Auf den Tag genau Archiv
2057 Episoden
8 Minuten
Nationale Feierlichkeiten kreisen hierzulande aus bekannten historischen Gründen regelmäßig um das Thema der deutschen ‘Einheit‘ – zuletzt im vergangenen Jahr, als deren dreißigstes Jubiläum begangen wurde. Vor einhundert Jahren war man diesbezüglich, d.h. in der Zählung schon einmal weiter: 50 Jahre deutsche Einheit hieß es damals, und gemeint war damit natürlich der Jahrestag der Gründung des Kaiserreiches im Spiegelsaal von Versailles. Pünktlich zu jenem am 18. Januar 1921 reihte sich in den Reigen der Gratulanten auch das Berliner Tageblatt ein, ganz ohne freilich in die nostalgisch-monarchistische Wehklage der rechten Blätter ob des Untergangs selbigen Reiches in Weltkrieg und Revolution einzustimmen. Obgleich 1870/71 schließlich von ‘oben‘, von Bismarck vollzogen, sei das Projekt der deutschen Einigung im 19. Jahrhundert doch genuin dem demokratischen Geist von 1848 entsprungen und der Gedenktag insofern sehr selbstbewusst auch in Zukunft als republikanischer Feiertag zu begehen. Es liest Paula Leu.
9 Minuten
‚Stuttgart 21’ heißt die große Bahnhofsvision, welche die Baden-Württembergische Landeshauptstadt derzeit zu einer überdimensionalen Baustelle macht und jeden Tag auf’s Neue ins Verkehrschaos stürzt. Vor hundert Jahren war der Eindruck vor Ort ein anderer. Im Vergleich zum hungernden Ruhrgebiet, so der ab 1917 in Süddeutschland lebende luxembugrische Journalist Tony Kellen in der Vossischen Zeitung vom 17.1., sei das Schwabenland der Nachkriegsjahre – bei allen Schwierigkeiten – immer noch ein Paradies, in dem man sich leidlich satt essen könne. Und doch zeigt sich schon 1921, dass die Stadtplanung im ehemaligen ‚Stutengarten‘ Ludolf von Schwabens den Herausforderungen der besonderen Lage im Neckartalkessel womöglich nicht gewachsen ist. Womit wir wieder bei Stuttgart 21 wären … Gelesen von Frank Riede.
5 Minuten
Warum kauft ein politisch engagierter Industriemagnat eine renommierte Tageszeitung? Diese süffisant gestellte Frage waberte im Mai 1920 durch den deutschen Pressewald, nachdem Hugo Stinnes – gelernter Kohlenhändler und mittlerweile Kopf eines weitverzweigten Wirtschaftsimperiums – die ehrwürdige Deutsche Allgemeine Zeitung erworben hatte. Um seinen Geschäftsinteressen zu dienen, um seine politische Karriere voranzutreiben, um sie zu seinem Sprachrohr zu machen, lautete die naheliegende Antwort nicht nur der linksrepublikanischen Blätter. Zumindest die Ausgabe der DAZ vom 16. Januar 1921 ist nicht dazu angetan, diesen Verdacht wirkungsvoll zu entkräften. Im Ostseebad Zingst regte sich seinerzeit Widerstand gegen die vermeintlich geplante Abholzung seines berühmten Waldes durch die Nordische Holzhandelsgesellschaft, an der Hugo Stinnes prominent beteiligt war. Und wer wohl verteidigte Stinnes gegen die Vorwürfe, bei diesem Raubbau einen Reibach machen zu wollen? – Es liest Paula Leu.
5 Minuten
Schwarzweißrot oder Schwarzrotgold – der Flaggenstreit wurde während der gesamten Weimarer Jahre mit großer Erbitterung geführt und fungierte selbstredend als Stellvertreterkrieg für viel tiefer liegende ideologische Gegensätze. Das Berliner Tageblatt aus dem Verlagshaus Mosse stand nach 1918 eigentlich der linksliberalen DDP nahe und vertrat redaktionell dezidiert republikanische Werte. In seiner Ausgabe vom 15. Januar 1921 schlug es sich jedoch überraschend auf die Seite des rechtsliberalen Koalitionspartners DVP, der eine Rückkehr zu den alten kaiserlichen Farben angeregt hatte, und ließ in seiner Argumentation dabei exakt jene fatale Appeasement-Haltung gegenüber den Republikfeinden durchklingen, die zum Untergang von ‘Weimar‘ maßgeblich beitragen sollte: Da es ja nicht auf Äußerlichkeiten wie ein Stück Leinen ankäme, könnte man dem Gegner doch in dieser Frage entgegenkommen und sich gleichzeitig lieber verstärkt ideell in Demokratieerziehung üben. Es liest Frank Riede.
