Auf den Tag genau Archiv
2057 Episoden
7 Minuten
„Über Baden lacht die Sonne, über Schwaben die ganze Welt.“ Man kennt die Nickligkeiten, die Animositäten und Feindschaften, die das Verhältnis der beiden großen Teile des sogenannten deutschen Südweststaats heute noch prägen. Dass Baden und Württemberg 1952 überhaupt zusammenfanden, war alles andere als selbstverständlich. Und doch hatte die Vereinigung der so unterschiedlichen schwäbischen und badischen Mentalitäten in einem Bundesland damals bereits eine lange, bis an den Beginn des 19. Jahrhunderts zurückreichende Vorgeschichte. Auch in den Jahren direkt nach dem 1. Weltkrieg wurde diese Frage heftig diskutiert: Das größere und wirtschaftlich stabilere Württemberg würde gerne; aber Baden ziert sich. Die Deutsche Allgemeine Zeitung berichtet aus Karlsruhe, für uns liest der in Norddeutschland gebürtige, rheinisch sozialisierte, in Hessen ausgebildete Wahlberliner Frank Riede.
8 Minuten
Oft gibt es bei Auf den Tag genau eher negative Berichte zur wirtschaftlichen Lage des Deutschen Reiches zu hören. Der Rohstoffmangel, die Auflagen des Friedensvertrags wurden immer wieder als Ursache für eine schleppende Wiedererrichtung der deutschen Wirtschaft angeführt. Umso überraschender der Artikel von Paul Elsberg im Wirtschaftsteil der Vossischen Zeitung vom 16. Februar 1921 über den Aufschwung der deutsche Parfümindustrie. Zweifelsfrei hatte die Vorreiterstellung der chemischen Industrie dazu geführt, dass Deutschland vor dem Krieg Marktführer für synthetische Duftstoffe war, insofern gab es eine Entwicklung an die man nun anknüpfen konnte. Trotz aller Hindernisse, wachse der inländische Markt und deutsche Parfums seien mit denen Frankreichs konkurrenzfähig. Ob letztere Feststellung nicht eher ein frommer Wunsch des Autors war, sei dahingestellt. Vielmehr stellt sich die Frage: Warum produziert die deutsche Parfümindustrie „Duft-Eier“? Aufklärung bringt für uns Paul Leu.
8 Minuten
Berlin war auch nach dem Krieg eine Hochburg des Konzertwesens. Musikinteressierte hatten eine Auswahl zwischen 2000 Aufführungen pro Saison. Doch wie war die wirtschaftliche Lage der oftmals freiberuflich, damals hieß es „freistehend“, agierenden Musiker? Das Berliner Tageblatt befragte dazu für ihre Ausgabe vom 15. Februar den berühmten Komponisten und Direktor der Staatlichen Musikhochschule Berlin Professor Franz Schreker, über dessen Oper „Die Gezeichneten“ wir vor nicht allzu langer Zeit hier bei Auf den Tag genau berichtet haben. Ob es eine gute Idee des Tageblatts war, den großen, international gefragten Star, der sicherlich frei von finanziellen Sorgen war, zu der Situation der Studenten zu befragen – darüber kann jeder selbst urteilen. Es liest für uns Frank Riede.
5 Minuten
Das Aufkommen der Soziologie als anerkannte Wissenschaft Ende des 19. Jahrhunderts setzte die klassischen historischen Wissenschaften unter Druck. Methodisch sei die vor allem auf Großereignisse sowie die obersten Funktions- und Würdenträger fokussierte Historiographie dem Phänomen Geschichte gar nicht gewachsen, hieß es nun. Erst wenn man den sich nur langsam verändernden Alltag der normalen Menschen, die nicht zuletzt auch geographisch verschiedenen Mentalitäten in den Blick nehme, ließe sich die Vergangenheit annähernd objektiv rekonstruieren. Solch eine methodische Neuorientierung müsste dann aber auch Konsequenzen in den Schulen haben. Der Unterricht habe sich hier grundlegend zu verändern, ist der Reformpädagoge Paul Östreich in seinem Beitrag für den Vorwärts vom 14.2.1921 überzeugt. Gelesen von Paula Leu.
10 Minuten
Frei nach den Gebrüdern Blattschuss und ihrem Lied von den langen Kreuzberger Nächten ist festzuhalten: Ein guter Lokalteil einer Zeitung muss ab und an auch einmal aus den lokalen Lokalen berichten. So geschehen zum Beispiel am 13. Februar 1921, an dem sich die Vossische Zeitung in Gestalt ihres Autors Robert Misch aufmachte, die seit dem Weltkrieg veränderte Ess- und Trinkkultur in Berlin zu besprechen, und ihre Leserinnen und Leser zu diesem Zweck auf einen ausgedehnten Kneipenrundgang mitnahm. Viele Namen auf dieser Tour sagen uns nichts mehr, einige von den besuchten Institutionen laden hingegen auch heute noch oder wieder und vor allen Dingen hoffentlich bald wieder zur Einkehr. Für uns um die Häuser zieht Paula Leu.
