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Auf den Tag genau Archiv

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2 Minuten
Aber bitte mit Sahne? Nicht Ende 1920. Seit dem 3. November 1917 galt ein „Verwendungsverbot von Schlagsahne“, eine Reaktion auf die allgemeine Milchknappheit. Solange nicht einmal die Krankenernährung gesichert war, mussten die Feinschmecker auf diese Leckerei verzichten. Bei Zuwiderhandlung drohten drakonische Strafen, wie das Berliner Tageblatt vom 20.11. berichtet. Es liest Paula Leu.
6 Minuten
Die Sammlung des Märkischen Museums, heute ein Teil des Stadtmuseums Berlin, hat ihre Ursprünge tief im 19 Jahrhundert. Die historische Sammelleidenschaft des bürgerlichen Vereins für die Geschichte Berlins, sowie eine der ersten systematischen Sammlungen von Fotografien des Stadtbildes und der Architektur, und nicht zuletzt die Entrümpelung der Amtsstuben und -keller beim Umzug der Verwaltung ins Rote Rathaus Ende der 1860er Jahre konstituierten schrittweise eine riesige Sammlung zur Natur-, Stadt-, und Kulturgeschichte Berlins und der Mark Brandenburg. Zwischen 1896 und 1908 entstand nach den Plänen des Stadtbaurats Ludwig Hoffmann ein eigenes Gebäude für diese Sammlung: das erste speziell als Stadtmuseum konzipierte Gebäude der Welt, in dem verschiedene historische und regionale Baustile verschmelzen sollten, um so zugleich einen Verweis darauf zu geben, was sich im Innern des Gebäudes verbirgt. Was die Besucherinnen des Jahres 1920 tatsächlich darin vorfanden, darüber berichtet der Vorwärts vom 19. November. Uns führt durch die Sammlung Frank Riede.
9 Minuten
Caroline Alexandra Seifert, Tochter des Kammerdieners Alexander von Humboldts und spätere Frau des Schriftstellers, Naturforschers und Reisenden Balduin Möllhausen, stand in besonderer Beziehung zum großen Universalgelehrten, in dessen Haus sie aufwuchs. Bis zu seinem Tod war ihr von Humboldt freundschaftlich verbunden, setzte sie sogar zur Miterbin seines Nachlasses ein. Auch für sie war diese Beziehung prägend. Für die Vossische Zeitung vom 18.11.1920 berichtet ihr Sohn von den Erinnerungen der 90Jährigen an die 40er und 50er Jahre des 19. Jahrhunderts, an die Oranienburger Str. 67 und ihren berühmten Bewohner. Gelesen von Frank Riede.
6 Minuten
Mit dem Versailler Vertrag wurden die neuen Grenzziehung nach der Auflösung Österreich-Ungarns endgültig bestätigt. Damit befand sich auf dem Staatsgebiet der Tschechoslowakei eine bedeutende deutschsprachige Minderheit. Von Anfang an prallte eine Tschechisierungspolitik der Zentralregierung auf Autonomiebestrebungen der deutschen lokalen Mehrheiten. Immer wieder kam es zu Angriffen gegen die Tschechoslowakische Armee und Akteure der Tschechisierung, die dann wiederum zu Gewalttaten gegen Vertreter und Institutionen der deutschen Minderheit führten. Dieser Konflikt, dessen Wurzeln tief im 19. Jahrhundert liegen, sollte sich über die Einverleibung des sogenannten Sudentenlandes in das Deutsche Reich im Münchener Abkommen 1938, die Besetzung der verbleibenden tschechischen Gebiete 1939 bis zur Vertreibung der Sudetendeutschen am Ende des 2. Weltkrieges steigern und fortsetzen. Bis heute sind die Beziehungen zwischen Deutschland und der Tschechischen Republik rund um diese Fragen ein diplomatisches Minenfeld. Am 16. November kam es in Eger (tschechisch: Cheb) zu einem solchen gewaltsamen Protest gegen die tschechoslowakische Politik, auf den unmittelbar anti-deutsche Ausschreitungen in Prag folgten. Gemäß guter alter lokaler Sitte kam es dabei auch zu Defenestrationen, zum Glück diesmal nicht von Menschen, wie der Berliner-Börsen-Courier vom 17. November 1920 zu berichten weiß. Paula Leu liest.
