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Auf den Tag genau Archiv

2057 Episoden
9 Minuten
Als Attachee im diplomatischen Dienst Frankreichs hatte Jacques Seydoux sowohl in London als auch in Berlin einige Jahre verbracht bevor er nach Ende des 1. Weltkrieges die Leitung der neugeschaffenen Wirtschaftsabteilung des französischen Außenministeriums übernahm. Dort hatte er nicht zuletzt auch die Frage der Reparationen zwischen Deutschland und den Siegermächten zu moderieren. Als klar war, dass Deutschland auf absehbare Zeit kaum in der Lage sein würde, substanzielle monetäre Entschädigungen zu zahlen, legte Seydoux Ende 1920 einen Plan vor, in dem Reparationsleistungen nicht direkt über Geldzahlungen, sondern über eine Art Anteilscheinsystem erbracht werden sollten. Obwohl es auch auf deutscher Seite Widerstände gab, hatte man sich zu Beginn des Jahres 1921 dazu durchgerungen, Seydoux’ Plan zu akzeptieren. Umso verärgerter war die deutsche Delegation unter Außenminister Walter Simons, als die Alliierten den Plan Ende Januar überraschend selbst fallen ließen. Von der kurze Zeit darauf im Reichstag gehaltenen, deutlichen Rede Simons berichtet am 2. Februar die Vossische Zeitung. Es liest Frank Riede.
9 Minuten
Die heutige Ausgabe von ‚Auf den Tag genau‘ ist ein Stückweit auch eine Angelegenheit in eigener Sache. Der sogenannte Alte Marstall in der Breiten Straße direkt neben dem gerade wieder errichteten Hohenzollernschloss ist eines der ältesten erhaltenen, zumal weltlichen Gebäude in Berlin. Bis 1918 beherbergte er gemeinsam mit dem angrenzenden Neuen Marstall die kaiserlichen Pferde und Kutschen, danach wurde er (gemeinsam mit dem noch älteren Ribbeck-Haus) umgerüstet zur Heimstatt der Berliner Stadtbibliothek, als die er noch heute fungiert. Zu deren wichtigsten Beständen zählen zweifellos die hier befindlichen Berlin-Sammlungen, zu denen wiederum ein umfängliches städtisches Zeitungsarchiv gehört. Auf Mikrofilm kann man dort (zumindest außerhalb von Lockdown-Zeiten) u.a. auch unseren heutigen Podcastartikel aus dem Berliner Tageblatt vom 1. Februar 1921 lesen, welcher eben der Umwandlung des Marstalls in besagte Stadtbibliothek gewidmet ist. Für uns tut dies Paula Leu.
8 Minuten
Das Interesse für fernöstliche Kultur war keine Modeerscheinung des 18. Jahrhunderts allein. Doch während Friedrich der Große sich sein Chinesisches Haus noch unzugänglich für das gemeine Volk im Park Sanssouci in Potsdam bauen ließ, konnten die Berliner zu Beginn des Jahres 1921 ganz einfach im Hohenzollern-Kunstgewerbehaus asiatische Möbel, Porzellane, Stoffe, Handarbeiten und andere Kunstwerke sowie besonders die chinesisch-japanischen Zwerggärten mit ihren Miniatur-Bonsaibäumen anschauen gehen. Professor Doktor Paul Graebner, Kustos am Botanischen Museum, zeigt sich im Berliner Tageblatt vom 31.1. begeistert. Gelesen von Frank Riede.
8 Minuten
Der deutsche Presseball blickt heute auf eine beinahe 150jährige Geschichte zurück. Am 9. März 1872 als Wohltätigkeits-Veranstaltung zugunsten notleidender Journalisten begründet, wurde der Ball rasch zu einer Veranstaltung, deren Gästeliste sich wie ein „who-is-who“ des Deutschen Reiches las. Das verführte die darüber berichtende Presse auch zu endlosen Aufzählungen der anwesenden Damen und Herren, zeugte doch die Beteiligung von allem, was Rang und Namen hat, auch von der Bedeutung der Vierten Gewalt im Staate. Im Bericht über den Presseball 1921 in der Berliner-Börsen Zeitung vom 30. Januar finden sich ebenfalls solche Gästelisten, der Autor beginnt allerdings mit einer Rezension des eigens zu dem Ball herausgegebenen Büchleins „Die Balldame“, an dem sich namhafte Zeichner und Autoren beteiligt hatten, die natürlich auch fein säuberlich aufgezählt werden. Es liest Paula Leu.
