Bei einer unserer zuletzt verstorbenen Mitschwestern lagen im
Stundenbuch viele handgeschriebene kleine Zettel mit Bibeltexten
und eigenen kleinen Gebeten. Da viele unserer Schwestern sehr alt
werden, ist die Handschrift oft noch sehr der alten
Sütterlinschrift ähnlich, die heute nur noch wenige Menschen
wirklich schreiben und noch viel weniger Menschen fließend lesen
können. Und so ist es natürlich auch mit den Texten, deren
Formulierungen zeitbedingt, deren Inhalte aber meist zeitlos
sind. Auf diesem A5 Blatt stehen zwei Dinge. Zunächst eine
Zeile aus dem Römerbrief: „Wer vermag uns zu scheiden von der
Liebe Christi?“und dann ein vielleicht selbstformuliertes
Gebet:„Mein Anfang und mein Ende leg ich in deine
Hände, Vater, steh mir gnädig bei, dass mein Werk gesegnet
sei“Und je länger ich das so sehe und lese und die alte Schwester
vor Augen habe, desto mehr fällt mir auf, in welch tiefem
Zusammenhang diese beiden kleinen Texte stehen.Wer in den zwanziger
Jahren des vorigen Jahrhunderts geboren ist, hat als Kind und
Jugendliche die Zeiten zwischen den Weltkriegen, den
Nationalsozialismus und die Schrecken des zweiten Weltkrieges
erlebt, die Not- und Hungerjahre direkt danach und den Kampf der
Familien ums Überleben, die Teilung des Landes, Flucht und
Vertreibung und die unglaubliche Zähigkeit vieler Menschen, die
unser Land wieder aufgebaut haben. Und in all dem steht diese
Zeile aus dem Römerbrief: Was kann uns scheiden von der Liebe
Christi? Anscheinend ja nicht so viel, denn sie sind dann in die
Ordensgemeinschaft eingetreten und haben Jahrzehnte im Dienst an
den Mitmenschen, den Kindern, Kranken und Alten, den eigenen
Mitschwestern und den Kirchengemeinden gestanden und die Liebe
Christis gelebt und weitergetragen. Und wenn man dann aus vielen
Erzählungen weiß, durch welche Höhen und Tiefen sie gegangen sind,
dann versteht man, dass sie das alles konnten, weil sie jeden ihrer
Tage ihrem Gott in die Hände gelegt und vertrauensvoll all das
gelebt und getan haben, was einfach dran war. Dann verstehe und
bestaune ich dieses kleine Gebet und mir wird deutlich, welche
Kraft und welches Vertrauen darin für sie gelegen hat.„Mein Anfang
und mein Ende, leg ich in deine Hände, Vater steh mir gnädig bei,
dass mein Werk gesegnet sei“
Kommentare (0)
Melde dich an, um einen Kommentar zu schreiben.