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Auf den Tag genau Archiv

2057 Episoden
6 Minuten
Bevor Kurt Eisner im November 1918 für einen historischen Wimpernschlag die große Bühne der Weltgeschichte betrat und als erster Ministerpräsident des kurzlebigen, von ihm ausgerufenen Freien Volksstaates Bayern amtierte, hatte er bereits ein bewegtes Leben als Journalist, politischer Schriftsteller sowie als Gelegenheitsdramatiker hinter sich. Als solcher betätigte er sich bevorzugt während seiner Haftzeiten: Als er 1897/98 in Berlin-Plötzensee wegen Majestätsbeleidigung einsaß, entwarf er dort Die Götterprüfung, eine weltpolitische Posse in fünf Akten, welche er 1918, nunmehr wegen der Organisation eines Munitionsarbeiterstreiks in München-Neudeck bayerischerseits arretiert, fertigstellte. Das Licht der Theaterwelt erblickte diese Schöpfung freilich erst posthum, gut zwei Jahre nach Eisners Ermordung im Februar 1919. Symbolgeladen am 1. Mai des Jahres 1921 lud die Berliner Volksbühne zu einer so bezeichneten Totenfeier, in deren Rahmen man sein Werk zur Uraufführung brachte. Dass man dem Toten damit einen Gefallen getan hatte, wurde seitens der Berliner Theaterkritik am Folgetag indes nachhaltig in Frage gestellt – auch Monty Jacobs in der Vossischen Zeitung hegt große Zweifel an Eisners Talent als Theaterdichter. Es liest Paula Leu.
8 Minuten
Otto Wels gehört zu den großen Ikonen der deutschen Demokratiegeschichte. Am 23. März 1933 war er bekanntlich der letzte Parlamentarier, der im Reichstag vor dessen Selbstauslöschung vom Recht der freien Rede Gebrauch machte und der Standhaftigkeit seiner Partei, der SPD, im Angesicht der sich ankündigenden Barbarei ein bewegendes Tondenkmal setzte. Deren Vorsitzender war Wels insgesamt stolze 20 Jahre – und damit länger als die Herren und Damen Schröder, Müntefering, Platzeck, Beck, Steinmeier, Gabriel, Schulz, Scholz und Nahles zusammen. Als solcher meldete er sich naturgemäß auch am ‘Tag der Arbeit‘ des Jahres 1921 zu Wort und hielt schon damals, in einem Moment großer chauvinistischer Konfrontation, in der Parteizeitung Vorwärts einen flammenden Appell für Völkerverständigung und europäische Einigung. Es liest Frank Riede.
8 Minuten
Zum 1. Januar 1993 kam es zu der Aufsehen erregenden friedlichen Trennung der Tschechen und Slowaken. Die Tschechoslowakei löste sich in den beiden Staaten Slowakei und Tschechien auf. Damit endete, was nach dem Ersten Weltkrieg begonnen hatte, als führende tschechische und slowakische Politiker auf den Friedenskonferenzen die Gründung der Tschechoslowakei durchsetzen. Neben der Tatsache, dass die beiden Sprachen, das Slowakische und das Tschechische, sich sehr nah sind, befreiten sich mit der Staatsgründung die Tschechen und die Slowaken im ersteren Fall von der Fremdherrschaft der Österreicher und im letzteren von der der Ungarn. Eigentlich viele Gemeinsamkeiten, die für diesen Staat sprachen. Und dennoch sahen von Anfang an die Skeptiker in dieser unterschiedlichen „Unterdrückungsgeschichte“ eine enorme Hypothek für den jungen Staat. In einem Bericht aus Prag, der Berliner Börsen-Zeitung vom 30 April, werden die zentrifugalen Kräfte innerhalb der Tschechoslowakei thematisiert und ihre Ursachen beleuchtet. Für uns liest Paula Leu.