8 Minuten
Spanien mag schon vor einhundert Jahren ein deutsches Sehnsuchtsland gewesen sein – aus hiesiger Perspektive war es damals aufgrund seiner Randlage in Europa jedoch vor allem eins: weit weg. Das schlägt sich auch in der Berichterstattung der großen Berliner Tageszeitungen nieder, die in beeindruckender Vielfalt beinahe täglich aus Österreich, Polen oder Italien, sehr regelmäßig aus England, Frankreich und Skandinavien sowie von Zeit zu Zeit exklusiv selbst aus entlegeneren Weltgegenden wie dem postrevolutionären Russland, dem Orient oder Südamerika informieren – auf die iberische Halbinsel indes kaum über Drähte verfügen. Umso interessanter, wenn sich doch einmal ein Reisebericht findet, wie am 29. Januar 1921 in der Vossischen Zeitung. Dessen mit K.U. signierender Autor weiß von seinem Zielort denn auch durchaus Überraschendes mitzuteilen: nicht nur über die aufgrund der starken Valuta vergleichsweise hohen Lebenskosten, sondern auch bezüglich des unerwartet feuchten und ungemütlichen Wetters. Für uns reist bzw. liest Frank Riede.
6 Minuten
Donald Trump, falls er dies hört, muss jetzt sehr tapfer sein: Die rechtsliberale Deutsche Volkspartei klagte 1921 gegen die im Vorjahr abgehaltene Wahl zur Berliner Stadtverordnetenversammlung wegen angeblicher Form- und Auszählungsfehler – und kam damit durch. Der dafür erstinstanzlich zuständige Bezirksausschuss schloss sich dem Einspruch der DVP an und erklärte kurioserweise zwar nicht den zeitgleich vollzogenen Wahlakt für die Bezirksparlamente, wohl aber den für das Stadtparlament für ungültig. Wenig Freude löste dieser Neuwahlbeschluss naturgemäß in den Reihen der seinerzeit zur stärksten Fraktion erhobenen USPD aus. Deren Parteizeitung Freiheit unterstellt in ihrer Ausgabe vom 28. Januar denn auch unverhohlen politische Motive hinter dem Urteil. Es liest Frank Riede.
10 Minuten
Die Kochkunst ist ein wichtiger Baustein der Selbstwahrnehmung eines Landes. Was aber tun, wenn die Mangelwirtschaft des Krieges dazu führte, dass das Kochen hauptsächlich im Dienste des Überlebenskampfes betrieben wurde, fern von üppigen Gaumenfreuden? Der künstlerische Anteil des Kochens wurde dabei zu der Kunst, aus nichts viel zu machen. Die feste Größe in Weimar, wenn es um Mode und Kulinarik geht, Julie Elias, betrachtet ausgehend von neuen französischen Kochbüchern die Situation der Kochkunst in Deutschland und hat auch eine klare Vorstellung davon, in welche Richtung es gehen soll. Köchinnen und Köche aufgepasst! Ihr von Paula Leu für uns gelesene Artikel aus dem Berliner Tageblatt vom 27. Januar enthält ein Rezept für gefüllten Kohl.