11 Minuten
Das polnische Parlament, der Sejm, gilt als eine der ältesten parlamentarischen Einrichtungen der Welt und ist aus der polnischen Ständeversammlung hervorgegangen, die schon im 12. Jahrhundert belegt, seit 1493 institutionalisiert ist und regelmäßig tagt. Der am 12. Februar 1921 für das Berliner Tageblatt aus Warschau berichtende Wilm Stein prognostiziert anlässlich der Neu-Konstituierung der polnischen Nationalversammlung eine strukturelle rechte Mehrheit im Sejm, die, seiner Meinung nach, das ganze 20. Jahrhundert bestimmen werde. Auch den großen Einfluss der Katholischen Kirche auf die Politik des Landes betont er. Angesichts der vor kurzem beschlossenen reaktionärsten Abtreibungsgesetzgebung Europas, durch die rechtskonservative ‘Recht und Gerechtigkeit’, die die absolute Mehrheit im Sejm hält, muss man konstatieren: Eine hellsichtige Analyse, die für uns Frank Riede liest.
4 Minuten
Amerika – das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Und der ungezählten Morde. Dieses nicht zuletzt von Hollywoods Gangsterfilmen selbst verbreitete Bild stimmt so nicht ganz. Jedenfalls wurde schon 1921 genau Statistik geführt und diese im „Archiv für Kriminologie“ auch veröffentlicht. Dabei wird dann allerdings wieder vor allem eine Sache deutlich: vor allem bei den Totschlagverbrechen sind Städte wie Chicago oder Cleveland den alteuropäischen Hotspots weit voraus. Aus der Vossischen Zeitung vom 11. Februar liest Frank Riede.
7 Minuten
Am 2. Februar, 40 Tage nach Weihnachten, feiern die Christen “Maria Lichtmess”. In Frankreich wird dieses uralte pagane Fest, das in den christlichen Festkalender übernommen wurde, als „la Chandeleur“ bezeichnet. Der Begriff geht auf das lateinische festa candelarum also „Kerzenfest“ zurück. Es ist das Fest der Crêpes und ist als solch kulinarische Tradition fest im Programm der französischen Botschaften und seiner Kulturinstitute verankert. 1921 war der damals neunundfünfzigjährige Schriftsteller und Journalist Paul Block, der als Pariser Korrespondent für das Berliner Tagblatt schrieb, von dem Fest mit den leckeren Eierkuchen überrascht. In der Ausgabe vom 10. Februar berichtet er davon, wie ihm ein Hotelwirt diese Tradition näherbrachte, was er richtiggehend als einen Akt der Völkerverbrüderung empfand. Warum dieser Eindruck zum Ende hin leicht getrübt wurde, das berichtet für uns Paula Leu.
12 Minuten
Sogenannte Reenactments, also möglichst ‘authentische‘ Wiederaufführungen historischer Ereignisse erfreuen sich in den zurückliegenden Jahrzehnten großer Beliebtheit, sind als Phänomen im Grunde aber bereits seit der Römerzeit bekannt. Eine ganz besondere, staatlich verordnete Hochkonjunktur erlebte dieses Genre in der jungen Sowjetunion, die in großen Massenspektakeln die Erinnerung an ihre Geburt in der Oktoberrevolution zu inszenieren pflegte. Eine solche Feier gab es u.a. bereits zu deren drittem Jahrestag im Herbst 1920, anlässlich dessen an historischer Stätte die Erstürmung des Winterpalais mit Abertausenden von Laiendarstellern nachgespielt wurde. Zu den wenigen ausländischen Augenzeugen dieser Veranstaltung zählte der ungarische Schriftsteller Arthur Holitscher, der seiner Faszination darüber anschließend verschiedentlich in Buchform und Zeitungsartikeln Ausdruck verlieh. So geschehen beispielsweise in der Freiheit vom 9. Februar 1921, aus der für uns Frank Riede liest.
9 Minuten
Aufmerksamen Hörer*innen unserer letzten Folge wird es vielleicht nicht entgangen sein: Zum ersten Mal, seitdem wir auf Sendung sind, schafften es die Schlägertruppen einer bayerischen politischen Splitterpartei namens NSDAP gestern in unseren Podcast. Was dem Berliner Tageblatt vom 7. Februar 1921 nur eine beiläufige Erwähnung wert war, erfährt in der Freiheit vom Folgetag noch eine deutlich ausführlichere Schilderung, die interessanterweise bereits ein wohlbekanntes Narrativ der Unterschätzung bemüht, das Hitlers Aufstieg bis weit in die 30er Jahre begleiten und begünstigen sollte: das von den Nazis als nützlichen Idioten reaktionärer Kräfte wie der sogenannten Organisation Escherich (kurz: Orgesch), die zurück zu einer Herrschaft von Kaiser und preußischem Militär strebten. Doch nicht nur diese bekommen, als Feind Nummer 1, in der Freiheit ihr Fett weg, sondern auch, als Feind Nummer 2, die bayerischen Kommunisten, die sich am ‘Münchener Fasching‘ 1921 in nationalbolschewistischem Kostüm beteiligen zu müssen meinten. Es liest Frank Riede.
