Auf den Tag genau Archiv
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6 Minuten
Kaum ein deutscher Klassiker widersetzte sich jeder völkisch-nationalistischen Vereinnahmung im 20. Jahrhundert so konsequent wie Gotthold Ephraim Lessing. Sein leidenschaftlicher Einsatz für den Toleranzgedanken und namentlich die Sache der Judenemanzipation machten ihn schon Anfang der 1920er Jahre, also lange vor dem Aufstieg der Nazis zum Feindbild in den entsprechenden Kreisen wie etwa der antisemitisch besessenen ‘Deutschen Zeitung‘. Deren durchschaubare Versuche, Lessings Stellung im Literaturkanon in Frage zu stellen, nahm das Berliner Tageblatt am 8. September 1920 zum Anlass für eine polemische Replik, die an Schärfe nichts zu wünschen übrig lässt – und in der Rückschau Nathans des Weisen Schicksal nach 1933 fast schon vorausahnt. Es liest Paula Leu.
5 Minuten
Im September 1920, also knapp zwei Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, stellte sich die politische Lage in Ostmitteleuropa noch immer sehr unübersichtlich dar; etliche Territorialkonflikte waren weiter ungelöst. Die wiedererstandene Polnische Republik befand sich wenige Wochen nach dem ‘Wunder an der Weichsel‘ nicht nur nach wie vor im Krieg mit der jungen Sowjetunion. Auch mit dem 1918 gleichfalls für unabhängig erklärten Nachbarn Litauen gab es bewaffnete Auseinandersetzungen. Zankapfel war vor allem die Gegend um das von beiden Seiten beanspruchte Vilnius, polnisch: Wilna, das für Litauen von größter historischer Bedeutung, seinerzeit aber ganz überwiegend von polnischsprachiger – und jiddischsprachiger – Bevölkerung bewohnt war. Aus einem Korrespondentenbericht der Vossischen Zeitung vom 7. September 1920 liest Frank Riede.
5 Minuten
Noch um die letzte Jahrtausendwende herum begann ein Universitätsstudium in der Regel mit einer langatmigen Einführung in die Zettelkataloge und endlosen zig-bändigen bibliographischen Nachschlagewerke der Institutsbibliothek, in denen man thematisch sortierte Fachliteratur finden konnte. Diese Nachschlagewerke waren eine Kunst für sich und der Bonner Bibliothekar Wilhelm Erman, der sich bereits vor hundert Jahren um möglichst umfassende, alle Bücher der Welt berücksichtigende Zusammenstellungen bemühte, einer ihrer Pioniere. Der Vorwärts berichtet am 6. September über seine Initiative zu einem Weltbücherkatalog. Für uns liest Paula Leu.
7 Minuten
Bereits in den 1920er Jahren war Berlin nicht allein für seine zahlreichen großen Theater, gleich mehrere Opernhäuser und eine beinahe konkurrenzlos reiche Orchesterlandschaft berühmt, sondern zehrte als Kulturmetropole von Weltruf desgleichen auch von seiner ungeheuer vielfältigen, lebendigen Kleinkunstszene. Einen journalistischen Ausflug in diese Welt von Varieté und Kabarett unternimmt in ihrer Ausgabe vom 5. September 1920 die Berliner Börsen-Zeitung. Mögen uns die Namen der meisten hier genannten Künstlerinnen und Künstler heute auch nicht mehr allzu viel sagen, so vermittelt der Bericht doch einen anschaulichen Eindruck von der damaligen Kunst des sogenannten Brettel. Es liest Frank Riede.
8 Minuten
Auch in diesen Tagen standen wieder Eltern bei der Einschulung vor der Wahl, ob ihre Kinder am Religionsunterricht oder am Unterrichtsfach Lebenskunde teilnehmen sollten. Zu Beginn der Weimarer Republik konnten sich die Forderungen nach einer Abschaffung des Religionsunterrichts nicht durchsetzen, und so wurde über Form und Inhalte des neuen „Ersatz“-Unterrichts, ob er nun Ethik- oder Moralunterricht hieß, diskutiert. Am 4. September beteiligte sich an dieser Diskussion der Oberlehrer Dr. Erich Witte mit einem Beitrag im Vorwärts. Er plädiert darin für eine Nähe des Moralunterrichts zum aktuellen Lebensalltag der Kinder. Es liest Paula Leu.