4 Minuten
Die 1920er Jahre gelten zurecht als ein goldenes Zeitalter des Zeitungswesens; allein der Sportjournalismus steckte damals erkennbar noch in den Kinderschuhen. Zwar hatten fast alle Zeitungen mittlerweile ein paar schmale Zeilen dafür reserviert, über die wichtigsten Ereignisse auf dem Gebiet der ‘Leibesübungen‘ zu berichten. Über viel mehr als knappe Ergebnislisten ging das jedoch selten hinaus. Und wenn es doch einmal zwei, drei Sätze mehr sind, wie beim Bericht der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 26. Januar 1921 über eine Eislaufgala im Admiralspalast, erfährt man aus dem Artikel häufig trotzdem erstaunlich wenig über die gelaufenen Sprünge und Pirouetten – weil jener sich stattdessen lieber bei der Frage aufhält, ob Eisläufer aus Wien in Berlin als ‘internationale Gäste‘ anzukündigen seien. Es liest Paula Leu.
6 Minuten
Die Theaterkritik von Max Goldstein in der Vossischen Zeitung vom 25. Januar 1921 ist von einer doppelten paternalistischen Haltung geprägt. Zum einen wagt sich der Berliner Hauptstadtkritiker in das benachbarte Potsdam, um zu schauen, was das kleinstädtische, verschnarchte und provinzielle Theater dort so anbietet. Zum anderen werden dort zwei Einakter des arabisch-deutschen Dramatikers und Übersetzers Asis Domet gegeben, der als maronitischer Christ und Bewunderer deutscher Literatur zwischen den Kulturen wirkte und offenbar in seinen Stücken bemüht war, orientalische Stoffe in deutsche Verssprache zu übertragen. Goldstein begegnet diesem Bemühen durchaus mit Sympathie, attestiert Domet allerding kindlich entwaffnenden Dilettantismus. Für uns liest Frank Riede.
3 Minuten
Dass sich Personen des öffentlichen Interesses für eine Affäre entschuldigen, gibt es alle Tage. Auch hat man schon davon gehört, dass manch einer der eigentlichen Anschuldigung zuvorgekommen ist und das moralische Fehlverhalten dementierte, bevor er dessen überhaupt angeklagt war. Die Art und Weise aber, wie Knut Hamsun sich am 24.1.1921 im Berliner Tageblatt gegen den angeblich erhobenen Vorwurf der Vielweiberei zur Wehr setzt, ist schon speziell. Eine „finnländische Frau“ habe ihm den Artikel eines dänischen Journalisten zugeschickt, der diese Lügen über ihn verbreite. Wo genau er das tat, bleibt ungeklärt. Warum sich Hamsun im Berliner Tageblatt öffentlich erklärt, ebenso. Und wer ist diese „finnländische Frau“? Wie auch immer. „Ergebenst ihr Knut Hamsun“. Es liest Paula Leu.
6 Minuten
Adolph Franz Friedrich Ludwig Freiherr Knigge publizierte 1788 sein „Über den Umgang mit Menschen“, das einen solchen Ruhm erlangte, dass der Begriff „Knigge“ bis heute stellvertretend für Benimmbuch steht, obgleich der Freiherr es gar nicht als solches verfasst hatte. Zweifellos schrieb Adolph Franz Friedrich etc. Knigge in einem spezifischen kulturell-gesellschaftlichen Kontext. Dieser Kontext verändert sich mit der Zeit und dem trägt mit deutlich ironischem Ton der österreichische Schriftsteller Ludwig Hirschfeld Rechnung. Im Berliner Tageblatt vom 23. Januar 1921 schreibt er eine Aktualisierung des Knigge für die neureiche Schicht der Nachkriegszeit. Wir erhalten die Ratschläge von Frank Riede.
3 Minuten
Angestrengt von der politischen Unruhe, aber wohl auch zermürbt von einer zunehmend nörgeligen Kritik hatte Berlins berühmtester Theaterkünstler, Max Reinhardt, die Stadt 1920 verlassen und die Direktion des von ihm vormals geleiteten Deutschen Theaters samt des gerade neu eröffneten Großes Schauspielhauses an seinen früheren Mitarbeiter Felix Hollaender übergeben. Dieser verfügte selbst über eine Vergangenheit als Theaterkritiker, was das Verhältnis zu den einstigen Kollegen aber offensichtlich auch nicht einfacher machte. Vielmehr kündet der Vorwärts in seiner Ausgabe vom 22. Januar 1921 von einem Boykott gegen die Hollaender-Bühnen, zu dem sich die versammelte Berliner Theaterkritik nach ein paar Nadelstichen aus deren Dramaturgiestuben durchgerungen hatte. Auch wenn dieser Beschluss bereits nach wenigen Tagen wieder zurückgenommen wurde, stand die Intendanz Hollaenders nach dieser Machtprobe unter keinem besonders guten Stern. Sie endete bereits 1923, und Hollaender wurde wieder – Theaterkritiker. Es liest Paula Leu.