6 Minuten
Rauschen an der samländischen Ostseeküste ist, mit einem Wort von Marion Gräfin Dönhoff, einer der zahllosen ostpreußischen Namen, die (fast) keiner mehr kennt. Dabei war das heute russische Swetlogorsk, prominent zwischen Frischer Nehrung und Kurischer Nehrung gelegen, vor einhundert Jahren so etwas wie die Badewanne der Königsberger, die im Sommer freilich alljährlich auch von badehungrigen Gästen aus der Reichshauptstadt in großer Zahl frequentiert wurde. Das Berliner Tageblatt schaut in weiser Voraussicht schon am 29. April 1921 einmal nach dem Rechten und schildert einen Ort, der nach dem langen ostpreußischen Winter so langsam wieder zu frühlingshaftem Leben erwacht, zugleich aber noch alle Annehmlichkeiten der Nebensaison auszustrahlen scheint. Für uns macht sich Frank Riede auf die Reise.
5 Minuten
Man kann den Deutschen ohne Weiteres eine innige Verbindung zum Spargel nachsagen. Eine Ernte von 133.000 Tonnen im Jahre 2018 und ein steter Umsatz mit Spargelzangen, Spargelkochtöpfen und Spargelschälern sprechen eine eindeutige Sprache. Auch die Versuche, eine Sauce Hollandaise zu kochen, nehmen in der Spargelsaison exponentiell zu. Doch der Hype um Spargel ist älter und schon der französische Gastrosoph des frühen 19. Jahrhunderts Jean Brillat-Savarin weiß davon zu berichten. Zur Saison 1921 erzählt der in diesem Podcast regelmäßig auftretende Arnold Höllriegel im Berliner Tagblatt vom 28. April eine Anekdote aus Brillat-Savarins opus magnum „Physiologie des Geschmacks“ nach, in der es um einen gigantischen Spargel und einen enttäuschten Bischof geht. Höllriegels Nacherzählung Brillat-Savarins erzählt für uns Paula Leu.
6 Minuten
Bei der Textauswahl für unseren Podcast sind wir immer wieder mit rassistischem Vokabular und höchstproblematischen Ausdrucksweisen konfrontiert. Manchmal lässt sich das Problem durch sogenannte „trigger warnings“ rahmen, oft fallen eigentlich interessante Artikel aber deshalb auch unter den Tisch. Ist Rassismus Teil der chauvinistischen Grundeinstellung einer Zeitung, so wird diesen prinzipiell kein Forum geboten. Der heutige Text über das Blütenfest in Werder stammt aus dem diesbezüglich eher unverdächtigen Vorwärts. Dass auch der eigentlich schöne Bericht über einen Regenausflug an die Havel mehrfach und ganz selbstverständlich aggressiv chauvinistische Formulierungen verwendet, zeigt, wie tief verwurzelt das rassistische Weltbild in der Gesellschaft Anfang der 1920er Jahre war. So haben wir uns entschieden, den Artikel auch in dieser Hinsicht als ‘Zeitzeugen’ trotzdem zu senden. Gelesen von Frank Riede.
8 Minuten
Tirol wurde nach dem Ersten Weltkrieg faktisch geteilt, indem Italien 1920 den südlichen Teil unter Duldung der Alliierten annektierte. Nord- und Ost-Tirol gehörten zur österreichischen Republik. In einem eigenmächtig ins Leben gerufenen Plebiszit preschte im Chor derjenigen Stimmen, die einen “Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich forderten, das “österreichische” Tirol vor. Mit großer Mehrheit stimmte am 24. April die Tiroler Bevölkerung dafür - letztendlich blieben aber der Norden und Osten Tirols bei Österreich. Für Reisende muss 1921 eine Fahrt entlang der Grenzen aufreibend gewesen sein, da sie immer wieder auch auf kurzen Strecken mehrfach die Grenze zwischen Deutschland und Tirol überquerten, mit allen damit verbundenen Unannehmlichkeiten. Der Vorwärts sieht am 26. April in einem humoristischen Feuilleton Licht am Ende des Zoll-Tunnels dank des Abstimmungsergebnisses. Paula Leu liest.