8 Minuten
Das Hakenkreuz ist als Symbol der Nazis heutzutage schwer belastet und kaum noch von dem mit ihm verbundenen rechtsextremen Gedankengut zu trennen. Dass die Swastika insbesondere im Hinduismus und Buddhismus eine lange Tradition als Glückssymbol hat, darauf macht der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann im Vorwärts vom 3.9.1920 aufmerksam. Diese müsse man ganz offensiv der nationalsozialistischen Vereinnahmung des Zeichens entgegenstellen. Er ahnte selbst wohl kaum, welche Dynamik die Bewegung dieser „antisemitischen Hansnarren“ in den Folgejahren noch entfalten sollte. Gelesen von Frank Riede.
6 Minuten
Anlässlich der Premiere des Stummfilms Sumurun von Ernst Lubitsch vom 1. September 1920, der die Verfilmung einer für die Bühne geschriebenen Pantomime ist, reflektiert der Filmkritiker Fritz Engel am Folgetag im Berliner Tageblatt das Verhältnis des stummen Films und der stummen Kunst der Pantomime. Eine Nähe zwischen diesen beiden Künsten lag damals auf der Hand und wurde oft postuliert. Dahinter stand auch die Frage nach der Form des Films und des Stummfilmschauspiels. Lippenbewegungen kombiniert mit Texttafeln? Auf diese Zwischentitel verzichten? Gestik, Mimik? Für Fritz Engel ist es nicht die große raumgreifende Geste, die für den Film angemessen ist, sondern das reduzierte und sparsame Spiel. „Nie darf die Geste ein Wort ersetzen wollen.“ Laut vernehmbar liest für uns Frank Riede...
6 Minuten
Vor kurzem hörten wir in unserem Podcast Dr. Mamlooks äußerst positive Anmerkungen zum neuen Gesundheitsmerkblatt, das ab Sommer 1920 Ehewilligen vor der Eheschließung zur Überprüfung ihrer gesundheitlichen Ehetauglichkeit ausgehändigt werden sollte. Wie kompliziert und von Befürchtungen belastet die Suche eines passenden Partners, einer passenden Partnerin zu dieser Zeit in Deutschland war, lässt sich aber auch aus einem Beitrag desselben Dr. Mamlook im Berliner Tageblatt vom 1.9.1920 herauslesen, in dem mit größerer Skepsis vom neugegründeten „Deutschen Ehevermittlungsverein“ berichtet wird, in dessen Rahmen auch der Vorschlag gemacht wurde, harmonierende Paare auf Basis graphologischer Analysen zusammenzustellen. Es liest Paula Leu.
4 Minuten
Dass im belgischen Antwerpen gerade die sechsten Olympischen Spiele der Neuzeit stattfanden, konnte dem Berliner Zeitungsleser im Sommer 1920 leicht verborgen bleiben. Deutschland war als Kriegsverlierer von den Spielen ausgeschlossen, weshalb umgekehrt auch die deutsche Presse die Wettbewerbe weitgehend ignorierte. Stattdessen berichtete der Vorwärts am 31. August von ganz anderen sportlichen Wettkämpfen, die derweil in heimischen, Berliner Gefilden ausgetragen wurden: Das Engelbecken, seinerzeit noch eine Ausstülpung des Landwehrkanals vor der Luisenstädtischen Kirche ‘Sankt Michael‘, war seit der Freigabe der Kanäle durch Magistrat und Wasserpolizei zu einer beliebten Anlaufstelle für Wassersportler geworden. Dass die Wasserqualität weder olympischen Maßstäben, noch auch nur den gängigen Hygienevorstellungen genügte, scheint dem Vergnügen der Beteiligten – und der Zuschauer! – dabei durchaus keinen Abbruch getan zu haben. Es liest Paula Leu.
28 Minuten
In der heutigen Ausgabe unseres monatlichen Interviewformats „3 1/2 Fragen an…“ sprechen wir mit Rüdiger Graf über den Zukunftsdiskurs in Weimar. Graf ist Leiter der Abteilung II „Geschichte des Wirtschaftens“ am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam. 2008 erschien sein Buch „Die Zukunft der Weimarer Republik. Krisen und Zukunftsaneignungen in Deutschland 1918 bis 1933“.
