Wenn du einmal groß bist! Sicher haben viele von uns diesen Satz
schon als Kind gehört. Wenn du einmal groß bist, dann darfst du
alles, dann kannst du die Welt erobern, dann wirst du Großes
leisten. Groß sein, das klingt nach Erfolg, macht Bedeutung.Deshalb
bezeichnen wir bestimmte Menschen als die Großen: Herrscher,
Feldherren oder auch Heilige. Und doch fällt auf: Die wirklich
Kleinen sind selten. Eine Ausnahme ist die kleine Therese von
Lisieux, die wir in den nächsten Tagen feiern werden.Man nennt sie
bis heute liebevoll die kleine Theresia. Ihr Leben war kurz,
verborgen, unscheinbar. Kein großes Werk, keine spektakulären Taten
und doch gehört sie zu den größten Gestalten der Kirche.Ihr Weg
heißt der Kleine Weg, ein Weg der Hingabe, des Vertrauens und der
Liebe im Alltag. In uns steckt oft der Wunsch, groß zu sein, alles
im Griff zu haben. Manchmal führt das dazu, dass wir Gott
verlieren.Therese wählte einen anderen Weg. Sie sagt: ich bin ein
Kind Gottes, nicht stark aus mir selbst, sondern angewiesen,
anhänglich, vertrauend. Christlich nennt man das Demut, nicht
als Schwäche, sondern als innere Stärke. Diese Haltung zeigt sich
in kleinen Gesten, etwa im Umgang mit einer alten, kranken
Mitschwester, eine schwierige Frau, unzufrieden, fordernd. Therese
übernimmt freiwillig den Dienst an ihr, nicht aus Sympathie,
sondern aus Liebe, still und ohne Applaus. Sie selbst schreibt: Ich
bin eine sehr kleine Seele, die Gott nur sehr kleine Dinge anbieten
kann, das Geringste ist wertvoll in seinen Augen. Das erinnert mich
an den sogenannten Schmetterlingseffekt:Ein kleiner Flügelschlag
kann große Folgen haben, was aus kleinen Gesten geworden ist, zeigt
die Wirkung ihres Lebens. Mutter Theresa von Calcutta trug ihren
Namen; Menschen finden bis heute durch ihr Buch zum Glauben. Kurz
vor ihrem Tod erlebte Therese eine tiefe Dunkelheit, Zweifel,
Leere.Der Theologe Thomas Halik sieht darin eine Nähe zu Jesu Ruf
am Kreuz: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Der
Glaube bleibt fragil, aber die Liebe bleibt. Und genau das macht
Therese groß: Nicht Macht, nicht Leistung, sondern Liebe bis
zuletzt.Und so konnte die große Mitschwester, die heilige Edith
Stein, einmal sagen, ich kenne nichts Größeres als Therese von
Lisieux. Vielleicht beginnt wahre Größe genau dort, wo wir
aufhören, groß sein zu wollen und anfangen, im Kleinen zu lieben.
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