5 Minuten
Starkult im Sport ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts sicher ausgeprägter als vor hundert Jahren. Und doch gab es auch damals schon die Tendenz, Menschen, von denen man nicht wirklich mehr als ihren Namen kannte, zuzujubeln und zu feiern. Warum? Was Jack Dempsey eigentlich zum großen Boxer, Emanuel Lasker zum Schachweltmeister macht, das konnten auch im Jahre 1921 nur die wenigsten beurteilen. Von der Leistung in allen Klatschblättern präsenter Filmsternchen und Aktricen ganz zu schweigen. Es geht dabei eben gar nicht um die Person, sondern allein um ihren Namen, ist der Vorwärts vom 25.4. überzeugt. Gelesen von Frank Riede.
9 Minuten
Die 1920er Jahre waren bekanntermaßen ein Jahrzehnt ausgeprägter weltanschaulicher Sinnsuche und Ausdifferenzierung. Gerade in Berlin schossen religiöse, politische, esoterische Sekten nach der Revolution wie Pilze aus dem Boden und experimentierten mit neuen Ideen und Lebensformen. Zu den schillerndsten seinerzeitigen Gurus gehörte der 1880 in Weißensee geborene Arzt Joseph Heinrich Goldberg – auch bekannt unter seinem Pseudonym Filareto Kavernido. Vor dem Weltkrieg mehrfach wegen Verstößen gegen den Abtreibungsparagraphen mit der wilhelminischen Justiz in Konflikt geraten, zog es ihn später u.a. in die Schweiz, nach Frankreich und in die Karibik, wo er 1933 unter ungeklärten Umständen in der Dominikanischen Republik ums Leben kam. Zwischendurch hatte er in Berlin im Namen Platons und Nietzsches eine anarcho-kommunistische Kommune gegründet, mit der er 1921 nach Spreenhagen vor den Toren Berlins ausgezogen war, um dort in Sandhöhlen Zarathustra zu huldigen. Nicht nur die ansässigen Dörfler, sondern auch die hauptstädtische Presse nahm regen Anteil am teilweise buchstäblich nackten Treiben der Kommunarden. So begab sich im Auftrag der Vossischen Zeitung am 24. April auch der große Paul Schlesinger alias Sling ins Spreeland auf Höhlenexpedition - für uns begleitet von Frank Riede.
5 Minuten
Im April 1921 flogen zwei Kometen an der Erde vorbei. Pons-Winnecke, der schon seit dem 19. Jahrhundert bekannt war, und, eine Neuentdeckung der Sternwarte in Kapstadt, der Reid-Komet. Friedrich Simon Archenhold von der heute nach ihm benannten Berliner Sternwarte gibt in der Berliner Volkszeitung am 23. April den Leser*innen Auskunft über den Wissenstand zu den Kometen und ihren Bahnen. Und ganz nebenbei – für so manchen vielleicht aber die entscheidende Nachricht – gibt er Entwarnung: Die Erde ist nicht in Gefahr, sie wird nicht zerstört werden. Uns beruhigt Frank Riede.
6 Minuten
Wenn der preußische Militär für zwei Dinge nicht stand, so waren dies gewiss Humor und Kunstsinnigkeit. Das machte ihn gleichsam zum perfekten Adressaten für die Berliner Gruppe der Dadaisten, die nach dem Ersten Weltkrieg auch die Kunstszene der deutschen Hauptstadt aufmischten und sie zur Hauptstadt auch ihrer Bewegung gemacht hatten. Höhepunkt ihres Treibens war im Sommer 1920 eine Erste internationale Dada-Messe in der Galerie Dr. Otto Burchard am Lützowufer, in der zwischen zahlreichen anderen Objekten auch, an der Decke baumelnd, eine Schweinsmaske in Soldatenuniform zu besichtigen war. Es kam, wie es kommen musste: Ein Hauptmann erstattete Anzeige wegen angeblicher Beleidigung der Reichswehr, und ein deutsches Gericht entblödete sich nicht, u.a. Georg Grosz für diese ‘Entgleisung‘, wie es sie nannte, tatsächlich zu Bußgeldern zu verurteilen. Die Freiheit vom 22. April 1921 schüttelte den Kopf, Paula Leu schüttelt mit.
