Was würdest du tun, wenn du vorher wüsstest, dass du nicht
abgelehnt, missverstanden oder negativ beurteilt wirst?
Würdest du dich bewerben, jemanden ansprechen, deine Meinung
sagen oder offen zeigen, dass du einen Menschen magst?
Soziale Angst verlangt häufig eine Garantie, die es im
menschlichen Miteinander nicht gibt. Sie möchte, dass du erst
handelst, wenn du sicher sein kannst, nichts Falsches zu sagen,
einen guten Eindruck zu hinterlassen und nicht zurückgewiesen zu
werden. Doch während du auf vollständige Sicherheit wartest, kann
dein Leben immer kleiner werden.
Thomas Alva Edison konnte vor einem neuen Experiment ebenfalls
nicht wissen, ob es gelingen würde. Er musste handeln, bevor er
das Ergebnis kannte. Was können wir aus dieser Haltung für
soziale Begegnungen lernen?
In dieser Folge von „Angst im Blick“ erfährst du, warum Mut nicht
bedeutet, sich eines positiven Ergebnisses sicher zu sein. Mut
bedeutet, einen Schritt zu wagen, obwohl die Reaktion des anderen
offenbleibt.
Ein Selbsttest hilft dir zu erkennen, wie stark dein Bedürfnis
nach Sicherheit deine Entscheidungen beeinflusst. Vielleicht
kannst du das Ergebnis nicht kontrollieren. Aber du kannst
entscheiden, ob du deinem Leben eine neue Möglichkeit
eröffnest.
Selbsttest: Wartest du auf zu viel Sicherheit?
Dieser Selbsttest untersucht, ob dein Wunsch nach Gewissheit dich
davon abhält, in sozialen Situationen zu handeln.
Denke bei deinen Antworten an die vergangenen vier Wochen.
Antwortmöglichkeiten
0 Punkte: nie oder fast nie
1 Punkt: manchmal
2 Punkte: häufig
3 Punkte: fast immer
Aussagen
1. Ich spreche erst, wenn ich ziemlich sicher
bin, dass ich nichts Falsches sagen werde.
2. Ich verzichte auf Bewerbungen oder andere
Möglichkeiten, wenn ich eine Absage für wahrscheinlich halte.
3. Ich zeige einem Menschen mein Interesse erst,
wenn ich deutliche Zeichen für eine positive Reaktion erhalten
habe.
4. Vor Gesprächen versuche ich, möglichst viele
mögliche Reaktionen vorauszusehen.
5. Wenn ich nicht weiß, wie jemand reagieren
wird, vermeide oder verschiebe ich die Begegnung.
6. Ich möchte kontrollieren können, welchen
Eindruck andere von mir gewinnen.
7. Die Möglichkeit, missverstanden oder
unsympathisch gefunden zu werden, hält mich vom Handeln ab.
8. Ich bereite Gespräche so gründlich vor, dass
spontane Begegnungen für mich besonders schwierig werden.
9. Ich fühle mich erst handlungsfähig, wenn
meine Nervosität deutlich zurückgegangen ist.
10. Nach einer negativen Reaktion vermeide ich
ähnliche Situationen, um mich vor einer erneuten Enttäuschung zu
schützen.
11. Ich denke häufig: „Ich würde es versuchen,
wenn ich wüsste, dass es gut ausgeht.“
12. Es fällt mir schwer, einen kleinen Schritt
zu wagen, wenn ich das Ergebnis nicht kontrollieren kann.
Auswertung
Addiere die Punkte aller zwölf Aussagen. Insgesamt kannst du
zwischen 0 und 36 Punkten erreichen.
0 bis 9 Punkte: Unsicherheit lässt dir Handlungsspielraum
Du kannst in vielen Situationen handeln, obwohl das Ergebnis
offen ist. Unsicherheit mag unangenehm sein, bestimmt aber nicht
automatisch deine Entscheidung.
Deine hilfreiche Haltung könnte lauten:
„Ich wünsche mir ein gutes Ergebnis, brauche aber keine Garantie,
um einen Versuch zu wagen.“
10 bis 18 Punkte: Sicherheit beeinflusst manche Entscheidungen
In bestimmten Situationen wartest du möglicherweise auf
zusätzliche Gewissheit. Vor allem bei wichtigen Begegnungen,
Bewerbungen oder emotionaler Nähe kann die Angst vor einem
ungünstigen Ergebnis stärker werden.
Frage dich:
„Welche Sicherheit brauche ich wirklich – und welche Sicherheit
kann es in dieser Situation grundsätzlich nicht geben?“
19 bis 27 Punkte: Das Sicherheitsbedürfnis schränkt dich deutlich
ein
Die Angst vor Ablehnung, Fehlern oder Missverständnissen
beeinflusst wahrscheinlich zahlreiche Entscheidungen. Du
versuchst möglicherweise, Risiken durch Vorbereitung, Aufschieben
oder Rückzug zu vermeiden.
Beginne nicht mit der schwierigsten Situation. Suche einen
kleinen Schritt, dessen Ausgang offenbleiben darf – etwa eine
Frage zu stellen, eine kurze Nachricht zu schreiben oder eine
Bewerbung abzusenden.
Der Erfolg besteht zunächst darin, gehandelt zu haben. Nicht
darin, die Reaktion eines anderen Menschen kontrollieren zu
können.
28 bis 36 Punkte: Unsicherheit führt häufig zu Vermeidung
Du scheinst sehr viel Sicherheit zu benötigen, bevor du handelst.
Dadurch können wichtige Wünsche, Beziehungen oder berufliche
Möglichkeiten ungenutzt bleiben.
Das ist kein persönliches Versagen. Wahrscheinlich versucht dein
Angstsystem, dich möglichst zuverlässig vor Zurückweisung und
Enttäuschung zu schützen. Langfristig kann starke Vermeidung die
Angst jedoch stabilisieren und deinen Handlungsspielraum
verkleinern.
Professionelle psychologische oder psychotherapeutische
Unterstützung kann dir helfen, Unsicherheit schrittweise
auszuhalten und wieder mehr Entscheidungsfreiheit zu gewinnen.
Drei Reflexionsfragen
Welche Möglichkeit habe ich bisher nicht genutzt, weil
ich auf eine Garantie gewartet habe?
Was könnte schlimmstenfalls, wahrscheinlich und
bestenfalls geschehen?
Welcher kleine Schritt liegt in meiner Hand, auch wenn
das Ergebnis offenbleibt?
Dein Satz für den nächsten Versuch
„Ich kann die Reaktion anderer nicht vollständig
kontrollieren. Ich darf unsicher sein und trotzdem einen kleinen
Schritt wagen.“
Wichtiger Hinweis
Dieser Selbsttest dient ausschließlich der persönlichen
Reflexion. Er ist kein wissenschaftlich validiertes
Diagnoseinstrument und kann keine fachliche Untersuchung,
Diagnose oder Behandlung ersetzen.
Wenn soziale Angst deinen Alltag, deine Beziehungen, deine
Ausbildung oder dein Berufsleben deutlich einschränkt oder
starken Leidensdruck verursacht, wende dich bitte an eine
klinische Psychologin beziehungsweise einen klinischen
Psychologen, eine Psychotherapeutin beziehungsweise einen
Psychotherapeuten oder eine ärztliche Fachperson.
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