5 Minuten
Schwaben sind in Berlin längst keine Minderheit mehr. 1921 aber konnte der Umzug von Stuttgart in die Kapitale durchaus noch einen Kulturschock bedeuten. Dabei ging es weniger um fehlende Kehrwochen als um den desolaten Zustand der Straßen überhaupt. Auch der Mangel an Wohnraum an sich war nicht das erste Problem; eher die geschäftstüchtige Mehrfachnutzung durch die Vermieter. Doch gerade auch dem Provinzler aus dem Süden machte der unter großstädtischer Lässigkeit versteckte Arbeitseifer der Berliner ordentlich Eindruck. Und überhaupt war man vom urbanen Flair schneller eingenommen, als man sich das zunächst hätte vorstellen können, wie ein Zuzügler vom Neckar am 14.1. in der Roten Fahne berichtet. Vorgelesen von Paula Leu.
4 Minuten
Mit einem Telefonapparat soeben noch geschäftliche Telefonate in seinem Laden führen, dann den Apparat ausstöpseln, in seinen über dem Geschäft liegenden Privathaushalt mitnehmen, dort einstöpseln und mit der Verwandtschaft telefonieren. Dieses Begehren ging 1921 in Erfüllung, da die Post, neben einer offenbar gewohnheitsmäßigen Erhöhung der Gebühren, die Bestimmungen über die Beweglichkeit der Apparate änderte und eben dies ermöglichte. Die Vossische Zeitung berichtet am 13. Januar von den „wandernden Telephonen“. Frank Riede spricht in den Aufnahmeapparat.
3 Minuten
Das Monokel, gelegentlich auch Einglas genannt, war nie bloß eine Sehhilfe, sondern – in Deutschland, wie übrigens auch in England – von jeher auch ein Statussymbol der sich besser dünkenden Stände. Insbesondere im preußischen Offizierskorps blieb es auch dann noch, Anfang des 20. Jahrhunderts, in Mode, als es medizinisch längt überholt war bzw. sogar für schädlich angesehen wurde – weshalb es der britische Kriegsminister Earl Kitchener seinen Soldaten bereits vor dem Ersten Weltkrieg zu tragen verboten hatte. Dafür dass der preußische Innenminister, der Sozialdemokrat Carl Severing, nun nachzog und der Heeresleitung den Verzicht auf das geliebte Accessoire dekretierte, gab es, wie im Folgenden zu hören, ausnahmsweise Beifall selbst aus dem Lager der konkurrierenden USPD. Aus deren Parteizeitung Freiheit vom 12. Januar 1921 liest Paula Leu.
7 Minuten
Als Vertreter des neuen Bauens war Bruno Taut einer der innovativsten Architekten der 1920er Jahre in Deutschland. Auch als Architekturphilosoph meldete er sich immer wieder zu Wort. Die Frage, ob man in der heutigen Zeit noch bauen könne, stellt sich dabei für ihn nicht. Stattdessen ist die Frage, wie! Hierzu hat Taut einige Ideen und er ist guter Dinge, dass auch aus der Not der Nachkriegsjahre ein neues Weltbild und eine neue Architektur entstehen kann, wie er in der Vossischen Zeitung vom 11. Januar schreibt. Gelesen von Frank Riede.
5 Minuten
Eine der wohl bekanntesten Kuriosa über Immanuel Kant ist, dass er in der Lage war, in landeskundlichen Vorträgen detailgenaue Beschreibungen der Tower Bridge in London zu geben, ohne jemals das Gebiet um seine Geburtsstadt Königsberg überhaupt verlassen zu haben. Man könnte meinen, dass die Stadtverwaltung diese besondere Heimattreue des großen Sohns des heutigen Kaliningrads auch nach seinem Tode zu würdigen und zugleich für touristische Zwecke zu nutzen wüsste. Dass die Geschichte des Kantgrabmals aber eine von Nachlässigkeit und Geiz geprägte unwürdige Geschichte ist, darüber kann auch das hochtrabend „Stoa Cantiana“ genannte kleine Gewölbe am Königsberger Dom nicht hinwegtäuschen. 1921 war dieses in einem erbärmlichen Zustand. Immerhin starteten die Stadtverordneten – wohl auch aufgrund des nahenden 200 jährigen Geburtstags des Philosophen – eine erneute Initiative, Kants letzte Ruhestädte endlich würdig zu gestalten. Das Berliner Tageblatt vom 10.1. berichtet. Paula Leu liest.
6 Minuten
Vor einhundert Jahren gab es zwar noch keine CSU; divergierende und teilweise kollidierende Interessen in Bezug auf die Ordnung der Schulferien in den verschiedenen deutschen Ländern prallten aber auch schon damals aufeinander. Dissens herrschte dabei seinerzeit, genau genommen, sogar über noch grundsätzlichere Fragen als heute, wie etwa die jährliche Gesamtferiendauer oder auch den Zeitpunkt des Schuljahresbeginns. Während man diesbezüglich immerhin zeitnah von einer Einigung ausging, sah das Berliner Tageblatt vom 9. Januar 1921 weise voraus, dass mit einer weitergehenden Annäherung in Ferienfragen einstweilen eher nicht zu rechnen sei. Es liest Paula Leu.