5 Minuten
Egon Friedell gehörte als Schauspieler, Kabarettist und Dramatiker, promovierter Philosoph, Kulturhistoriker und Theaterkritiker zu den großen Mehrfach- und Hybridbegabungen, wie sie in den 1920er Jahren, vor allem in Berlin und Wien, Konjunktur hatten und insbesondere für die Zeitungswelt ein großer Glücksfall waren. Für Berlin aus Wien berichtete er am 16. November 1920 von einer Aufführung des heute möglicherweise zu Recht vergessenen Lustspiels ‘Kinder der Liebe‘ von Viktor Léon, das Friedell offensichtlich wenig überzeugte. Sein Bericht aus dem in der Josefstadt gelegenen (heute nicht mehr existierenden) Wiener Stadttheater ist von großer knapper analytischer Schärfe, dabei frei von Polemik, aber nicht von eleganter Ironie. Feuilleton eben. Aus der B.Z. am Mittag liest für uns Frank Riede.
6 Minuten
Anfang des 20. Jahrhunderts war unter Psychologen und Psychiatern eine umstrittene Frage, ob sich eine Person mittels einer Hypnose dazu verleiten ließe, ein Kapitalverbrechen zu begehen. In den Narrativen der Populärkultur gab es dafür zahlreiche Beispiele, etwa im Film das Medium des Dr. Caligari oder Dr. Mabuse mit seinem hypnotischen Blick. Ein prominenter Verfechter der Ansicht, dass es unmöglich sei, lediglich durch Hypnose einen „sittlich guten“ Menschen zu zwingen, eine schwere Straftat zu begehen, war der Wiener Psychiater Julius Walter-Jauregg. Dies nahm der weniger bekannte Hypnotiseur Walter Sell zum Anlass, in einem praktischen Experiment das Gegenteil zu beweisen. Von diesem „Mordanschlag“ berichtet die Vossische Zeitung am 15. November, für uns berichtet Paula Leu.
7 Minuten
Waaas? Der Berliner – unhöflich? Rüde im Umgang mit seinesgleichen und den Besuchern seiner schönen Stadt, immer einen derben Fluch auf den Lippen? Es gibt historische Texte, deren Inhalte sich mit dem Abstand eines Jahrhunderts kaum mehr nachvollziehen lassen. In der Berliner Morgenpost vom 14. November 1920 zeigt sich ein Heimgekehrter auf jeden Fall erschüttert über die gesellschaftlichen Konventionen an der Spree - die in ihm selbst wenig zivilisierte Züchtigungsphantasien aufsteigen lassen. Für uns flucht, äh liest Frank Riede.
4 Minuten
Kaum zu glauben, aber wahr: Lex Barker ging 1920 noch in Windeln, Pierre Brice war gar noch lange nicht geboren, und doch bevölkerten auch vor einhundert Jahren bereits – erstmals – Karl-May-Helden die Kinoleinwand. Bei dem heute leider verschollenen Streifen Auf den Trümmern des Paradieses handelte es sich um eine Adaption des Bandes Von Bagdad nach Stambul aus dem berühmten Orient-Zyklus, für die die May-Vertraute Marie Luise Droop (Drehbuch) und Josef Stein (Regie) verantwortlich zeichneten. In Anwesenheit der Witwe Klara May hatte die Welturaufführung bereits am 7. Oktober 1920 in Dresden stattgefunden, nun, einige Wochen später, erreichte der Film auch die Berliner Kinos. Die hauptstädtische Presse pilgerte hin – und war wenig begeistert. Aus der Berliner Börsen-Zeitung vom 13. November 1920 liest Paula Leu.
7 Minuten
Mit der ersten Impressionistenausstellung 1874 in Paris wurde Claude Monet zum Revolutionär der Malerei. Dank der von den Pointillisten später perfektionierten sogenannten ‘optischen Mischung’, der Mischung der Farbpigmente im Auge des Betrachters statt auf der Leinwand, ließen seine Bilder die Welt in neuem Licht erscheinen. 1920 war Monet eine 80jährige Institution, der letzte lebende Vertreter der frühen Avantgarden. Er hatte nicht nur eine neue Maltechnik entwickelt, sondern auch einen anderen Blick auf die Wirklichkeit inspiriert. Am 12. 11., 2 Tage vor seinem Geburtstag, gratuliert die „Vossische Zeitung“ mit einem „Gruß der Verehrung und Bewunderung“. Es liest Frank Riede.
4 Minuten
Dass die sündige deutsche Hauptstadt in den 1920er Jahren ein Mekka der Prostitution war, ist nicht erst seit Babylon Berlin weithin bekannt. Dabei waren die Grenzen zwischen Liebe und käuflicher Liebe durchaus nicht immer scharf gezogen und bereits im Vorfeld erkennbar. Die ‘heilige Franziska‘, die es am 11. November in den Vorwärts schaffte, pflegte ihre Dienstleistung jedenfalls offensichtlich nicht als solche anzukündigen. Und kultivierte darüber hinaus auch eine sehr eigene, unsanfte Art, ihr ‘Honorar‘ nach – oder gar vor – dem Akt einzutreiben. Trotzdem wollte sich, als sie und ihre Hintermänner irgendwann aufflogen, seltsamerweise kaum einer der (teilweise durchaus prominenten) Geprellten als Zeuge der Anklage zur Verfügung stellen. Gelesen von Paula Leu.
