor allem Frankreich im britischen Hegemonialstreben die Gefahr, Europa könne vollständig nach den Interessen Londons reorganisiert werden, was dann insbesondere zu Lasten der Franzosen ginge. In der Vossischen Zeitung vom 12.8.1920 wird alternativ über eine das europäische Schicksal gemeinsam bestimmende Mächtegruppe, die „Vereinigten Staaten von Europa“, nachgedacht. Der Kern dieser Gruppe müsste nicht zwangsläufig allein aus Siegermächten des 1. Weltkriegs bestehen. Vielmehr wäre gerade ein deutsch-französisches Bündnis in der Lage, Europa zu stabilisieren und seine Zukunft zu sichern. Gelesen von Frank Riede.
4 Minuten
Der Blick zurück auf die Wunden des Weltkrieges ist Anfang der 20er Jahre auch in der Berliner Tagespresse bis weit ins liberale und linke Spektrum hinein von erheblicher Larmoyanz dominiert. Im Mittelpunkt steht in aller Regel das eigene Leiden und die Ungerechtigkeit, die Deutschland durch den Versailler Friedensvertrag widerfahren sei. Davon abweichend und deshalb überaus bemerkenswert nimmt sich vor diesem Hintergrund ein kleiner Artikel am 11. August 1920 in der Berliner Volks-Zeitung aus, der den deutschen Kunsthistoriker Otto Grautoff nach Reims begleitet. Schonungslos und durchaus selbstkritisch wird hier die Kriegszerstörung der dortigen Kathedrale, des vielleicht wichtigsten französischen Nationalheiligtums, durch deutsche Truppen thematisiert. Es liest Paula Leu.