7 Minuten
Nachdem gestern die Vossische Zeitung die Ereignisse der Skandal-Sitzung des Stadtparlamentes vom 6. Januar 1921, in der es um die Aufarbeitung des Elektrizitätsarbeiterstreiks ging, kommentierte, kommt heute das Parteiorgan der KPD zu Wort. Sollte es so sein, dass die Stadverordneten, sich weigerten gegenüber den Streikenden des Elektrizitätswerks ihre eigenen Beschlüsse umzusetzen? Spielten Stinkbomben wirklich eine große Rolle bei den Protesten der Tribüne? Wir haben nicht die Recherchekapazitäten, um dies klären. Entscheide jeder für sich. Die Interpretation der Sitzung aus der Roten Fahne vom 8. Januar liest Frank Riede.
7 Minuten
Wir hatten bereits in unserem Podcast darüber berichtet, dass der Bürgermeister von Berlin Wermuth wegen seines Umgangs mit dem Elektrizitätsarbeiterstreik zurücktreten musste. Das Thema kochte in der Stadtverordneten-Sitzung am 6. Januar 1921 wieder auf, in der es um die Sanktionierung der Streikenden ging und die zu Tumulten ausartete. Ein Antrag der KPD wurde abgelehnt, worauf offensichtlich weite Teile der Besucher auf den Tribünen lautstark protestierten, weshalb die Sitzung unterbrochen wurden, bzw. in einem anderen Raum weitergetagt wurde. Wir nehmen dieses Ereignis als Anlass, verschiedene Perspektiven auf dieses Ereignis zu bieten. Heute hören sie den Bericht der Vossischen Zeitung vom 7. Januar, die jegliche Schuld bei den Kommunisten sieht, morgen bringen wir eine Reaktion auf die Vorwürfe der bürgerlichen Presse aus dem Parteiblatt der KPD, der Roten Fahne, mit deren Sicht auf die Ereignisse. Heute also der Skandalruf der Vossischen, gelesen von Paula Leu.
10 Minuten
Franz Schreker zählte anno 1921 bereits zu den bedeutendsten zeitgenössischen Opernkomponisten in Deutschland. Ausgerechnet in Berlin, wo er seit dem Vorjahr als Direktor an der Akademischen Hochschule für Musik – einer Vorgängerinstitution der heutigen UdK – wirkte, waren seine Werke indes häufig nicht oder nur verspätet zu erleben. Auch seine neueste Bühnenschöpfung Die Gezeichneten, die vielen Experten heute als seine wichtigste gilt, war bereits 1918 noch während des Krieges einmal mehr in Frankfurt am Main uraufgeführt worden und gelangte erst jetzt, im Januar 1921, zu hauptstädtischen Ehren. Die hiesige Presse vernahm es mit Ungeduld, berichtete aber umso ausführlicher und überwiegend wohlwollend. So auch die Vossische Zeitung vom 6. Januar, aus der hier Frank Riede liest.
8 Minuten
Zwischen 1823 und 1840 waren die heutigen mittelamerikanischen Staaten Guatemala, Honduras, El Salvador, Nicaragua und Costa Rica in den Vereinigten Provinzen von Zentralamerika in einer Art Bundesrepublik verbunden, die aufgrund von Unabhängigkeitsbestrebungen und kriegerischen Konflikten unterging. Ende 1920 wurde unter diesen Staaten eine Wiederauflage dieses Bundes erwogen, wie der Vorwärts vom 5. Januar zu berichten weiß. Tatsächlich schlossen sich im Juni 1921 El Salvador, Honduras und Guatemala zusammen. Das Bündnis zerfiel allerdings wenige Monate später wieder. Bei den landeskundlichen Ausführungen zu den einzelnen Staaten geht es immer auch um die Bevölkerungsstruktur, wobei die 1921 gängige, für uns höchst problematische, Rasse-Terminologie gebraucht wird. Es liest Paula Leu.
5 Minuten
In Zeiten einer rapide voranschreitenden Erderwärmung hat man sich, so scheint es, bereits damit abgefunden, dass „weiße Weihnachten“ in Mitteleuropa nur in der Erinnerung existieren. Doch haben ungewöhnlich milde Winter auch schon vor hundert Jahren zu einigem Kopfschütteln geführt. Über 13 Grad zu Jahresbeginn sind der Vossischen Zeitung vom 4. Januar 1921 da durchaus mehr als nur eine kleine Randnotiz wert. Es liest Frank Riede.