Zum ersten Mal seit Jahrhunderten waren 2022 weniger als die
Hälfte der Bevölkerung in Deutschland Mitglied der evangelischen
oder katholischen Kirche. Mit sinkenden Mitgliederzahlen sinken
auch Kirchensteuererträge, während vielerorts gleichzeitig
Kirchen und Kirchengebäude seltener genutzt werden. Bistümer und
Landeskirchen stehen daher vor der Frage, wie der eigene
Gebäudebestand weiterentwickelt werden kann. So schätzen
Forscher:innen, dass schon bald jede vierte bis fünfte Kirche
nicht mehr ausschließlich als Gottesdienstraum genutzt werden
wird. Gerade im ländlichen Raum ist das eine zentrale Frage, denn
hier ist die Kirche oft mehr als nur Ort des Gottesdienstes. Sie
ist Wahrzeichen, Treffpunkt und manchmal einer der wenigen
öffentlichen Räume im Dorf und für viele mit Erinnerungen
verbunden.
Wie geht es also mit Kirchen, Klöstern und Pfarreien auf dem Land
weiter? Bei der Beantwortung dieser Frage hilft uns Helmut
Ramsauer, Co-Gründer von rvda, einem Kollektiv für
Projektentwicklung und Beratung wirkungsorientierter
Immobilienprojekte. Er ist außerdem Initiator der
Churchability-Konferenz, die Akteurinnen und Akteure aus Politik,
Kirche, Gesellschaft und Immobilienbranche zusammenbringt, um
gemeinsam Lösungen für den kirchlichen Gebäudebestand zu
entwickeln.
In unserem Gespräch haben wir unter anderem darüber gesprochen,
dass der "Tsunami" des Kirchenleerstands zwar noch bevorsteht,
sich aber bereits deutlich ankündigt. Helmut erklärt dabei
zentrale Begrifflichkeiten wie „Profanierung“ und „Umwidmung“ und
gibt Einblicke in innerkirchliche Prozesse und Akteursstrukturen.
Außerdem ging es darum, wie wichtig es ist, lokale Gemeinschaften
und Behörden von Anfang an in Umnutzungsprojekte einzubinden und
wie beim Abschied von der eigenen Dorfkirche die emotionale Ebene
mitgedacht werden kann.
Helmut betont, dassbei Umnutzungen lokale Herausforderungen
aufgegriffen werden sollten, anstatt den Fokus nur auf
Vermarktung und Veräußerung zu legen und gleichzeitig viel
Geschick und dass Immobilien-Fachwissen benötigt wird. Ein
weiteres Thema: Oft sind die Mittel noch nicht komplett
weggefallen, sondern perspektivisch gefährdet – Zeit, die genutzt
werden sollte, denn erfolgreiche Umnutzungsprozesse brauchen
Zeit, Engagement und ein gemeinsames Ziel. Zum Schluss sprechen
wir darüber, warum es noch viel mehr Formate braucht, die
verschiedene Perspektiven aus Kirche, Immobilienwirtschaft und
Politik zusammenbringen; so wie es die Churchability-Konferenz
bereits vormacht.
Weiterführende Links:
· Studie „Wirkungsökosysteme für
kirchliche Umnutzungen“ von SPINPARTNERS
· Projekt Churchground der
Berthold Leibinger Stiftung, das die Aufwertung von Freiräumen
rund um Kirchen unterstützt
· Mittlerweile für
Kulturveranstaltung genutzte Kirche St. Agnes in Berlin
· Churchability-Konferenz, die
am 15. Oktober 2026 in Essen stattfindet
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