Michelangelo soll gesagt haben, er habe den Engel im Marmor gesehen
und so lange gemeißelt, bis er ihn befreit hatte. Ob der Satz
wirklich von ihm stammt, ist offen; das Bild passt trotzdem. Die
eigene Figur entsteht weniger durch das, was man hinzufügt, als
durch das, was man wegschlägt. Genau darum geht es beim
Jobcrafting. In dieser Folge spreche ich mit Dr. Nico Rose. Er ist
Wirtschaftspsychologe, eine der bekanntesten Stimmen der Positiven
Psychologie im deutschsprachigen Raum, Autor von „Arbeit besser
machen“ und nach eigener Bezeichnung „Sinnput-Geber“. Wir fragen,
wie Menschen ihren Job von innen heraus umbauen können, ohne zu
kündigen und ohne auf die nächste Umstrukturierung zu warten. Amy
Wrzesniewski und Jane Dutton haben das Phänomen 2001 beschrieben:
Menschen gestalten ihre Arbeit über ihre Aufgaben, über ihre
Beziehungen und über die Bedeutung, die sie ihrer Tätigkeit geben.
Oft geschieht das still und ohne offizielle Erlaubnis. Darum geht
es: Sinn: Woran erkenne ich, dass meine Arbeit für mich Bedeutung
hat, auch wenn die Stellenbeschreibung etwas anderes sagt? Stärken:
Warum lohnt es sich mehr, Aufgaben um die eigenen Stärken herum zu
bauen, als ständig an den Schwächen zu arbeiten? Energie: Welche
Tätigkeiten laden auf, welche ziehen Kraft ab? Und wie wird aus
dieser Beobachtung eine konkrete Veränderung? KI als Meißel: Wenn
Maschinen ganze Aufgabenblöcke übernehmen, stellt sich die Frage
neu: Was bleibt übrig, und was davon will ich behalten? Personal
und Führung: Was können HR und Führungskräfte tun, damit
Jobcrafting Teil der Organisationsgestaltung wird? Für wen: Für
alle, die spüren, dass ihr Job nicht mehr ganz passt, aber nicht
gleich alles hinwerfen wollen. Und für Personalerinnen und
Personaler, die Stellen weniger als feste Form verstehen wollen,
sondern als Rohling, den Menschen bearbeiten. Weitergedacht: KI
nimmt uns gerade viele Aufgaben ab; das ist ein Meißel, den wir uns
nicht ausgesucht haben. Die Frage ist, ob wir zusehen, was dabei
abfällt, oder selbst entscheiden, welche Figur entstehen soll. Sinn
kommt dabei selten als fertiger Input von außen. Wir müssen ihn uns
selbst herausmeißeln.
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