7 Minuten
Vom 28. bis zum 30. August 1920 trafen sich beim Reichsjugendtag der Arbeiterbewegung in Weimar ca. 1000 junge Menschen aus dem ganzen Deutschen Reich. Eine mehrtätige Feier der damals noch lose organisierten Partei-Jugend, bei der weniger konkrete politische Fragestellungen diskutiert wurden, als vielmehr das positive Verhältnis der Menschen zu Natur und Kultur gefeiert wurde. Von diesen Tagen ging ein starker Impuls aus, der diese Jugend schon bald zu einer festeren Organisationsstruktur führte: den Jusos. Das aber die Tagespolitik bei aller Goethe und Schiller-Feierlaune nicht fern war, zeigt ein Skandal, auf den sich die Berichterstattung des Vorwärts am 30. August konzentrierte. Ein Kranz, mit dem die Arbeiterjugend das Goethe-Denkmal geschmückt hatte, wurde über Nacht gestohlen. Die kommenden Jusos reagierten heftig und deutlich. Fank Riede liest.
6 Minuten
Der Potsdamer Platz war in den 1920er Jahren das pulsierende Herz Berlins und einer der verkehrsreichsten Plätze Europas. Die Vossische Zeitung startete 1920 eine Umfrage zu dem Thema: Wie wird der Potsdamer Platz in 25 Jahren aussehen? Sie fragte 12 Feuilletonisten und Künstler an und druckte die Antworten nach und nach in der Zeitung ab. Am 29. August erschien zu Beginn der Reihe die Antwort des bedeutenden Kunstkritikers Karl Scheffler. Er lässt vier fiktive Personen im damals beliebten Treffpunkt Café Josty am Potsdamer Platz zusammentreffen und vier verschiedene Antworten auf diese Frage geben, die eminent zu frappieren vermögen. Erwiesen sie sich doch zum Teil als auf fast verstörende Weise hellsichtig. Es liest Frank Riede.
6 Minuten
In der Weimarer Republik gärt es. Auch nach dem Misserfolg des Kapp-Putsches bleiben die nationalistisch-reaktionären Kräfte politisch einflussreich und nicht zuletzt in den Medien präsent. Systematische Kampagnen und lancierte Hetzereien führen immer wieder zu gewalttätigen Unruhen. So auch am 26. August 1920 in Breslau, als ein rechter Mob die polnische und französische konsularische Vetretung stürmt und beide Gebäude schwer beschädigt. Der deutsche Gesandte leistet bei den Franzosen und Polen Abbitte und die Berliner Volkszeitung gibt am 28.8. ein kurzes Pressecho. Es liest Paula Leu.
9 Minuten
Albert Einsteins Relativitätstheorie bedeutete eine Revolution nicht nur der Physik. Gewissheiten wurden erschüttert, Weltbilder haltlos, Selbstverständlichkeiten waren plötzlich falsch. Der Aufstieg des Patentamtsangestellten in Bern zum über die Grenzen der Wissenschaft hinaus bekannten Professor rief aber auch Neider auf den Plan. Dass Einstein sich hier durchaus zu wehren wusste, zeigt er u.a. in seiner Replik auf „die Herren Weiland und Gehrke“, die ihn und seine Theorie in einem Vortrag in der Berliner Philharmonie verunglimpft hatten. Im Berliner Tageblatt vom 27.8.1920 lässt er rhetorisch scharf keinen Zweifel an der Haltlosigkeit der Vorwürfe wie den überhaupt niederen Beweggründen seiner beiden Kritiker. Es liest Frank Riede.
8 Minuten
Wir hatten bereits von dem “Wunder an der Weichsel” berichtet, dem überraschenden Sieg der Polen über die Rote Armee. Heute kommt das Parteiblatt der Kommunistischen Partei Deutschlands zu Wort, das am 26. August die Sorge äußert, nach dieser Niederlage würden nun die bürgelichen Länder aktiver versuchen, die Sowjetunion der Bolschewiken zu besiegen, bzw. zumindest zu schwächen, damit sie den Bürgerkrieg gegen die “Weißen” verliert. Mittel dazu wären etwa eine Blokade in der Ostsee und Waffenlieferungen an die Gegener. Gerade bei den Zuglieferungen von Waffen, die deutsches Territorium durchfahren, sollte die deutsche Arbeiterschaft aktiv werden. Es liest Paula Leu.