4 Minuten
Die riesigen Steinquader der über 4000 Jahre alten Kultstätte Stonehenge bei Amesbury in England fasziniert nicht allein durch die besondere Atmosphäre und Energie dieses Ortes, sondern auch durch die bis heute nicht endgültig beantwortete Frage, wie es den Menschen damals überhaupt möglich war, die tonnenschweren Megalithe herbeizuschaffen und in der markanten Kreisform aufzustellen. Nach ersten systematischen Forschungen Anfang der 1920er ging man sogar davon aus, dass die Steine bevor sie den auch heute noch sichtbaren Kultortbildeten, schon an der Stelle der ganz in der Nähe gelegenen sogenannten Aubrey-Löcher Verwendung gefunden hatten. Die Heimwelt vom 21.4.1921 berichtet. Frank Riede liest.
6 Minuten
Heute ist Valeska Gerts Stellung in der Tanz-, Film- und Kabarettgeschichte sowie allgemeiner in der Performance-Kunst unbestritten. Bereits 1921 war sie, Jahrgang 1892, vor allem mit ihren humorvollen Tanzpantomimen ein Star der Bühnen. Doch sie strebte nach einem abstrakteren, von dem Diktat der Sprache befreiten Varieté, wobei hier Varieté Tanz, Film und Theater umfasst. Aus den Zwanziger Jahren sind uns mehrere Zeitungsartikel überliefert, in denen sie ihre Vorstellungen eines neuen Varietés formuliert, das sie dann auch auf den Bühnen und der Leinwand umzusetzen versuchte. In der Vossischen Zeitung vom 20. April 1920 geht die Gert systematisch die einzelnen Künste durch und beschreibt die Performances, die sie sich wünschen würde. Durch diese faszinierende Bühnenwelt führt uns Paula Leu.
7 Minuten
Nachdem im September 1920 bereits Rudolf Mosse gestorben war – wir berichteten darüber in diesem Podcast – segnete nur ein gutes halbes Jahr später, am 18. April 1921, mit August Scherl ein weiterer Berliner Großverleger das Zeitliche. 1849 in Düsseldorf geboren, galt der umtriebige und sehr kaisertreue Scherl in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg tatsächlich in vielerlei Hinsicht als großer Antagonist des großstädtisch-liberalen Mosse. Die Vossische Zeitung – die bekanntlich mit beiden Verlagshäusern nichts zu tun hatte – ist in ihrem Nachruf vom 19.4. gleichwohl darum bemüht, den verstorbenen Erfinder des Berliner Lokal-Anzeigers nicht einfach in die rechte Ecke zu stellen, sondern in ihm den weitsichtigen, international denkenden Unternehmer und Revolutionär des Berliner Zeitungswesens zu würdigen. Es liest Frank Riede.
18 Minuten
In unseren (ab jetzt wieder) monatlich gesendeten 3 1/2 Fragen an… sprechen wir heute mit dem Schach-Großmeister Stefan Kindermann über die Schach-Weltmeisterschaft des Jahres 1921. Kindermann gehört in Österreich und Deutschland zu den besten Schachspielern seiner Generation, hat sich aber auch als Autor zahlreicher Schachbücher sowie einer Schachkolumne in der Süddeutschen Zeitung einen Namen gemacht. Seit 2005 leitet er zudem die von ihm mitbegründete Münchener Schachakademie, die seit kurzem unter www.mucschach.de auch mit einem reichhaltigen Online-Kursangebot aufwartet.
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