6 Minuten
Gustav Boeß von der DDP, der bürgerlich liberalen Deutschen Demokratischen Partei, wurde am 20. Januar 1921 zum Oberbürgermeister von Berlin gewählt. Da die Stadtverordnetenversammlung eine „linke“ Mehrheit aus Kommunisten, USPD und SPD besaß, ist die Wahl eines Kandidaten des bürgerlichen Lagers nur dadurch zustande gekommen, dass die SPD ihre Stimmen ihm gab und nicht dem Kandidaten der USPD Dr. Weyl. Dementsprechend beinhaltet der Bericht vom 21. Januar zur Wahl von Gustav Boeß im Vorwärts eine Rechtfertigung der SPD-Fraktion, warum sie nicht für Weyl stimmte, wohlwissend, dass die Presseorgane der Kommunisten und der USPD sie als Verräter beschimpfen würden. Gustav Boeß war die ganzen „goldenen Zwanziger“ über, bis 1929, Oberbürgermeister, bis er über die sogenannte Pelzmantelaffäre stürzte, bei der es um spottbillige Pelze für seine Frau mit dem Geruch von Bestechung ging, aber davon berichten wir dann 2029. Um einen Eindruck von damaligen Lebensläufen zu geben, liest Paula Leu auch die biographische Skizze des Vorwärts ein, die an den Artikel anschließt.
9 Minuten
Dass Charlottenburg einmal eine von Berlin unabhängige Kleinstadt war, kann man sich heute kaum noch vorstellen. Was heute der alte Westen ist, diente bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts noch als eine Art Naherholungsgebiet der Kapitale, die Sommerfrische der Berliner. In einer Zeit, in der der Scharmützelsee noch wild und unentdeckt war wie Humboldts Orinoco, hielt sich nicht nur der Hof während der Sommermonate gerne im bereits zivilisierten, aber doch noch ländlich-idyllischen Charlottenburg auf. Im Häuschen mit Garten, zwischen Fliederbüschen und Goldregen, bei einer Weißen und bei Grünem Aal mit Dill. An diese Welt von gestern erinnert sich ein Altberliner in der Vossischen Zeitung vom 20.1.1921. Gelesen von Paula Leu.
6 Minuten
Am 20. April 1828 wurde die Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin gegründet mit dem Ziel geographische und geowissenschaftliche Forschung zu fördern, aber auch um mit Vortragsabenden und einer Zeitschrift, wie man heute sagen würde, Wissenschaftskommunikation zu betreiben. Dieses Jahr wird sie ihr 193jähriges Bestehen feiern. Am 19. Januar 1921 berichtet der Vorwärts vom ersten Vortragsabend des Jahres. Der Reiseschriftsteller, Fotograf und Mongoleiforscher Hermann Consten, der zwei Jahre zuvor das Buch „Weideplätze der Mongolen – im Reiche der Chalcha“ publiziert hatte, das auf seiner Expedition während des Ersten Weltkriegs basierte, trug vor – wen überrascht es – über die Mongolei. Neben anderem ist vielleicht an seinem Vortrag für uns überraschend, dass die Mongolen in der Schlacht bei Liegnitz von 1241 offensichtlich dampfausstoßende Kriegsmaschinen einsetzten, so dass diese Schlacht als einer der frühen Einsätze chemischer Waffen gilt. Für uns berichtet vom Vortragsabend mit Lichtbildern Frank Riede.
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