5 Minuten
Nachrevolutionäre Zeiten sind im allgemeinen gute Zeiten für Hochstapler. Im Chaos des Übergangs fallen geborgte Identitäten häufig nicht auf. Zugleich ist die Sehnsucht nach neuen oder alten Autoritäten weithin groß. Zu den diesbezüglich berühmtesten Bluffern der Geschichte zählt gewiss die kaschubische Bauerntochter Franzisca Czenstkowski, die nach einem vermeintlichen Suizidversuch im Frühjahr 1920 in Berlin aus dem Landwehrkanal gefischt wurde und sich danach - mit zumindest partiellem Erfolg - als dem Massaker von Jekaterinburg angeblich entkommene Zarentochter Anastasia ausgab. Aber auch andere entthronte europäische Herrscherhäuser waren vor derartigen Erbschleichern nicht sicher. Der falsche Habsburger, von dem der Vorwärts am 10. November 1920 berichtet, hatte es dem Anschein nach zwar nicht gleich auf Rudolfs- und Stephanskrone, wohl aber auf die finanzielle Zuwendung gutgläubiger monarchienostalgischer Geldgeber abgesehen. Es liest Paula Leu.
5 Minuten
Zwei Jahre nach der Novemberrevolution, die am 9. November 1918 Deutschland in eine Demokratie umwandelte, meldet sich in unserem Podcast mal wieder Kurt Tucholsky unter seinem Pseudonym Ignaz Wrobel zu Wort. Und er stellt dabei, wie man sich denken kann, der Revolution und der aus ihr hervorgehenden Weimarer Republik ein schlechtes Zeugnis aus, indem er wesentlich die Kontinuitäten zum Kaiserreich betont. Monarchistische Justiz und Verwaltungen, Spießbürger bestimmen das Geschehen, Reaktionäre erstarken. Eine Revolution des kleinen Mannes muss her! Es liest Frank Riede.
5 Minuten
In den Sportteilen der Berliner Zeitungen dominierte 1920 nicht der Fußball, nicht der Box-Kampf, nicht das Tennisspiel. Sie berichteten von den Pferderennbahnen der Stadt und informierten über alle Sieger und Platzierungen der einzelnen Rennen. Dabei standen riesige Summen von Wetteinsätzen auf dem Spiel und es kam immer wieder vor, dass ein Streit über den rechtmäßigen Verlauf eines Rennens zu heftigen Protesten mancher Wettenden führte. Von einem besonders schwerwiegenden Skandal an der Mariendorfer Pferderennbahn berichtet die BZ. am Mittag in ihrer Ausgabe vom 8. November 1920. Für uns spricht ins Mikrophon: Paula Leu.
10 Minuten
Am 7.11.1920 druckt die Berliner Volkszeitung einen Brief ihres Korrespondenten in Hessen. Ein Besuch in Kassel zeigt überraschend, dass die auf den ersten Blick als Altenteil kaisertreuer Pensionäre erscheinende Stadt tatsächlich eine politisch hochaktive Arbeiterschaft beheimatet. Dagegen wird die Universitätsstadt Marburg mit all ihren klugen Köpfen als Hort reaktionär-nationalistischen Flaggentaumels erfahren. Für den Wiederaufbau Deutschlands, so das Fazit, lässt sich nur auf den Kassler Proletarier, nicht den Marburger Akademiker hoffen. Es liest Frank Riede.
9 Minuten
Der 1878 geborene Georg Kaiser zählt zu den produktivsten wie erfolgreichsten Dramatikern der sogenannten expressionistischen Generation. Ständige Geldnöte plagten ihn trotzdem und brachten ihn auf die schlechte Idee, aus einer von ihm lediglich gemieteten Villa im bayerischen Tutzing Gemälde und Teppiche zu verpfänden. Die Sache flog auf, Kaiser ging in Untersuchungshaft - und die eine Woche später terminierte Berliner Uraufführung seines neuen ‘Tanzspiels‘ Europa konnte sich vor publicity kaum retten. Der Rezensent der Vossischen Zeitung Monty Jacobs hat zum Glück Stil. Sein Premierenbericht vom 6. November 1920 hält sich mit Kaisers Privatleben nicht lange auf, sondern findet schnell zurück zum Dauergenörgel der Berliner Theaterkritik über Hans Poelzigs angeblich völlig überdimensioniertes Großes Schauspielhaus, dem seine vormalige Nutzung als Zirkus viel besser gestanden habe als jetzt die als Theater. Es liest Frank Riede.
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Der Podcast mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Welt vor hundert Jahren