4 Minuten
München ohne Fasching, das ist eigentlich ähnlich undenkbar wie München ohne Oktoberfest, und doch stellt das Jahr 2021 diesbezüglich keine Premiere dar: Bereits vor einhundert Jahren verbot ein bayerischer Ministerpräsident das bunte winterliche Treiben, wenn auch aus ganz anderen Motiven als sein später Nachfolger Markus Söder. Der antisemitische Monarchist Gustav von Kahr wollte mit dieser Maßnahme ein Zeichen gegen die Entwaffnungs- und Reparationsforderungen setzen, die soeben auf der damit befassten Londoner Konferenz gegen Deutschland erhoben worden waren und die hierzulande, wie hier bereits vor einigen Tagen zu hören, durch sämtliche politische Lager auf Empörung stießen. Den erklärten Faschingsboykott hielten dennoch keineswegs alle Münchener für das geeignete Mittel des Widerstands; woraufhin die mancherorts doch stattfindenden Bälle von rechtsgerichteten Kräften teilweise brutal gestört wurden – und Bayerns Ruf als „Ordnungszelle des Reiches“, zu der es von Kahr zu ‘erheben‘ gedachte, schwer litt. So zumindest das Fazit des Berliner Tageblatt vom 7. Februar 1921, hier gelesen von Paula Leu.
5 Minuten
Einer der großen Filmerfolge des Deutschen Kinos des Jahres 1921 war der Film „Hamlet“, der am 27. Januar in Hamburg Premiere feierte. Die Fassung basiert neben dem Shakespeare-Drama auf dem Buch „Mysteries of Hamlet“ des amerikanischen Shakespeare-Forschers Edward Vining aus dem Jahre 1881, der im Rückgriff auf eine alte Norwegische Sage, argumentiert, dass Hamlet eigentlich eine Prinzessin war, die für einen männlichen Thronfolger ausgegeben wurde. Das erklärt auch die weibliche Hauptrolle des Films, die die Kino-Diva schlechthin der Stummfilmzeit, Asta Nielsen, in gewohnt ausdrucksstarker aber zugleich zurückgenommener Mimik spielte. Der Film sorgte schon vorab für Diskussionen und wurde auch nach Erscheinen kontrovers diskutiert. Die humorvoll hymnische Filmkritik des Berliner Tageblatts vom 6. Februar, einen Tag nach der Berliner Premiere, liest Frank Riede.
6 Minuten
Zum ersten Mal greifen wir in unserem Podcast auf die Wochen-Auslandsausgabe der Vossischen Zeitung mit dem kurzen Titel: „Die Voss“ zu. Diese erschien ab 1921 jeweils samstags bis zur Einstellung im Juni 1925. Wohl weil sie sich an ein internationales Publikum richtete, wurde sie nicht in Frakturschrift gedruckt. Am 5. Februar bringt sie aktuelle Meldungen aus der deutschen und europäischen Luftfahrt. Darin enthalten ist die englische Luftverkehrs-Statistik darüber, wie wahrscheinlich ein tödlicher Flugunfall ist. Aktuell liegt dieser Wert laut diversen schnell ergoogelten Statistiken wohl zwischen 1 zu 7 Millionen und 1 zu 127 Millionen.
5 Minuten
„Theater muss sein“ war über lange Zeit das durch Aufkleber und Plakate weitverbreitete Motto des Deutschen Bühnenvereins. Dass der Slogan auch schon in den harten Jahren nach dem 1. Weltkrieg seine Berechtigung besessen hätte, macht ein Artikel aus der Vossischen Zeitung vom 4. Februar 1921 deutlich. Gerade das scheinbar marginale Kinder-Theater ist für die physisch und sozial ausgezehrten Arbeiterkinder ein Ort der Wärme und lebendiger Fantasie. Nicht nur die großen Häuser, auch und gerade die Jugendbühnen müssen sein, ist die Pointe dieses Beitrags. Gelesen von Frank Riede.
3 Minuten
Friedrich Schiller verstarb bekannter- und gesichertermaßen am 9. Mai 1805 im Alter von 45 Jahren in Weimar. Weniger sicher ist man sich bezüglich der Todesursache. Wikipedia vermeldet: Vermutlich ist er an einer durch Tuberkulose hervorgerufenen Lungenentzündung gestorben. Doch Schiller litt zeitlebens an verschiedenen, teilweise chronischen Erkrankungen, die seinem Körper, seinen Organen irreparable Schäden zufügten, so dass mehrere Ursachen in Frage kämen. Jedenfalls schrieb der Schiller obduzierende Arzt in seinem Befund: „Bei diesen Umständen muss man sich wundern, wie der arme Mann so lange hat leben können.“ Der Vorwärts vom 3. Februar 1921 beruft sich auf neueste medizinhistorische Forschungen und hat die Grippe als Hauptursache erkannt. Es liest Paula Leu.